Reformen

Shell-Jugendstudie: Soziale Polarisierung nimmt zu

Von DIETMAR HENNING, 6. Oktober 2010 –

Die 16. Shell Jugendstudie, die Mitte September vorgestellt wurde, zeigt, dass obere und untere Schichten sozial immer weiter auseinander driften. Der Druck in Schule, Studium, Ausbildung und Beruf nimmt aufgrund der Wirtschaftskrise zu. Gleichzeitig wächst unter allen Jugendlichen die Opposition gegen den Kapitalismus und seine Vertreter in Regierung, Konzernen und Banken.

Die Autoren haben eine Pressemitteilung über die Studie mit „Jugend trotzt der Finanz- und Wirtschaftskrise“ überschrieben und darin hervorgehoben, dass die junge Generation in Deutschland zuversichtlich bleibe. Der Anteil der Optimisten sei sogar gestiegen. Die Medien haben sich auf diese Meldung gestürzt, obwohl ein Blick in die über 400 Seiten umfassende Studie ein differenzierteres und wesentlich anderes Bild zeigt.

Die Studie wurde von den Bielefelder Sozialwissenschaftlern Professor Dr. Mathias Albert, Professor Dr. Klaus Hurrelmann und Dr. Gudrun Quenzel sowie einem Expertenteam des Münchner Forschungsinstitutes TNS Infratest Sozialforschung um Ulrich Schneekloth verfasst. Über 2.600 Jugendliche im Alter von 12 bis 25 Jahren wurden im Januar und Februar dieses Jahres befragt.

Die Zusammenfassung der Studie beginnt mit den Ergebnissen zu den Zukunftsaussichten der Jugendlichen. Danach blicken 59 Prozent aller Jugendlichen ihrer Zukunft zuversichtlich entgegen. In der letzten Studie vor vier Jahren hatte dies nur die Hälfte aller Jugendlichen getan.

Bei Jugendlichen aus sozial benachteiligten Familien sieht das Ergebnis jedoch anders aus. Hier äußert sich nur ein Drittel zuversichtlich. Die Kluft zwischen den oberen und unteren Schichten hat sich seit der letzten Studie verstärkt. Derselbe soziale Graben wird auch bei der Frage nach der Zufriedenheit im Leben deutlich: Während fast drei Viertel der Befragten insgesamt zufrieden mit ihrem Leben sind (Oberschicht 84 Prozent), äußern sich Jugendliche aus unterprivilegierten Verhältnissen nur zu 40 Prozent positiv.

Doch selbst diese Befunde müssen differenzierter betrachtet werden. Wie alle Studien, so steht auch diese Studie unter den Prämissen, die die Autoren setzen und die ihrer politisch-gesellschaftlichen Sichtweise entspringen.

Die beteiligten Wissenschaftler nahmen die soziale Schichtung vor, indem sie die Jugendlichen nach dem Schulabschluss des Vaters, der Zufriedenheit mit der finanziellen Situation, der Wohnsituation und der Anzahl der Bücher im Elternhaus fragten. Diese vier Variablen gewichteten sie und erhielten eine Oberschicht von 14 Prozent und eine Unterschicht von 10 Prozent. Die verbleibenden 74Prozent ordneten sie in die nochmals dreigeteilte Mittelschicht ein.

Diese soziale Einteilung mag gängigen wissenschaftlichen Kriterien genügen, sollte aber unter folgenden Einschränkungen gewertet werden.

Erstens geben die Autoren selbst zu, dass ihre Studie die Unterschicht eher unterrepräsentiert. Sie zählen 10 bis 15 Prozent dazu, während laut anderen Studien, die auf rein finanziellen Kriterien beruhen, ein Viertel aller Jugendlichen unter 18 Jahren in Armut aufwachsen. Als Armutsgrenze gilt dabei das internationale Kriterium von weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens des jeweiligen Landes. Weitere Studien belegen, dass arme Eltern zugunsten ihrer Kinder sparen und verzichten. Diese Eltern würden die Frage nach dem subjektiv empfundenen finanziellen Auskommen wohl anders beantworten als ihre befragten Kinder

Eine eher unkritische Haltung zu empirischen und statistischen Daten spiegelt sich auch in der Haltung der Autoren zur Arbeitslosigkeit wieder. Zu den häufigsten Ängsten der befragten Jugendlichen gehören neben der „schlechten Wirtschaftslage und Armut“ die Angst vor dem Verlust des Arbeitsplatzes oder davor, gar keinen Arbeits- oder Ausbildungsplatz zu finden. Die Wissenschaftler tun dies jedoch unter Hinweis auf offiziell sinkende Arbeitslosenzahlen mit den Worten ab: „Damit ist die reale Bedrohung, von Jugendarbeitslosigkeit betroffen zu sein, deutlich geringer als die weite Verbreitung der Sorge in der gesamten Jugend.“ (S. 121f) [1]

