Weltpolitik

Gewollte Spaltung

Um den Iran zu schwächen: Westen schürt Religionskrieg in Syrien –

Von SEBASTIAN RANGE, 4. Juli 2013 –

Der Konflikt in Syrien wird in den hiesigen Massenmedien zunehmend als konfessionelle Auseinandersetzung zwischen Sunniten auf der einen, AlnusraFrontSchiiten und Alawiten auf der anderen Seite interpretiert. Dabei wird zumeist unterschlagen, dass die wachsenden religiösen Spannungen in der arabischen Welt auf eine gezielte Strategie der USA und der mit ihr verbundenen Mächte zurückgehen, die den eigenen – gegen den Iran gerichteten – geopolitischen Interessen zweckdienlich erscheint.

Die Vertreter der „Gruppe der Freunde des syrischen Volkes“, in der sich die führenden NATO-Mächte sowie arabische Staaten zusammen geschlossen haben, machen keinen Hehl daraus, dass ein Sturz der Regierung in Damaskus auch – beziehungsweise sogar in erster Linie – auf die Machthaber in Teheran abzielt. Schließlich ist der Iran das starke Zentrum der „Achse des Widerstands“. Als solche bezeichnen Vertreter der Islamischen Republik das gegen Israel gerichtete Bündnis aus Hisbollah, Syrien und dem Iran. Zudem sehen die sunnitischen Golfmonarchien ihren Einflussbereich durch den Iran bedroht und beschwören die Gefahr eines „schiitischen Bogens“, der bis vor ihre Haustür reicht.

„Fällt Damaskus, dann fällt als nächstes Teheran“

Das anvisierte Ziel der Schwächung des Irans vereint daher die NATO-Staaten, Israel und die Golfdiktaturen. Letztlich zählt für sie nicht, ob in Damaskus Demokraten oder islamische Fundamentalisten an die Macht kommen werden. Vorrangig ist, wie es die zukünftigen Machthaber Syriens mit Teheran zu halten gedenken. „Israels strategische Hauptbedrohung ist der Iran, nicht Syrien“, erklärte vor einer Woche Sima Shine vom israelischen Ministerium für Strategische Angelegenheiten. Es zähle vor allem, was dem Iran schade. Daher müsse das syrische Regime als dessen Verbündeter unbedingt gestürzt werden. (1) Auch zu dem Preis, dass Al Qaida nahestehende Dschihadisten an die Macht kommen. Die Achse Syrien-Iran-Hisbollah stelle eine größere Bedrohung dar als ein solches Szenario, erklärte Israels ehemaliger Verteidigungsminister Amos Gilad. (2)

Das sieht auch die Herrscherclique in Riad so. Saudi-Arabien ist neben Katar der größte Förderer der Rebellen aus dem dschihadistischen und salafistischen Spektrum in Syrien. Ein saudischer Vertreter erklärte Ende 2011 gegenüber US-Offiziellen: „Der König weiß, dass außer einem Zusammenbruch der Islamischen Republik selbst, nichts den Iran so schwächen würde, wie Syrien zu verlieren“. (3)

US-Senator John McCain, hauptberuflich Kriegstreiber in Sachen Syrien, betonte ebenfalls, ausschlaggebend für eine Unterstützung der zukünftigen Machthaber sei nicht deren demokratischer Geist, sondern deren Beziehung zum Iran. (4) Die von McCain seit Anbeginn des Konfliktes vertretene Position, die Rebellen massiv aufzurüsten und die Lage in Syrien einer Eskalation zuzuführen, hat sich mittlerweile in Washington durchsetzen können. US-Zeitungen berichteten bereits über das Eintreffen moderner Waffen für die Aufständischen. „Fällt Damaskus, dann fällt als nächstes Teheran“, frohlockte Stefan Kornelius, Leiter des außenpolitischen Ressorts der Süddeutschen Zeitung vor Wochen. (5)

„Die Perspektive der Schwächung des regionalen Einflusses des Irans macht einen Regimewechsel (in Syrien, Anm. d. Red.) in den Augen mancher Entscheidungsträger attraktiv“, heißt es in einem im Sommer 2012 für den US-Kongress erstellten Bericht. (6) „Die Obama Administration und einige Kongressmitglieder haben bereits die strategische Entscheidung getroffen, Assads Rücktritt und einen politischen Übergang in Syrien zu fordern. Während die USA und ihre Verbündeten durch die Schwächung Irans von einem Regimewechsel in Syrien profitieren könnten, könnte dessen Anstreben“, so die zaghafte Formulierung im Bericht, „die Bemühungen um einen Waffenstillstand und um den Schutz der syrischen Zivilisten erschweren“.

