Weltpolitik

Die Malwinen sind argentinisch

Ein (neo)kolonialistisches Lehrstück. Vor dreißig Jahren begann der Falklandkrieg –

Von WOLF GAUER, São Paulo, 2. April 2012 –

Ich erinnere mich sehr genau. Vierter Mai 1982. Ich saß gegen Abend vor meinem Kurzwellen-Empfänger und hörte Radio BBC. Sondermeldung: „Ihrer Majestät Schiff Sheffield ging…“ – der Sprecher verhielt und schluckte hörbar – „ heute verloren“.

Es war auf einmal Krieg in unserem Südamerika, zum ersten Mal seit 50 Jahren. Kein jahrelanger, blutiger Hahnenkampf um fiktive Erdölfelder zwischen etwa gleichstarken Nachbarn wie im längst vergessenen Chaco-Krieg zwischen Paraguay und Bolivien (1932-1935), sondern eine völlig unerwartete, anachronistische Keilerei. Auf der einen Seite die auf NATO-Standard getrimmte, US-gestützte Nuklearmacht Groß-Britannien, auf der anderen die uniformierten Schnurrbärte der damaligen Militärdiktatur Argentinien. Ein kurzer, ungleicher Kampf um Restposten britischen Überseebesitzes, nach Lesart der Sieger vom 2. April bis 14. Juni 1982. Er kostete 910 Menschenleben und jährt sich nun zum dreißigsten Mal.

FalklandinselnEs ging um drei Inselgruppen im Südatlantik. Um die Südgeorgien-Insel (South Georgia Island), die Südlichen Sandwichinseln (South Sandwich Islands) und um die Malwinen (Falkland Islands). Letztere rund 400 km querab Feuerland (Argentinien). Alle in britischem Besitz nach kolonialistischer, also eigenmächtiger Aneignung im 19. Jahrhundert und von den Malwinen aus verwaltet.

Nur auf diesen lebt eine bodenständige Bevölkerung von 3100 Menschen. Seit dem 17. Jahrhundert sind die Malwinen den europäischen Mächten bekannt (Amerigo Vespucci, Fernão Magalhães und andere sollen sie schon vorher gesichtet haben). Alle, an erster Stelle die Briten, betrachten sich als ihre Entdecker. Viele Korsaren, Walfänger und Kauffahrer hatten ja schon mal bei schwerem Wetter oder aus Raubgier in den kalten, verregneten Buchten geankert, um jedoch baldmöglichst wieder zu verschwinden.

Nach dem verlorenen Siebenjährigen Krieg (1756-1763) beabsichtigte Frankreich, aus Kanada vertriebene Landsleute auf den Malwinen unterzubringen. Paris erfasste den strategischen Wert eines eigenen, insularen Stützpunktes auf dem vielbefahrenen Seeweg zum Pazifik und den Wal- und Robbengründen des Südatlantiks. Der französische Weltumsegler Louis-Antoine de Bougainville gründete deshalb die Compagnie Saint-Malo, die 1764 erste 27 Franzosen anlieferte, die Inseln für Frankreich reklamierte, diese aber schon drei Jahre später, und nach beiderseitiger Übereinkunft, an Spanien abtrat. Frankreich akzeptierte die augenfällige Zugehörigkeit der Inseln zum nahen, damals noch spanischen Kontinent. Dem Heimathafen der Franzosen, Saint-Malo, entstammt übrigens der Name Îles Malouines, den die folgende, spanische Herrschaft als Islas Malvinas weiterführte.

Erst 1828 gelang dem Festland „gegenüber“, dem seit 1816 von Spanien unabhängigen „Vizekönigreich des Rio de la Plata“ (späterhin Argentinien), ein bleibendes Besiedlungsunternehmen. Parlamentarisch abgesegnet, bürokratisch verbrieft und damit grundverschieden von der damals üblichen, kolonialistischen Landnahme vom Typ Anlanden, „ich nehme in Besitz“ rufen, Fahne aufziehen, dreimal Bumm-Bumm und Ablegen. Der rührige Hamburger Hugenotte Louis Vernet, in jenen Tagen Unternehmer und Bürger von Buenos Aires, erhielt eine argentinische Vollmacht zur Erschließung und Nutzung der Malwinen, die er unter legendären Strapazen zustande brachte. Er schaffte Rinder und Schafe auf die Inseln, vor allem aber abgehärtete Gauchos, denen zuweilen die Pferde unterm Sattel erfroren. 1829 wurde Vernet zum Gouverneur der Malwinen ernannt. Und 1833, als er gerade mal in Buenos Aires zu tun hatte, erklärte sich die Regierung Seiner britischen Majestät Williams IV ganz nonchalant zum Besitzer der Eilande und der dort geschaffenen Infrastruktur. Schottische und englische Einwanderer treffen ein, auch einige Deutsche und Skandinavier. Die französischen und hispanischen Anwohner machen ab 1860 gerade noch dreißig Prozent aus und vermischten sich allmählich mit den Neuankömmlingen.

