Ukraine-Krieg

Verblendet durch die Schwarze Sonne

Die Kiewer Regierung und ihre westlichen Partner leugnen beharrlich die Gefahr, die von militanten Rechtsradikalen ausgeht – zunehmend aggressiv seit der Eskalation des Krieges gegen Russland. Doch eine bittere Wahrheit, über die sich sogar Denkfabriken in der EU und den USA vor wenigen Jahren noch sehr besorgt geäußert haben, lässt sich im gegenwärtigen Ausnahmezustand immer schwerer verbergen: Der Ultranationalismus der Banderisten und anderer Faschisten, die einst Hitlerdeutschland dienten, ist längst zu einem festen Bestandteil der Staatsideologie der Ukraine geronnen.

Denkmal für Stephan Bandera in Ternopil.
Foto: Mykola Vasylechko, Lizenz: CC by-sa 4.0, Mehr Infos

Unter Hochdruck wird das Narrativ der Ukraine als blühende liberale Demokratie ausgebaut. Spätestens seit Beginn des russischen Einmarschs sind westliche Medien, Stiftungen, Politiker und Parteien intensiv und erfolgreich bemüht, Bilder, Zeugenaussagen und andere Belege für die Gewalttaten nationalistischer und faschistischer Kräfte aus ihrer Berichterstattung und anderen Veröffentlichungen herauszuhalten. Kaum ein Wort über die brutalen Morde, Entführungen und Folterungen von Oppositionellen, die Menschenjagden auf „Moskals“, Roma und andere ethnische Minderheiten, die Überfälle des ukrainischen Inlandsgeheimdienstes SBU gemeinsam mit Nazis des Rechten Sektors oder des berüchtigten Asow-Regiments auf „Bolschewiken“ und linke Journalisten.[1] Stattdessen nur hochgradig emotionalisierendes Storytelling über den heroischen Verteidigungskampf eines gestern von der Sowjetunion und heute von Putin unterdrückten Volkes, angeführt von einem aufopferungsvollen Präsidenten (einem Steuerbetrüger, dessen Offshore-Firmen in eine Geldwäscheaffäre verwickelt ist[2] – eine Tatsache, von dem auch westliche Qualitätsmedien nichts mehr wissen wollen).

SS-Insignien und Todeskitsch

Diese von den strahlenden Siegern des Propagandakriegs gegen Russland ventilierten alternativen Fakten über die Ukraine werden jedoch immer wieder von einer schaurigen Realität erschüttert: Die rot-schwarze Flagge der Banderisten – benannt nach dem Gründer der für Massenmorde an Juden verantwortlichen faschistischen Organisation Ukrainischer Nationalisten (OUN),[3] Stepan Bandera – etwa bei Trauerzeremonien für gefallene Militärs –, lässt sich schwer übersehen. Das Gleiche gilt für das blau-gelbe Wappen mit Schwert der Melnykisten, benannt nach dem OUN-Mitgründer Andrij Melnyk. Auf den Uniformen, Helmen und Bannern ukrainischer Soldaten – längst nicht nur der explizit rechten Einheiten – prangen die Schwarze Sonne, spirituelles Symbol der Waffen-SS, die Wolfsangel, einst von der SA-Standarte Feldherrenhalle und der 2. SS-Panzerdivision „Das Reich“ als Zeichen ihrer Wehrhaftigkeit ausgewählt, und andere Nazi-Insignien.[4] Selbst einige SBU-Beamte tragen Abzeichen mit dem Namen der Waffen-SS-Division Galizien, die 1943 in Lemberg gegründet wurde und eine der ukrainischen Einheiten war, die für Hitlerdeutschland die Drecksarbeit erledigte (Vernichtung von Partisanen, Massaker an der polnischen Zivilbevölkerung, etwa in Pidkamin und Palikrowy).[5]