Verhohlen macht der Kongressbericht das Beharren auf der Forderung eines Regimewechsels mitverantwortlich für das Leid der Zivilbevölkerung. „Wenn sie ein ehrliches Interesse daran hätten, Menschenleben zu retten – anstatt Syrien zu neutralisieren, um den Iran zu schwächen – würden die westlichen Führer ihren Einfluss nutzen, um mit den regionalen Sponsoren der Rebellen ein politisches Abkommen auszuhandeln, dass es den Syrern erlaubt, ihre Zukunft selbst zu bestimmen,“ schreibt der britische Journalist und Buchautor Seumas Milne über das vom Westen betriebene „zynische Ausbluten Syriens“. (7)

Die Strategie konfessioneller und ethnischer Spannung

Befördert wird das „zynische Ausbluten“ durch die Instrumentalisierung und das Schüren religiös-konfessioneller Spannungen. Syrien sei „Irans Stalingrad“, schreibt Gary C. Gambill für das Foreign Policy Research Institute. Der der neokonservativen Denkfabrik Middle East Forum nahestehende US-Analyst setzt dabei ganz auf die Konfessionalisierung des Konfliktes. Und auf die sich daraus für die Prämisse des Regimewechsels ergebenden günstigen Zahlenverhältnisse: „Sunnitische Araber haben einen demographischen 5 zu 1 Vorsprung über die Minderheit der Alawiten (…), und einen 2 zu 1 Vorsprung über alle syrischen ethnisch-konfessionellen Minderheiten zusammen.“ (8) US-Präsident Obama solle die offene Flanke des Irans ausnutzen und auf die stärkere Konfessionalisierung setzen. Eine Verwicklung des Irans in den syrischen Konflikt anhand religiöser Spaltungslinien sei begrüßenswert, da die Mobilisierung arabischer Schiiten durch den Iran nicht schritthalten können werde mit dem „wachsenden Einströmen sunnitischer Islamisten aus dem Ausland“, die dann „als Reaktion“ erfolge.

Auch im mehrheitlich von Schiiten bewohnten Nachbarland Irak soll der Einfluss des Iran eingedämmt werden. Zu diesem Zweck müsse man sich mit einem „perversen“ Gedanken anfreunden, meint John Arquilla, einer der führenden Terrorexperten der USA mit engen Kontakten zum Pentagon. Und zwar gelte es, im Irak dasselbe Ziel wie Al Qaida zu verfolgen und die dortigen Sunniten zu unterstützen, die den Schiiten „Widerstand leisten“. Schließlich verfolge man ja bereits in Syrien dasselbe Ziel wie Al Qaida, und russische geostrategische Ambitionen im Irak würden damit auch durchkreuzt, so Arquilla vergangene Woche. (9)

Dschihad gegen die „Achse des Widerstands“

Der Nutzen einer Ausweitung des Konfliktes zwischen Sunniten und Schiiten zur Schwächung der „Achse des Widerstands“ liegt auf der Hand. Noch vor fünf Jahren konnten sich deren Vertreter in der arabischen Welt größter Beliebtheit erfreuen. Baschar Al-Assad galt 2008 als der zweitbeliebteste Politiker in der arabischen Welt, gefolgt von Irans Präsidenten Mahmud Ahmadinedschad. An erster Stelle stand Hisbollah-Anführer Hassan Nasrallah. (10) Ein Jahr später kletterte Assad laut einer anderen Umfrage sogar auf Platz Eins der Beliebtheitsskala. (11)

Zur Erleichterung der Sicherheitsstrategen in Washington und Tel Aviv hat, wie eine von Zogby Research Services durchgeführte Umfrage verdeutlicht, die Zustimmung für die erklärten Gegner Israels in der arabischen Welt rapide abgenommen. So seien die Sympathiewerte für den Iran von 75 Prozent im Jahr 2006 auf unter 25 Prozent im Jahr 2012 gefallen. Vor allem in Saudi-Arabien sei der Absturz von 85 auf 15 Prozent dramatisch. (12) Habe der Ruf des Iran bereits aufgrund der Unterdrückung der Proteste im Zuge der Präsidentschaftswahlen 2009 gelitten, so sei Syrien zum „Sargnagel für Irans Ansehen in der Region“ geworden, so das Institut. (13)

Maßgeblich verantwortlich für diesen Sinkflug im Ansehen in der sunnitisch-arabischen Welt ist die Syrien-Berichterstattung der von Katar respektive den Vereinigten Arabischen Emiraten betriebenen Fernsehsender Al-Jazeera und Al-Arabiya. Seit nunmehr zwei Jahren können sich dort radikale Prediger austoben und gegen „ungläubige“ Alawiten und Schiiten agitieren. Weiteres Öl ins Feuer goss Anfang Juni Al-Jazeeras TV-Prediger Sheich Youssef Al-Qaradawi, Vorsitzender der Internationale Union muslimischer Gelehrter und den ägyptischen Muslimbrüdern nahe stehend, als er zum heiligen Krieg gegen die syrische Regierung und deren Unterstützer aufrief. (14) Die Hisbollah und der Iran seien noch „ungläubiger als die Juden und Christen“, tönte er. (15) Die Hisbollah sei eine „Partei Satans“. Der Scheich verweist auf die demographische Unterlegenheit der Schiiten: „Wie können einhundert Millionen Schiiten 1,7 Milliarden Sunniten bezwingen?“. (16)

