Weltpolitik

MH17-Bericht: Buk-Rakete für Absturz verantwortlich

Der niederländische Untersuchungsbericht zum Absturz der Passagiermaschine lässt die Schuldfrage offen – politisch instrumentalisiert wird er dennoch –  

Von REDAKTION, 14. Oktober 2015 –

Fünfzehn Monate nach dem Absturz des Passagierfluges MH17 über der Ostukraine, bei dem 298 Menschen getötet wurden, legte der niederländische Sicherheitsrat am Dienstag seinen Abschlussbericht zur Ursache vor. (1)

Demnach wurde die Boeing der Malaysia Airlines von einer bodengestützten Luftabwehrrakete vom Typ Buk abgeschossen. „Der Raketenkopf explodierte in unmittelbarer Nähe an der linken Seite des Cockpits“, erklärte der  Vorsitzende des Sicherheitsrates, Tjibbe Joustra, während der Präsentation des Berichts.  Tausende Metallteile durchbohrten dann mit großer Wucht die Maschine, das Cockpit löste sich vom Flugzeug. Die Boeing brach in der Luft auseinander und stürzte zu Boden. In den Leichen der beiden Piloten und des Funkers wurden Metallsplitter der Rakete gefunden. Der Flugrekorder zeichnete in den letzten Millisekunden auch noch das Geräusch der Rakete auf. „Nichts anderes als das Buk-Luftabwehrsystem kann diese Kombination von Tatsachen erklären“, sagte Joustra.

Den Abschussort der Boden-Luft-Rakete grenzten die Ermittler auf ein 320 Quadratkilometer großes Gebiet in der Ostukraine ein. Sowohl die ukrainische Armee als auch die Aufständischen operierten in diesem Radius. Der Großteil des Gebietes befand sich zum damaligen Zeitpunkt unter Kontrolle der Rebellen.

Das Flugabwehrraketensystem Buk wurde in der sowjetischen Armee 1979 eingeführt. In unterschiedlichen Varianten befindet es sich in den Nachfolgestaaten der Sowjetunion bis heute im Einsatz. Eine komplette Einheit besteht aus dem Kommandofahrzeug, einem Suchradar und mehreren Raketenfahrzeugen. Die Bedienung des Systems ist schwierig. Eine mehrmonatige intensive Ausbildung gilt Experten zufolge als Minimum, um das Kriegsgerät zu beherrschen.

Unklar ist, ob die Aufständischen überhaupt über ein komplettes Buk-System verfügten und in der Lage gewesen wären, dieses zu bedienen. Die Frage, wer für den Beschuss verantwortlich ist, und ob dieser absichtlich erfolgte, beantwortet der nun veröffentlichte Abschlussbericht nicht.

Schwere Vorwürfe erhob der niederländische Sicherheitsrat allerdings gegenüber der ukrainischen Regierung. In der Krisenregion waren zuvor mehrere Militärmaschinen abgeschossen worden, weshalb der Luftraum in geringerer Höhe über der Ostukraine gesperrt war, nicht jedoch für die oberhalb dieser Sperrzone fliegenden Passagiermaschinen.  

„Die Ukraine hätte den Luftraum vorsorglich für die zivile Luftfahrt sperren müssen“, betonte Joustra. „Es gab ausreichende Gründe, den Luftraum zu schließen. Die Ukraine tat es nicht.“

Der Vorsitzende des Sicherheitsrates relativierte seinen Vorwurf, Kiew trage durch die Nicht-Sperrung des Luftraums eine Mitverantwortung für den Tod hunderter Menschen mit der Behauptung, „keine der Fluglinien“ habe geglaubt, „dass die zivile Luftfahrt in Reisehöhe in Gefahr sein könnte“.

Das entspricht jedoch nicht den Tatsachen. Mehrere Fluggesellschaften hatten schon in den Wochen vor dem MH17-Absturz die Entscheidung getroffen, die Kampfzone aus Sicherheitsgründen weiträumig zu umfliegen.

An der niederländischen Untersuchung der Absturzursache waren Experten aus sieben Ländern beteiligt. Sie rekonstruierten auf Grundlage der Daten der Flugschreiber, des Funkverkehrs und aus den Trümmern der Maschine, wie es zu Absturz kommen konnte. Aus den an der Absturzstelle gefundenen Trümmern setzten sie den vorderen Teil der Maschine wieder zusammen. Bereits zu einem früheren Zeitpunkt hatten sie technisches und menschliches Versagen ausgeschlossen.

Am Dienstag veröffentlichte auch der russische Rüstungskonzern Almas-Antej, Hersteller des Buk-Systems, die Ergebnisse seiner Untersuchung. Neben Computersimulationen hatte das Unternehmen auf einem Testgelände auch ein Sprengexperiment durchgeführt. Dazu ließ es eine Buk-Rakete am abgetrennten Cockpit einer Iljuschin Il-86 detonieren, die von der Bauart der abgestürzten Boeing-777 gleicht.

