Weltpolitik

Kriegschronologie

Gedanken zum zehnten Jahrestag des Irak-Krieges –

von EMRAN FEROZ, 20. März 2013 –

Seit dem 11.September 2001 kann man beobachten, wie die Staaten der „Achse des Bösen“ vom Westen, allen voran von den USA, angegriffen und zerstört wurden. Als Vorwand diente immer wieder die Demokratieeinführung. Gegenwärtig sind das Chaos im Irak sowie die katastrophale Lage in Afghanistan offensichtlich. Doch ein Blick in den Nahen Osten reicht, um zu erkennen, dass man nichts dazugelernt hat.

Nach den Anschlägen auf das World Trade Center wurde sofort Afghanistan angegriffen. Obwohl die angeblichen Täter von 9/11 allesamt aus Saudi-Arabien stammen, zog man es vor, das kriegsgeschundene Land am Hindukusch zu bombardieren. Das absolutistische Saudi-Arabien wird vom Königshaus der Saud regiert, es zählt zu den wichtigsten Partnern der USA. Dass Osama Bin Laden, Mohammad Atta und Co. saudische Staatsbürger waren, schien in diesem Fall uninteressant. Obwohl in Saudi-Arabien von Menschenrechten und Demokratie keine Spur ist, beschloss man, diese zwei wichtigen Dinge den Afghanen zu „bringen” – anstatt den Saudis. Der Vorwand war einfach: Der Terrorfürst Bin Laden versteckt sich mit seinen Kämpfern in den Bergen und die dort herrschenden Taliban gewähren ihnen Rückendeckung. Die Taliban bestritten dies und verlangten einen Beweis für den Aufenthalt Bin Ladens. Dieser wurde nicht gebracht und Afghanistan wurde angegriffen.

Verbrüderung mit Kriegsverbrechern

Das Taliban-Regime wurde schnell gestürzt. Die US-Amerikaner und Europäer marschierten in das Land ein und verbündeten sich mit den Warlords der Nordallianz. Diese Warlords achteten weder auf Demokratie, noch auf Menschenrechte. Sie waren dafür bekannt, in ihren Provinzen wie Tyrannen zu regieren, sie unterdrückten die Bevölkerung, mordeten, plünderten und vergewaltigten. Der Westen wusste das, doch er ignorierte es. Gegenwärtig sitzen diese Menschen im afghanischen Parlament, betreiben ihren Terror weiter auf ihre Art und sind für die ausländischen Streitkräfte immer noch „Verbündete”. Sie fördern die Korruption und den Drogenhandel und scheren sich einen Dreck um moralische Werte, von Menschenrechten und demokratischen Verhältnissen ganz zu schweigen. Als afghanischer Staatsführer wurde ein Mann eingesetzt, der sich und seinen ganzen Clan bereicherte, ihm wichtige Ämter verschaffte und dabei die afghanische Bevölkerung links liegen ließ.

Afghanistan ist gegenwärtig das korrupteste Land der Welt, die Drogenproduktion schießt in die Höhe und die Extremisten, die verjagt wurden, werden immer stärker. Der Terror ist überall, plötzlich gibt es Selbstmordattentäter im Land, die über Pakistan, das in diesem Konflikt eine wichtige Rolle spielt, nach Afghanistan eingeschleusst werden. Die letzten Wahlen waren alles andere als sauber, doch das dürfte inzwischen jedem bekannt sein. Menschenrechte nach westlichem Maßstäben sind in Afghanistan definitiv nicht zu finden. Warum auch? Der Westen hat nie Wert darauf gelegt, diese Werte den Afghanen zu vermitteln. Von Anfang an wurde mit Kriegsverbrechern gemeinsame Sache gemacht, um eigenen Profit daraus zu ziehen. An das Wohl der Menschen hat man nie gedacht, sondern viel mehr an die Bodenschätze des Landes sowie an eine militärische Vormachtstellung in der Region.

