Innenpolitik

Antimuslimische Stimmungsmache nach Anschlag in Ägypten

Von REDAKTION, 3. Januar.2011 –

Nach dem blutigen Terroranschlag auf eine Gemeinde koptischer Christen am 1. Januar im  ägyptischen Alexandria holen  führende Unionspolitiker zum Generalangriff gegen Muslime in Deutschland und der ganzen Welt aus. Obwohl die Bluttat, bei der 21 Menschen ums Leben kamen, von islamischen Geistlichen in Ägypten umgehend verurteilt worden war, forderte die stellvertretende CDU-Vorsitzende Annette Schavan von muslimischen Würdenträgern eine Verurteilung der Gewalt gegen Christen. „Muslimische Autoritäten in Kairo und anderswo müssen eindeutig Stellung beziehen gegen jede Form von Gewalt im Namen ihrer Religion“, sagte die Politikerin dem Hamburger Abendblatt am Montag.

Dabei hatte selbst der ranghöchste islamische Religionsgelehrte von Saudi- Arabien, der Mufti Scheich Abdulasis bin Abdullah al-Scheich, die Tat als ein Verbrechen bezeichnet, das nichts mit dem Islam zu tun habe. Die saudische Zeitung Okaz zitierte den Geistlichen, den man wohl kaum einer liberalen Strömung seines Glaubens zurechnen dürfte, am Montag mit den Worten: „Der Islam ist nicht die Religion der Explosionen, und er erlaubt es auch nicht, die Gebetsräume von Nicht-Muslimen anzugreifen.“

Vorwürfe an deutsche Muslime

Allein der Sachverhalt, dass es sich bei den Opfern um Christen handelt, reicht exponierten Köpfen der Unionsparteien hin, um auch die Muslime in Deutschland für das schreckliche Geschehen im Land der Pharaonen haftbar zu machen und von ihren Würdenträgern und Repräsentanten unterwürfige Distanzierungsgesten zu verlangen.  

„Ich erwarte, dass sie ihre Abscheu noch klarer formulieren, so wie das weltweit geschehen ist“, sagte der Unionsfraktions-Vize Johannes Singhammer laut Medienberichten. Im Kampf für Religionsfreiheit spiele die Öffentlichkeit eine entscheidende Rolle. Der Aufruf deutscher Muslime zu mehr religiöser Toleranz sei besonders wichtig, weil Muslime in Deutschland ihren Glauben frei ausüben könnten. In Ländern wie Ägypten oder dem Irak sei genau das für viele Gläubige nicht der Fall.

Auch der CSU-Außen- und Sicherheitspolitiker Hans-Peter Uhl forderte eine Distanzierung der  Muslime. „Wenn die Muslime selbst protestieren, bewirkt das viel mehr, als wenn wir das tun.“ Fernziel müsse ein aufgeklärter „Euro-Islam“ sein, der Religions- und Glaubensfreiheit selbstverständlich anerkennt, sagte Uhl. (1)

Der Vorsitzende der CDU/CSU-Fraktion im Bundestag, Volker Kauder, betonte, für den Schutz der christlichen Minderheiten reiche der Dialog mit den Regierungen der muslimischen Länder nicht aus. „Wir müssen mit führenden Vertretern des Islams darüber reden, dass die Verfolgung von Christen beendet werden muss“, sagte Kauder der Zeitung Die Welt am  Montag. Die Mehrheit der wegen ihrer Religion bedrohten Menschen sind Christen. „Man muss der Wahrheit ins Auge sehen: Christen werden vor allem in Ländern verfolgt, in denen Muslime die Mehrheit haben“, so Kauder in dem Springerblatt.

Schreckgespenst  Al-Qaeda

Muslimschelte kostet nichts und kommt nicht zuletzt infolge der medialen Vorarbeit von Leuten wie Thilo Sarrazin und Henryk M. Broder ausgesprochen gut an. Außerdem bietet sie eine gute ideologische Grundlage für die Fortsetzung militärischer Interventionen im Rahmen des vor allem auf dem Boden muslimischer Staaten geführten „Kampfs gegen den Terror.“  

Eine der in westlichen Regierungskreisen und bei den Konzernmedien beliebtesten Verschwörungstheorien führt jede Gewalttat auf dem Globus, in die mutmaßlich ein Mensch muslimischen Glaubens verwickelt ist, auf das Terrorschreckgespenst Al-Qaeda zurück. So kommentierte der konservative Mailänder Corriere della Sera am Montag den Anschlag  in Alexandria: „Mit dem Massaker von Alexandria haben die ägyptischen Salafiten die Vorschläge der irakischen Al-Qaeda befolgt, Christen umzubringen. Das nächste Szenario, das von den Nato-Geheimdiensten befürchtet wird, ist nun, dass die irakischen Islamisten es geschafft haben könnten, Einzelgänger in Europa anzuheuern – mit dem Auftrag, Anschläge zu organisieren, wenn möglich zu den Hauptfesttagen. In diesem Zusammenhang könnte der Selbstmordattentäter von Stockholm von vor Weihnachten der Beginn eines neuen blutigen Weges gewesen sein.“

Der Anschlag auf die koptische Kirche in Ägypten bietet eine willkommene Gelegenheit, die Terrorangst auch in Deutschland weiter zu schüren. Das Bundesinnenministerium bestätigte am Montag, an Sylvester eine Warnung des Bischofs der koptischen Christen in Deutschland, Anba Damian, vor geplanten Attentaten in Deutschland erhalten zu haben.

Damian stützte sich dabei nach eigenen Angaben auf einen Hinweis des Bundeskriminalamtes. Im Bayerischen Rundfunk berichtete Damian am Montag von einem Plan, der im Internet im Umlauf sei. Da stellt sich doch die Frage, wer Interesse daran hat, dass solche Pläne im World Wide Web kursieren?

(1) http://www.zeit.de/politik/ausland/2011-01/anschlag-aegypten-csu

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