Dabei dürften die Autoren die hohe Zahl derer kennen, die in Warteschleifen bei Bildungsträgern (z. B. in der Berufsvorbereitung) oder auf den Berufskollegs verharren oder einfach wegen „Nichtmitwirkung“ aus der Statistik fallen. Das Deutsche Jugendinstitut, das an der nationalen Bildungsberichterstattung mitwirkt, hat erst kürzlich festgestellt, dass sich jeder vierte Hauptschüler auch vier Jahre nach der Pflichtschulzeit noch immer nicht in Ausbildung befindet.

Auch das Lebensalter ist zu berücksichtigen. Ein 12-Jähriger, der gewöhnlich die 6. oder 7. Schulklasse besucht und noch mindestens vier Jahre Schulzeit vor sich hat, schätzt seine Lebenssituation und Zukunftsaussichten anders ein als ein langzeitarbeitsloser 25-Jähriger. Für die jüngeren Schüler dürfte zum Großteil folgendes Zitat der Studie passen: „Zuversicht ist dabei etwas genuin Jugendliches, wenn das Leben viel Zukunft und einen offenen Horizont hat. Dann ist die Zeit der gespannten Erwartung, der Neugier und Hoffnung.“ (S. 342)

Mit zunehmendem Alter und je nach sozialem Status relativiert sich dies. Während Gymnasiasten zu 86 Prozent ihr Leben als positiv erleben, trifft dies bei Arbeitslosen nicht einmal auf jeden Dritten zu.

Dass Jugendlichen trotz veränderter Rahmenbedingungen relativ zuversichtlich sind, liegt auch an den guten sozialen Beziehungen, die sie zu ihren Freunden und Familien pflegen. Der Großteil der Jugendlichen findet in den wirtschaftlich bedrohlichen Zeiten Rückhalt und emotionale Unterstützung bei den Eltern. Mehr als 90 Prozent haben ein gutes Verhältnis zu ihren Eltern, 35 Prozent kommen sogar „bestens“ mit ihren Eltern aus, wobei auch hier je nach Schicht die Zahlen variieren.

Die Autoren beschreiben die schulische Bildung als Schlüssel zum Erfolg und gelangen gestützt auf ihre Umfrageergebnisse zum Schluss: „Bildung wird in Deutschland also weiterhin sozial vererbt.“ (S. 72) Der Druck auf Jugendliche steige. Über die Hälfte der Hauptschüler strebten einen höheren Abschluss als den Hauptschulabschluss an. Ein Drittel der Realschüler wollten einen Schulabschluss mit der Berechtigung zum Studium.

Aber auch Jugendliche mit besserer sozialer Ausgangsposition stehen unter wachsendem Druck. Der Anteil von Hauptschülern und Gymnasiasten, deren Versetzung gefährdet war, ist angestiegen, von 42 Prozent auf 46 Prozent bei der Unterschicht und von 17 Prozent auf 23 Prozent bei den oberen Schichten. Während schließlich jeder fünfte Jugendliche aus der Unterschicht tatsächlich eine Klasse wiederholen musste (2006 war es noch jeder Vierte), stieg der Anteil in der Oberschicht im gleichen Zeitraum von 9 Prozent auf 17 Prozent.

Die Studie belegt, dass sozial schlechter gestellte Jugendliche, deren Zahl in Zukunft wachsen wird, „abgehängt“ werden, wie es die Autoren nennen. Doch auch bei den oberen sozialen Schichten reichen das Abitur oder ein abgeschlossenes Studium nicht mehr aus, um unbesorgt in die Zukunft schauen zu können. „Die Idee, dass sich schon was finden wird, sollte sich einmal ein Plan nicht verwirklichen lassen, ist den heutigen Jugendlichen fremd. Mit der Zeit wird sich nichts finden – so die Wahrnehmung der Jugendlichen.“ (S. 76)

Politisches und gesellschaftliches Interesse

Der Anteil der nach eigener Aussage politisch Interessierten ist leicht auf 37 Prozent angestiegen (2002: 30 Prozent, 2006: 35 Prozent). Ihre politische Ausrichtung ordnet die Mehrheit der Jugendlichen weiterhin links von der Mitte ein. Das Interesse nimmt mit dem Alter, der Bildung und dem sozialen Status zu. Zwei von drei Studenten bezeichnen sich als politisch interessiert. Verantwortlich für den Gesamt-Anstieg sind aber vor allem die Jüngeren. Bei den 12- bis 14-Jährigen hat sich das Interesse binnen der letzten acht Jahre mit jetzt 21 Prozent nahezu verdoppelt, bei den 15- bis 17-Jährigen stieg es von 20 Prozent auf 33 Prozent.