Für seinen Aufruf zum Dschihad erhielt Al-Qaradawi trotz aller Rivalitäten zwischen dem saudischen Herrscherhaus und den von Katar finanzierten Muslimbrüdern prompt die öffentliche Zustimmung von Saudi-Arabiens Obermufti Scheich Abdelaziz Al Al Shaikh. (17) In der islamischen Welt ist Al-Qaradawi für seine Hasspredigten berüchtigt. Bereits vor knapp zehn Jahren forderten 2500 muslimische Intellektuelle aus 23 Ländern in einer Petition an die UNO, den Gebrauch der Religion zur Entfachung von Gewalt zu ächten. Darin wird Al-Qaradawi explizit als einer jener „Scheichs des Todes“ angeführt, die „Terror einen religiösen Deckmantel verleihen“. (18)

Auch in seinem Heimatland Ägypten hallt der Ruf zum Dschihad durch die Moscheen. „Gott breche Assad und seinen Unterstützern das Rückgrat“, ereifert sich Salah Sultan, Generalsekretär des ägyptischen Obersten Gerichtshof für Islamische Angelegenheiten, in einer Kairoer Moschee vor einem Monat. „Gott breche der Hisbollah den Rücken, der Partei Satans. Gott breche dem Iran den Rücken.“ (19) In den (sunnitischen) Moscheen Bahrains ist der Aufruf zum heiligen Krieg in Syrien ebenfalls allgegenwärtig. Über 1600 Dschihadisten habe man bereits allein in der kleinen Golfmonarchie für den Kampf in Syrien angeworben, verkündete stolz der salafistische Priester Scheich Faisal Al-Ghurair. (20) Die zum konfessionellen Hass anstachelnden Prediger inszenieren sich dabei stets in der Rolle der von den Schiiten Verfolgten, die sie gar einer „Verschwörung gegen den Islam“ bezichtigen. (21) „Wir wissen jetzt, was die Iraner wollen. Sie wollen weitere Massaker, um die Sunniten zu töten“, behauptet Al-Qaradiwi. (22)

Doch nicht der Iran, sondern die sunnitisch dominierten Golfstaaten forcieren das religiöse Sektierertum, schreibt selbst Foreign Policy, das Magazin der einflussreichen US-Denkfabrik Council of Foreign Relations. Teheran fokussiere sich in seiner Rhetorik auf die „Widerstands“-Identität. Mit dem Ausschalten der strategischen Rivalen in Afghanistan und im Irak durch die USA, und dem militärischen Sieg der Hisbollah über Israel 2006, habe sich der Einfluss Irans stark vergrößert. „Von Teherans Perspektive aus betrachtet, ist es umso besser, je stärker der arabische Fokus auf den ‚Widerstand‘ gerichtet ist, und je weniger der Schiismus diskutiert wird. Das gilt selbst für die schiitischen Gemeinden, die den Iran unterstützen“. (23)

Vertreter der Islamischen Republik und schiitische Geistliche widersetzen sich der sektiererischen Rhetorik und betonen die Gemeinsamkeiten der „beiden Flügel des Islam”. „Die USA und das israelische Besatzungsregime sind die einzigen Parteien, die einen Vorteil aus dem Zerwürfnis der verschiedenen islamischen Konfessionen ziehen”, erklärte Irans Verteidigungsminister Ahmad Vahidi vergangene Woche. (24)

Interreligiöser Hass als „einmalige Gelegenheit“

Eine vor zwei Monaten vom Brookings Institut in den USA veröffentlichte Studie gibt dem iranischen Minister Recht. Der Konflikt zwischen Schiiten und Sunniten dränge demnach den „umfassenderen Konflikt zwischen Muslimen und dem Westen“ immer stärker in den Hintergrund. „Der sektiererische Konflikt wird wahrscheinlich die Besatzung Palästinas als den zentralen mobilisierenden Faktor im arabischen politischen Leben ablösen“, heißt es in der US-Studie. (25) Es lasse sich ein offener Konflikt zwischen Schiiten und Sunniten beobachten, „der die arabische und muslimische Welt zerreißt,“ erklärte der ehemalige Mossad-Chef Meir Dagan vor zwei Wochen. „Das eröffnet einmalige Gelegenheiten für Israel, verschiedene Allianzen anzustreben und unsere Präsenz im Nahen Osten zu bestätigen.“ (26)

Die „einmaligen Gelegenheiten” wurden allerdings gezielt von den USA und ihren Verbündeten herbeigeführt, wusste der Guardian bereits im Dezember 2011 zu berichten. Die Operation zum Sturz Assads wurde demnach lange vor dem Arabischen Frühling eingeleitet. Nachdem Israel 2006 nicht in der Lage war, die Hisbollah im Krieg gegen den Libanon entscheidend zu schwächen, wurde Syrien als „verwundbarer Korridor zwischen der Hisbollah und dem Iran“, und somit als „Achillesferse“ der Hisbollah identifiziert. (27) „Während die US-Vertreter spekulierten, wie sich dieser lebenswichtige Korridor schließen lasse, war es der saudische Prinz Bandar, der sie mit der Aussage überraschte, die Lösung liege darin, sich islamischer Kräfte zu bedienen”, so die britische Zeitung. Katar und sein Sender Al-Jazeera hätten dabei eine Schlüsellrolle gespielt. „Was für eine seltsame Welt: Europa und die USA meinen, es sei gerechtfertigt, jene Islamisten (einschließlich Al Qaida) zu benutzen, die absolut nicht an die westliche Demokratie glauben, um die Demokratie (in Syrien, Anm. d. Red.) durchzusetzen“, zeigte sich der Guardian erstaunt. (28)