Der Test habe frühere Erkenntnisse des Unternehmens bestätigt, sagte Firmenchef Jan Nowikow am Dienstag. Man sei sich mit der niederländischen Untersuchungskommission darin einig, dass MH17 von einer Buk-Rakete abgeschossen wurde – in den Details kommt die Analyse des russischen Konzerns jedoch zu gegensätzlichen Ansichten.

Aus ihr gehe hervor, dass die Boeing-Maschine von einer Buk-Rakete älteren Baujahrs getroffen worden sei, die die russische Armee – im Gegensatz zum ukrainischen Militär – schon länger nicht mehr im Bestand führe.

Zudem spreche das Schadensbild an der Maschine, die an ihrer linken Seite getroffen wurde, dafür, dass der Beschuss nicht – wie von Kiew behauptet – aus dem südlicher gelegenen Ort Sneschnoje erfolgte, der damals von den Aufständischen kontrolliert wurde. Den russischen Experten zufolge erfolgte der Abschuss der Buk-Rakete aus einem Gebiet nördlich von Donezk, das unter Kontrolle des ukrainischen Militärs stand.

Almas-Antej hatte seine Untersuchungsergebnisse den niederländischen Ermittlern übergeben, sie wurden jedoch nicht berücksichtigt. Firmenchef  Nowikow beklagte, sie hätten keinerlei Interesse an den Erkenntnissen seiner Ingenieure gezeigt.

Auch das russische Außenministerium kritisierte die niederländische Untersuchung. Der stellvertretende Außenminister Sergej Ryabkov bezeichnete  die Ermittlungen als voreingenommen. Es handele sich um „einen offensichtlichen Versuch, ein verzerrtes Bild zu zeichnen“.

Moskau warf der Regierung in Kiew vor, weder die Aufzeichnungen der militärischen Flugsicherungslotsen herausgegeben, noch Angaben über die Position der eigenen Flugabwehreinheiten gemacht zu haben. Russische Experten bemängelten zudem, dass US-amerikanische Satellitenaufnahmen nicht für die Untersuchung zur Verfügung standen.

„Es bleiben ernsthafte Zweifel, ob die niederländische Untersuchung das aufrichtige Ziel verfolgte, die wahren Gründe für die Katastrophe festzustellen, und nicht lediglich die bereits zuvor erfolgten Anschuldigungen zu rechtfertigen“, erklärte eine Sprecherin des russischen Außenministeriums. (2)

Kiew und Washington sehen denn auch in dem Bericht eine Bestätigung ihrer Anschuldigungen. Der „Terrorakt“ sei mit einer Buk-Rakete verübt worden, die von Separatistengebiet abgefeuert worden sei, sagte der ukrainische Vizeregierungschef Gennadi Subko am Dienstag in Kiew.

Der niederländische Bericht „bestätige“ die eigene Auffassung, so Mark Toner, Sprecher des US-Außenministeriums, „denn er sagt, dass MH17 von einer BUK-Rakete aus dem von Separatisten kontrolliertem Gebiet in der Ostukraine abgeschossen wurde, und wir haben das vom ersten Tag an gesagt“. (3)

Der Sprecher des nationalen Sicherheitsrats der USA, Ned Price, äußerte sich in die gleiche Richtung: „Unsere Einschätzung ist unverändert: MH17 wurde von einer Boden-Luft-Rakete abgeschossen, die von Separatisten-kontrolliertem Gebiet in der Ostukraine abgefeuert wurde.“

Auch wenn der Bericht die Behauptung, die Buk-Rakete sei aus dem von den „Separatisten“ kontrolliertem Territorium abgeschossen worden, gerade nicht bestätigt, wird er von Washington dahingehend politisch instrumentalisiert.

Vorschub dazu leistete der Vorsitzende des mit der Untersuchung beauftragten Sicherheitsrates selbst. Hatte Tjibbe Joustra bei der Vorstellung des Abschlussberichtes noch erklärt, dass nicht genau festzustellen sei, wo die Rakete abgefeuert worden war, wies er später im niederländischen Fernsehen den pro-russischen Rebellen die Schuld zu: „Es ist ein Gebiet, wo die Grenzen fließend waren. Aber es ist ein Gebiet, wo die pro-russischen Rebellen die Kontrolle hatten.“

Moskaus Vorwurf der Voreingenommenheit erscheint angesichts dieser Schuldzuweisung, die aus dem Bericht selbst nicht hervorgeht, nicht unbegründet – zumindest gegenüber dessen hauptverantwortlichen Unterzeichner.

(mit dpa)


 

Anmerkungen

(1) http://mh17.onderzoeksraad.nl/
(2) https://www.rt.com/news/318613-usa-rebels-mh17-buk/
(3) ebd.

Drucken

Drucken

Teilen

Voriger Artikel Weltpolitik „Ein explosives Gemisch, das es so noch nicht gab“
Nächster Artikel Weltpolitik Wahlkampfhilfe für Sultan Erdogan