Weltpolitik

Erneuter Anschlag in Afghanistan

Von REGINE NAECKEL, 21. Oktober 2008:

Täter und Opfer  –

Bilanz eines Tages Bundeswehreinsatz in Afghanistan. Getötet: fünf afghanische Kinder und zwei Bundeswehrsoldaten. Verletzt: ein afghanisches Kind und zwei Soldaten. Der ISAF-Sprecher Brigadegeneral Richard Blanchette kommentierte den Anschlag: „Taten wie diese, die nichts bieten außer Gewalt und Tod, werden uns von unserem Engagement zur Schaffung eines besseren Afghanistan nicht abbringen.“

Wie sieht dieses „bessere Afghanistan“ nach Vorstellungen der Alliierten aber aus?

„Es gibt keine Entschuldigung für das durch unsere westlichen Militärs erzeugte Leid unter den unbeteiligten und unschuldigen Menschen. … Ich gerate zunehmend in Widerspruch zu dem, wie die eigenen westlichen Truppen in Afghanistan agieren. …Westliche Jagdbomber und Kampfhubschrauber verbreiten Angst und Schrecken unter den Menschen. … Ich stelle dabei zunehmend fest, dass die militärische Lage unzulässig geschönt dargestellt wird. Auch deutsche Generäle beschönigen oder verschweigen eigene Probleme. … Das Militär droht sich zu verselbstständigen und von den politischen und völkerrechtlichen Vorgaben zu lösen.“ 1

Diese dringende Warnung eines Bundeswehr-Offiziers ist kein Statement zu dem aktuellen Fall, bei dem gestern im Norden Afghanistans erneut Bundeswehrsoldaten und Zivilisten starben, sondern es sind Auszüge eines Briefes an Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier vom Mai 2007. Warnungen, die die Bundesregierung nicht nur ignorierte, sondern vor der Öffentlichkeit verschweigt.

Gerade vor fünf Tagen hatte das Parlament mit dem Verweis auf den 11. September 2001 und dessen Hintermänner am Hindukusch einer Verlängerung und Ausweitung der deutschen Kriegsbeteiligung zugestimmt. 2 Die Antwort aus Kundus kam prompt. Und von den „Ja-Sagern“ aus den Reihen der Parteien kommen nun Betroffenheit und Beileidsbekundungen – prompt.

Verteidigungsminister Franz Josef Jung musste seinen Urlaub unterbrechen, um gestern schleunigst der Presse zu erklären, dass „es darum geht, den Terror in Afghanistan zurückzudrängen, bevor der Terror nach Deutschland kommt“. 3

Eine Ausdehnung der Talibanangriffe nach Deutschland wäre unter den gegebenen Umständen allerdings schlecht möglich, der Täter benutzte ein Fahrrad. Insgesamt weisen Anschläge, die den „militant-islamistischen“ Taliban zugeschrieben werden, kaum darauf hin, dass damit Deutschland militärisch bedroht werden könnte.

Wie bei diesen Fällen üblich, zitieren die Nachrichtenagenturen ein Bekennerschreiben des derzeitigen Taliban-Sprechers Sabiullah Mudschahid (internationale Schreibweise: Zabiullah Mujaheed). Danach teilte er im Anschluss an den Anschlag am Montag auf der „Homepage der Aufständischen“ 4 nach wenigen Stunden mit, ein Selbstmordattentäter namens Islamuddin habe sich in die Luft gesprengt. Die Domain der Webseite wird allerdings nie genannt, sodass eine Überprüfung nicht möglich ist. Die ursprüngliche offizielle Seite der Taliban „http://hus.p arkingspa.com“ wurde bereits 2001 vom Netz genommen. Später ins Netz gestellte Seiten, meist unter Namen wie „Voice of Jihad“ und ähnlich kämpferisch klingenden Namen wurden ebenfalls aus den USA gehostet, dann aber immer wieder vom Netz genommen. 5

Trotzdem finden sich unter amerikanischen „Dot Com“-Adressen immer noch Anleitungen zum Bombenbau „The preparatory manual of explosives“. Sie können genauso wie Aufrufe zum Dschihad weiterhin ohne Einschränkung von US-amerikanischen Anbietern publiziert werden. (http://theunjust media.com/) Diese Seite berichtet auch regelmäßig über Taliban-Angriffe und gilt als deren „Zentralorgan“. Über welche weitere „Homepage“ die Taliban die aktuellen Meldungen kommuniziert haben sollen, bleibt in den Medienmeldungen im Dunkeln.

