Zeitfragen

Sie herrschen über den Ruin der Gesellschaft, aber sie herrschen

Seit 2008 leben wir in einer westlichen Welt, die vom „permanenten Staat“ oder von Managertechnokraten geprägt ist. Das Etikett kann nach Gutdünken gewählt werden. Ursprünglich wollten diese professionellen Technokraten vermeintlich fortschrittliche Werte fördern. Doch stattdessen beherrschen sie – die selbst beträchtlichen Reichtum angehäuft haben – weltweit „linke Parteien“.

Ist es Zufall oder Plan, wenn ehemals funktionierende Stadtteile entweder verelenden oder zu Hochburgen des woken Lifestyle werden?
Foto:Ted McGrath, Lizenz: CC BY-NC-SA 2.0, Mehr Infos

Diese „kreative Klasse“ – wie sie sich selbst gerne sieht – definiert sich vor allem durch ihre vermittelnde Position. Auf der einen Seite stehen die ultimativen Herren des großen Geldes, eine den Reichtum kontrollierende oligarchische Clique, und auf der anderen Seite – weit unter ihnen – steht die dumpfe „Mittelklasse“, über die sie sich lustig machen und die sie verhöhnen.

Diese vermittelnde „Zwischenklasse“ hat sich nicht vorgenommen, die Politik zu dominieren (sagen sie); es ist einfach passiert. Ursprünglich war das Ziel, fortschrittliche Werte zu fördern. Doch stattdessen beherrschen diese professionellen Technokraten, die sowohl beträchtlichen Reichtum angehäuft als auch sich in den großen Ballungszentren Amerikas eng in Cliquen zusammengeschlossen haben, „linke Parteien“ auf der ganzen Welt, die früher als Vertreter der Arbeiterklasse galten.

Diejenigen, die zu dieser neuen „Aristokratie“ gehören wollten, kultivierten ihr Image als kosmopolitisch, schnelllebig, glamourös, modisch und populärkulturell – Multikulturalität passte perfekt zu ihnen. Während sie sich selbst als das politische Gewissen der gesamten Gesellschaft (wenn nicht sogar der Welt) darstellten, spiegelte ihr Zeitgeist in Wirklichkeit in erster Linie die Launen, Vorurteile und zunehmend auch Psychopathien eines Teils der liberalen Gesellschaft wider.

In diesem Milieu gab es zwei entscheidende Ereignisse: Im Jahr 2008 versammelte Ben Bernanke, der damalige Vorsitzende der US-Notenbank, nach der globalen Finanzkrise die reichsten Oligarchen in einem Raum und „sperrte sie ein“, bis sie eine Lösung für den sich abzeichnenden systemischen Bankenzusammenbruch gefunden hätten.

Die Oligarchen fanden zwar keine Lösung, wurden aber trotzdem aus ihrer „Arrestzelle“ entlassen. Stattdessen entschieden sie sich dafür, Geld in strukturelle Probleme zu investieren, die durch gravierende Fehleinschätzungen des Risikos noch verstärkt wurden.

Und um die daraus resultierenden massiven Verluste zu finanzieren, die sich allein in den USA auf über 10 Billionen Dollar beliefen, begannen die Zentralbanken der Welt, Geld zu drucken – und haben seitdem nie wieder damit aufgehört!

Merkelismus im Strudel der „woken“ Metropolen-Elite

So begann im Westen die Ära, in der tiefgreifende Probleme nicht gelöst, sondern einfach mit frisch gedrucktem Geld zugeschüttet wurden. Diese Methode wurde auch von der EU rückhaltlos übernommen, wo sie als Merkelismus (nach der ehemaligen deutschen Bundeskanzlerin) bezeichnet wurde. Die zugrundeliegenden strukturellen Widersprüche wurden einfach ignoriert und in die Tonne getreten.

Ein zweites charakteristisches Merkmal dieser Ära war, dass die großen Oligarchen, als sie sich aus der industriellen Produktion zurückzogen und sich in die Hyper-Finanzierung stürzten, einen Vorteil darin sahen, die aufkeimende Agenda der Metropolen-Elite zu übernehmen. Die drehte sich um utopische Ideale der Vielfalt, Identität und Rassengerechtigkeit – Ideale, die mit der Inbrunst einer abstrakten Milleniums-Ideologie verfolgt wurden. (Ihre Führer hatten fast nichts über Armut oder Arbeitslosigkeit zu sagen, was den Oligarchen sehr gelegen kam).