Washington sieht „in dem Sektierertum offenbar ein nützliches politisches Mittel um den Iran einzudämmen, die Hisbollah zu schwächen, und seine Allianz mit den ‚moderaten‘ sunnitischen Diktaturen zu festigen”, stellte Marc Lynch in Foreign Policy vor einem Monat fest. Der Direktor des Instituts für Nahost-Studien der George Washington Universität warnt vor den gefährlichen Folgen dieser Politik. Sie lege den Grundstein für „Pogrome gegen Schiiten in den mehrheitlich sunnitischen Ländern”, wobei Syrien zur „Frontlinie in einem sektiererischen kalten Krieg” geworden sei. (29)

Pogromstimmung in Syrien

Ein Krieg mit ungleich verteilten Rollen, in dem Schiiten vor allem als Opfer und sunnitische Extremisten als Täter in Erscheinung treten. Ob im Irak, in Pakistan oder im Libanon, es sind vor allem die Schiiten, die unter dem „hauptsächlich vom saudischen Regime finanzierten und angeheizten Religionskrieg“ zu leiden haben. (30)

Wie einseitig der vermeintlich interkonfessionelle Konflikt in Syrien tatsächlich verläuft, darüber geben die Zahlen des in den Mainstreammedien vielzitierten Syrischen Observatorium für Menschenrechte mit Sitz in London Auskunft. Da das Observatorium der Opposition angehört, stehen die Angaben nicht im Verdacht, zugunsten der Assad-Regierung manipuliert worden zu sein.

Von bestätigten 94 000 Toten seien 41000 Angehörige der alawitischen Religionsgemeinschaft, so das Observatorium Mitte Mai. Dabei stellen Alawiten nur rund zwölf Prozent der Bevölkerung. (31) Die Zahl verdeutlicht den sektiererischen Charakter des Aufstands. Das Observatorium veröffentlichte zudem vor einem Monat Zahlen, die die Behauptung, ein Regime würde Krieg gegen das Volk führen, als Propaganda entlarvt. Demnach waren von mindestens 96 000 gezählten Toten knapp 25 000 Angehörige der Armee und Sicherheitskräfte. Hinzu kommen rund 17 000 Mitglieder von Pro-Regierungs-Milizen. Zusammen stellen sie 43,2 Prozent aller Kriegsopfer und damit die größte Gruppe. Gefolgt von an den Kämpfen unbeteiligten Zivilisten (36,8 Prozent). Die Aufständischen hatten bis dahin laut den Angaben knapp 17 000 Tote zu beklagen, was 17,3 Prozent entspricht. (32)

Ein Ende der vom religiösen Fanatismus getriebenen Gewalt ist nicht abzusehen. „Es gibt gar keine nennenswerten ‘gemäßigten Rebellen‘ mehr“, schreibt Syrien-Kenner Jürgen Todenhöfer Anfang der Woche im Tagesspiegel. „Selbst weite Teile der angeblich gemäßigten ‚Freien Syrischen Armee‘ treten mittlerweile für ein ‚islamisches Kalifat‘ ein. Für eine Diktatur religiöser Fanatiker. (…) Wer Kampfgerät an Rebellen liefert, unterstützt immer Al Qaida.“ (33) Wie die New York Times vor Monaten berichtete, gebe es nirgendwo in den von den Rebellen kontrollierten Gebieten „säkulare Streitkräfte, die der Rede wert wären“. (34) Dafür sprießen dort Scharia-Gerichte aus dem Boden, islamische Kalifate werden ausgerufen.

Wo die Islamisten herrschen, schreitet die Talibanisierung des gesellschaftlichen Lebens mit großen Schritten voran. Minderjährige werden wegen „Gotteslästerung“ vor den Augen ihrer Eltern hingerichtet (35), sich „unzüchtig“ kleidenden Frauen droht die öffentliche Auspeitschung, christliche Priester werden geköpft. (36)

„Wir leben in einem Klima von Terror und Unsicherheit“, berichtet ein oppositioneller Aktivist gegenüber Fides, dem Presseorgan des Päpstlichen Missionswerk. „Es sind Enthauptungen möglich, denn nach dieser Ideologie muss der Ungläubige enthauptet werden. Bei anderen, geringeren Vergehen, werden die Schuldigen amputiert, geschlagen oder ausgepeitscht. Eine Fatwa ist ausreichend, und jede Misshandlung wird legal, vor allem gegenüber den Minderheiten wie Christen, Alawiten, Ismaeliten, Schiiten, Drusen, aber auch sogar gegenüber den Sunniten.“ (37)

Terror mit genozidalen Zügen

„Dann werden wir den Alawiten die Köpfe abschneiden, weil sie Ungläubige sind. Und dann machen wir unseren islamischen Staat“, zitiert die Tagesschau die Antwort eines ausländischen Kämpfers der Al-Nusra-Front auf die Frage, was geschehe, wenn sie siegen würden. (38) Die sich zu Al Qaida bekennenden Al-Nusra-Terroristen kontrollieren unter anderem Teile Aleppos und des Umlands. Unbarmherzig gehen sie gegen die „Ungläubigen“ vor – mit Waffen, die ihnen die „Freunde Syriens“ verschafft haben.

