Innenpolitik

Reemtsma gegen Reemtsma

Von ANNA-LENA BACH, 6. Mai 2011 –

Der Hamburger Mäzen Jan Philipp Reemtsma sponsert nicht nur engagierte Kämpfer gegen „linken Antisemitismus“, gegen den Islam und angeblich mit Hisbollah und Hamas „flirtende“ Feministinnen. Er subventioniert auch den ideologischen Discount des Völkermord-Begriffs – und nicht zuletzt die Verleumdung seines eigenen Instituts.

Die Parforcejagd auf „den Islamisten“ und seinen Blutsbruder, „den linken Antisemiten“,  zählt seit Jahren zu den beliebtesten

J.P. Reemtsma
Jan Philipp Reemtsma ist Philologe, Literaturwissenschaftler, Essayist, politischer Publizist und Mäzen. Er lehrte bis 2007 als Professor Neuere Deutsche Literatur an der Universität Hamburg. Außerdem ist der Multimillionär Inaugurator und Vorstand der Arno-Schmidt-Stiftung, Stifter und Vorstand des Hamburger Instituts für Sozialforschung (HIS) sowie der Hamburger Stiftung zur Förderung von Wissenschaft und Kultur. (Quelle: Wikipedia, Foto: Stiftung „Johannes Gutenberg-Stiftungsprofessur“)

Breitensportarten in der Republik. Mit seinem Engagement gegen Linke, die der Kollaboration mit dem Islam und der „Unterstützung barbarischer Elendsverwaltung“ (der Autonomie der Palästinenser) verdächtig sind, bewegt sich der Verein Hamburger Studienbibliothek (HSB) seit rund einem Jahrzehnt auf dem Trimm-Dich-Pfad zum Erfolg. Dass die HSB, die mit dem Slogan „Wir werden also auch weiterhin anderes zu tun haben, als uns dagegen zu verwahren, für Linke gehalten zu werden“ für sich wirbt, prominente Unterstützung erhält, mag nicht verwundern. Auch nicht, dass es sich bei dem Gönner um Jan Philipp Reemtsma handelt. Der hatte die Linke bereits 1991 zur „Ruine“ erklärt und freimütig akklamiert, ihr Ende sei kein Verlust. Aber mit der HSB hat er neben Linken-Hassern auch Krawall-Rhetoriker als förderungswürdig anerkannt, die genau die „Inflationierung“ des Genozid-Begriffs vorantreiben, die Reemtsma einst beklagt hatte.

Mit Reemtsmas Geld gegen linke Antizionisten und andere Nazis

Kein Spatz vermeintlicher Verfehlungen von Linken ist zu klein, um nicht von der HSB mit der Holocaust-Kanone beschossen zu werden: Kommunisten, die Einspruch gegen Israels Besatzungspolitik und gegen die Schmähung von Muslimen als „Barbaren“ erheben, hätten nichts anderes im Sinn als einen „Antifaschismus“, der „im Namen von Demokratie und Menschenrechten dem Juden den Nürnberger Prozess“ machen wolle, enthüllt sie in ihrer Broschüre mit dem Titel Willkommen in der Provinz. (1) Mit diesem Werk will die HSB die „antisemitischen Schläger“ des zum Feind erklärten Internationalen Zentrums B5 in Hamburg-St. Pauli anprangern. Dessen Betreiber hatten Oktober 2009 eine Aufführung des Claude Lanzmann-Films Warum Israel im benachbarten Kino verhindert. Bei der Gelegenheit räumte die HSB gleich einmal mit der „Demokratieseligkeit“ und dem „Völkerrechtsfetischismus“ der Linken auf. Ebenfalls ist in dem Heft zu erfahren, dass es „keinen Antizionismus ohne Antisemitismus gibt“ und der linke Antizionismus „nazikompatibel“ sei. Das heißt, viele ultraorthodoxe Juden können danach getrost mit dem Stigma „Antisemit“ belegt und das Gros der jüdischen Kommunisten in eine Reihe mit den politischen Erben von Eichmann gestellt werden.

Jan Philipp Reemtsma, Gründer und Vorstand des Hamburger Instituts für Sozialforschung (HIS) und der Hamburger Stiftung zur Förderung von Wissenschaft und Kultur, hält derartig wilde pathische Projektionen antisemitischer Ressentiments auf politische Gegner, den kompletten Verzicht auf Differenzierungen zugunsten geschmackloser und den Völkermord trivialisierender Polemiken offenbar für verbreitungswürdig. Seine Stiftung hat die oben genannte „Broschüre – initiiert u.a. von der Hamburger Studienbibliothek e.V. –, die sich gegen (vor allem linken) Antisemitismus richtet, mit einem Druckkostenzuschuss gefördert“, erklärte Reemtsma auf eine Anfrage von HINTERGRUND. Keine Antwort erhielt die Redaktion auf ihre Fragen, ob Reemtsma diese und ähnliche Gruppierungen in der Vergangenheit schon häufiger finanziell unterstützt habe und ob die HSB und ihre Gesinnungsgenossen weiterhin mit Geldspenden bedacht werden sollen.

HINTERGRUND bat um eine Stellungnahme, nachdem der Redaktion ein Schreiben mit dem Absender Lars Quadfasel, dem Namen eines führenden Mitgliedes der HSB, zur Kenntnis gegeben wurde. Darin klärte Quadfasel, israelsolidarische Kooperationspartner, die mit dem Fördergeld allzu großzügig wirtschaften wollten, darüber auf, dass „Reemtsmas Spende Geld ist, die HSB eingeworben hat und Geld, das nur die HSB, wegen der Kontakte ins HIS, einwerben konnte“.  