Diese hässlichen Phänomene könnten als Ausdruck einer sich häufig in Kriegen ausbreitenden nationalistischen Subkultur erklärt werden, die die ukrainische Regierung angesichts der Übermacht der russischen Invasoren, wohl oder übel dulde, weil sie der Steigerung der Kampfmoral diene. Spätestens seit dem Auftritt von Wolodymyr Selenskyj mit zwei Mitgliedern des Asow-Regiments Anfang April ausgerechnet vor dem nationalen Parlament Griechenlands, der „Wiege der Demokratie“ in Europa, ist diese Interpretation schwer vermittelbar. Dieses Szenario kann kaum als etwas anderes als ein demonstrativer Schulterschluss des Präsidenten mit den Rechtsextremisten verstanden werden. Er hatte sich bereits im Dezember 2021 mit der Verleihung der höchsten Auszeichnung des Staates, „Held der Ukraine“, an den Kommandeur des Rechten Sektors Dmytro Kozjubailo abgezeichnet.[6]

Verfestigt hat Selenskyj diesen Eindruck noch, indem er ohne direkten Verweis an einen von der rechten Identitären-Bewegung reanimierten Mythos anknüpfte. Dieser ist immer wieder von Nazis fetischisiert worden, seit Hermann Göring ihn in seiner vor Todeskitsch strotzenden historische Rede angesichts der verheerenden Niederlage der 6. Armee der Wehrmacht in Stalingrad verwendet hatte. So verglich Selenskyj den Abwehrkampf der Ukraine gegen die „barbarischen russischen Truppen“ mit der Schlacht bei den Thermopylen zu Beginn des Zweiten Perserkriegs 480 vor Christus. Vor „Jahrtausenden da stand in einem kleinen Engpass in Griechenland ein unendlich tapferer und kühner Mann mit 300 seiner Männer, stand Leonidas mit 300 Spartiaten“, sagte Göring am 30. Januar 1943 im Ehrensaal des Reichsluftfahrtministeriums in Berlin vor Soldaten.[7] „Das sind die neuen Thermopylen“, verkündete Selenskyj nun rund 80 Jahre später[8] – eine Aussage, die besonders in den deutschen Medien konsequent nicht zitiert wurde.

Politische Monokultur in verschiedenen Brauntönen

Bei der Parlamentswahl in der Ukraine 2019 konnten Rechtsextremisten keinen nennenswerten Erfolg erzielen. Das Nationale Korps, der parlamentarische Arm des Asow-Regiments, kam lediglich auf 2,15 Prozent. Eine Teil der nationalistischen Ultras lehnt die Demokratie rigoros ab, stellte sich gar nicht erst zur Wahl; zudem sind die ideologischen Differenzen zwischen ihnen zu groß, um gemeinsam antreten zu können.[9] Die Mehrheit der ukrainischen Bevölkerung würde den Nazis und anderen fanatischen Nationalisten ohnehin nicht trauen, erklärt der linke Journalist Dmitri Kowalewitsch im Gespräch mit Hintergrund.[10] Daher konzentrierten sich die ukrainischen Faschisten und andere Rechtsradikale nicht zuletzt darauf, ihre Macht auf der Straße auszuüben. Für ihre Großdemonstrationen können sie – das galt beispielsweise für den „Marsch der nationalen Würde“ 2017 in Kiew – mühelos 10.000 ihrer stets gewaltbereiten Anhänger mobilisieren.

Sie üben auch wirksam Druck auf die „bürgerliche Mitte“ aus. „Die militanten Nationalisten zwingen seit dem Euromaidan den gemäßigten und konservativen Parteien, wie Vitali Klitschkos UDAR, ihre ultranationalistische Agenda auf,“ so Kowalewitsch weiter. Selbst die Bundeszentrale für politische Bildung (bpb) beklagte noch 2020 eine Zusammenarbeit der nationalliberalen Eliten, die sich etwa in der Poroschenko-Partei versammelt haben, mit Rechtsradikalen und erklärte diese mit der großen politischen Schnittmenge von Positionen zwischen den Lagern – vor allem der von beiden gepflegten Todfeindschaft gegen Russland und konsequent prowestlichen Haltung. „Da die Ultranationalisten zu großen Teilen ähnliche Antworten auf diese Fragen geben wie viele ukrainische Nationalliberale, werden erstere von letzteren immer mehr akzeptiert“, so die bpb. Entsprechend sei „die Distanz zwischen dem Mainstream und extremistischer Politik, zwischen ziviler und unziviler Gesellschaft geschrumpft“, Neonazis seien zunehmend integriert und die offizielle Rhetorik der Ukraine „mit jedem Jahr militanter und patriotischer geworden“.[11] Dmitri Kowalewitsch meint sogar: „Die gesamte politische Landschaft ist nur noch eine Monokultur in verschiedenen Brauntönen.“

