Weltpolitik

„Die Dschihadisten wollen uns auslöschen“

Der Bürgerkrieg in den syrischen Kurdengebieten spitzt sich zu – und auch im türkischen Teil Kurdistans steht der Friedensprozess auf der Kippe –

Von THOMAS EIPELDAUER, 09. September 2013 –

Kurdische Demonstration in Berlin„Hunderte Zivilisten sind von den Al-Qaida-Gruppen entführt worden, es sind unsere Verwandten, unsere Nachbarn und Freunde, die von den Islamisten terrorisiert werden. Und wen interessiert das hier? Kaum jemanden!“ Deshalb sei Ali, ein kurdischer Mann Mitte Dreißig, heute hier zusammen mit seinen Freunden auf der Straße, um auf Rojava – so der Name des kurdisch besiedelten Teils Syriens – aufmerksam zu machen.

Einige hundert Kurden waren es, die am vergangenen Samstag in Berlin-Neukölln zu einer Solidaritätsdemonstration mit der kurdisch-syrischen Partei PYD (Partiya Yekitîya Demokrat, Partei der demokratischen Union) zusammenkamen. Die PYD, eine Schwesterpartei der in der Türkei wie Europa immer noch verbotenen kurdischen Arbeiterpartei PKK, ist die bei weitem stärkste Kraft im Norden und Nordosten Syriens, entlang der Grenze zur Türkei.

Politik der Eigenständigkeit

Dass ihr, im Unterschied zu den Rebellengruppen FSA (Freie Syrische Armee) und den Al-Qaida-nahen Terrororganisationen Al-Nusra und ISIS (Islamischer Staat im Irak und Großsyrien) so wenig Aufmerksamkeit seitens westlicher Medien und Politiker zuteil wird, scheint auf den ersten Blick unverständlich. Von Anfang an, hatten die Kurden eine Politik der Äquidistanz verfolgt, gegen das Assad-Regime protestiert, aber sich auch nicht der vom Westen und den Golfdiktaturen Saudi-Arabien und Katar gesteuerten und keineswegs demokratischen bewaffneten Opposition angeschlossen. Im Unterschied zu den meisten anderen Fraktionen der syrischen Opposition pflegt die PYD keinen konfessionellen oder ethnischen Hass und hat sich den Aufbau demokratischer Strukturen sowie soziale und Frauenrechte auf die Fahne geschrieben.

Auf den zweiten Blick scheint die Skepsis des Westens gegenüber der PKK-Schwesterpartei wohl begründet. Denn eine Gruppe, die stark auf ihre eigene Autonomie bedacht ist, lässt sich schwerer steuern als die jetzt gegen Assad kämpfenden Rebellen. Die PYD hat mehrfach erklärt, dass sie weder die Einheit Syriens in Frage stellt, noch gewillt ist, sich den Regierungstruppen unterzuordnen. „Einige haben die Kurden beschuldigt, einen Deal mit Assad gemacht zu haben, aber es scheint eher so, dass beide Gruppen einfach pragmatisch handeln. Assad will keine neue Front eröffnen, und die Kurden wollen einfach ihr Gebiet und ihre Bevölkerung beschützen“, schreibt der Vice-Journalist Danny Gold. (1) Die kurdische Miliz sei eine, die „keine Hilfe von irgendjemandem wolle“.

Tatsächlich haben die Kurden bislang allen Vereinnahmungsversuchen eine Abfuhr erteilt. Sie sind keine Vasallen Assads, und sie wollen sich nicht den bewaffneten Banden der Opposition unterwerfen. Und: Sie lehnen eine ausländische Intervention, gerade auch mit Blick auf die bereits in den Startlöchern stehende Erdogan-Regierung in Ankara, ab. Gerade im Moment stellen die mit dem Westen verbündeten Oppositionsgruppen allerdings die größere Gefahr für sie dar: „Nicht Assad, sondern die Islamisten sind nun unsere größten Feinde. (…) Das Assad-Regime hat uns nur unterdrückt, die Dschihadisten wollen uns auslöschen“, zitiert das US-Magazin Foreign Policy einen kurdischen Polizeioffizier. (2)

Zudem gilt die kurdische Freiheitsbewegung dem NATO-Partner Türkei nach wie vor als der Erzfeind schlechthin. Und so wird die – ebenfalls nur auf den ersten Blick paradoxe – Unterstützung dschihadistischer Fundamentalisten fortgesetzt, die finanziert aus Saudi-Arabien und Katar mit dem Segen der USA und aus dem Staatsgebiet der Türkei kurdische Zivilisten terrorisieren.

