Weltpolitik

Kriegsgebiet USA

Nach dem Polizeimord an dem 18-jährigen Michael Brown finden in den USA Massenproteste statt. Die Kleinstadt Ferguson befindet sich seitdem im Ausnahmezustand – 

Von THOMAS EIPELDAUER, 15. August 2014 –

Kriegsgebiet Ferguson„Mein Freund und ich sind auf der Straße gelaufen, wir haben niemandem irgendetwas getan“, erzählt Dorian Johnson. Er und Michael Brown waren am Abend des 9. August in Ferguson, einer Kleinstadt im US-Bundesstaat Missouri, unterwegs. Sie werden von einem Polizisten angehalten, es kommt zum Streit. Der Polizist „griff aus dem Fenster, er stieg noch nicht aus dem Auto aus, packte meinen Freund am Nacken und versuchte ihn zu würgen“. Michael Brown riss sich los. Dann habe der Polizist gerufen: „Ich werde schießen. „Im „selben Moment fiel dann der erste Schuss.“ Michael Brown war getroffen und blutete, konnte aber noch zusammen mit Dorian Johnson weglaufen. Der Polizist steigt nun, so erzählt es Dorian Johnson, auch aus, mit bereits gezogener Waffe, feuert erneut auf Michael Brown. Dieser dreht sich um, hebt die Hände über den Kopf. „Er feuerte weitere Schüsse ab. Und mein Freund starb.“ (1)

Die zuständige Polizeidirektion dagegen behauptet, die tödlichen Schüsse seien im Zuge einer Auseinandersetzung abgegeben worden. Bei einer Pressekonferenz beschreibt der leitende Polizeioffizier des County St. Louis, Jon Belmar, den Vorfall so: „Ein Polizist aus Ferguson war in einen Vorfall mit zwei Personen auf einer Straße verwickelt. Es war so, dass eine der beiden Personen zu dem Zeitpunkt, als der Beamte seinen Streifenwagen verließ, angeblich den Beamten zurück ins Auto gestoßen haben soll. (…) Es ist unsere Auffassung zu diesem Zeitpunkt der Ermittlungen, dass es in dem Streifenwagen einen Kampf um die Waffe des Polizisten gegeben hat.“ Der sichtlich um Relativierung bemühte Behördensprecher kommt allerdings auch nicht umhin, zuzugestehen, dass mehrere Schüsse auf den bereits mehr als 10 Meter („about 35 feet“) vom Streifenwagen entfernten Michael Brown abgegeben wurden. Wie viele Patronenhülsen gefunden wurden und wie oft der schwarze Jugendliche getroffen wurde, wollte Belmar nicht kommentieren: „Es war mehr als nur ein paar Mal, aber ich denke nicht, es war viel mehr als ein paar Mal“, so die kryptische Formulierung. (2)

„Es war unglaublich“

In Ferguson selbst wollte diese unbeholfenen Beschwichtigungsversuche ohnehin niemand mehr hören. Tausende Menschen strömten auf die Straßen, sie wollten nicht länger stillhalten. Die Protestformen reichten von Flashmobs und Mahnwachen bis zu militanten Auseinandersetzungen mit dem Staat und Plünderungen.

Die US-Behörden reagierten, wie nicht anders zu erwarten. Militarisierte Polizeitruppen in gepanzerten Fahrzeugen und mit scharfen Waffen begannen, die Proteste anzugreifen. Videoaufnahmen des russischen Fernsehsenders RT zeigen Tränengasgranaten, die auf friedliche Demonstranten abgefeuert werden, während Durchsagen aus einem Polizeilautsprecher zu hören sind: „Sie haben nicht länger die Erlaubnis, sich in dieser Gegend aufzuhalten.“ (3)

