Philippinen

„Der größte Mensch seit Jesus Christus“

Apropos Menschenrechte: General John Joseph Pershing wurde in den USA als Held gefeiert und in den Südphilippinen als „Schlächter der Moros” verachtet

Der neue philippinische Präsident, der seit dem 30. Juni amtierende Rodrigo R. Duterte, ist – mit Verlaub – eine höchst schillernde wie eigenwillige Person*. Annähernd 3 000 Tote sind bis dato als Opfer seines rabiaten „Kampfes gegen Drogen“ zu beklagen. Nicht nur eine Angriffsfläche internationaler Menschenrechtsorganisationen, sondern auch eine Steilvorlage für US-Präsident Barack Obama. Als dieser sich anschickte, Dutertes Menschenrechtspolitik zu kritisieren, rastete Letzterer fast aus. In der vergangenen Woche fuhr Duterte anlässlich des Jahrestreffens des südostasiatischen Staatenbündnisses ASEAN und des sich unmittelbar daran anschließenden Ostasien-Gipfels in der laotischen Hauptstadt Vientiane eine Retourkutsche. Dem US-Präsidenten und UN-Generalsekretär Ban Ki-Moon präsentierte Duterte Bilder mit Leichenbergen – allesamt Opfer US-amerikanischer „Befriedung“ der Philippinen um 1900.

In einem Dokument, das möglicherweise zu den skurrilsten der Weltgeschichte zählt, berichtete ein Vorgänger Obamas, US-Präsident William McKinley, im Sommer 1898 vor einer Versammlung protestantischer Geistlicher, wie er durch das Licht und die Fügung des Allmächtigen mehr als eine Nacht bedrängt wurde, die Philippinen endlich den spanischen Kolonialherren zu entringen:

„Und eines Nachts überfiel es mich, ich weiß nicht genau wie, aber es überkam mich und ich entschied: dass wir sie (die Philippinen – RW) nicht Spanien zurückgeben konnten, das würde feige und unehrenhaft sein; dass wir sie nicht Frankreich oder Deutschland, unseren Handelsrivalen im Orient, überlassen durften, das wäre ein schlechtes Geschäft und würde uns in Misskredit bringen; dass wir sie auch nicht sich selbst überlassen konnten, denn sie waren noch nicht reif zur Selbstregierung, und sie würden dort bald in Anarchie verfallen und eine üblere Misswirtschaft haben als es die spanische war; dass uns nichts anderes übrig blieb, als sie alle zu übernehmen, die Filipinos zu erziehen, sie emporzuheben, zu zivilisieren und zu christianisieren und mit Gottes Gnade das Beste für sie zu tun wie für unsere Mitmenschen, für die Christus ebenfalls gestorben ist.“

„Wohlwollende Assimilierung“ nannte man im Washington jener Jahre die gewaltsame Besitzergreifung des südostasiatischen Inselstaates. Und der maßgeblich mithalf, dem Imperialismus eine Lanze zu brechen, war ein Mann elsässischer Herkunft: John Joseph Pershing. Seine Vorfahren wurden „Pfirsching“ genannt, was auf Englisch schwer auszusprechen ist. Als die „Pfirschings“ sich in den USA ansiedelten, änderten sie ihren Namen in „Pershing“. Es ist eine Ironie der Geschichte, dass John Joseph Pershing einer der beiden bekanntesten Söhne des Bundesstaates Missouri wurde – nach dem international gefeierten Autor Samuel Langhorne Clemens alias Mark Twain. Dieser war immerhin im letzten Jahrzehnt seines Lebens, von 1901 bis 1910, Vizepräsident der Antiimperialistischen Liga der Vereinigten Staaten von Amerika.