Kein Tag vergeht ohne Gefechte an dieser weniger beachteten Front des syrischen Bürgerkriegs. In Aleppo liefern sich Einheiten der FSA Kurdische Demonstration in BerlinAuseinandersetzungen mit der kurdischen El-Ekrad und den der PYD zugehörigen Volksverteidigungseinheiten YPG, im Nordosten kommt es immer wieder zu Kämpfen im Distrikt Al-Hasaka, in Grenzstädten wie Ras al-Ain. Hunderte Zivilisten sollen sich nach Angaben kurdischer Nachrichtenagenturen in der Gewalt islamistischer Gruppen befinden, sie werden als Geiseln gehalten. Für die Kurden insgesamt, nicht nur für diejenigen, die politisch der PYD nahestehen, geht es um Leben und Tod. Denn die Al Qaida nahestehenden Dschihadisten denken nicht in politischen, sondern in ethnischen und religiösen Kategorien.   

So berichten kurdische Überlebende von Übergriffen islamistischer Terroristen, denen Fatwas, islamische Rechtsgutachten, örtlicher Geistlicher vorangegangen waren, die die „Auslöschung“ der Kurden fordern. „Sie verkündeten aus den Lautsprechern auf dem Minarett, dass es helal sei, sich das ‚Eigentum und die Ehre der Kurden‘ anzueignen“, berichtet die 25-jährige Kevser Kalo, die nach einem Übergriff der Al-Nusra-Front aus Tel Hasil geflohen war. (3)

Frauen an der Front

Das Eigentum, das meint in der Optik der Kämpfer für das großsyrische Kalifat auch die Frauen der Kurden. Sie würden im Falle eines Sieges der islamistischen Gruppen am meisten zu befürchten haben. Es ist also wenig überraschend, dass der weibliche Anteil an der Guerilla in den kurdischen Milizen sehr hoch ist. Die kurdische Bewegung stellt – im Unterschied zu allen anderen Oppositionsmilizen – eine eigene Frauengeruilla auf, die YPJ (Yekîniyên Parastina Jin, Verteidigungseinheiten der Frauen). Das Training und die politische Ausbildung der Frauen läuft autonom, ohne Männer ab, an den Frontlinien wird in gemischtgeschlechtlichen Einheiten gekämpft.

Kurdische Demonstration in BerlinEine Videodokumentation zeigt den Alltag der Ausbildung der jungen Frauen. Sport, Schießübungen, politische Theorie und Volkstanz – für die hier organisierten Frauen ist das eine Form der Selbstermächtigung: „Wenn eine Frau eine Waffe in die Hand nimmt, um sich selbst und ihre Heimat zu schützen, ist das eine Revolution für sich“, sagt eine Kommandantin der YPJ. „Wir wollen ein demokratisches System, das uns als Kurden akzeptiert“, erläutert sie ihre politischen Ziele. (4)

Mehrere Frauenbataillone hat die kurdische Miliz bereits aufgestellt, von mindestens 40 Prozent Frauenanteil in der YPG spricht das US-Magazin Foreign Policy. (5) „Diese Al-Qaida-Typen macht es verrückt, wenn sie hören, dass es uns weibliche Kämpferinnen gibt“, zitiert das Blatt die Guerillera Roshna Akeed. Die tausenden ausländischen Söldner, die auf Seiten der Dschihadisten kämpfen, machen ihr keine Angst: „Ja, sie sind eine Menge“, sagt sie. „Aber sie sind lausige Kämpfer. Sie sind unorganisiert und es ist leicht für uns, sie zu töten.“

Türkei unterstützt Terroristen

Und tatsächlich kann man sagen – soweit die Nachrichtenlage ein Urteil erlaubt -, dass die YPG im Moment die Oberhand in den kurdischen Landesteilen behält. Einfach ist das allerdings nicht. Denn die Dschihadisten können auf umfassende Unterstützung aus Katar und Saudi-Arabien sowie aus der Türkei zählen.