Von der Regierung in Kabul abgesehen, ist der Nachbarstaat Pakistan ein weiteres größeres Problem für die Stabilisierung Afghanistans. De facto gibt es seit der Gründung des pakistanischen Staates nur noch Probleme in dieser Region. Während Afghanistan ein gutes Verhältnis zu Indien hat, treibt Pakistan ein doppeltes Spiel, indem es sich nach 9/11 auf die Seite der Amerikaner schlug, um aus dem „Krieg gegen den Terror” Profit zu ziehen. Ironischerweise wird dieser „Terror” hauptsächlich in Pakistan produziert und vom pakistanischen Geheimdienst ISI (Inter Service Intelligence) massiv unterstützt. Die Bewegung der Taliban wurde von Anfang an seitens des ISI und Pakistans finanziell sowie ideologisch unterstützt, um in Afghanistan einen verlängerten Arm zu haben. Die damalige Taliban-Regierung wurde weltweit nur von Saudi-Arabien, den Vereinigten Arabischen Emiraten und Pakistan anerkannt. Diese Staaten waren damals wie heute wichtige Verbündete der USA.

Abgesehen von diesen Fakten hat Afghanistan eine wichtige strategische Bedeutung, falls es zu einem Krieg mit dem Iran kommen sollte. Obwohl zwei Drittel der amerikanischen Bevölkerung gegen diesen Krieg ist, zieht es die USA nur ungern in Erwägung, aus Afghanistan abzuziehen.

Beginn des Irak-Traumas

Das zweite Land, welches eine US-amerikanische Invasion erleben musste, war der Irak. Diese traurige Tatsache ist nun genau zehn Jahre her. Unter dem Vorwand, Saddam Hussein habe Massenvernichtungswaffen und stehe der „Al Qaeda” nahe, wurde das Land von heute auf morgen bombardiert. Auch hier wollte man „Menschenrechte und Demokratie” schaffen. Im Laufe des Krieges zeigten sich die wahren Absichten der Amerikaner. Spätestens als bekannt wurde, dass vollgefüllte Öltanker des Nachts das Land verlassen hatten, wusste die Weltöffentlichkeit, worum es wirklich ging. Mit der Zeit stellte sich auch heraus, dass Saddam Hussein gar nicht im Besitz von Massenvernichtungswaffen war. Auch von den ominösen Kontakten zur „Al Qaeda” war keine Spur.

Der Grund für den Irak-Krieg war eine noch offensichtlichere Lüge als jener für den Einmarsch in Afghanistan. Im Dezember 2011 verließen die letzten US-Soldaten das Land. Nachdem der Irak ausgebeutet und in jeder Hinsicht zerstört worden war, war das Land uninteressant. Die einstige Blüte des Nahen Ostens wurde in einem unvorstellbaren Chaos zurückgelassen. Abgesehen von den unzähligen Toten und Verletzten wurden die Menschen, die verschiedenen Konfessionen und Ethnien angehören, gegeneinander ausgespielt, vor allem Schiiten und Sunniten. Selbstmordanschläge und Bombenattentate sind zum Alltag geworden. Demokratie und Menschenrechte sehen anders aus.

Einige Jahre lang brach kein neuer Konflikt aus. Die Kriege im Irak und in Afghanistan kosteten den Besatzern nicht nur Nerven, sondern auch immens viel Geld. Vor allem die Lage am Hindukusch wurde unterschätzt. Die Amerikaner waren zu leichtfertig und begingen dieselben Fehler wie ihre russischen und englischen Vorgänger im 20. Jahrhundert.

Instrumentalisierung einer Revolution

Dann brach der sogenannte Arabische Frühling aus. Das Zentrum dieser „Revolution“ lag in Ägypten und in Tunesien. Die Menschen, die von westlichen Marionetten tyrannisiert worden waren, lechzten plötzlich nach Freiheit. Am Anfang hatte alles einen guten Lauf und der revolutionäre Gedanke verbreitete sich schnell. Nach jahrzehntelanger Diktatur wurde Zine el-Abidine Ben Ali gezwungen zu flüchten. Seitdem befindet er sich im Exil in Saudi-Arabien. Die Saudis schützen den Diktator und weder die USA, noch ein anderer westlicher Staat haben bis jetzt dagegen protestiert.

