EU-Politik

Wer ist hier engagiert? Intellektuelle und Schriftsteller streiten um den Libyen-Krieg

Von REDAKTION, 2. Mai 2011 –

Da sage einer noch, Intellektuelle könnten durch ihr politisches Engagement nichts bewirken. Vielleicht wäre die UN-Resolution 1973, mit dem der Bombenkrieg gegen Libyen gerechtfertigt wird, ohne den bellizistischen Eifer des französischen Philosophen Bernard Henry Lévy nicht so schnell auf Weg gebracht worden. Der als begnadeter Selbstdarsteller geltende Fürsprecher der Aufständischen soll diesen mit einem Anruf aus der Wüste einen Termin mit dem französischen Präsidenten Sarkozy im Elysée-Palast vermittelt haben. Anschließend erkannte zunächst Frankreich  den libyschen Nationalrat diplomatisch an, dann reiste Außenminister Alain Juppé zum UN-Sicherheitsrat nach New York.

„Es muss schnell gehandelt werden, um Gaddafi zu schwächen, die Aufständischen zu stärken und der arabischen Jugend die Hoffnung zu geben, dass demokratischer Wandel möglich ist“, hieß es begleitend in einem am 11. März in der Zeitschrift Le Monde veröffentlichten Appell, den Pascal Bruckner, André Glucksmann und Bernhard-Henri Levy auf den Weg gebracht hatten, den aber auch die deutschen Schriftsteller Wolf Biermann, Peter Schneider und  Hans Christoph Buch unterzeichneten. „Der UN-Sicherheitsrat muss das Mandat zu einer Intervention erteilen“, hieß es in dem Schreiben. Von französischer Seite unterzeichneten außerdem unter anderem Ex-Außenminister Bernard Kouchner sowie der Autor und Filmemacher Claude Lanzmann. Die Petition gab dem militärisch vorpreschenden Sarkozy im eigenen Land die intellektuelle Rückendeckung.

Doch nun hat die vermeintliche Einheitsfront der Intellektuellen erste Risse bekommen. Claude Lanzmann zog nachträglich seine Unterstützung der Petition zurück und warnte vor einem Krieg „mit unsicherem Ausgang“. (1) Gegenüber der Zeitschrift Le Monde bekannte er, er habe unter „freundschaftlichem Druck“ voreilig unterschrieben. (2)

Der Philosoph Michel Onfray warf Lévy persönlichen „Opportunismus“ vor, sein Kollege  Pascal Bruckner sowie der  Schriftsteller Renaud stellten sich auf die Seite des Intellektuellen, der sich unter humanitärem Vorwand offenkundig gerne auf die Seite der Mächtigen stellt.

Für den Kolonialismuskritiker Tzvetan Todorov kann es dagegen so etwas wie einen gerechten Krieg nicht geben. Gegen die UN-Resolution 1973 wandte er ein, dass auf ihrer Grundlage künftig jedes Land entscheiden könne, dass es das Recht habe, in einem anderen Land einzuschreiten, wenn eine Minderheit verfolgt werde. Rony Brauman, ehemaliger Präsident der Organisation Ärzte ohne Grenzen sagte, er glaube  nicht daran, dass Luftangriffe es vermöchten, Demokratie zu installieren oder ein Land zu befrieden. (3)

Der populäre marxistische Philosoph Alain Badiou wird wie folgt zitiert: „Jemanden, der offen sagt, ich existiere nur für meinen persönlichen Profit, und ich werde meinen Freund von gestern liquidieren, wenn es darum geht, meinen Lebensstandard zu bewahren oder zu steigern, wie nennt man den? Einen Banditen.“ (4)

Auch in Deutschland hat der NATO-Krieg in Libyen einen Keil zwischen die Intellektuellen getrieben. Während Martin Walser die Bundesregierung für ihre Enthaltung bei der Abstimmung über die UN Resolution ausdrücklich lobte, warf ihr Ralph Giordano „eine fatale Beschwichtigungspolitik“ vor. Walser sagte gegenüber dpa: „Wir können uns nicht mit Hilfe von Krieg ein gutes Gewissen verschaffen und denken, damit helfen wir den Menschen in Libyen. Krieg ist nicht das richtige Mittel.“

Zu den Kriegsbefürwortern gehören Peter Schneider und Hans Christoph Buch. Buch sagte, er habe den Appell nach einem Gespräch mit dem Philosophen André Glucksmann unterschrieben. Auch die Berliner Akademie der Künste mit ihrem Präsidenten Klaus Staeck hatte das vom UN-Sicherheitsrat beschlossene Flugverbot begrüßt.

Der türkische Literaturnobelpreisträger Orhan Pamuk sagte dagegen am 27. März  im Interview mit der Deutschen Presse-Agentur dpa „die aktuelle Entwicklung, die militärische Intervention in Libyen, macht mich misstrauisch.“


(1)  http://www.freitag.de/politik/1117-schlachtfeld-feuilleton
(2) http://www.faz.net/s/Rub117C535CDF414415BB243B181B8B60AE/Doc~EED2AA9B690B4447C87EBD6C476812A9D~ATpl~Ecommon~Scontent.html
(3) http://www.welt.de/kultur/article13075940/Kampf-gegen-Gaddafi-loest-Philosophenstreit-aus.html
(4) http://www.welt.de/kultur/article13075940/Kampf-gegen-Gaddafi-loest-Philosophenstreit-aus.html

Drucken

Drucken

Teilen

Voriger Artikel EU-Politik In Japan verboten, in Deutschland auf dem Tisch? Über aufgeweichte Strahlengrenzwerte und zweifelhafte Bürgschaften für Schrottreaktoren
Nächster Artikel EU-Politik Brief an den Präsidenten des Europarates