Weltpolitik

„Gebt mir Tränengas, ich bin süchtig danach“

Türkei: Tausende Verletzte, doch der Aufstand wächst –

Von THOMAS EIPELDAUER, Istanbul, 9. Juni 2013 –

In dem Kulturzentrum Pangea in der nahe des Taksim-Platzes gelegenen Turnacibasi caddesi herrscht Hochbetrieb. Den ganzen Tag kommen und gehen junge Aktivisten, die Medienarbeit leisten, die Barrikaden bewachen oder sich an den immer noch andauernden Straßenschlachten im Armenviertel Gazi beteiligen.

Grup Yorum
Eure Gewalt kann unsere Lieder nicht unterdrücken. Gegen unsere Gesänge, Lieder und Tänze verliert ihr.. – Auch diie sozialistisch-revolutionäre Musikgruppe „Grup Yorum“, deren Mitglieder immer wieder staatlicher Gewalt ausgesetzt waren, verhaftet und vor Gericht gestellt worden sind, deren Alben oft verboten wurden, ist in Istanbul auf der Straße.  – Foto: Hintergrund

Wieder sind am gestrigen Samstag unzählige Menschen in ganz Istanbul auf die Straße gegangen, alleine an der Demonstration der Fans der großen Istanbuler Fußballvereine hatten sich Zehntausende beteiligt. Der Widerstand gegen die Regierung von Tayyip Erdogans Partei für Gerechtigkeit und Aufschwung (AKP) hat selbst die Hooligans von Fenerbahce, Besiktas und Galatasaray zusammengebracht, die für einander ansonsten kaum mehr als Häme und Prügel übrig haben.

Jetzt stehen sie gemeinsam hinter den Barrikaden, die den Taksim-Platz vor der Polizei schützen. Mindestens genauso verwunderlich ist der Wandel im Verhältnis von Kurden und Türken auf den besetzten Plätzen. Zwar gibt es hin und wieder Auseinandersetzungen, dennoch kann man auf dem Taksim Bilder sehen, die vor zwei Wochen keiner für möglich gehalten hätte: Menschen mit Türkei-Fahne und T-Shirts mit dem Konterfei Mustafa Kemal Atatürks tanzen zu kurdischen Volksliedern. Erdogan hat geschafft, was kaum einer für möglich hielt: Er hat gesellschaftliche Gruppen einander näher gebracht, die lange verfeindet waren. Sie eint die Wut auf seine autoritäre, neoliberale Politik.  

Tausende Verletzte

Der Taksim 8. Juni
Der Taksim-Platz: Über eine Woche nach dem Beginn des Protestes ist der Platz weitestgehend in der Hand der Bevölkerung. – Foto: Hintergrund

Während in Ankara und teilweise auch in Gazi die Straßenschlachten weitergehen, ist das Viertel rund um den Taksim-Platz weitestgehend in der Hand der Bevölkerung. Uniformierte trauen sich nicht einmal in die Nähe des Platzes, die Ruhe der letzten Tage wurde auch genutzt, um die Barrikaden weiter auszubauen, die fast alle Zufahrtsstraßen dichtmachen.

Leicht war es nicht, das zu erreichen, erzählen Aktivisten. „Als ich hier ankam, war ich schockiert von der Brutalität der Polizei. Ich war ja schon einiges gewohnt, aber hier habe ich zeitweise Angst bekommen“, erzählt N., eine junge Türkin, die in Wien studiert und sofort, als sie vom Beginn der Proteste gehört hatte, mit dem Flugzeug hierhergekommen ist. Viele haben Verletzungen, viele berichten von ihren Erfahrungen mit den verschiedenen Arten von Tränengas: Eines verätzt die Haut, ein anderes greift die Lungen so an, dass man meint, ersticken zu müssen.

Barrikaden
Uniformierte trauen sich nicht einmal in die Nähe des Platzes – fast alle Zufahrtswege wurden von den Aktivisten mit Barrikaden abgesperrt. – Foto: Hintergrund

Eine erste Bilanz der Kämpfe, allerdings nur bis zum 6. Juni, haben Aktivisten aus Daten des TurkishMedical Association Council (www.ttb.org) zusammengestellt. Alleine Istanbul hat 1 840 Verletzte zu verzeichnen, 12 davon schwer, 5 auf der Intensivstation, 5 erblindet, 2 in lebensbedrohlichem Zustand. Eine Person starb. Landesweit mussten 4 785 in Krankenhäuser, zwei Demonstranten und ein Polizist sind tot.