Hosni Mubarak, ebenfalls ein Freund des Westens, ereilte zurecht in Ägypten das gleiche Schicksal. Dieser floh allerdings nicht, sondern wurde verhaftet und vor Gericht gestellt. Eine von vielen Ägyptern erhoffte Todesstrafe blieb aus. Gegenwärtig liegt Mubarak im Koma. Die Ägypter dachten, dass nun der langersehnten Freiheit nichts im Weg stünde. In Ägypten fanden die ersten freien Wahlen statt. Der Gewinner dieser Wahl war der Kandidat der Muslimbrüder, Mohammad Mursi. Er wurde daraufhin am 30. Juni 2012 offiziell zum ersten demokratisch gewählten Präsidenten Ägyptens. Der Westen und vor allem Israel waren über die Wahl Mursis nicht wirklich erfreut. Als Muslimbruder wird er gerne von den westlichen Medien als „islamistisch” oder „salafistisch” bezeichnet.

Wenn es einmal in einem Land im Nahen Osten zu einem fairen, demokratischen Prozess kommt, zeigen sich die westlichen Staaten und Massenmedien unzufrieden damit. Das beweist nur, dass ihnen die Demokratie an sich in diesen Ländern egal ist. Stets wird an die eigenen Vorteile gedacht, das Anliegen des ägyptischen Volkes ist uninteressant. Vielmehr hat man Angst um die Stellung Israels im Nahen Osten. Mursi ist nicht unumstritten, einige seiner Aktionen sind höchst fragwürdig. Allerdings braucht man kein Unterstützer seiner Person zu sein, um sich dieser Tatsache zu stellen.

Während man in Tunesien und Ägypten noch von einer Art Revolution sprechen kann, die der Westen begrüßte, eskalierte die Lage in Libyen. Dort tauchten neben Demonstranten plötzlich „Rebellen” auf, die nur eines wollten: Krieg. Die NATO zeigte sich erfreut über die Gewalt in Libyen und nutzte die Gelegenheit um den unliebsamen Muammar al-Gaddafi zu stürzen. Gaddafi, der noch vor einiger Zeit in europäischen Hauptstädten hofiert und von Sarkozy, Berlusconi und Co. als Freund empfangen wurde, wurde nun offiziell zum größenwahnsinnigen Verbrecher erklärt.

Die Person Gaddafi ist sicherlich umstritten, Fakt ist jedoch, dass er Libyen auf Platz 63 der reichsten Nationen brachte. Zuvor war das Land offiziell die ärmste Nation der Welt. Er brachten den Libyern einen gewissen Wohlstand und versöhnte die zahlreichen verfeindeten Stämme. Nichtsdestotrotz wurde er eiskalt von „Rebellen” auf offener Straße erschossen.

Vom Hindukusch in die Sahelzone

Die Folgen des Libyen-Einsatzes konnte man schnell im benachbarten Mali spüren. Allerdings wurde die Lage sofort vom Westen, in diesem Fall von Frankreich, ausgenutzt. Unter dem Vorwand, Islamisten zu bekämpfen, sprich, wieder einmal für Demokratie und Menschenrechte zu stehen, führte Präsident Hollande seine Truppen in die Sahelzone. Auch Deutschland schloss sich eilig diesem scheinheiligen Krieg an, indem es de facto nur um die Sicherung von Bodenschätzen sowie die Vormachtstellung in Westafrika geht. Die US-Amerikaner begannen ebenfalls mitzumischen. Der umstrittene Drohnen-Krieg soll nicht nur im afghanisch-pakistanischen Grenzgebiet sowie im Jemen stattfinden, sondern auch in Afrika. Die Pläne für eine Drohnen-Basis stehen schon längst.

Währenddessen wird verschwiegen, dass jene Islamisten, die in Mali bekämpft werden, auch jene waren, die in Libyen unterstützt wurden. Dort herrscht gegenwärtig immer noch Chaos. Die verschiedenen Gruppierungen, die Gaddafi hingerichtet haben, bekriegen sich nun gegenseitig. Im Juli 2012 fanden die Wahlen zum libyschen Nationalkongress statt. Die westliche Staatengemeinschaft brüstet sich damit, Demokratie nach Libyen gebracht zu haben. Dass dort jedoch bürgerkriegsähnliche Zustände herrschen, die zu Gaddafis Lebzeiten nicht existierten, scheint niemanden zu interessieren.