Noch Anfang Februar 2022 bescheinigte die der Deutschen Bundesregierung nahestehende Stiftung für Wissenschaft und Politik der Ukraine, es bis zum Amtsantritt Selenskyjs 2019 lediglich zu einer „limitierten Demokratie“ gebracht zu haben. Ihre Justiz sei von politischen Interessen geleitet und „mächtige informelle Akteure“ würden großen Einfluss ausüben, so die Begründung. Aber auch der neue Präsident würde den Vorrang des Rechts bei wichtigen Entscheidungen ignorieren und sei mit einem „reform- und modernisierungsresistenten ,deep state‘“ konfrontiert, der im Verteidigungsministerium und anderen Schlüsselministerien vorherrsche.[12] Das gilt besonders für das Innenministerium: Zu erheblicher Macht sind die Faschisten durch eine enge Zusammenarbeit mit dem Inlandsgeheimdienst gelangt.

Mitglied einer ukrainischen Freiwilligeneinheit mit dem Symbol der Wolfsangel
Foto: ВО «Свобода», Lizenz: CC by 3.0, Mehr Infos

Nazi-Schläger als Hilfspolizei

„Wenn wir Informationen haben, geben wir sie an den SBU weiter. Hat er Informationen, gibt er sie manchmal an uns weiter“, sagte der Gründer der Neonazi-Organisation C14, Jewhen Karas, 2017 in einem Interview mit LIGA.net, einem der größten ukrainischen Nachrichtenportale. Wenn etwa prorussische Kundgebungen angemeldet werden, dann „informiert der SBU nicht nur uns, sondern auch Asow, den Rechten Sektor und so weiter“. Karas plauderte auch freimütig über Geldgeschenke, die C14 von Parlamentsabgeordneten bekommen würden. Fakt ist seit Jahren, dass ihre „nationalpatriotischen Bildungsprojekte“ großzügig mit Staatsgeldern finanziert werden und die Organisation im Auftrag der Stadt Kiew als Hilfspolizei in den Straßen der Hauptstadt patrouilliert.[13] Entsprechend glaubwürdig sind Karas Berichte über Prügelorgien und andere Selbstjustiz an politischen Gegnern, über Einschüchterung von Beamten durch seine Nazi-Schläger, auch über Festnahmen, die sie eigenmächtig vornehmen, sowie andere „Arbeit“, die sie für den SBU „erledigen“. Auf die Frage, ob Mitarbeiter des Inlandgeheimdiensts, unter denen sich nach Karas Angaben auch Mitglieder seiner Organisation finden, die Nationalisten nur benutze, antwortete er machtbewusst: „Das glaube ich nicht. Vielleicht sind wir diejenigen, die den SBU benutzen?“ Karas prahlte auch mit seinen vorzüglichen Kontakten zu dem damaligen Justizminister und Mitgründer der Volksfront-Partei Pawlo Petrenko und Generalstaatsanwalt Jurij Luzenko. Entsprechend glaubwürdig seine Aussage, dass er und seine Leute noch nie strafrechtlich belangt worden seien.[14]

