Weltpolitik

Das Holocaust-Gedenken ist ein Segen für Israels Propaganda

Von GIDEON LEVY, 1. Februar 2010 –

Israels Großkopfete griffen in der Abenddämmerung auf breiter Front an. Der Präsident in Deutschland, der Premierminister mit einem riesigen Gefolge in Polen, der Außenminister in Ungarn, sein Vertreter in der Slowakei, der Kultusminister in Frankreich, der Informationsminister bei den Vereinten Nationen und sogar das drusische Likudmitglied Ayoob Kara in Italien. Sie waren alle dort, um schwülstige Reden über den Holocaust zu halten. Mittwoch (27.01.10) war der Internationale Holocaustgedächtnistag und eine solche israelische PR-Fahrerei war seit langem nicht mehr gesehen worden. Der Zeitpunkt dieser ungewöhnlichen Bemühungen ist nicht zufällig. Nie waren so viele Minister über den ganzen Globus verteilt: wenn die Welt über Goldstone spricht, reden wir über den Holocaust, um den Eindruck (von Goldstones Bericht) zu verwischen. Wenn die Welt über Besatzung redet, reden wir über den Iran, als ob wir sie vergessen wollen .

Es wird nicht viel helfen. Der internationale Holocaustgedächtnistag ist vorübergegangen, die Reden werden auch bald vergessen sein, und die deprimierende tägliche Realität wird bleiben. Israel wird da nicht herauskommen und gut aussehen. Am Vorabend seiner Abreise sprach Premierminister Netanyahu noch in Yad Vashem. „Es gibt Böses in der Welt“ sagte er, „Böses muss gleich zu Anfang vernichtet werden. Einige Leute versuchen die Wahrheit zu leugnen.“ Hochtrabende Worte von derselben Person gesagt, die nur einen Tag zuvor, fast mit demselben Atemzug, ganz andere Worte äußerte – wirklich üble Worte – die sofort gelöscht werden sollten, Übel, das Israel zu verbergen versucht.

Netanyhu sprach von einer neuen „Immigrationspolitik“, die durch und durch von Übel ist. Er warf böswillig Gastarbeiter und arme Flüchtlinge in einen Topf und warnte, dass sie alle Israel gefährden, unsere Löhne verringern, unsere Sicherheit schädigen, uns in ein Dritte-Welt-Land verwandeln und uns Drogen bringen. Er unterstützt eifrig unseren rassistischen Innenminister, Eli Yishai, der die Migranten als diejenigen ansieht, die Krankheiten verbreiten wie Hepatitis, Tuberkulose, AIDS und weiß Gott noch was.

Keine Holocaustrede wird diese Hetze und Verleumdung gegen Migranten auslöschen. Keine Gedenkrede wird diese Fremdenfeindlichkeit, die in Israel nicht nur auf der extremen Rechten wie in Europa, sondern in der gesamten Regierung ihr Haupt hebt, löschen.

Wir haben einen Premierminister, der über das Böse redet, der aber einen Zaun baut, der verhindern soll, dass Kriegsflüchtlinge an Israels Tore klopfen. Ein Premierminister, der über das Übel spricht, aber nun seit vier Jahren an dem Verbrechen der Gazablockade beteiligt ist und so 1,5 Millionen Menschen in erbärmlichen Verhältnissen lässt. Einen Premierminister, in dessen Land Siedler unter dem Slogan „Alles hat einen Preis“- Pogrome gegen unschuldige Palästinenser durchführen lässt, gegen die der Staat aber nichts unternimmt.

Dies ist ein Premierminister eines Staates, der Hunderte linker Demonstranten, die gegen die Ungerechtigkeit der Besatzung und den Gazakrieg protestieren, verhaften lässt, während man den Rechten, die gegen die Auflösung (der Siedlungen im Gazastreifen) protestierten Massenpardon gewährt. In seiner gestrigen Rede setzte Netanyahu das Nazideutschland mit dem fundamentalistischen Iran gleich – es war nicht mehr als billige Propaganda. Rede über das „Degradieren des Holocaust“. Der Iran ist nicht Deutschland, Ahmedinejad ist nicht Hitler und sie gleichzusetzen, ist nicht weniger falsch, als israelische Soldaten mit Nazis gleichzusetzen.

Der Holocaust darf nicht vergessen werden, es ist aber nicht nötig, ihn mit irgendetwas zu vergleichen. Israel muss sich an den Bemühungen beteiligen, ihn im Gedächtnis zu behalten, aber während es dies tut, muss es sich mit sauberen Händen sehen lassen, sauber von üblem Tun. Und es darf kein Verdacht hochkommen, dass es zynisch das Gedächtnis des Holocaust missbraucht, um andere Dinge zu löschen. Bedauerlicherweise ist dies nicht der Fall.

Wie wunderbar würde es gewesen sein, wenn Israel an diesem internationalen Tag des Gedenkens sich die Zeit genommen hätte, sich selbst zu prüfen und sich z. B. zu fragen , wie kommt es, dass Antisemitismus im vergangenen Jahr wieder sein Haupt hebt, in dem Jahr, in dem wir Bomben mit weißem Phosphor auf Gaza abwarfen. Wie schön wäre es gewesen, wenn an diesem Internationalen Holocaustgedenktag Netanyahu eine neue Politik der Integration für die Flüchtlinge erklärt hätte, anstelle die der Vertreibung oder wenn er die Blockade aufgehoben hätte.

Ein Tausend Reden gegen den Antisemitismus werden nicht die Flammen auslöschen, die die Operation „Cast Lead“ entzündet hat, die nicht nur Israel bedrohen, sondern die ganze jüdische Welt. Solange Gaza unter Blockade steht und Israel in seiner institutionalisierten Fremdenfeindlichkeit verharrt, bleiben Holocaustreden hohl und nichtssagend. Solange wie das Böse hier zu Hause wuchert, werden weder die Welt noch wir in der Lage sein, dass unsere Predigt vor anderen akzeptiert wird, selbst wenn sie es verdienen.


Der Artikel erschien im Original am 28. Januar unter dem Titel  Holocaust remembrance is a boon for Israeli propaganda in der israelischen Zeitung Haaretz.  

Übersetzung: Ellen Rohlfs

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