Tausende weitere wurden in der vergangenen Woche von der Polizei in Gewahrsam genommen. Zwar sind die meisten wieder frei, aber wie mir eine Anwältin des Halkin Hukuk Bürosu, einer Organisation politischer Anwälte, die sich um revolutionäre Gefangene kümmert, erklärt, nur deshalb, weil die Behörden erst die Beweislage und das Videomaterial auswerten. „Wir erwarten einen großen Repressionsschlag“, sagt sie besorgt.

Humor und Wut

Dort, wo sich die Bewegung durchgesetzt hat, blickt man mit Humor auf das Erlittene zurück. „Gebt mir Tränengas, ich bin süchtig danach“, ruft ein Demonstrant am Taksim-Platz. „Kommt doch ohne Knüppel und Helm, und wir sehen wer übrig bleibt“, rufen bei der gestrigen Nachmittagsdemonstration Hunderte. Eine Passantin sagt, wenn sie in Zukunft Probleme hat, ruft sie nicht mehr 155, die Nummer der Polizei an, sondern die Besiktas-Hooligans, die seien effektiver.  

Solidarität aus Griechenland
Internationaler Barrikadenbau – hier das Werk griechischer Unterstützer. – Foto: Hintergrund

Für Erdogan und seine AKP hat man längst nur noch Spott übrig. Der Premier hatte die Demonstranten als „çapulcular“, als Marodeure bezeichnet. Nun sieht man überall Menschen mit T-Shirts, auf denen steht: „Every day I am capulculing“, ein Gemüseverkäufer bietet seine Gurken verbilligt an: „Für Capulcular nur 50 Lira“.

Die Protestierenden sind in einer Art kollektivem kreativen Rauschzustand. Abertausende Wandmalereien zieren die Häuser und Straßen rund um den Taksim, jeden Abend laufen hunderte Jugendliche durch die Straßen und bemalen die letzten freien Stellen. Die Barrikaden bestehen aus allem, was man finden kann, vom ausgebrannten Polizeiwagen über den Linienbus bis zum Wachhaus. Eigene Lieder werden komponiert, immer neue Slogans und Parolen machen die Runde.

Doch die Feierstimmung kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass es vor allem Wut ist, die sie auf die Plätze treibt. Wut auf die soziale Ungerechtigkeit in ihrem Land, Wut auf die imperialistische an den USA ausgerichtete Außenpolitik ihrer Regierung, Wut auf Erdogans Versuch, der Gesellschaft sein Verständnis des Islam aufzuzwingen, Wut auf die Unterdrückung von ethnischen und religiösen Gruppen, Wut über den rasanten Umbau ihrer Stadt ohne jedes Augenmerk für die Wünsche der Bevölkerung.

Erdogan unter Zugzwang

War Mitte letzter Woche noch unklar, ob die Bewegung durchhalten würde, so ist spätestens jetzt klar: Die Menschen werden nicht einfach wieder nach Hause gehen. Der Premier steht nun vor dem Problem, dass die Bewegung wächst, wenn er nichts tut. Wenn er sie aber durch die Polizei angreifen lässt, wächst

ibrahim_kaypakkaya
Ein Transparent zur Erinnerung an İbrahim Kaypakkaya. Der Gründer der Kommunistischen Partei der Türkei/Marxisten Leninisten starb im Mai 1973 nach seiner Verhaftung. Seitdem gilt er als Ikone für die Anhänger der linken Bewegung. – Foto: Hintergrund

sie noch mehr – und zusätzlich radikalisiert sie sich. Will er sich an der Macht halten, wird ihm nichts anderes übrigbleiben, als zumindest einige der Forderungen zu erfüllen. Aber auch das könnte ihm zum Verhängnis werden: „Wenn die Leute jetzt sehen, dass sie sich durchsetzen können, werden sie mehr und mehr wollen“, sagt Hakan Dilmec von der marxistischen Zeitschrift Kaldirac.

Um aus der Defensive zu kommen, setzt der Premier nun offenbar auf seine Anhänger. Für die kommende Woche sind zwei Großdemonstrationen der AKP geplant. Schon kurz nach Beginn des Aufstandes hatte Erdogan geprahlt, er könne die ihn unterstützenden Massen nur noch mit Mühe zu Hause halten. Viele haben das als Drohung mit einem Bürgerkrieg wahrgenommen.

Welche der für ihn ungünstigen Optionen der Premier wählt, ist noch unklar. Nicht wenige auf dem Taksim denken, dass die Polizei Anfang nächster Woche einen Versuch starten könnte, den Platz zurückzuerobern. Die Bewegung beenden würde das sicherlich nicht – eher im Gegenteil.

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