Medien und Fakten

Wie Forbes seine Leser beschützt – oder: Hinschauen ist Mit-Hitlern

Wäre dem Forbes Magazin beim Bericht zur Fußball-WM ein solcher Fauxpas passiert, ginge das als amüsantes Eigentor durch. Im Zusammenhang mit Krieg und Tod wird die Sache ernster. Vor allem bei dem, was der Reporter und Militärspezialist David Axe dort kürzlich zum Besten gab. Man weiß nicht, ob man lachen oder weinen soll.

… ich sehe was, was du nicht siehst. Ein „furchterregendes, pseudo-heidnisches Regimentsemblem“. Spielt Forbes mit seinen Lesern ein Ratespiel?
Screenshot "The New Atlas", Mehr Infos

Forbes ist eines der international meinungsbildenden Medien. Am vergangenen Freitag (16. 12. 2022) machte das Blatt in der Rubrik „Aerospace & Defense“ mit der frohen Botschaft auf:

„Die Ukraine hat ihre extremistischen Truppen deradikalisiert.“1

Autor David Axe vermeidet lange Umschweife, stolpert schnurstracks auf den Kriegsschauplatz. „Die Darstellung, (…) dass die Ukraine ein rechtsextremes Naziregime sei, (…) ist eine Lüge“, lässt er die Leser wissen.

Es lohnt sich, die Ergebnisse seiner Analyse genauer anzuschauen:

  • Ja, es gibt tatsächlich rechtsextreme Elemente in der ukrainischen Gesellschaft. Aber es ist unfair, ukrainische Militäreinheiten – auch solche, die ursprünglich aus Randgruppen hervorgegangen sind – als „rechts“ zu bezeichnen. Kiew hat diese Einheiten bewusst deradikalisiert.
  • Das 98. Asow-Bataillon ist eine von mehreren Einheiten, die diese Umwandlung durchlaufen haben. Heute ist das Bataillon im Wesentlichen nicht mehr von anderen ukrainischen Verbänden zu unterscheiden. (…)
  • Das Asow-Regiment war tatsächlich eine extremistische Formation. Es nahm Anleihen bei der Ikonografie von Nazideutschland und diente neben dem Kampf gegen die Russen auch als Unterstützungsbasis für seinen rassistischen Gründer Andriy Biletsky, der sich erfolgreich um einen Sitz im Parlament bewarb.
  • Die ukrainische Armee hat das Asow-Regiment Ende 2014 formell integriert. Viele ausländische Verbündete der Ukraine, darunter auch die Vereinigten Staaten, lehnten die Integration ab. Doch der Deradikalisierungsprozess war bereits im Gange.2

Auch die Methode, mit der dieser Prozess bewerkstelligt werden konnte, sei bekannt. „Das Asow-Regiment wurde immer wieder neu aufgestellt“, zitiert Axe den Forscher Alasdair McCallum von der Monash University in Australien.3 „Seine extremistischen früheren Anführer wie der verhasste Andriy Biletsky sind längst verschwunden, und in jüngster Zeit wurde auch sein furchterregendes, pseudo-heidnisches Regimentsemblem aufgegeben.“ Tatsächlich hatte die britische Times, auf die sich McCallum bezieht, im März dieses Jahres darüber berichtet. An die Stelle des an die deutsche Nazi-Wolfsangel erinnernden Symbols sei nun der goldene Dreizack, das Nationalemblem der Ukraine, getreten. 4 Allein das mache deutlich, in den Bataillonen seien keine versteckten Nazi-Kämpfer.

Anm. C. R.:wohlbemerkt – Forbes-Berichterstattung: Journalist A (Axe) berichtet über die Ukraine, quasi mitten aus dem aktuellen Kampfgebiet, bedient sich dazu des Zitats eines australischen „Forschers“, der wiederum bei Journalist B (Tom Ball) etwas in einer britischen Zeitung gelesen hat. Das nur am Rande zum Qualitätsjournalismus.

Weiter mit der Analyse: Hier und da gäbe es in der Gesellschaft rechtes Gedankengut und vielleicht ein paar Aktivisten, so wie in anderen Ländern auch. Aber das Militär sei „sauber“. Dann ist ja alles gut.