„Afghanische Verhältnisse“ in Syrien

Die Krönung der Katastrophe ist jedoch die Lage in Syrien. Der dortige Stellvertreterkrieg hat nichts mit einer Revolution zu tun. Täglich werden in Syrien Menschen massakriert und beide Seiten, die Regierung Assad, sowie die sogenannte Freie Syrische Armee schieben sich die Taten in die Schuhe. Mittlerweile kann man sagen, dass in Syrien „afghanische Verhältnisse“ herrschen. Die „syrische Opposition“, die aus Terroristen, Freischärlern und Bombenlegern besteht, wurde schon längst von der westlichen Staatengemeinschaft anerkannt. Ihre Führer wurden auf der letzten Münchner Sicherheitskonferenz mit Freuden empfangen und Bundesaußenminister Westerwelle sprach sich deutlich für eine weitere Unterstützung aus.

Zum gleichen Zeitpunkt verteufelt man weiterhin den syrischen Machthaber al-Assad. Dass dieser ein Diktator ist, ist keine Frage. Allerdings kann man den Teufel nicht mit dem Beelzebub bekämpfen. Afghanistan und Irak haben es bewiesen, doch gelernt hat man daraus nichts. Es wird weiter versucht, eine Intervention in Syrien zu erzwingen. Immer wieder werden Gründe gesucht. Entweder man warnt vor Massenvernichtungswaffen, wie es vor der Irak-Invasion der Fall war, oder man spricht von Demokratie und Menschenrechten. Zugegeben, hin und wieder wird auch von Frieden gesprochen. Es folgen jedoch keine Taten. Der Krieg wird weiterhin unterstützt, indem man „Rebellen“ trainiert, diese bewaffnet und finanziell fördert.

Die Situation in Syrien könnte gleich ablaufen wie in Libyen. Es wäre nicht verwunderlich, wenn Baschar al-Assad irgendwann in naher Zukunft von Bewaffneten auf offener Straße hingerichtet wird. Damit würde man die Pforten öffnen für den nächsten gescheiterten Staat im Nahen Osten. Dass sich die heterogene Gruppierung der „Rebellen“ nach einem Sturz Assads gegenseitig bekriegen wird, ist offensichtlich. Man konnte Zeuge des gleichen Szenarios im Irak, in Afghanistan und in Libyen werden.

Wie im Fall der genannten Staaten wird der Westen auch in Bezug auf Syrien seine Doppelmoral an den Tag legen. Erst verbünden sie sich mit fanatischen Terrorgruppen, ein paar Jahre später bekämpfen sie sie. Man darf nicht vergessen, dass einige der Terrorfürsten, die gegenwärtig mit Drohnen gejagt werden, einst mit Ronald Reagan gemeinsam an einem Tisch saßen und Tee tranken.

Blick in die Zukunft

Es ist nur eine Frage der Zeit, bis diese neo-imperialistischen Eroberungen auch den Iran erreichen werden. US-Präsident Obama wird mit dem neuen israelischen Kabinett sicherlich nicht über die Rechte der Palästinenser oder über den illegalen Siedlungsbau sprechen. Syrien und Iran stehen auf der Tagesordnung. Es wird nicht um Demokratie und Menschenrechte gehen, sondern um die Umsetzung der eigenen Interessen. Wer bei diesem Spiel nicht mitmacht, wird zum Feind erklärt. Das vergangene Jahrzehnt hat es bewiesen.

Zugleich haben jene Diktatoren, die sich mit dem Westen verbündet haben, nichts zu befürchten. Staaten wie Saudi-Arabien müssen sich keine Sorgen machen. Man bringt ihnen weder Demokratie, noch Menschenrechte. Der Westen bringt den saudischen Frauen auch kein Autofahren bei, sondern verkauft dem dortigen Königshaus deutsche Panzer und US’-amerikanische Waffen. Und gegen wen diese benutzt werden, ist mehr als nur offensichtlich.

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