Thatcher - FalklandBuenos Aires protestierte gegenüber der unbestrittenen Weltmacht des 19. Jahrhunderts. Und es ist seither in Argentinien immer bei Protesten und jener etwas kopflosen, ohnmächtigen Erbitterung geblieben, die auch seiner Kriegsführung von 1982 und der gegenwärtigen Haltung gegenüber England anzumerken ist. Im kleinsten argentinischen Weiler verkünden große Tafeln, was alle längst wissen: Las Malvinas son argentinas (die Malwinen sind argentinisch).

Ebenso wie der Affenfelsen von Gibraltar gelten die Malwinen bis dato als britisches Überseegebiet. Die Regierung Cameron lehnt jede Verhandlung über die argentinischen Ansprüche ab, solange die ortsansässige Bevölkerung nicht gegen ihre Zugehörigkeit zum Vereinigten Königreich votiert. Und das wird sie nicht; Cameron weiß es. Die Falkländer stammen aus Nordengland und Schottland; nichts verbindet sie mit der lateinamerikanischen Kultur des Festlands. Ihre Nationalhymne ist God save the Queen.

Auch die ultra-liberalistische britische Regierungschefin Margret Thatcher (Amtszeit:1979-1990) wusste das. Sie hatte um 1981 die soziale Demontage und die Privatisierung des britischen Volkseigentums soweit getrieben, dass sie ihre Wiederwahl davonschwimmen sah (Zustimmungsrate 28 Prozent, Arbeitslosigkeit über 13 Prozent). Ein medienwirksames, möglichst patriotisches Ereignis musste her und hochgespielt werden: die spektakuläre, kompromisslose Verteidigung der Falkländer gegen böse, argentinische Begehrlichkeiten.

Ein sehr opportuner, nie völlig geklärter Zufall kam ihr da gerade recht. Die sogenannte Davidoff-Affäre vom 19. März 1982 – für Buenos Aires der eigentliche Kriegsbeginn. Der argentinische Schrotthändler Davidoff hatte 41 Arbeiter auf der Südgeorgieninsel angelandet und dies im Einvernehmen mit der britischen Botschaft in Buenos Aires. Alte, verfallene Walfangbasen sollten abgebaut werden. Angeblich wurde dabei ein Frachter der argentinischen Marine benutzt und die blauweiße argentinische Fahne gehisst, was einerseits zum angestauten, argentinischen Ingrimm passen würde, andererseits als Invasion britischen Territoriums hingestellt werden konnte. Eine erste Konfrontation von Hubschraubern und die (irrtümliche) BBC-Nachricht vom Auslaufen englischer Nuklear-U-Boote aus Gibraltar brachten die ohnehin gereizten Gemüter der Junta in Buenos Aires zum Kochen. Wie in Uruguay, Chile und Brasilien regte sich nämlich auch in Argentinien zunehmender Widerstand gegen den beispiellosen Staatsterror der Militärregierung, der mindestens 30 000 Menschenleben gefordert hatte. Auch hier musste nun patriotischer Aktivismus her. Konzeptlos und bar jeder politischen Perspektive, sandten die Generäle U-Boote und ein paar Landungstruppen nach Südgeorgia. Und am 2. April besetzten sie die Malwinen.