Also kann Axe anheben und ein Loblied auf das 98. Bataillon singen. Das sind jene tapferen Recken, die die Zivilbevölkerung in Donezk bombardieren. Vielleicht gerade jetzt, während Sie in Ruhe darüber lesen. Mitten in die Stadt feuern sie ihre Geschosse. Mit Vorliebe auf Märkte, Einkaufszentren. Am frühen Morgen, wenn die Menschen zur Arbeit und die Kinder in die Schule gehen. 5 Das erhöht die Zahl der Todesopfer gewaltig und spart Material.

Bei Axe klingt auch das wie eine Erfolgsgeschichte:

  • So verteidigt das 98. Asow-Bataillon seit diesem Frühjahr einen 50 Meilen langen Streifen im Südosten der Ukraine, der entlang der Grenze zwischen den Gebieten Saporischschja und Donezk verläuft. (…)
  • Das Bataillon war, wie viele andere territoriale Einheiten, ursprünglich eine leichte Infanterieformation. Seine schwersten Waffen waren Maschinengewehre, Mörser und Panzerfäuste. Die schwersten Fahrzeuge waren Pickups, von denen einige mit rückstoßfreien Gewehren ausgestattet waren.
  • Im Laufe der Zeit wurde das 98. Asow-Bataillon jedoch, wie ein Großteil der ukrainischen Armee, immer schlagkräftiger. Es hat gepanzerte Mannschaftstransportwagen vom Typ M-113 erhalten, die von den NATO-Verbündeten der Ukraine gespendet wurden. Es hat russische BMP-Kampffahrzeuge erbeutet und in Dienst gestellt – und bedauerlicherweise auf mindestens einen BMP ein Kreuz gemalt, das dem Abzeichen der deutschen Armee ähnelt. Das Bataillon verfügt jetzt über Panzer und bombenabwerfende Quadcopter-Drohnen.

Ein Kreuz gemalt, das dem Abzeichen der Wehrmacht ähnelt? Vermutlich ein paar Ewiggestrige. Sicher ist das keine Reminiszenz an Nazi-Deutschland. Denn die gesamten ukrainischen Streitkräfte sind heutzutage clean, sogar die Asow-Bataillone. Das weiß David Axe und nun auch der Leser – dank der Forschungsarbeit Alasdair McCallums, der für seine wissenschaftlichen Einblicke Tageszeitungen zurate zieht.

Man fragt sich bei den reichen Erkenntnissen, die Axe in der Ukraine zusammentrug: Wo hat er seinen Fotoapparat verbummelt? Denn er zeigt dem Leser nichts von alledem. Aber das ist kein Problem, schließlich arbeitet er für ein renommiertes Blatt.

Weltführer mit Blogger-Allüren

Zurück zu Forbes. Über viele Jahrzehnte war die Zeitschrift im Familienbesitz, mittlerweile ist Steve Forbes, ein Enkel des Gründers, in Personalunion Herausgeber und Chefredakteur.6 Alleineigentümer ist er nicht. Finanziell ging es seit Jahren bergab.7 Trotzdem: Bei einem „der erfolgreichsten Wirtschaftsmagazine weltweit“8 sollte man annehmen, dass die Redaktion nicht nur über Expertise, sondern der Verlag auch über die finanziellen Mittel verfügt, seine Artikel mit geeignetem Bildmaterial zu bestücken. Da gäbe es Getty Images, dpa Picture-Alliance und viele mehr.

Weit gefehlt! Die Forbes-Fotoredaktion hangelt sich durch die Bildersuche wie ein armseliger Blogger, der seinen Beitrag illustrieren möchte, aber kein Geld für Fotorechte aufbringen kann. In Ermangelung der Mittel und Möglichkeiten greifen jene gerne zum Youtube-Schnappschuss. Oder ähnlich buntem Material von Odysee, BitChute, Rumble. Ein Filmchen, ein Standbild, eine Kopie – und fertig ist die Illustration des anschließenden Textes.