Militärschlag gegen den Iran oder die „Endlösung der der Zionistenfrage“  

Die HSB gibt in der Szene der sogenannten Antideutschen der Hansestadt den Ton an. Wie ihr Berliner Pendant, die Redaktion der Zeitschrift Bahamas, meiden ihre Mitglieder inzwischen den Begriff „Antideutsche“. Sie möchten lieber als „Ideologiekritiker“ wahrgenommen werden. Die Eigendefinition der HSB „Zusammenschluss für die Aneignung und Entwicklung kritischer Gesellschaftstheorie“ soll irgendwie nach objektiver Wissenschaftlichkeit, akademisch und seriös klingen. Den Eintritt ins Establishment erleichtert es jedenfalls ungemein. Für die HSB eine Option: Der „ideologiekritische“ Studienbibliothekar Lars Quadfasel fungiert auch als Sprecher des neokonservativen Netzwerks „Stop the Bomb“.

Kurz vor Ende des Gaza-Kriegs 2009 bestritt Quadfasel im Namen von „Stop the Bomb“ und im Rahmen der Kundgebung „Hamburg für Israel“ eine Mitverantwortung Israels an den blutigen Konflikten im Nahen Osten: „Tatsache ist, dass die Entscheidung über Krieg oder Frieden nicht in Israels Hand liegt.“ (2) Quadfasel versprach dessen Regierung im Namen der rund 500 Teilnehmer, die für eine Fortführung der israelischen Militäroffensive demonstrierten, „ohne Wenn und Aber für die militärische Selbstverteidigung des israelischen Staates“ einzutreten, gegen die „antisemitische Internationale“, allen voran den Iran. In Anwesenheit von Vertretern des rechten und bürgerlichen Lagers (Vertretern der Partei Bibeltreuer Christen, auch der damalige SPD-Fraktionschef und heutige Innensenator Michael Neumann hatte eine Rede zur Israel-Solidarität beigesteuert) verfuhr Lars Quadfasel unter dem Motto die Gedanken sind frei und behielt lieber für sich, was er unter „ohne Wenn und Aber“ versteht. Einige Monate später beim „Antifaschistischen Aktionstag gegen Iran-Geschäfte“ reichte er seine Definition von „Selbstverteidigung“ nach: „Ein Militärschlag gegen die iranischen Atomanlagen, notfalls auch im Alleingang; alles andere wäre Selbstaufgabe des jüdischen Staates.“ (3)

Aber nicht nur mit dem „islamischen Faschismus“ und den „Judenmördern der Hamas“ und den „Vernichtungsrackets“ der Hisbollah möchten Lars Quadfasel und seine HSB kurzen Prozess machen lassen. Im Focus stehen auch internationale Linke, die die „Endlösung der Zionistenfrage“ (4) anstreben. Dazu gehören „Antiimperialisten, Attac-Hetzer und andere Herz-Jesu-Stalinisten“ sowie die Friedenspolitiker der Linkspartei. Deren ehemaliger außenpolitischer Sprecher Norman Paech wolle „mit deutschen Kanonenbooten den zionistischen Völkerrechtsverächter in die Knie zwingen“, hat die HSB herausgefunden und nennt Paechs Motiv: „Das wäre der ultimative Entlastungsangriff für Auschwitz.“ (5) Auch die Feministin Judith Butler ist den „Ideologiekritikern“ negativ aufgefallen. HSB-Mitglied Andreas Benl hat sie eines „linken Flirts“ mit dem Islam und des Aufbaus einer „rot-grünen Querfront“ überführt. (6)  

Reemtsma gegen Israel?

Sogar in die Hand, die sie füttert, haben die „Ideologiekritiker“ gebissen: Ein von der HSB mitgetragenes Bündnis gegen Deutschlands Wiedergutmachung wähnte Reemtsmas Institut im Bunde mit deutschen Revanchisten und Revisionisten: „Als Politikberater wie als Ideologen schreiben die HIS-Mitarbeiter fleißig mit an den etwas anderen, den deutschen Lehren aus der ,Zivilisationskatastrophe’“, war in einer Erklärung Zur Geschichtspolitik des Hamburger Instituts für Sozialforschung zu lesen. „Es sind diese Konsequenzen aus der Vergangenheit, die den alten Appell Gegen das Vergessen!’ in eine Drohung verwandeln – in eine Drohung an den Rest der Welt, nicht zu vergessen, wozu Deutschland in der Lage ist.“ (7) Zwei Monate später legte die HSB nach, geißelte „das aktuelle Geschwätz von Knopp und vom Hamburger Institut für Sozialforschung“ und verdächtigte Reemtsma anlässlich des Endes der Wehrmachtsausstellung der Kumpanei mit deutschen Großmachtstrebern und Feinden Israels: Das „Vergangenheitsspektakel bietet Kompensation für die Ohnmacht als Subjekt: die Teilhabe am falschen Wir, die Wendung all der Verachtung, die das Subjekt angesichts seines Zustandes für sich empfinden müsste, gegen all die, die die Reibungslosigkeit des nationalen Diskurses zu stören drohen – gegen die Opfer und ihren Staat, Israel.“ (8)


Anmerkungen:
(1) http://www.studienbibliothek.org/texte/BGHU_Bericht.pdf
(2) http://video.google.com/videoplay?docid=-1111717366738703539#
(3) http://www.studienbibliothek.org/texte/Rede_Iran_090812.shtml
(4) http://www.studienbibliothek.org/texte/SindDasNochLinke.shtml
(5) http://www.studienbibliothek.org/texte/FriedenIstKrieg.shtml
(6) http://www.clubcourage.de/?p=1016
(7) http://www.studienbibliothek.org/texte/theworldturnedupsidedown.html
(8) http://www.studienbibliothek.org/texte/rede_040327.shtml

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