Thatcher hatte ihren casus belli, gewann ihren Krieg mit Ach und Krach dank US-amerikanischer Aufklärungs- und Spionageassistenz und wurde 1983 wiedergewählt – zum Preis von 258 britischen, 3 falkländischen und 649 argentinischen Toten nebst 1,19 Milliarden Dollar Kriegskosten allein auf britischer Seite. Die hohe argentinische Verlustrate ist Resultat der Torpedierung des Kreuzers General Belgrano (Bj.1946), der mit 323 Mann unterging. Er wurde übrigens außerhalb der von der englischen Admiralität festgelegten Konfliktzone angegriffen und versenkt – right or wrong, my country (richtig oder falsch, es geht um mein Land).

belgrano.jpgUnd der Krieg tat Thatcher einen weiteren Gefallen. Er übertünchte einen Skandal von seltener Güte: Verschwiegen und vergessen ist nämlich, dass die „eiserne Lady“ noch 1980 entschlossen war, die kostspieligen malwinischen Untertanen Ihrer Majestät der weltweit verhassten argentinischen Junta zu überlassen. Der neoliberale Commonwealth-Minister Nicholas Ridley sollte Thatchers Plan den Falkländern mundgerecht machen: Ihre Inseln unter argentinischer Souveränität mit anfangs noch englischer Verwaltung, die aber späterhin ganz von Buenos Aires übernommen werden sollte. Thatcher erhoffte sich dabei sogar eine Entschädigung von Argentinien – psychologisch so daneben wie finanziell unrealistisch. Die Insulaner waren empört, die Argentinier beleidigt. Die Einen wollten sich nicht verkaufen lassen, die Anderen nicht kaufen, was ihnen ohnehin gehört.

Vergeben, aber nicht vergessen seitens der Falkländer. Sie leben weiterhin hauptsächlich von Schafzucht, Fischerei und der finanziellen und technischen Unterstützung durch das Mutterland. (etwa 500 Mio. Pfund pro Jahr einschl. Militärausgaben). Dazu gehört z.B. auch der kostenlose Transport zur Blinddarmoperation im fernen Chile. Die „kelpers“ (in Anspielung auf den wuchernden Seetang – „kelp“ – ihrer Küste) teilen heute ihr ehemals beschauliches Dasein mit etwa 2000 Soldaten der nunmehrigen Festung Falkland. Mit gemischten Gefühlen. Sie sind zwar britische Untertanen, fühlen sich aber weder als Briten noch als Europäer. Der Krieg und die Kriegsfolgen haben ihnen den enormen Unterschied zu England deutlich gemacht, die langjährige demographische, wirtschaftliche und soziale Stagnation und den unübersehbaren Reformbedarf. Andererseits sehen sich die Falkländer optimistisch als zukünftige Nutznießer ihrer natürlichen Ressourcen. Die Ölvorräte vor ihrer Küste werden auf 40 Mrd. Barrel geschätzt; anglo-amerikanische Firmen (Desire Petroleum, Falkland Oil and Gas, Rockhopper, Borders & Southern) sind schon am Bohren. Neue, anspruchsvollere Arbeitsplätze entstehen; die Beziehungen zur nördlichen Halbkugel sind intensiver als je zuvor.

Die separatistischen Töne aus Schottland und Wales haben erste Überlegungen zu einem eigenständigen Status der Inseln beschleunigt. Schon 1989 konzedierte London eine neue Falkland-Verfassung mit einer achtköpfigen Gesetzgebenden Versammlung (Legislative Assembly), die zwar zusammen mit dem britischen Gouverneur regiert, aber – und da ist die City vor – nicht über Steuern und Finanzen bestimmen darf. Mike Summers, hochdekoriertes Ratsmitglied, fasst zusammen: „ Auf Falkland existiert eine Dynamik hin zur eigenen, nationalen Identität. Sie stützt sich auf eine Verständigung mit Argentinien (…) wir sind ein Volk, genau wie Argentinien, Uruguay, Brasilien und Chile und andere Nationen, die von europäischen oder afrikanischen Einwanderern abstammen“. Die britische Tageszeitung The Guardian konstatiert ebenfalls eine „Ethnogenese, die keineswegs anders ist als die anderer typischer Einwanderungsländer – Amerikas, Australiens oder Neuseelands,  faktisch nicht verschieden von den benachbarten südamerikanischen Nationen“.