„Hier belagern wir die Kurdenenklave Afrin, weil die Kurden die schiitischen Kleinstädte Nubl und Sahra heimlich mit Nachschub versorgen, obwohl wir seit Monaten versuchen, die Ortschaften abzuschnüren“, erklärt ein Kämpfer gegenüber einem Reporter des Spiegel, während „Rebellen Raketen auf die Schiitenenklave Nubl“ abfeuern. (39) „Dort sollen sich neben lokalen Schiiten-Milizen und Armeeeinheiten auch Hisbollah-Kämpfer verschanzt haben“, klärt das Magazin seine Leser auf. Eine Schutzbehauptung, die die aus religiösem Hass begangenen Verbrechen der Rebellen rechtfertigen soll.

Denn die zusammen rund fünfzigtausend Einwohner von Nubl und Sahra werden bereits seit fast einem Jahr von den Aufständischen belagert. Wer sich aus den Orten herauswagt, auf den lauern Scharfschützen. (40) So gut wie täglich kommt es zu Angriffen auf die Bewohner, die sich „nicht mehr aus ihren Häusern wagen“. „Die Geschäfte sind geschlossen, Nahrungsmittel sind bedrohlich knapp, die Menschen haben mit dem Mangel an Medikamenten zu kämpfen.“ (41)

Vor dem Hungertod bewahrte sie bislang das syrische Militär. Täglich starten Hubschrauber mit Hilfsgütern von einer in der Region gelegenen – und ebenfalls belagerten – Basis, und werfen ihre Ladung über Nubl und Sahra ab, da der Tiefflug zu riskant ist. Im Kampf gegen die in Minak gelegene Hubschrauberbasis „wird die Hauptlast inzwischen von Hunderten tschetschenischen Dschihadisten getragen“, schreibt der Spiegel. Und fügt Sympathie heischend hinzu, diese seien „disziplinierter und kriegserfahrener als die Einheimischen“ und „nehmen auch hohe Verluste in Kauf“. (42)

Die Befreiung der Hubschrauberbasis und der fünfzigtausend Menschen aus dem Würgegriff der religiösen Fanatiker ist ein erklärtes Ziel der gegenwärtigen Offensive der syrischen Armee nördlich von Aleppo. Um deren Vorankommen zu erschweren, haben die Rebellen Häuser in den Ortschaften, die auf dem Weg nach Nubl und Minak liegen, mit Sprengfallen präpariert. „Überall liegen selbstgebastelte Bomben und elektrische Drähte.“ (43) Anfang der Woche stellten die Belagerer den Einwohnern von Nubl und Sahra ein Ultimatum: Sollten sie nicht bedingungslos kapitulieren, würde „eine massive militärische Invasion“ erfolgen. (44)

Verzweifelt wehrt sich die Bevölkerung der belagerten Städte gegen die islamistischen Terroristen. Sie fürchten, dasselbe Schicksal zu erleiden wie die schiitischen Bewohner des Dorfes Hatlah im Osten des Landes. Sechzig Menschen, darunter Alte und Kinder, wurden vor drei Wochen von den Rebellen massakriert, die anschließend freigiebig in Videoaufnahmen ihr Verbrechen bejubelten. „Seht die Schiiten, seht euer Ende, ihr Hunde!“, ruft einer der Mörder. „Hier sind die Kämpfer des Dschihad zu sehen, die ihren Einzug in die Häuser der ungläubigen Schiiten feiern“, freut sich ein anderer. (45) Nachdem sie den Ort ihrer Bezeichnung nach „gesäubert“ hatten, hissten die Männer der Freien Syrischen Armee die schwarze Fahne mit weißer Schrift – „Es gibt keinen Gott außer Gott“ – die zum Markenzeichen Al-Qaidas geworden ist. (46)

Neben Alawiten und Schiiten richtet sich der Terror der Aufständischen vor allem gegen Christen. Als die Islamisten vor einem Jahr in der an Libanon grenzenden Stadt Al-Kusair die Kontrolle übernahmen, setzte eine Terrorwelle gegen die christlichen Einwohner ein, die knapp ein Drittel der Bevölkerung stellten. Zeugen berichteten, wie Christen aus ihren Häusern entführt und von den Aufständischen zu Tode gefoltert wurden. (47) Zeitgleich wurde die in der Umgebung gelegene Ortschaft Rableh mit ihren 12 000 katholischen Einwohnern von den Dschihadisten umzingelt und belagert. (48) Dasselbe Schicksal teilten die mehrheitlich christlichen Einwohner der in der Provinz Homs gelegenen Ortschaft Al-Ghassaniya mit ihren rund 5000 Einwohnern. Nach acht Monaten Belagerung befreite die syrische Armee diese im Mai aus ihrer kollektiven Geiselhaft. (49) Wochen später vertrieb sie auch die islamistischen Kämpfer aus Al-Kusair.