Genau das passierte im Medienhaus in Downtown Jersey City. (Die weitaus eleganteren Zeiten9 in der New Yorker 5th Avenue sind aus Kostengründen lange vorbei.) Ohne sich die „Quelle“ genauer anzuschauen, wurde aus Twitter|Youtube|Facebook|Co. ein Fahrzeug des 98. Asow-Bataillons10 als Eyecatcher gefischt. Doch der Videoschnappschuss ist nur ein Teil der Wahrheit. Der eigentliche Sprengstoff steckt im gesamten Filmchen, wenn man es mal „laufen lässt“.

Der Griff ins …

Ob es „der Schwarm“ in den sozialen Netzwerken war oder der Youtuber und Autor Brian Berletic, lässt sich nicht mit Sicherheit bestimmen. Auf jeden Fall fand jemand das Video, aus dem das Artikelfoto mit der Unterzeile „A 98th Azov Battalion M-113.Via social media“ bei Forbes stammt. Und Brian Berletic, aka Tony Cartalucci11, präsentierte es auf seinem Kanal The New Atlas.12 (s. u.)

Was bietet sich dem erstaunten Zuschauer? Mehrere gepanzerte Fahrzeuge fahren im Konvoi, vorneweg eines unverdächtig, „neutral“, ohne Symbole. Das kennen wir aus Forbes. Dann folgt eines mit deutlichem Wehrmachtssymbol, dem typischen Kreuz, das weltweit viele mit Nazi-Deutschland assoziieren. Das Übernächste mit Wolfsangel – jenem „furchterregenden, pseudo-heidnischen Regimentsemblem“. Aber das gibt es ja laut Times und Alasdair McCallum gar nicht mehr. Auch rätselhaft: Einige der zahlreichen Soldaten auf den Wagen erheben zum Gruß den rechten Arm, lang und gerade, sauber abgewinkelt von der Schulter. Sie ballen keine Faust. Sie strecken die rechte Hand stramm in die Höhe! Das ist doch nicht etwa … ? Nein. Asow ist deradikalisiert. Die Geschichte von Rechten, von Nazis, ist eine Lüge. Nichts davon ist wahr! Vermutlich schützen die Kämpfer ihre Augen vor der prallen Sonne, die dem Zuschauer allerdings auch verborgen bleibt.

David Axe, von dem man sich fragen muss, ob er überhaupt jemals ein Asow-Mitglied live und in Farbe gesehen oder ukrainischen Boden je betreten hat, schließt seinen erhellenden Artikel mit den Worten:

  • Rechnen Sie damit, dass russische Propagandisten jedes Mal, wenn sich das 98. Asow-Bataillon in Bewegung setzt, „Nazis“ schreien. Glauben Sie es nicht.

Nazi-Symbole völlig ignorieren ist sicher der beste Rat für die Adressaten solch publikativer Mantren. Dann kommt man nicht in die Bredouille durch vieldeutige, sich widersprechende Medienbotschaften. Auch nicht in Zwiespalt. Und man wird nicht irre.

Der erfahrene Fernsehmann Micky Beisenherz würde vermutlich warnen: „Hinschauen ist Mit-Hitlern.“13 Davor hat Forbes seine Leser beschützt.

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Wir sind da krasser und zeigen sämtliche Bilder.

The New Atlas, 19.12.2022, „Western Media Whitewashing Extremism in Ukraine“ mit eingestelltem Startcode

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2 Ebd.

4 Siehe: The Times, May 30 2022, https://archive.vn/GtW84

8 Siehe: Link Fußnote 6.

12 Siehe Youtube, The New Atlas, 19.12.2022, „Western Media Whitewashing Extremism in Ukraine“ mit eingestelltem Startcode: https://youtu.be/PPR8C6VtxMY?t=140

13 Siehe ZDF, „Auf der Couch“, 14.11.2022, bei Timecode 29‘28“ https://www.zdf.de/politik/auf-der-couch/aufdercouchkatar-100.html und in Kurzversion zum Lesen bei den Ruhr Nachrichten vom 19.11.2022, https://www.ruhrnachrichten.de/castrop-rauxel/micky-beisenherz-katar-zdf-auf-der-couch-boykott-boycott-qatar-fifa-wm-2022-w1812890-2000679854/

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