Zahlreichen Medienberichten zufolge können sich die Kämpfer der Al-Nusra, von ISIS und FSA nach Gefechten über die türkische Grenze zurückziehen, werden dort behandelt und können Nachschublinien organisieren. Wie die Nachrichtenagentur ANF kürzlich berichtete, soll sich eines der „Hauptquartiere“ bewaffneter islamistischer Gruppen in der türkischen Grenzstadt Ceylanpinar befinden. Eine Einrichtung des staatlichen Generaldirektorats für landwirtschaftliche Unternehmen (TIGEM) werde von den Al-Qaida nahen Gruppen als „Lager für Waffen, Munition und Nahrung“ genutzt. (6)

Ein weiterer Bericht dokumentiert das Innenleben der dschihadistischen Gruppierungen und ihre Ausbildung in der Türkei. ANF sprach nach Kurdische Demonstration in Berlineigenen Angaben mit einem ehemaligen Kämpfer der Al Nusra, der behauptet, von türkischen Soldaten ausgebildet worden zu sein. Bilal, so der Kampfname des türkischen Staatsbürgers, berichtet, er sei zusammen mit 23 anderen in der syrischen Stadt Tal Abyad an der Waffe ausgebildet worden. „Wir sprachen kurdisch, türkisch und arabisch miteinander. Da waren auch noch andere, die Emir, Führer, genannt wurden, aber diese Personen waren Ausländer. Drei von ihnen waren türkisch und sagten, sie wären ehemalige Soldaten. (…)“ Auch Bilal erzählt davon, dass die Grenzübergänge aus der Türkei eine zentrale Rolle für die dschihadistischen Kräfte spielen.

Zusätzlich zu der logistischen, medizinischen und militärischen Unterstützung syrischer Dschihadisten-Gruppen beginnt die Türkei offenbar, in Erwartung eines US-Militärschlags eigene Truppen an der syrischen Grenze zu verstärken. Wie dpa berichtete, seien Soldaten und gepanzerte Fahrzeuge in der Provinz Hatay zusammengezogen worden.

Friedensprozess vor dem Aus

Dies stellt aus Sicht der in den türkischen Teilen Kurdistans aktiven PKK eine erneute Provokation dar. Der auf Initiative des inhaftierten PKK-Führers Abdullah Öcalan im März 2013 begonnene Friedensprozess stockt seit langem. Die kurdische Seite bemängelt, dass trotz weitreichender Schritte der PKK, die begonnen hatte, ihre Einheiten aus der Türkei abzuziehen, sich die Regierung von Ministerpräsident Tayyip Erdogan keinen Millimeter bewegt habe.

Im Gespräch mit der Tageszeitung junge Welt äußert sich Cemal Bayik, Gründungsmitglied der Arbeiterpartei Kurdistans und Vorsitzender des Exekutivrats der „Koma Civakên ­Kurdistan“ (KCK), der Dach­organisation der kurdischen Befreiungsbewegung, hinsichtlich des Friedenswillens der türkischen Regierung äußerst skeptisch: Die Regierung in Ankara „bereitet sich offensichtlich wieder einmal auf einen Krieg gegen die kurdische Bewegung vor. Drohnen fliegen oft tagelang über die kurdischen Provinzen der Türkei sowie über die Kandilberge im Nordirak. In den Regionen, aus denen sich die PKK zurückgezogen hat, werden neue Militärposten eingerichtet.“ Die türkische Regierungspartei AKP „reagiert nicht auf unsere Friedensbemühungen – unsere Geduld ist allmählich zu Ende“, fasst er zusammen. (7)

Sollte die Türkei die historische Gelegenheit den Jahrzehnte dauernden Konflikt beizulegen, die sich im März eröffnet hat, nicht nutzen, wird die Region eine weitere Frontlinie haben – mit unabsehbaren Folgen auch für Syrien.   


 

Anmerkungen

(1) http://www.vice.com/read/meet-the-ypg

(2 )http://www.foreignpolicy.com/articles/2013/08/28/the_civil_war_within_syria_s_civil_war_kurdish_fighters?page=0,1

(3) http://kurdishrights.org/2013/08/06/fatwa-announced-from-mosques-to-kill-kurds-in-rojava-say-survivors-of-massacre/

(4) http://www.youtube.com/watch?v=Qj0zuoKnqa4

(5) http://www.foreignpolicy.com/articles/2013/08/28/the_civil_war_within_syria_s_civil_war_kurdish_fighters?page=0,1

(6) http://en.firatajans.com/news/news/central-headquarters-of-gang-groups-located-in-ceylanpinar.htm

(7) http://www.jungewelt.de/2013/08-30/041.php?sstr=Geduld

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