Weltpolitik

Ägyptens missachtete Revolution

Millionen Ägypter protestierten am Freitag erneut gegen die Militärdiktatur in ihrem Land. Zuvor hatte die Armee über Staatssender gegen die vermeintlichen „Terroristen und Islamisten“ Stimmung gemacht. Wie diese Propaganda noch zu toppen ist, zeigen deutsche Medien. – 

Von Fabian Köhler, Kairo, 2. September 2013 –

Zwei bärtige Männer stehen am Straßenrand,  neben ihnen drei schwarz verhüllte Frauen. Ihre Niqabs zwängen sich unter Tränengasmasken. Kugeln zischen durch die Luft. Vom Himmel regnen  Tränengasgranaten. „Stopp, wir helfen euch“ ruft eine der Frauen, als Hunderte Demonstranten mit verquollenem Gesicht auf die Gruppe zurennen. Einem vielleicht 15-jährigen Jungen schmiert sie weiße Paste ins Gesicht. Sie soll zumindest das Brennen des Tränengases auf der Haut etwas lindern.

Die kleine Sanitäter-Gruppe in einer Straße nahe des Kairoer Sphinx-Platzes gehörte am Freitagabend zu den wenigen sichtbaren Aktivisten, die man irgendwie islamisch motiviert nennen könnte. Millionen Ägypter gingen am Freitag erneut im ganzen  Land auf die Straße, um gegen die Herrschaft der Militärs und für den Erfolg ihrer Revolution zu demonstrieren.

Einer von ihnen ist der 23-jährige Student Mohammad. „Es geht uns nicht um Muslimbrüder, es geht um unsere Revolution“ ruft er vor einer kleinen Moschee im Kairoer Stadtteil Gizeh. Ein paar Dutzend Menschen finden sich dort nach dem Freitagsgebet zusammen. Drei Stunden später werden es allein bei dieser Demonstration Zehntausende sein.  „Vergiss Mursi! Die Gewalt und der Kampf um Freiheit eint uns“, schreit der BWL-Student. Übertönt wird er nur von einem kleinen brünetten Mädchen: „Was glaubst du wer du bist Al-Sissi, wir haben schon Mubarak in den Arsch getreten.“

Staatsmedien rufen zum „Kampf gegen den Terrorismus“ auf

Der Armeegeneral ist der Hauptverantwortliche für den Putsch gegen Ägyptens Präsidenten Mohammad Mursi und seitdem der de-facto-Diktator des Landes. Über 1000 Menschen starben, als die ägyptische Armee vor zwei Wochen auf Demonstranten schoss. Am Freitag prangen nun vier ausgestreckte Finger auf Autos, Balkonen und tausenden Pappschildern im ganzen Land. Sie erinnern an den blutigsten Tag des Putsches, als am 15. August am Kairoer Rabaa (arab.: der Vierte) Adawiya-Platz die Armee mit Scharfschützen und Maschinengewehren Jagd auf Demonstranten machte.

Die ganze Woche hatten nicht nur die Gegner des Militärputsches, sondern auch ägyptische Staatsmedien auf diesen Tag vorbereitet: In den Hauptnachrichten prangte ein Logo „Ägypten gegen Terrorismus“ in der Ecke. Vertreter von Armee und der von ihnen eingesetzten Regierung warnten, dass man jede „Störung der öffentlichen Ordnung mit harter Hand zurückschlagen“ werde. Eine gigantische Verhaftungswelle traf nicht nur die Führungsriege der Muslimbrüder: Von 2000 inhaftierten „Islamisten“ spricht das Innenministerium. Muslimbrüder beziffern die Gesamtzahl gar mit 20.000 Menschen.

Stimmung wie bei Occupy-Protesten

„Eigentlich hat die Armee uns einen Gefallen getan, nun kann keine Partei unseren Protest zügeln“, sagt Mahmud. „Mein Bruder starb am 15. August“, sagt er mit leiser Stimme. Doch von Rache und Gewalt wolle auch er nichts wissen: „Ich will Freiheit für Ägypten zurück. Sonst nichts!“. Siehst du hier irgendjemand mit Waffen, sehe ich aus wie ein Islamist“, fragt ein bärtiger Mann, bevor er sein Kreuz um den Hals unter seinem durchgeschwitzten Hemd hervorholt.