Der mühsame Marsch durch die Institutionen, die Erringung von Mehrheiten im Parlament und damit von Einfluss auf die Legislative habe für die Faschisten und andere Nationalisten auch keine Priorität, weil sie ihre Agenda des Terrors und der Unterdrückung stets risikolos direkt durchsetzen können; vorbei an der ukrainischen Verfassung und den geltenden Gesetzen – auf kriminellem Wege. „Neonazis können tun, was sie wollen“, so Kowalewitsch. Die paramilitärischen Nazigruppen würden völlige Straffreiheit genießen, selbst wenn sie Geschäftsleute ausrauben, allemal wenn sie Regierungsgegner und kritische Journalisten umbringen. Würden sie für ihre Verbrechen zur Rechenschaft gezogen, fehlte es an militanten Kräften, die für das Regime kämpfen. Im März wurde Maxym Martschenko, der ehemalige Kommandeur des Ajdar-Bataillons, dem Menschrechtsorganisationen Folterungen, Entführungen und andere schwere Gewalttaten nachgewiesen haben, zum Gouverneur der Oblast Odessa ernannt. Selenskyj und seine Regierung könnten die faschistischen Gruppierungen auch nicht verbieten – höchstwahrscheinlich würden sie den Präsidenten schon bei dem bloßen Versuch absetzen, fürchtet Kowalewitsch. So dürfte es nicht nur seiner Arbeitsüberlastung geschuldet sein, dass Selenskyj die im Mai 2021 vom ukrainischen Parlament beschlossenen Strafrechtsreformen, die unter anderem eine umfassende Definition der Verbrechen gegen die Menschlichkeit und anderer spezifischer Kriegsverbrechen sowie die Aufhebung von deren Verjährung vorsehen, bis heute nicht unterzeichnet hat.

Asow ist Mainstreampop

Bereits 2018 konnte Olena Semenyaka, internationale Sekretärin des Nationalen Korps, die seit Jahren an der globalen Vernetzung ihrer Partei mit Faschisten in der ganzen westlichen Welt arbeitet, stolz verkünden, was seit 2014 erreicht wurde: „Innerhalb von nur vier Jahren hat sich die Asow-Bewegung zu einem kleinen Staat im Staat entwickelt.“ Keineswegs eine Selbstüberschätzung: Die Bundeszentrale für politische Bildung warnte noch vor zwei Jahren, dass die „facettenreiche“ und „multidimensionale“ Bewegung mit ihrem regulären Regiment, das der Nationalgarde der Ukraine angehört, Verbindungen zur Führung des Innenministeriums, ihrer Partei Nationales Korps, ihrer unbewaffneten Bürgerwehr Nazionalni drushyny und diversen anderen Ablegern eine beachtliche Macht erlangt hat, und bezeichnete sie als „größte Bedrohung“ von rechts.[15]

Asow habe „den extrem rechten Nationalismus zur Mode gemacht“, erklärte die ukrainische Soziologin Hanna Hrytsenko gegenüber Radio Free Europe/Radio Liberty, dem Propagandakanal der CIA. Dies sei nicht zuletzt dadurch gelungen, dass sich die Bewegung in der Öffentlichkeit von einigen klassischen Nazi-Klischees verabschiedet und mittlerweile einen moderateren Ton anschlage: „Das hat Asow geholfen, aus der Subkultur zum Mainstream aufzusteigen.“[16]

Spätestens seit der Eskalation des Krieges ist Präsident Selenskyj nur allzu gern dabei behilflich: „Sie sind nun mal, wie sie sind“, erwiderte er leicht gereizt auf die vorsichtige Erwähnung der unzähligen Gräueltaten des Asow-Regiments durch einen Moderator von Fox News.[17] „Sie verteidigen unser Land“, machte er in Anlehnung an das berühmte Diktum von Franklin D. Roosevelt aus dem Jahr 1939 (damals über das faschistische Folterregime von Anastasio Somoza García in Nicaragua) deutlich, dass die Asow-Krieger, zu denen auch die als besonders brutal geltende Misanthropic Division („Töten für Wotan“) gehört, zwar Hurensöhne sind – aber eben seine Hurensöhne und die des Westens.[18]