Der am 13. September 1860 geborene John Joseph Pershing war die idealtypische Verkörperung eines imperialen Projekts. Bis Mitte der 1890er Jahre bekämpfte er Indianerstämme wie die Sioux und Apachen. Nach einem Zwischenspiel an der berühmten West Point-Militärakademie, wo er Taktik lehrte, wurde er nach Kuba geschickt. Auf dem Höhepunkt des Amerikanisch-Spanischen Krieges übernahm er dort das Kommando über eine Einheit der 10. Kavallerie, die ausschließlich aus Afroamerikanern bestand. Den Spitznamen, den er seitdem trug, war gleichzeitig sein Markenzeichen – von Freund und Feind gleichermaßen wurde er „Black Jack“ genannt. Der Ort, wo der säbelrasselnde „Black Jack“ am längsten im Namen von „Gottes eigenem Land“ weilte, um mit Hingabe Feinde aufzustöbern und zur Strecke zu bringen, waren die Philippinen.

Zwischen 1899 und 1913 bekleidete Pershing verschiedene Posten im südlichen Teil des Archipels – zuerst im Zollamt, dann als Kommandeur einer Kavallerieeinheit, später als Militärgouverneur der Moro-Provinz sowie als oberster Befehlshaber auf Mindanao. Im Süden der Philippinen, insbesondere auf der Insel Jolo, waren „Black Jack“ und Generalmajor Leonard Wood wichtigste Betreiber der sogenannten „Befriedungskampagne“ gegen rebellierende Muslime – tausende Zivilisten wurden in dieser Kampagne abgeschlachtet. Dort verdiente sich Pershing noch eine weitere zweifelhafte Auszeichnung als „Schlächter der Moros“. Später beschrieb dies das amtliche Militärarchiv der USA lediglich als „Bändigung der kriegstreiberischen Moro-Stämme“. Bis heute gibt es nur in der „Stadt der Blumen“, der selbsternannten „Latino-Stadt Asiens“, in Zamboanga City, noch eine Plaza Pershing – eine bizarre Hommage an Militarismus und Aufstandsbekämpfung.

In der Heimat war Präsident Theodore Roosevelt voll des Lobes für die Heldentaten „Black Jacks” in der neuen Kolonie und sorgte dafür, dass Pershing im Zeitraffer vom Hauptmann zum Brigadegeneral befördert wurde. Als Militärattaché in Tokio konnte Pershing aus erster Hand über den Russisch-Japanischen Krieg berichten, der 1905 der ganzen Welt signalisierte, dass mit dem siegreichen Japan ein Newcomer die koloniale und imperiale Bühne betreten hatte. Später erhielt Pershing den Befehl, den Revolutionsführer Pancho Villa in Mexiko zu jagen, um nur ein Jahr später (1917) als Kommandeur des amerikanischen Expeditionskorps nach Europa auszurücken. 1921 fand sich „Black Jack“ als Stabschef der US-Armee wieder. Ein Jahrzehnt später veröffentlichte Pershing seine Autobiographie „My Experience of War“ („Meine Erfahrung im Krieg“), und es wurde ihm die höchste Ehrenbezeichnung „General der Armeen der Vereinigten Staaten“ verliehen.

John Joseph „Black Jack“ Pershing starb im Sommer 1948 in Washington, D.C. und wurde standesgemäß auf dem Nationalen Ehrenfriedhof Arlington feierlich beigesetzt. Aber seine Taten haben ihn überlebt. In den 1970er Jahren, auf dem Höhepunkt der US-Aggression gegen die Völker Vietnams, Laos’ und Kambodschas, bezeichnete Professor Frank E. Vandiver, ein Militärhistoriker und Dozent an der West Point-Akademie, Pershing wörtlich als „den größten Menschen seit Jesus Christus“. Sogar NATO-Strategen müssen von dem Mythos, der Durchschlagskraft und den Heldentaten eines „Black Jack“ ergriffen gewesen sein. Anfang der 1980er Jahre wurden neben Marschflugkörpern eben auch Pershing-Raketen in Westeuropa stationiert, um diesen Teil des Globus gegen mögliche Angriffe der damals noch intakten Sowjetunion zu schützen.


* Weiteres zu den Hintergründen der Politik des neuen philippinischen Prsädienten Rodrigo R. Duterte erfahren Sie in folgenden Artikeln:

Dunkler Auftakt einer vermeintlichen Lichtgestalt

Verhandlungen in Oslo: „Geisel im Friedensprozess“

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