Tatsächlich erinnert die Demonstration, die innerhalb von drei Stunden von einigen Dutzend auf rund 50.000 Menschen anwächst, nicht an das Narrativ von gewaltbereiten Islamisten, die den Tod Hunderter ihrer Anhänger zumindest provoziert hätten.

Stattdessen herrscht eine Stimmung wie bei den bankenkritischen Demonstrationen in den USA und Europa, erinnert die Zusammensetzung aus Religiösen, Säkularen, Nationalisten und Linken eher an die Besetzer des Istanbuler Gezi-Parks. Neben einem Scheich laufen drei Kinder mit Blümchen im offenen Haar. Später geben sich ihre Eltern als Kopten zu erkennen. Ein Mann mit Che-T-Shirt springt vom Dach eines vorbeifahrenden Autos in die jubelnde Menge. „Occupy Egypt“ schreit er ins Objektiv eines Kameramannes.

Deutsche Berichterstattung ginge in Ägypten allenfalls als Satire durch

Nicht nur im Kairoer Stadtteil Gizeh protestieren Ägypter. Dutzende Demonstrationen finden allein Kairo statt. Von Assuan im Süden bis zur Küstenstadt Port Fuad gehen Menschen auf die Straße. Rund eine Millionen Demonstranten sollen es allein in Alexandria sein. (1)  Nicht einmal das Armee-loyale Staatsfernsehen schafft es die Proteste zu verschweigen. Die meisten deutschen Medien hingegen schon.

Während der Großteil der deutschen Fernsehsender und Tageszeitungen die Proteste gänzlich verschweigt, meldet die Deutsche Welle das „Dahinschwinden des Islamistenprotests“ angesichts von lediglich „5000“ Demonstranten. (2)

N24 weiß lediglich von „Anhängern und Gegner des gestürzten Präsidenten Mursi“, die „aufeinander losgingen.“ Belege liefern sich nicht. (3) Der Südwestrundfunk  berichtet immerhin von einer „Initiative für Freiheit, Menschenrechte und Demokratie in Ägypten“, die 4000 Menschen auf die Straße gebracht habe. Ort des Protests: Stuttgart, nicht Ägypten.  (4)

Und eine Berichterstattung, die selbst in ägyptischen Armeekreise wohl nur als Satire durchgehen würde, leistete sich Zeit Online: Gegen  „etwa 35 islamistische Demonstranten“  seien „die Sicherheitskräfte mit Tränengas“ auf dem Kairoer Sphinx-Platz vorgegangen. (5)

An eben jenem Sphinx-Platz ist am Abend auch der Protest aus Gizeh angekommen. Trotz der Ankündigung der Armee, die Ausgangsperre mit Gewalt durchsetzen zu wollen, strömen weiter Tausende aus den Seitenstraßen in Richtung der längst überfüllten Hauptstraße. „Terroristen, Terroristen“, wird schließlich doch noch von umliegenden Balkonen skandiert. Doch gemeint sind nicht die Demonstranten, sondern die Militärhubschrauber, die zwischen den Hochhäusern auftauchen.

Gegen 18 Uhr macht die Armee schließlich ihre Ankündigung wahr. Tränengasgranaten fallen am Kairoer Sphinx-Platz vom Himmel. Ein Junge liegt blutend auf einem Müllsack. Gewehrschüsse sind zu hören. Neun Demonstranten kamen landesweit an diesem Tag ums Leben. Videoaufnahmen werden später belegen, dass die Armee erneut auf unbewaffnete Demonstranten schoss. (6)  Die einzige Waffe der Demonstranten: brennende Abfalleimer, deren Qualm das Tränengas vertreiben soll, Kameras und ein paar wenige Papiergasmasken, die von einer „islamistischen“ Aktivistengruppe am Straßenrand verteilt werden.  

 


 

(1) http://www.youtube.com/watch?v=gksFiamLDmM
(2) http://www.dw.de/egypt-islamist-protest-dwindles-amid-crackdown/a-17056371
(3) http://www.n24.de/n24/Mediathek/videos/d/3441830/sechs-tote-bei-pro-mursi-demonstration.html
(4) http://www.swr.de/swr1/rp/nachrichten/-/id=446650/nid=446650/did=11978638/1onez1e/index.html
(5) http://www.zeit.de/politik/ausland/2013-08/aegypten-protest
(6) http://www.youtube.com/watch?v=g0o-rRY3er0

Drucken

Drucken

Teilen

Voriger Artikel Weltpolitik „Demonstriert!“
Nächster Artikel Weltpolitik Notfalls im Alleingang