Tatsächlich erinnern die Szenen weniger an einen Polizeieinsatz in einer amerikanischen Kleinstadt, sondern eher an Szenen aus dem Irak oder Afghanistan. Ein Journalist der Huffington Post, Ryan J. Reilly, der selbst verhaftet wurde, beschreibt den Polizeieinsatz: „Im Wesentlichen traten sie wie eine Militäreinheit auf. Es war unglaublich.“ Ein Beamter, der ihn abführte, habe „absichtlich meinen Kopf gegen eine Scheibe geschlagen und entschuldigte sich dann sarkastisch dafür“. (4) Journalisten der Riverfront Times gegenüber sprachen Beamte das Offenkundige aus: „Ihr befindet euch hier in einem Kriegsgebiet.“ (5)

„Amerika ist nicht für Schwarze“

Die Antwort des Staates auf Proteste gegen staatliche Gewalt war erneut staatliche Gewalt. Die zu erwartende Reaktion vor allem der schwarzen Bevölkerung wird ein weiterer Vertrauensverlust in die Institutionen des Staates sein. Zurecht. Denn diese sind nach wie vor in ihrem Kern rassistisch. Polizeiübergriffe gegen schwarze Jugendliche sind keine Einzelfälle. Eine Studie gibt für das erste Halbjahr 2012 an, dass im Schnitt alle 36 Stunden ein schwarzer Mensch in den Vereinigten Staaten durch Polizisten, Mitarbeiter von Sicherheitsunternehmen oder Bürgerwehren getötet wurde. (6) Auch ein Blick auf die Gefängnisstatistiken zeigt: Während People of Colour 30 Prozent der amerikanischen Bevölkerung ausmachen, stellen sie 60 Prozent aller Inhaftierten.

„Die Vereinigten Staaten von Amerika sind nichts für schwarze Menschen. Wir wissen das, aber dann verdrängen wir es aus unseren Köpfen – bis etwas passiert, was uns daran erinnert“, schreibt der Journalist Greg Howard (7). Der Tod von Michael Brown sei einer dieser Vorfälle, der einem das Verdrängte ins Bewusstsein rückt. Allerdings sei, so Howard, nicht allein der Alltagsrassismus das Problem, sondern vor allem auch die Militarisierung der Polizeikräfte. Diese seien darauf gedrillt worden, ihren Dienst an der Heimatfront als eine Art Kriegseinsatz zu sehen: „Das Schlimmste daran, dass unsere Polizisten zu Soldaten gemacht werden, ist der psychologische Effekt. Gib einem Mann Zugang zu Drohnen, Panzern, statte ihn mit Körperpanzerung aus, und er wird denken, dass sein Job nicht einfach ist, Frieden zu sichern, sondern Gefahren auszulöschen.“  

Die Proteste und Unruhen, die nun mit dem Tod von Michael Brown begonnen haben und mittlerweile beinahe eine Woche andauern, lassen sich nicht einfach auf die Wut über diesen individuellen Fall von Polizeibrutalität reduzieren. Es geht vielmehr um ein System der Diskriminierung und Unterdrückung. „Ferguson ist eine Stadt, in der viele arme Schwarze unter der Kontrolle von überwältigend weiß dominierten Institutionen leben. Der Mord hat sofort einen Nerv getroffen“, schreibt Robert Stephens II unter dem Titel „In Verteidigung der Ferguson-Riots“ im Jacobin Mag. (8) Diese sozialen Ursachen der Wut lassen sich nicht mit Panzern und Drohnen bekämpfen.


 

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Anmerkungen

(1) https://www.youtube.com/watch?v=XATTgfiY9Io
(2) https://www.youtube.com/watch?v=ioPBFkR6LoQ
(3) https://www.youtube.com/watch?v=SQkwrrMSyRE
(4) http://www.huffingtonpost.com/2014/08/13/huffington-post-reporter-arrested-ferguson_n_5676829.html
(5) http://blogs.riverfronttimes.com/dailyrft/2014/08/welcome_to_the_ferguson_war_zone.php
(6) http://www.louisianaweekly.com/study-says-a-black-person-killed-by-police-every-36-hours/
(7) http://theconcourse.deadspin.com/america-is-not-for-black-people-1620169913
(8) https://www.jacobinmag.com/2014/08/in-defense-of-the-ferguson-riots/

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