Die Frage nach dem politischen Interesse ist zwar in der Tendenz interessant, aber wenig aussagekräftig, da Jugendliche darunter womöglich vor allem die Politik der Parteien verstehen. Und diese stehen bei Jugendlichen nicht hoch im Kurs. Der Aussage, es gehöre zum Leben dazu, sich für das zu interessieren, was in der Gesellschaft vor sich geht, stimmen 9 von 10 Jugendlichen zu.

Dagegen ist die Ablehnung der offiziellen Institutionen gewachsen. Die Frage nach dem Vertrauen in öffentliche Einrichtungen und Institutionen ergab die niedrigsten Bewertungen für die Bundesregierung, die Kirchen, große Unternehmen, Parteien und Banken.

„Wir haben immer gesagt bekommen, der Kapitalismus ist doch gut“, zitieren die Autoren die 21-jährige Nhung, Auszubildende zur Mediengestalterin in Berlin. „Und jetzt merken wir plötzlich, dass irgendwie alles zusammenbricht.“ Allen falle doch auf, „das System wird irgendwann zugrunde gehen“. Krieg, Ungerechtigkeit und soziale Benachteiligung, wo man nur hinsehe. Sie frage sich wie viele andere auch, ob es „der Sinn der Sache ist, dass du […] jeden Tag diesen Mist hörst und zulässt, dass andere das machen“.

Offensichtlich denken viele Jugendliche so. Die befragten 12- bis 25-Jährigen sind sozial und politisch aktiv, unter anderem für die Interessen von Jugendlichen, für Hilfsbedürftige und sozial schwache Menschen, für ein besseres Zusammenleben mit Migranten und für Menschen in ärmeren Ländern.

Zusammenfassend schreiben die Wissenschaftler, dass die Machtelite von den Jugendlichen aller Schichten kritisch beobachtet wird. „Ihr Tun und Lassen wird in der Oberschicht genauso skeptisch gesehen wie in der Unterschicht.“ Eine grundsätzliche Handlungsbereitschaft sei festzustellen. Drei von vier Jugendlichen der Unterschicht wollten sich „gegen das, was in der Arbeitswelt und Gesellschaft falsch läuft, wehren“.

Anders als vor einigen Jahren wird die Globalisierung heute nicht mehr vorwiegend negativ gesehen. 84 Prozent verbinden damit an erster Stelle die Freiheit, in der ganzen Welt reisen, studieren oder arbeiten zu können. Die Einstellungen zur Globalisierung sind dabei relativ unabhängig vom Bildungsgrad. Globalisierungsgegner, die es weiterhin gibt, erkennen in ihr mehrheitlich Umweltzerstörung, Arbeitslosigkeit, Armut und Unterentwicklung.

Ein Thema, das Jugendliche heutzutage besonders stark bewegt, ist der Klimawandel. Dreiviertel aller Befragten halten ihn für ein großes oder sogar sehr großes Problem. Zwei von drei Jugendlichen sehen durch das sich verändernde Klima die Existenz der Menschheit bedroht.

Auch die Auslandseinsätze der Bundeswehr stoßen im Zuge des Afghanistan-Kriegs auf wachsende Ablehnung. Vor acht Jahren sprachen sich noch 46 Prozent für und 29 Prozent gegen Auslandseinsätze der Bundeswehr aus. Jetzt hat sich dieses Verhältnis umgekehrt. Nur noch 37 Prozent sind dafür, 53 Prozent dagegen. War 2002 noch jeder Vierte unentschlossen oder hatte keine Meinung dazu, ist das 2010 nur noch jeder Zehnte. Während es keine nennenswerten Unterschiede beim Bildungsstatus und den sozialen Schichten gibt, ist die Ablehnung von Bundeswehr-Auslandseinsätzen in Ostdeutschland weitaus größer als im Westen.

Insgesamt enthält die Studie wichtige Einblicke. Die soziale Polarisierung nimmt zu, das soziale und politische Interesse und Engagement – insbesondere bei den ganz Jungen – steigt, und zwar gegen den offiziellen Politikbetrieb. Neue heftige soziale und politische Auseinandersetzungen stehen auf der Tagesordnung.

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[1] Alle Seitenangaben beziehen sich auf die im Fischer Taschenbuch Verlag unter dem Titel „Jugend 2010“ erschienene Shell-Jugendstudie (ISBN 978-3-596-18857-4).
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Quelle: wsws.org

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