Koscherstempel für Judenhasser

Regelmäßig wird Selenskyjs jüdische Herkunft von westlichen Politikern und Medien instrumentalisiert, um die faschistische Raserei in der Ukraine zu verschleiern. Abgesehen von der Tatsache, dass längst nicht alle Faschismen antisemitisch sind: Mit großem Nachdruck behaupten westliche unisono, Juden könnten unmöglich Faschisten oder deren Bewunderer sein – obwohl diese steile These ebenso durch die Existenz des Kahanismus wie durch die stattliche Gefolgschaft, die Mussolini einst unter jüdischen Rechten verbuchen konnte, vielfach widerlegt ist: „In Italien gab es, relativ gesehen, sogar noch mehr jüdische Faschisten als nichtjüdische“, erklärte der israelische Historiker Zeev Sternhell 2000 in einem Interview.[19] Bis heute finden sich in der israelischen Rechten viele jüdische Bewunderer des „Duce“. Der jüdische Oligarch Ihor Kolomojskyj, der Kopfgelder auf prorussische Aktivisten ausgesetzt und Selenskyj mit einer gigantischen Medienkampagne an die Macht gehievt hatte, gilt als Sympathisant des ukrainischen Faschismus. 2014 hatte er den Aufbau des Asow-Regiments finanziert. Auch der ehemalige Kommandeur der „Jüdischen Hundert“-Einheit, die auf dem Maidan mit Waffengewalt den Putsch gegen Wiktor Janukowytsch unterstützt hatte und zu den Mitgründern von Asow gehört, Natan Khazin, bekennt sich zum Banderismus.[20]

Andriy Biletsky, Nazi, Gründer von Asow und mittlerweile Chef des Nationalen Korps – laut der britischen Tageszeitung Daily Telegraph hatte er noch 2010 zum „Kreuzzug gegen die von Semiten angeführten Untermenschen“ aufgerufen –,[21] versucht seit Jahren, seine Lüge, er sei kein Antisemit, glaubhaft zu machen, indem er sich selbst einen Koscherstempel verpasst und bei jeder Gelegenheit betont, Israel sei ein wegweisendes Vorbild für die ukrainische Gesellschaft[22]: eine Ethnokratie, die seit Jahrzehnten von Rechten regiert wird und deren intensive freundschaftliche Beziehungen zu Antisemiten wie Victor Orbán und den Führern der Evangelikalen-Bewegung, etwa John Haggee und Robert Jeffress, allzu oft bewiesen haben, dass Zionismus und Judenhass einander keineswegs ausschließen müssen.

Dmitri Kowalewitsch geht davon aus, dass die Rechtsextremisten ihre bis vor wenigen Monaten noch ungeahnten Möglichkeiten entdeckt haben, die sich gegenwärtig für sie im Windschatten der NATO-Kriegspropaganda und -Desinformationskampagnen ergeben. Er verweist auf eine vielsagende Bemerkung eines der prominentesten Nazis in der Ukraine: „Versuchen Sie doch jetzt mal, uns des Nazismus zu beschuldigen“, triumphierte der ehemalige Anführer der Ukrainischen Nationalversammlung und deren paramilitärischen Arms Ukrainische Nationale Selbstverteidigung, Dmytro Korchynsky. Und er führte aus, wie günstig es derzeit sei, dass der Präsident der Ukraine ein Jude ist.[23]