Die „Deutsche Presseagentur“ nennt als Quelle der ersten Informationen zu dem Anschlag die Website des „Islamischen Emirats Afghanistan“, die aber gibt es so nicht im Netz. Gestern verkündeten die Taliban laut dpa dort, zwölf Soldaten der „Invasionsarmee“ getötet zu haben. Und weiter hieß es, Deutsche Soldaten hätten nach dem Anschlag das Feuer eröffnet und dabei die Kinder getötet.

Der Gouverneur der Provinz Kundus, Engineer Mohammad Omar, will sogar wissen, „man habe vor dem Anschlag Erkenntnisse über fünf aus Pakistan eingesickerte Selbstmordattentäter gehabt“. 6

Der gestrige Hergang jedoch scheint unbestritten: Bundeswehreinheiten wollten in einem Dorf nahe Kundus vermeintliche Waffenlager ausheben. Insgesamt waren 160 deutsche Soldaten mit sieben Fahrzeugen, 30 afghanische Soldaten und 20 afghanische Polizisten an dem Großeinsatz beteiligt. 7

Zu den Opfern des Anschlags gehören vor allem Kinder. Es ist nicht ungewöhnlich, dass ein solches Truppenaufgebot von arglosen Kindern umringt wird, ob mit oder ohne Geschenke wie Schokolade und Kaugummi. Unüblich ist vielmehr, dass ein Attentäter inmitten einer spielenden Kinderschar seine Bombe zündet.

Eine weitere Eskalation der Auseinandersetzung zwischen Taliban und ISAF scheint jedoch vorgezeichnet. Nur wenige Tage vor dem gestrigen Anschlag war es im Süden Afghanistans zu massiven Auseinandersetzungen zwischen Taliban und afghanischen Sicherheitskräften gekommen. Nach Aussagen ISAF attackierten die Taliban am 12. Oktober eine Polizeistation in Lashkargah, Hauptstadt der Provinz Helmand. 8 Die ISAF setzte daraufhin Flugzeuge ein, insgesamt sollen dabei mehr als 100 Taliban-Kämpfer getötet worden sein. Weitere 40 Aufständische sollen bei einer gemeinsamen mehrtägigen Militäroperation von afghanischen Truppen und ISAF-Soldaten in Helmand ums Leben gekommen sein.

Eine Ausweitung der militärischen Operationen durch NATO-Truppen, wie es vor allem auch der US-amerikanische Präsidentschaftskandidat Obama plant, trägt kaum zur Befriedung der Region bei. Der „Terror“, gegen den die Alliierten vorgeben ankämpfen zu müssen, wird durch Angriffe auf die Zivilbevölkerung systematisch geschürt. Selbst von Seiten der Grünen, von denen immerhin 15 Abgeordnete für die Verlängerung des deutschen Einsatzes im Bundestag gestimmt hatten, kommen nach den neuerlichen Todesopfern bei der Bundeswehr nachdenkliche Äußerungen: „Es muss klar sein, dass wir in Afghanistan nicht auf ewig bleiben können“, sagte deren designierter Vorsitzender Cem Özdemir. 9

1 http://blog.hintergrund.de/2008/10/12/krieg-kann-so-schon-sein/ und http://www.wdr.de/
tv/monitor/beitrag.phtml?bid=885&sid=164

2 http://www.hintergrund.de/content/view/283/63/
3 http://www.focus.de/politik/ausland/afghanistan-deutsche-soldaten-bei-
selbstmordanschlag-nahe-kundus-getoetet_aid_342212.html

4 dpa-Meldung: 20.10.2008
5 http://mypetjawa.mu.nu/archives/190823.php
6 http://www.handelsblatt.com/politik/international/zwei-bundeswehrsoldaten-
in-afghanistan-getoetet;2068023;2

7 Wie 4
8 http://www.handelsblatt.com/politik/international/mehr-als-100-taliban-kaempfer-getoetet;2060968
9 Web.de zitiert afp – http://magazine.web.de/de/themen/nachrichten/ausland/6842222-Kritik-an-Afghanistan-Einsatz,f=tt2.html

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