Naher Osten

Beirut schließt die Pforten

Eine Wirtschaftskrise, das Geschacher der Eliten und zerstrittene Politiker setzen die Bevölkerung im Libanon unter Druck. Die Armut wächst, Geschäfte schließen. Vom Streit um die ausstehende Neuwahl eines Präsidenten profitieren vor allem private Ölimporteure. Impressionen aus Beirut.

Die Armut steigt, während Politiker schachern und Ölimporteure sich ins Fäustchen lachen. Beirut.
Foto: Mauro Gambini Lizenz: CC BY-NC-ND 2.0, Mehr Infos

Es ist Mitte Januar und es regnet in Strömen. Die Straßen von Beirut verwandeln sich rasch in kleine Ströme, die kreuz und quer fließen und Fußgängern das Vorwärtskommen erschweren. Auf den Bergen breitet sich Schnee wie eine weiße Decke über die Gipfel und spendet der von der Sommersonne ausgetrockneten Natur wohltuende Kühle. Das Wetter im Zedernstaat wechselt schnell und so wird der mehr als 2600 Meter hohe, schneebedeckte Sannine, der nur knapp 50 km von der libanesischen Hauptstadt entfernt liegt, vielleicht später am Tag in der Abendsonne erstrahlen. Doch die Menschen haben keine Zeit für solche Naturereignisse. Wirtschaftskrise und ein fortwährender Politikerstreit setzen sie unter Druck.

Regierungsstreit blockiert Ölimport

Es gibt kaum Strom, also liegen weite Teile des Landes häufig im Dunkel. Das Öl, das für die Stromerzeugung gebraucht wird, schaukelt auf Tankern vor der libanesischen Küste. Die Regierung streitet derweil darüber, wer autorisiert ist, Geld der Zentralbank freizugeben, um die Öllieferanten zu bezahlen. Die Summe addiert sich täglich um Strafgebühren von rund 25.000 US-Dollar, die der Zedernstaat dafür bezahlen muss, dass das Öl von den Tankschiffen nicht abgepumpt werden kann.

Hintergrund des Streits ist die ausstehende Neuwahl eines Präsidenten, der über diese Autorität verfügt. Das Präsidentenamt steht – nach dem im Libanon geltenden konfessionellen System – einem maronitischen Christen zu. Die Abgeordneten des Parlaments konnten sich bisher nicht auf einen Kandidaten einigen und daher führt vorübergehend Ministerpräsident Najib Mikati – nach dem konfessionellen System ein sunnitischer Muslim – die Regierungsgeschäfte. Ihm verweigert allerdings die (christlich-maronitische) Freie Patriotische Bewegung (FPM) ihre Zustimmung. Sie lehnt auch eine Regierungssitzung ab, auf der Mikati alle amtierenden Minister bewegen will, der Auszahlung des Geldes an die Öllieferanten zuzustimmen.

Jüngsten Meldungen zufolge hat Mikati für den kommenden Mittwoch zu einer Sitzung der amtsführenden Regierung eingeladen, um eine Lösung aus der Sackgasse zu finden. In der vergangenen Woche hatte Mikati sich Berichten zufolge mit dem Parlamentssprecher Nabih Berri – laut konfessioneller Verfassung ein schiitischer Muslim – mit dessen politischem Berater und einem Berater des Hisbollah-Führers Hassan Nasrallah besprochen und alle seien sich einig gewesen, dass eine Kabinettssitzung nötig sei. Die libanesische Online-Zeitung Nahar Net berichtete unter Berufung auf „seine Kreise“, Berri habe gesagt, es sei „nicht hinnehmbar, ein Land und die Angelegenheiten seiner Bevölkerung lahmzulegen, um einer bestimmten politischen Partei zu nutzen“. Gemeint ist die Freie Patriotische Bewegung.

Lachende Dritte des Streits sind die privaten Ölimporteure. Sie besitzen zumeist große und zahlreiche Generatoren, mit denen sie Strom erzeugen und anbieten, wo die Regierung nichts tut. Diese Ölbarone kaufen mit eigenen Devisen Öl und verkaufen den Strom anschließend teuer an die Verbraucher.

Proteste bleiben aus

Proteste der Bevölkerung gegen das Geschacher der politischen Eliten bleiben aus. Der Alltag verlangt von den Menschen alle Kraft, um sich und die Familie, vor allem die Kinder, zu ernähren. Manche Männer fahren auf kleinen, batteriebetriebenen Zweirädern von einer Arbeitsstelle zur nächsten, andere liefern mit den TukTuks, in Indien hergestellte Dreiräder, die über den Luxus eines Daches verfügen, Güter allerlei Art aus, die von den wenigen wohlhabenden Libanesen, von Hotels oder Betrieben geordert wurden.