Verhöhnung der Holocaust-Opfer

Dieser Umstand lenkt davon ab, dass die Ukraine ein gewaltiges Antisemitismusproblem hat. „In den vergangenen fünf Jahren gibt es einen unglaublichen Anstieg des Antisemitismus“, sagte der Direktor des Ukrainischen Jüdischen Komitees, Eduard Dolinski, 2020 in einer Rede bei der European Jewish Association. Darin kritisierte er auch mit scharfen Worten, dass Präsident Selenskyj nicht nur den virulenten Judenhass in der ukrainischen Gesellschaft leugne, sondern ihn objektiv sogar noch fördere: „Unsere Regierung ermutigt nationalistische Gruppen zur Glorifizierung von Nazi-Kollaborateuren, Massenmördern und Judenmördern“, so Dolinski weiter. Er verwies auf die Hunderten von Denkmälern, welche für ukrainische Faschisten errichtet worden sind, die während der Besatzung der Sowjetunion durch Hitlerdeutschland für Verbrechen gegen die Menschlichkeit verantwortlich waren. Es gebe praktisch jeden Tag antisemitische Vorfälle, wie die Schändung von Holocaust-Gedenkstätten, beispielsweise in Babi Jar bei Kiew (an den Massenerschießungen von 33.000 Juden durch die deutsche Sicherheitspolizei und den SD 1941 waren auch ukrainische Nazis beteiligt). Diese Delikte würden systematisch totgeschwiegenen – selbst von regierungsnahen Repräsentanten der jüdischen Gemeinschaft –, klagte Dolinski an und berichtete, dass die Täter keine Strafverfolgung zu fürchten haben.[24]

Er protestiert auch seit Jahren vergeblich gegen die vom Staat finanzierte Verehrung und umfangreiche Verbreitung des Banderismus in Kultur und Bildung. Beispielsweise kritisierte er vor zwei Jahren die Ehrung des Historikers und Initiators der SS-Division Galizien, Wolodymyr Kubijowytsch – er hatte 1942 der Bevölkerung mit drakonischen Strafen gedroht für jeden Versuch, Juden vor dem Transport in das Vernichtungslager Bełżec zu retten – durch eine Ausstellung in der Wernadskyj-Nationalbibliothek der Ukraine in Kiew.[25] „Die Verdienste von Kubijowytsch werden in der unabhängigen Ukraine sehr geschätzt“, meint Dolinski. In Lviv, Iwano-Frankiwsk und Kolomyja wurden Straßen nach dem Nazi-Verbrecher benannt und das ukrainische Parlament hat ihn offiziell gewürdigt. Ebenso skandalisierte Dolinski die Ausstellung des Nationalmuseums der Geschichte der Ukraine – Kooperationspartner der von dem US-amerikanischen Filmregisseur Steven Spielberg ins Leben gerufenen Survivors of the Shoah Visual History Foundation (!) – zum 130. Geburtstag des OUN-Nazi-Kollaborateurs Andrij Melnyk.[26] „Eine absolute Schande“, so Dolinski, „und eine grausame Verhöhnung der Ukrainer, die gegen den Nationalsozialismus gekämpft haben, der Opfer des Holocaust und unserer Erinnerung!“ [27]

Verlust des Gewaltmonopols

Wegen seiner antifaschistischen Haltung wurde Dolinski 2021 auf der Internetseite Myrotvorets (Friedensstifter) an den virtuellen Pranger gestellt und der „Teilnahme an Akten der humanitären Aggression gegen die Ukraine“ sowie der Verbreitung „spekulativer, unzuverlässige Informationen über ,Nationalsozialismus und Antisemitismus in der Ukraine‘“ beschuldigt.[28] Myrotvorets war 2014 von dem damaligen Gouverneur der Oblast Luhansk und späteren stellvertretenden Minister für die Reintegration der vorrübergehend besetzten Gebiete, George Tuka, initiiert worden. Auf dem Steckbriefportal findet sich eine Liste von zu „Feinden der Ukraine“ erklärten Politikern, Journalisten und Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens mit deren illegal durch Hacking und Phishing erbeuteten persönlichen Daten. Wer dort landet, gilt praktisch als vogelfrei, ist Drohungen, Schikanen, physischen Attacken ausgesetzt und schwebt sogar in Lebensgefahr – wiederholt kam es zu Morden.[29] Der Berater des ukrainischen Innenministeriums Anton Geraschenko ist nach eigenen Angaben Miturheber von Myrotvorets, der SBU Partner des Projekts, die Neonazi-Gruppe C14 laut ihres Anführers sogar inkorporiert.[30,31]