„In den Graffiti auf den Hauswänden kommt immer wieder der Name des radikalen syrischen Predigers Adnan Aruur vor, der im saudischen Exil lebt“, berichtete von vor Ort FAZ-Reporter Rainer Hermann in einer ersten Besichtigung der Stadt nach deren Befreiung. (50) Aruur ist bekannt für seine Aufrufe, die „ungläubigen“ Alawiten zu ermorden. In seinen „Predigten“ rechtfertigte er sogar das Vergewaltigen alawitischer Frauen und Kinder. Auch der aus Jordanien stammende salafistische Prediger Zasir-al-Ajla erklärte die Vergewaltigung an „jedweder syrischen, nicht-sunnitischen Frau“ für legitim. (51) „Sie haben den Islam in eine Ideologie der ethnischen Säuberung verwandelt“, kommentiert ein Syrer das Vorgehen der Aufständischen. (52)

Trotz des frühzeitig bekannt gewesenen verbrecherischen Charakters der neuen Herrscher in Al-Kusair (53), und der von ihnen ausgeübten Schreckensherrschaft gegenüber der nicht-sunnitischen Bevölkerung, wurde die Befreiung der Stadt durch die syrische Armee von den führenden NATO-Staaten scharf verurteilt. Ein Anzeichen für die ausufernde Bereitschaft der „westlichen Wertegemeinschaft“, die eigenen Ziele in Syrien mit blutigem Terror durchzusetzen.

Den Bogen überspannt

Lässt sich der Strategie konfessioneller Spannungen auch ein gewisser Erfolg hinsichtlich des „Ausblutens“ Syriens und der damit verbundenen Schwächung Irans bescheinigen, und besteht grundsätzlich die Gefahr, dass sie zu einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung wird, so stößt sie dennoch an ihre Grenzen. Unter anderem an die Grenzen dessen, was sich eine traditionell säkulare Gesellschaft wie die syrische zumuten lässt. Durch ihren sektiererischen Hass und den von ihnen praktizierten Verbrechen haben viele derjenigen Syrer den Rebellen den Rücken gekehrt, die anfangs den bewaffneten Aufstand noch unterstützt oder selbst geführt haben.

„Für uns in Syrien bedeutet Säkularismus die Freiheit der Religionen: Christen, Muslime und Juden, mit allen ihren vielfältigen Konfessionen. Der Säkularismus ist notwendig für die Einheit der Gesellschaft und für das Gefühl von Staatsbürgerschaft. Dazu gibt es keine Alternative,“ klärt Präsident Assad in einem Gespräch mit der FAZ über das in der syrischen Gesellschaft vorherrschende Selbstverständnis auf. (54)

Die allermeisten Syrer wollen ein Ende der Gewalt und damit auch ein Ende des Aufstands, der immer stärkere konfessionelle Züge trägt. Und immer mehr unter ihnen erkennen, dass es die hinter den Aufständischen stehende Staatengemeinschaft der „Freunde Syriens“ ist, die jede Perspektive auf Frieden und Demokratie zerstört. Die Mehrheit der Syrer steht hinter Präsident Assad, ist Jürgen Todenhöfer überzeugt. (55) Das wissen auch die „Freunde Syriens“. Wie die US-Onlinezeitung World Tribune Ende Mai berichtete, habe laut Aussage einer internen NATO-Studie die syrische Regierung zwar nicht den Kampf am Boden, aber den um die Herzen und Köpfe der Syrer gewonnen. Demnach würden siebzig Prozent der Bevölkerung hinter ihrer Regierung stehen, zwanzig Prozent seien unentschieden, und nur jeder zehnte Syrer sympathisiere mit dem Aufstand. Auch Mehrheiten der Sunniten fänden die islamistischen Rebellen inzwischen als „weitaus schlimmer als Assad“. (56)

Somit ist die Perspektive für die „Freunde Syriens“ klar: Ein Regimewechsel lässt sich nur noch mit der Ausweitung militärischer Gewalt erzwingen, als deren Träger einzig – neben dem eigenen Militär – religiöse Extremisten in Frage kommen. Wie vor gut dreißig Jahren in Afghanistan, sind es heute in Syrien islamistische Söldner, die die geopolitischen Interessen des Westens ausfechten – und sämtliche Hoffnungen des Volkes auf Frieden und Demokratie mit brutaler Gewalt unterdrücken.

Anhang: Konfessionelle und ethnische Zusammensetzung in den Ländern der Region

Palästina

Der Konflikt in Syrien sorgt zunehmend für Spannungen unter den Gegnern Israels. Streit gibt es insbesondere zwischen der schiitischen Hisbollah, die in der Grenzregion Syriens zum Libanon die Regierungstruppen gegen die Aufständischen unterstützt, und der Hamas, die den Gazastreifen mit seinen fast ausschließlich sunnitischen Einwohnern kontrolliert.

Die Hamas hat sich im Syrien-Konflikt trotz beteuerter Neutralität frühzeitig positioniert, indem sie ihr Auslandsbüros von Damaskus in die Hauptstadt Katars verlegt hat. Die Golfmonarchie drängt aggressiv auf einen Regierungssturz in Syrien. Die Hamas gehört den Muslimbrüdern an und ist auf die Gelder Katars ebenso angewiesen wie auf die Warenlieferungen aus Ägypten.