Wie soll es weitergehen, wen kümmern wirklich die Menschen auf den Malwinen? Für Premierminister Cameron sind sie eben nur Bauern im geostrategischen Schach. Zynisch wirft er ausgerechnet Argentinien „Kolonialismus“ vor (18. Januar 2012). Er lehnt die wiederholte Aufforderung der UNO zu Verhandlungen ab und militarisiert provokant die Region mittels Entsendung eines Zerstörers, dessen Raketenbestückung laut offizieller Presseerklärung „alle südamerikanischen Luftstreitkräfte vernichten“ kann, eines Atom-U-Botes mit Nuklearwaffen und eines prinzlichen Piloten aus dem stets kooperativen Hause Windsor. Die Kommunistische Partei Argentiniens erkennt darin den Versuch Großbritanniens und der NATO, eine Militärbasis zu etablieren, die ihrem expansiven, aggressiven Kurs im Mittleren Osten und gegenüber Russland entspricht. Und dies ungeachtet der Tatsache, dass die 33 Mitgliedsstaaten der Gemeinschaft Lateinamerikanischer und Karibischer Staaten (CELAC) sich im Dezember 2011 für Argentiniens Souveränität über die Inseln ausgesprochen haben. Fidel Castro Ruz bestätigte am 12. Februar dem Vereinigten Königreich nüchtern und sachlich: „Es gibt keine andere Option als den Rückzug von den Malwinen“ und „der chilenische Diktator Pinochet ist nicht mehr da“, der den Engländern im Krieg gegen Argentinien geholfen habe. Die argentinische Präsidentin Cristina Fernández de Kirchner hat mittlerweile das Landeverbot für Flüge von und nach den Malwinen gemildert, und in den argentinischen Häfen dürfen britische Schiffe wieder anlegen. Argentinische Intellektuelle bemühen sich um Verständnis für die Lage der malwinischen Bevölkerung. Ein erster Falkländer, der Maler James Peck, ist nach Argentinien umgezogen, erhielt einen Ausweis und erklärte „ich bleibe“.

Selbst die USA stellten sich überraschend hinter Argentiniens Forderung nach Verhandlungen. Im Juni 2011 unterzeichneten sie zusammen mit den sozialistischen, anti-amerikanischen Präsidenten Hugo Chavez Frias (Venezuela) und Daniel Ortega Saavedra (Nikaragua) eine Erklärung der (US-hörigen) Organisation Amerikanischer Staaten (OAS) zugunsten der argentinischen Position. Davon ist allerdings nicht viel zu halten, denn das anglo-amerikanische Gespann ist sich über seine wirklichen, weltweiten Ziele einig. Und zu diesen gehört die Antarktis, die nicht nur von Australien und Neuseeland sondern auch von den Malwinen, von der Südgeorgia Insel und den Südlichen Sandwichinseln aus bestens kontrolliert werden kann.

Der internationale Antarktisvertrag zwischen zwölf Nationen (1959) und seine vier Folgeabkommen sehen für die Antarktis eine ausschließlich friedliche, wissenschaftliche und umweltschonende Nutzung vor. Eine 1989 angestrebte Einigung über die Bodenschätze der Region kam aber nicht zustande. Zwanzig Nationen forschen heute in neunzig Antarktisstationen mit mehr oder weniger wissenschaftlichen Absichten. Darunter die südamerikanischen Nachbarn, auch die BRD und Indien. Die Volksrepublik China unterhält drei Stationen, darunter eine der wenigen im Zentrum des Kontinents, Kunlun, auf 4087 m Höhe.

Man rechnet mit etwa 6 Mrd. Tonnen Erdöl und 115 Billionen Kubikmeter Gas – etwa die Hälfte der noch nicht erschlossenen Reserven der Erde. Weiterhin mit Uran, Kohle, Kupfer, Chrom, Titan, Platin und Gold. 2007 erneuerte Großbritannien seine uralten Gebietsansprüche von 1908 auf dem antarktischen Kontinent und dessen Schelfbereich. Es geht um eine Million Quadratkilometer, einschließlich der Südgeorgien- und Südlichen Sandwichinseln – und der Malwinen.

„Eiskalter Imperialismus“, urteilte da selbst die englische Presse.


Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung der Zeitschrift Ossietzky.

Drucken

Drucken

Teilen

Voriger Artikel Weltpolitik „Das würde die gesamte Region zerfetzen“
Nächster Artikel Weltpolitik Iran sucht Verhandlungslösung im Atomkonflikt