Weltpolitik

Nach der Ermordung bin Ladens: Taliban-Angriffe in Pakistan und Afghanistan

Von REDAKTION, 23. Mai 2011 –

Taliban-Kämpfer haben in der südpakistanischen Millionenmetropole Karachi eine Marinebasis gestürmt und bei 15-stündigen Gefechten zahlreiche Sicherheitskräfte getötet. Marinesprecher Irfanul Haq sagte, elf Marine-Angehörige und zwei Soldaten einer paramilitärischen Einheit seien ums Leben gekommen.

Über die Anzahl der Angreifer gibt es unterschiedliche Angaben. Haq sagte, zehn bis 15 von ihnen seien in die Mehran-Basis der Marineflieger eingedrungen. Aus den paramilitärischen Truppen hieß es dagegen, es habe sich um ein halbes Dutzend Aufständische gehandelt. Sie hatten den Stützpunkt am Sonntagabend von drei Seiten aus mit Sturmgewehren und Handgranaten angegriffen und zwei Flugzeuge in Brand gesteckt, darunter ein teures Überwachungsflugzeug vom Typ PC-3 Orion aus US-Produktion. Erst am Montagnachmittag gelang es den Streitkräften, die Basis wieder unter Kontrolle zu bringen.

Ein Sprecher der pakistanischen Taliban (Tehrik-i-Taliban Pakistan) namens Ihsanullah Ihsan übernahm die Verantwortung für den Überfall. „Wir werden weitere solche Angriffe ausführen“, sagte er. Der Angriff auf die Basis der Marineflieger in der Hafenstadt sei eine Reaktion auf die Tötung bin Ladens durch US-Spezialeinheiten vor drei Wochen im nordpakistanischen Abbottabad gewesen.

Es war die zweite schwere Attacke gegen die Sicherheitskräfte seit bin Ladens Tod. Am Freitag vor einer Woche hatten Selbstmordattentäter im Nordwesten des Landes mehr als 80 Menschen getötet, die meisten davon Rekruten der paramilitärischen Grenzpolizei. Auch diese Tat hatten die Taliban als Racheakt für die Tötung bin Ladens bezeichnet.

Am Samstagmorgen kam es am pakistanischen Khyber-Pass zur Explosion eines Tanklastwagens, der für NATO-Truppen in Afghanistan bestimmt war. 15 Menschen wurden nach Angaben der Behörden dabei getötet, nachdem sie zu dem Lastwagen geströmt waren, um auslaufenden Treibstoff aufzufangen. Ein Sprengsatz hatte das Fahrzeug zuvor beschädigt. Als sich die Menschen um den Lastwagen versammelt hatten, habe sich eine zweite Explosion ereignet und viele Umstehende getötet. Zu dem Angriff hat sich bislang niemand bekannt. In der Vergangenheit kam es aber wiederholt zu Angriffen auf NATO-Tanklaster durch die pakistanischen Taliban.

Auch in Afghanistan eskaliert die Gewalt

Ein Selbstmordkommando der afghanischen Taliban hat am Sonntag eine Polizeiwache in der ostafghanischen Provinzhauptstadt Chost gestürmt und mindestens fünf Angehörige der Sicherheitskräfte getötet. Bei den Detonationen und dem anschließenden Feuergefecht seien drei Polizisten und zwei afghanische Soldaten ums Leben gekommen, sagte der Polizeichef der Provinz Chost, Abdul Hakim Eschaksai. Nach offiziellen Angaben starben bei dem sechsstündigen Gefecht auch die vier Angreifer.

Erst am Samstag waren bei einem Angriff auf ein Militärkrankenhaus in Kabul sechs Menschen getötet worden, darunter drei Medizinstudenten. Rund 30 weitere Menschen wurden nach Angaben der Behörden verletzt, als sich ein Attentäter in einem Zelt auf dem Krankenhausgelände im Zentrum der afghanischen Hauptstadt in die Luft sprengte. Der zweite Angreifer wurde bei einem eineinhalbstündigen Feuergefecht getötet. Die afghanischen Taliban, welche unter dem Namen Islamic Emirates of Afghanistan agieren,  übernahmen die Verantwortung für die Anschläge in Chost und Kabul.

Nach Angaben des Innenministeriums hat die Gewalt in Afghanistan wieder deutlich zugenommen. Ministeriumssprecher Samarai Baschari sagte am Sonntag, in der abgelaufenen Woche hätten Aufständische120 Angriffe und Anschläge verübt.

Unterdessen gibt es Spekulationen über den Tod des Taliban-Führers Mullah Mohammed Omar. Der private afghanische Sender Tolo TV hatte unter Berufung auf eine ungenannte Quelle im afghanischen Geheimdienst NDS gemeldet, Mullah Omar sei in Pakistan getötet worden. Zabihullah Mujahid, Sprecher der afghanischen Taliban, wies die Berichte über Omars Tod zurück. Auf der Webseite der afghanischen Taliban, die unter dem Namen „Islamische Emirate Afghanistans“ agieren, wurde am Montag eine Erklärung veröffentlicht, in der die Berichte über Omars Tod als Gerüchte bezeichnet werden, mit denen „Verwirrung unter den Mudschaheddin“ gestiftet werden solle. (1)

Aus dem pakistanischen Geheimdienst ISI hieß es dagegen, man habe darüber keine Informationen. Die pakistanischen Taliban dementierten ebenso die Meldung über Omars Tod. Auch der pakistanische Geheimdienst ISI widerspricht den Meldungen  

Verhandlungen mit Taliban

Während die Gewalt in Afghanistan eskaliert, intensivieren die USA ihre Versuche, mit Vertretern der afghanischen Taliban ins Gespräch zu kommen. Laut einem Bericht der Washington Post von vergangener Woche gab es erst kürzlich in Deutschland ein Treffen zwischen US-Vertretern und einem Unterhändler der Taliban, der in direkter Verbindung zu Mullah Omar stehen soll .(2)

Ein US-amerikanischer Regierungsmitarbeiter bezeichnete die jüngsten Treffen als vorläufige „Sondierungsgespräche“. Es habe sich dabei noch nicht um Verhandlungen im eigentlichen Sinne – etwa über eine Regierungsbeteiligung der Taliban – gehandelt.

Die Taliban begrüßten direkte Verhandlungen und schlugen vor, zu diesem Zweck eine politische Vertretung in Katar einzurichten, die für Treffen genutzt werden könnte.

US-Präsident Obama hatte angekündigt, im Juli mit dem Abzug der US-Truppen aus Afghanistan zu beginnen.

Dass die Taliban am Ende des nun fast zehn Jahre andauernden Krieges in Afghanistan wieder an die Macht gelangen könnten, muss eigentlich als schmähliche Niederlage der USA erscheinen. Nur dank der offiziell verkündeten Tötung Osama bin Ladens kann Präsident Obama einen Abzug der US-Truppen gegenüber der amerikanischen Öffentlichkeit als Erfolgsgeschichte verkaufen, schließlich war die Jagd auf bin Laden das ursprünglich ausgegebene Einsatzziel. Ein Pyrrhussieg,  der Tausenden Afghanen das Leben gekostet hat.



Anmerkungen

(1) http://tinyurl.com/42zdkhc

(2) http://www.washingtonpost.com/world/national-security/us-speeds-up-direct-talks-with-taliban/2011/05/16/AFh1AE5G_story.html

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