Als Ende Mai Youssef Al-Qaradawi die Hisbollah als „Partei Satans” bezeichnete (siehe Hauptartikel) und Ägyptens Präsident Mursi die syrische Botschaft schließen ließ, folgte Tage später eine Stellungnahme des politischen Büros der Hamas, in der die Hisbollah mit ungewohnt scharfen Worten verurteilt wird. „Hisbollahs Intervention in Syrien war ein schwerer Fehler, es wäre besser für sie gewesen, sich in diesem Konflikt nicht zu engagieren. Dadurch hat sie einen Großteil ihrer Unterstützung im Volk eingebüßt, viele Menschen zweifeln nun, ob es sich überhaupt um eine Partei des Widerstands handelt“, so die Anschuldigungen gegenüber der Hisbollah. (a)

Der militärische Flügel der Hamas teilt diese Sichtweise hingegen nicht. „Die Qassam-Brigaden haben sich dazu entschieden, das Bündnis mit der Hisbollah und dem Iran aufrechtzuerhalten, um Palästina durch den bewaffneten Kampf von der israelischen Besatzung zu befreien”, so die Stellungnahme. (b) Die Hamas bekommt ihr Geld zwar in erster Linie von Katar, doch die Waffen für die Qassam-Brigaden stammen aus dem Iran. Daher auch der Hinweis in ihrer Stellungnahme, dass „das arabische Geld nicht dazu in der Lage war, auch nur einen Zentimeter des besetzten Territoriums zu befreien”.

Neben des traditionell eng mit Damaskus verbundenen Volksfront zur Befreiung Palästinas (PFLP), versicherten auch der Islamische Dschihad und die Al-Aqsa-Märtyrer-Brigaden der Fatah ihre Verbundenheit mit der Hisbollah und dem Iran. „Alle Waffen im Gaza-Streifen werden vom Iran geliefert, seien es die Waffen für den Islamischen Dschihad oder die Hamas. Die wahrscheinlich noch mehr Waffen aus dem Iran bezogen hat als wir. Und jeder weiß, dass der Iran uns finanziert“, erklärte ein Sprecher des Islamischen Dschihads. Seine Organisation werde sich nicht in den Syrien-Konflikt einmischen, sehe aber die Rolle Katars, der „privilegierte Verbindungen zu Israel unterhält”, kritisch. (c)

Laut einer Erklärung der Al-Aqsa-Märtyrer-Brigaden gebe es nur drei Kräfte, die die Palästinenser mit Waffen unterstützen und den Westen herausfordern: „Die Islamische Republik Iran, die Syrische Arabische Republik, und an der Spitze die Hisbollah aus dem Libanon, (…) die alle Anstrengungen unternommen hat, um den palästinensischen Widerstands zu stärken. Also danke Hisbollah.” (d) Die Hisbollah reagierte zurückhaltend auf die Vorwürfe der politischen Führung der Hamas und beschwor die Einheit des Widerstands gegen Israel.

Libanon

Nirgendwo herrscht größere Angst vor einem Überschwappen des sektiererischen Konflikts in Syrien als unter den Einwohnern des multikonfessionellen Libanon. Im Zedernstaat leben zu rund vierzig Prozent Christen und zu etwa sechzig Prozent Muslime, zur Hälfte jeweils Schiiten und Sunniten. In einer Umfrage gaben einhundert Prozent der befragten Libanesen der Sorge um ein Ausbrechen religiöser Konflikte in ihrem Heimatland Ausdruck. (e)

Der Terror islamistischer Fanatiker ist mittlerweile auch in dem Mittelmeerland, über das Waffen und Kämpfer für den Aufstand nach Syrien fließen, angekommen. Unter Führung des salafistischen Predigers Scheich Ahmad Al-Assir griffen sunnitische Extremisten vor zwei Wochen im libanesischen Sidon Einrichtungen der Hisbollah und Armeeposten an, um einen konfessionellen Bürgerkrieg loszutreten. Dabei töteten sie über ein Dutzend Soldaten. Die libanesische Armee ging im Verbund mit der Hisbollah gegen die Islamisten vor und tötete dabei zwanzig von ihnen. (f) Über sechzig Bewaffnete wurden festgenommen, darunter auch Mitglieder des in Syrien aktiven Al-Qaida-Ablegers Al-Nursa. (g) Nach der Befreiung der syrischen Grenzstadt Al-Kusair und umliegender Ortschaften, an der sich die Hisbollah beteiligt hatte, hatten Rebellen Rache gegenüber Schiiten und Alawiten auch auf libanesischem Gebiet angekündigt. (h)

Das offene Eingreifen der Hisbollah in den syrischen Konflikt wurde ebenfalls vom Westen scharf als „ausländische Einmischung” verurteilt. Dabei wird unterschlagen, dass die umkämpften Dörfer syrischem Territorium „verwaltungstechnisch zur libanesischen nördlichen Bekaa-Ebene, die von der Hisbollah regiert wird,” gehören. „Viele Bewohner sind Anhänger oder Mitglieder der Hisbollah, was deren militärisches Engagement in Al-Kusair erklärt“, so die aus Damaskus berichtende Journalistin Karin Leukefeld. (i) „Die Einmischung der Hisbollah in Syrien ist rein defensiver Natur”, heißt es in einer Analyse auf Russia Today. „Außerdem ist die Hisbollah einer der externen Akteure, die als letztes eingegriffen haben.” (j)