Die OSCE und internationale NGOs zum Schutz der Pressefreiheit, wie das Committee to Protect Journalists, äußerten sich noch vor einigen Jahren sehr besorgt über die permanente Gefahr, in der unerwünschte Medienvertreter und Personen mit regierungskritischen Meinungen in der Ukraine schweben und forderten ein Ende der Repression.[32,33] Vergeblich. Myrotvorets wird bis heute betrieben und agiert seit dem Angriff Russlands noch aggressiver als zuvor. Die Proteste sind mittlerweile verstummt. Das gilt auch für die eindringlichen Warnungen von europäischen und US-amerikanischen Denkfabriken vor der stetigen Ausweitung des Machtbereichs militanter Faschisten in der Ukraine: Besorgniserregend seien nicht die Wahlchancen der Rechtsextremisten – dass diese eher gering sind, ist gegenwärtig allerdings das am beharrlichsten in Anschlag gebrachte Argument, mit dem das Establishment westlicher Politik und Medien den Faschismus in der Ukraine verschleiern. Das Problem sei „vielmehr die mangelnde Bereitschaft oder Unfähigkeit des Staates, gewalttätigen Gruppen entgegenzutreten, deren Straffreiheit zu beenden“ und sein Gewaltmonopol durchzusetzen, kritisierte noch 2018 der Atlantic Council, der dem Pentagon und der Rüstungslobby nahesteht.[34]

Fetisch des Untergangs

Deutschland wie die anderen EU- und NATO-Länder finanzieren und rüsten seit Jahren denselben mörderischen Faschismus im Dunkeln hoch, den sie in Yad Vashem und in der Gedenkstätte Auschwitz, bevorzugt im Scheinwerferlicht der Weltpresse, mit großen Gesten verurteilen. Das kann nur diejenigen verwundern, die sich die neoliberalen Ideologie zu eigen gemacht und die zentrale Erkenntnis über sein Wesen vergessen haben: Faschismus ist „nacktester, frechster, erdrückendster und betrügerischster Kapitalismus“, wie es in Brechts „Fünf Schwierigkeiten beim Schreiben der Wahrheit“ heißt.[35] Genau als solcher ist er allen lieb und teuer, denen der Rechte Sektor, Asow und deren Komplizen in der Kiewer Regierung den lang gehegten Wunsch erfüllten, die sozialistische Linke und alles auszumerzen, was in der Ukraine von der Sowjetunion geblieben war. Allemal Rheinmetall und andere Konzerne, die schon am Zweiten Weltkrieg prächtig verdient haben und nichts mehr herbeisehen, als dass es wieder zum totalen Krieg gegen Moskau kommt. Dieser lässt sich perfekt mit den als „Freiheitskämpfer“ verklärten ukrainischen Nazis ästhetisieren, die derzeit im Asow-Stahlwerk mit einigem Erfolg versuchen, die instrumentelle Vernunft der Profiteure, denen sie als Klassenkrieger dienen, mit der Irrationalität eines neuen „unsterblichen Mythos“ zu überblenden. Denn niemand kann den Fetisch des Untergangs eindrucksvoller zelebrieren als die politischen Nachkommen derer, die einst an der Seite von Himmlers „Rassekriegern“ die Schwarze Sonne anbeteten.