Tagesgespräch in Beirut ist der Umtauschkurs von US-Dollar und Euro. Diese Währungen erhalten Familien von ihren Angehörigen im Ausland, sofern sie dort Angehörige haben, die Geld verdienen. „Gott liebt den, der Angehörige im Ausland hat“, heißt es. Erhielt man vor wenigen Monaten noch mehr Libanesische Pfund für einen US-Dollar als für einen Euro, hat sich die Lage nun umgekehrt. „Bei einem guten, vertrauenswürdigen Zwischenhändler bekommt man für einen US-Dollar jetzt 48 und für einen Euro zwischen 50 und 52“, erklärt Basma, die junge Rezeptionistin eines gutbürgerlichen Hotels. „Bei anderen gibt es vielleicht 47 und 48.“ Gemeint sind 48.000 oder 50-52.000 Libanesische Pfund. Zwischenhändler sind offiziell autorisiert, in kleinen Kabinen und Geschäften ausländische Währung umzutauschen und das lassen sie sich mit einer teilweise deftigen Kommission von denjenigen vergüten, die Euro oder US-Dollar wechseln wollen.

Basma ist erst seit wenigen Wochen in ihrem Job, bewältigt alle Anforderungen aber sehr souverän. Ihre Vorgängerin Heba hat den Libanon Ende 2022 verlassen, um mit ihrem zukünftigen Mann ein neues Leben in Kanada zu beginnen. Die Jugend verlässt das Land in Scharen, um in einem der Golfstaaten, in Afrika oder auf einem anderen Kontinent, fernab der Heimat, Arbeit und ein Leben in Würde zu finden. Die anhaltende Wirtschaftskrise, die mit dem Banken-Crash 2019 begann, zerstört den Mittelstand und alle Perspektiven auf ein gesichertes Leben sowie Arbeit für die jüngeren Generationen.

Überlebensstrategien

Diejenigen, die ihr Leben lang gearbeitet haben, um für sich und ihre Familien im Libanon bescheidenen Wohlstand aufzubauen, stehen mit leeren Händen da. Ein 68-jähriger Geschäftsmann, der seinen richtigen Namen nicht öffentlich machen möchte, verbrachte seine Jugend im libanesischen Bürgerkrieg. Später baute er ein Geschäft auf, das immerhin so viel einbrachte, dass er eine angemessene Wohnung kaufen und einiges Geld zurücklegen konnte.

Nun ist der Mann nicht mehr in der Lage, die Nebenkosten seiner Eigentumswohnung zu bezahlen. Für Strom, Wasser, den Aufzug und andere Nebenabgaben muss er monatlich 800 US-Dollar begleichen, die er nicht mehr aufbringen kann. Eine Rente bekommt er nicht und was er auf seinem Bankkonto zurückgelegt hatte, hat sich mit der Bankenkrise 2019 in Luft aufgelöst. Die einzige Möglichkeit zu überleben ist, die eigene Wohnung an jemanden zu vermieten, der besser gestellt ist und noch über ein gutes Einkommen verfügt. Er selbst ist in eine kleine Wohnung im Haus von Freunden umgezogen. Mit der Miete aus seiner Eigentumswohnung kann er die Nebenkosten weiterbezahlen und sich die neue, niedrigere Miete leisten. Krank werden darf er nicht.

Geschäfte und Restaurants schließen

Geschlossene und leere Geschäfte prägen das Bild von Beirut in vielen Stadtteilen. Selbst in Hamra, seit Jahrzehnten das kulturelle und politische Zentrum der libanesischen Hauptstadt, gehen die Lichter aus. Geschäfte und Restaurants schließen, weil sie die Kosten nicht mehr aufbringen können und Gäste ausbleiben.

Vor Weihnachten traf es auch das legendäre Hamra-Café. Auf den zahlreichen Fotos an den Wänden waren bekannte Politiker, Journalisten und Intellektuelle abgebildet, die im Laufe der Jahrzehnte dort miteinander und auf Veranstaltungen diskutiert hatten. Sammlungen von Büchern und Zeitschriften luden zum Verweilen ein. Plakate, Fotos von Demonstrationen in den 1960iger Jahren vermittelten eine Idee von dem, was Beirut einst ausmachte. Nun sind die Rollläden heruntergelassen, die Türen bleiben geschlossen.

Unter dem schmalen Vordach des legendären Treffpunkts von einst sitzt eine Frau im Schneidersitz und starrt regungslos vor sich hin. Auf dem Schoß schläft ihr Baby, das Gesicht der Frau ist von einem eng anliegenden, schwarzen Kopftuch umrahmt. Sie wirkt zu müde, um ihre leere Hand den wenigen Passanten entgegenzustrecken, die durch den Regen an ihr vorbeieilen. Und die Gäste des Cafés werden nie wiederkehren, die ihr doch immerhin ab und zu etwas zugesteckt hatten. Niemand wird mehr die religiösen Formeln hören, mit der sie die Menschen und auch sich selbst ermunterte, ihr und ihrem Baby zu spenden und dafür mit einem Lob Gottes belohnt zu werden.

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