Laut einer vor allem in iranischen Medien vielzitierten Umfrage des libanesischen Magazins l’Hebdo halten 78 Prozent der befragten Libanesen das Eingreifen der Hisbollah an der Seite der syrischen Armee für gerechtfertigt. (k) Auch immer mehr Christen des Zedernstaates begreifen die Hisbollah als Schutzmacht gegenüber der Bedrohung, die von den sunnitischen Dschihadisten ausgeht. (l)

Ägypten

Beim Sturz des ägyptischen Präsidenten Mohammed Mursi hat auch der Syrien-Konflikt eine Rolle gespielt. In Moscheen des Landes, dessen muslimische Bevölkerung zu neunzig Prozent aus Sunniten besteht, werden bereits seit langem Kämpfer für die Reihen der syrischen Rebellen rekrutiert. Trotz der Beteiligung an der Gruppe der „Freunde Syriens” und der engen Beziehungen zu Katar hat sich die ägyptische Muslimbrüder-Regierung in der Syrien-Frage eher zurückhaltend verhalten. Doch vor drei Wochen vollzog Mursi eine Kehrtwende, ließ überraschenderweise die syrische Botschaft schließen und verkündete ein Ende der diplomatischen Beziehungen.

Zuvor hatten der Scheich Yusuf Al-Qaradiwi und andere führende Geistliche der Muslimbrüder die schiitischen Unterstützer Assads als „Ungläubige” bezeichnet und zum Dschihad gegen das syrische Regime aufgerufen. Mursi schloss sich an, forderte eine internationales militärisches Eingreifen in Syrien und erklärte, „das ägyptische Volk und die Armee unterstützen den syrischen Aufstand”. (m) Damit sorgte er für Proteste bei der Opposition und für Irritationen beim Militär, das sogleich verkündete, seinen Zweck einzig in der Sicherung der Staatsgrenzen zu sehen. „Mursi und die Muslimbrüder kennen keine Scham dabei, das Blut der Märytyer in Syrien als Handelsmasse zu verwenden, um die Sympathien der Ägypter zu erlangen“, erklärte die Oppositionsgruppe Bewegung 6. April. (n)

Mit seinem Vorstoß hat Mursi nicht den Sturz Assads beschleunigt, sondern seinen eigenen. Im Zusammenhang mit den Massenprotesten habe Mursis aggressive Haltung in der Syrien-Frage unter den Militärs den Ausschlag gegeben, den Präsidenten zu stürzen, so ein Experte gegenüber Reuters. „Für die Armee wurde mit der Ermutigung der Ägypter, im Ausland zu kämpfen, was eine neue Generationen an Dschihadisten hervor bringen könnte, eine rote Linie der nationalen Sicherheit überschritten“. (o)

Irak

Mit dem Krieg in Syrien verschärft sich auch die Situation im Irak. Eine Terrorwelle erschüttert seit einigen Monaten das Land. „Sunnitische Extremisten, die dem Terrornetzwerk Al-Qaida nahestehen, intensivierten in jüngster Zeit Angriffe auf Angehörige der schiitischen Bevölkerungsmehrheit“, schreibt die Zeit. Alleine im Mai wurden laut Vereinten Nationen mehr als tausend Menschen bei Anschlägen getötet, vornehmlich Schiiten. Der blutigste Monat seit mehr als fünf Jahren.

Eskaliert war der Konflikt zwischen Schiiten und Sunniten nach dem Sturz Saddam Husseins während der US-Besatzung. Vor allem die sich zu Al-Qaida bekennende Terrorgruppe „Islamischer Staat Irak“ tat sich mit sektiererischer Gewalt. Nach dem Anschlag auf die den Schiiten heilige Goldene Moschee in Samarra im Frühjahr 2006 malten westliche Medien das Schreckensgespenst eines konfessionellen Bürgerkriegs an die Wand. Doch in gemeinsamen Massendemonstration bekundeten Sunniten und Schiiten ihren Widerstand gegen die sektiererische Eskalationsstrategie. (p)

Es gibt starke Hinweise darauf, dass der Anschlag auf die Moschee unter Mithilfe der amerikanischen Besatzer erfolgte. (q) Denn diese profitierten von den konfessionellen Spannungen aus einer Vielzahl von Gründen. Sie trugen zur Verhinderung des Zustandekommens eines nationalen Widerstand gegen das Besatzungsregime bei. Al-Qaidas Anschläge auf Marktplätze, Moscheen und öffentliche Einrichtungen diente der Diskreditierung des Widerstands und der Legitimierung der eigenen Besatzung. Außerdem schwächte sie den vor allem von sunnitischen Gemeinschaften getragenen bewaffneten Widerstand. Da der Terror Al-Qaidas noch unerträglicher war als der der Besatzer, kam es zu Kooperationen zwischen der US-Armee und den gegründeten „Sahwa“-Räten („Erwachung“) der sunnitischen Gemeinden. (r) Nun machten US-Soldaten gemeinsame Jagd auf Al-Qaida mit Irakern, die zuvor noch ihre Gewehre auf sie selbst gerichtet hatten. Gegenwärtig denken US-Strategen darüber nach, sich die wieder aufflammenden religiösen Konflikte im Irak nutzbar zu machen. (s)

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