Endnoten

[1] www.jungewelt.de/artikel/423834.krieg-in-der-ukraine-stundenlange-pr%C3%BCgel-und-dem%C3%BCtigung.html
[2] www.bpb.de/themen/europa/ukraine/342240/dokumentation-offshore-geschaefte-selenskyj-und-kolomojskyj-in-den-pandora-papers/
[3] www.heise.de/tp/features/Das-Tragische-am-Bandera-Kult-ist-dass-Ukrainer-oft-nicht-wissen-wen-sie-eigentlich-verehren-6670655.html?seite=all
[4] t.me/ultrasnotreds8/299
[5] www.facebook.com/100001038750766/posts/5336914973019742/
[6] www.jungewelt.de/artikel/422217.hintergrund-zum-krieg-inbegriff-der-nation.html
[7] www.deutschlandfunk.de/geschichte-aktuell-118.html
[8] www.president.gov.ua/en/news/promova-prezidenta-ukrayini-volodimira-zelenskogo-v-parlamen-74157
[9] www.euronews.com/2019/03/03/national-corps-why-ukraine-far-right-party-is-enjoying-growing-support
[10] Der Journalist musste nach dem Putsch 2014 untertauchen und konnte aus Sicherheitsgründen nicht mehr unter seinem Klarnamen publizieren.
[11] www.bpb.de/themen/europa/ukraine/303013/analyse-der-ambivalente-aufstieg-einer-ukrainischen-unzivilen-gesellschaft-nach-dem-euromaidan/
[12] www.swp-berlin.org/publikation/die-ukraine-unter-praesident-selenskyj
[13] www.atlanticcouncil.org/blogs/ukrainealert/ukraine-s-got-a-real-problem-with-far-right-violence-and-no-rt-didn-t-write-this-headline/
[14] news.liga.net/politics/interview/s14_kto_oni_i_pochemu_im_pozvoleno_bit_lyudey
[15] www.bpb.de/themen/europa/ukraine/303013/analyse-der-ambivalente-aufstieg-einer-ukrainischen-unzivilen-gesellschaft-nach-dem-euromaidan/
[16] www.rferl.org/a/azov-ukraine-s-most-prominent-ultranationalist-group-sets-its-sights-on-u-s-europe/29600564.html
[17] www.ohchr.org/sites/default/files/Documents/Countries/UA/ReportCRSV_EN.pdf
[18] video.foxnews.com/v/6302790525001
[19] taz.de/Keine-falsche-Nachsicht/!1233578/
[20] www.jta.org/2014/04/25/culture/a-neologism-used-as-a-weapon-in-the-fight-over-ukrainian-jewry
[21] www.telegraph.co.uk/news/worldnews/europe/ukraine/11025137/Ukraine-crisis-the-neo-Nazi-brigade-fighting-pro-Russian-separatists.html
[22] gordonua.com/publications/bileckiy-polovina-lyudey-kotorie-voyevali-za-ukrainu-razgovarivaet-na-russkom-jazike-507346.html
[23] twitter.com/SergUA63/status/1509027914490200069
[24] www.youtube.com/watch?v=v32wnEJF_EE
[25] www.nbuv.gov.ua/node/5327
[26] nmiu.org/novyny/2184-u-muzei-vidkrylasia-vystavka-do-130-richchia-andriia-melnyka
[27] strana.today/opinions/308846-vystavka-v-chest-melnika-v-natsionalnom-muzee-eto-absoljutnyj-pozor.html
[28] myrotvorets.center/criminal/dolinskij-eduard-isakovich/
[29] www.hintergrund.de/politik/welt/journalistenjagd-in-der-ukraine
[30] www.osce.org/files/f/documents/d/f/393431_0.pdf
[31] news.liga.net/politics/interview/s14_kto_oni_i_pochemu_im_pozvoleno_bit_lyudey
[32] www.bpb.de/themen/europa/ukraine/230418/dokumentation-stellungnahmen-zum-skandal-um-die-webseite-mirotworez-friedensstifter/
[33] cpj.org/2016/05/cpj-urges-ukrainian-president-petro-poroshenko-to-/
[34] www.atlanticcouncil.org/blogs/ukrainealert/ukraine-s-got-a-real-problem-with-far-right-violence-and-no-rt-didn-t-write-this-headline/
[35] www.gleichsatz.de/b-u-t/spdk/brecht2.html

Die Autorin

Susann Witt-Stahl arbeitet als freie Journalistin und Autorin in Hamburg und Berlin und ist seit 2014 Chefredakteurin des Magazins für Gegenkultur Melodie & Rhythmus. Sie hat für Tageszeitungen und
Zeitschriften aus dem Nahen Osten, der Ukraine und anderen Krisengebieten berichtet. Ihre Arbeitsschwerpunkte sind: Ideologiekritik des Neoliberalismus, der Rechtsentwicklung in den westlichen Gesellschaften, der Kulturindustrie und regressiver Tendenzen in der Linken. Dazu hat sie diverse Bücher und Essays veröffentlicht.­­­­­­­­­

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