Die Oligarchen witterten ihren Vorteil und radikalisierten sich ebenfalls. Angeführt von der Rockefeller- und Ford-Stiftung, der „Big Philanthropy“ und der Wirtschaft, gaben sie sich „woke“ Sprach- und Denkmuster. Und es wurde empfohlen, den Wohlstand direkt in die Hände derjenigen zu legen, die im Laufe der Geschichte systematisch zu Opfern gemacht worden waren. Aber auch hier wurde der tief greifende Strukturwandel in der Gesellschaft nur oberflächlich dargestellt – als bloßes Verschieben des Geldes von „einer Tasche in die andere“.

Das eigentliche Problem, das sich aus der Krise von 2008 ergab, war jedoch im Wesentlichen nicht finanzieller Natur. Ja, die Verluste wurden von den Bilanzen zahlungsunfähiger Finanzinstitute auf die Bilanzen der US-Notenbank Fed verlagert, aber die wirklichen strukturellen Probleme wurden nie angegangen. So glaubten die Menschen bald, dass fast jedes Problem durch „codierte Sprache und Gedanken“ – im Zusammenspiel mit der Druckerpresse – gelöst werden könnte.

Politische Kompromisse sollten nicht länger als Voraussetzung betrachtet werden. Die Kosten spielten keine Rolle mehr. In diesem Umfeld war kein Problem zu groß, um es mithilfe der Techniken modernen Verhaltensmanagements und der Zentralbank zu lösen. Und wenn es keine Krise gab, die einen Wandel der Agenda erzwingen und beschleunigen würde, dann konnte man eine erfinden. Und tatsächlich, sobald die US-Notenbank 2018 und 2019 zu einer „normalen“ Politik zurückgekehrt war, wurde eine neue, noch größere Krise geschaffen.

Probleme ein für alle Mal lösen

Es überrascht nicht, dass im Kontext der als gescheitert angesehenen Bürgerrechts- und „New Deal“-Reformen die von den oligarchischen „Wohlstandsfonds“ finanzierten Aktivistenbewegungen radikaler wurden. Sie machten sich einen revolutionären kulturellen Aktivismus zu eigen, der darauf abzielte, „Probleme ein für alle Mal zu lösen“ und einen tiefgreifenden strukturellen Wandel in der Gesellschaft herbeizuführen.

Dies bedeutete eine erneute Machtverschiebung weg von der liberalen Mittelschicht, „die so oft weiß und männlich“ war – und damit Teil der strukturellen Ungerechtigkeit der Gesellschaft. Einfach ausgedrückt: Die westliche Mittelschicht wurde von den Technokraten als Nervensäge betrachtet.

Der Punkt ist, dass bei all dem Gerede über „positive Diskriminierung“ zugunsten der „Opfer“ die andere Seite der Medaille übersehen wurde: die negative, schädliche Diskriminierung, die gegen diejenigen praktiziert wird, die „den Pfad versperren“ – diejenigen, die es versäumen, aus dem Weg zu gehen.

US-Demokraten avancieren zu verhassten „Linkssozialisten“

Scott McKay’s nennt in seinem Revivalist Manifesto diesen feindseligen Diskriminierungsprozess „bewaffnetes Regierungsversagen“ – wie zum Beispiel die behördlich verursachte Funktionsunfähigkeit (sie wird in den USA gemeinhin als „induzierte Dysfunktionalität“ bezeichnet, Anm. Übers.) in US-Städten, um die Mittelschicht zu vertreiben. „White flight’ is a feature. It’s not a bug“ (Das Rausfliegen der Weißen ist ein Merkmal. Es ist kein Fehler), predigten ihre Befürworter. Die städtische (in den USA so genannte) sozialistische Linke (mit der das „woke“ Establishment der „democrats“ gemeint ist, Anm, Übers.) will einen überschaubaren kleinen Kern reicher Einwohner und eine wimmelnde Masse gefügiger Armer – und nichts dazwischen. Das ist es, was das bewaffnete Versagen der Regierung hervorbringt, und es erwies sich bisher als voller Erfolg.

New Orleans wählt zu 90 Prozent die Demokratische Partei, Philadelphia zu 80 Prozent, Chicago zu 85 Prozent. Los Angeles? Einundsiebzig Prozent. Keine dieser Städte wird jemals wieder einen republikanischen Bürgermeister oder Stadtrat haben, zumindest nicht in absehbarer Zukunft. Hingegen existieren die Demokraten kaum noch außerhalb der Ruinen, die diesen städtischen Moloch produzieren.

Die bedeutendere Botschaft ist, dass die „induzierte Dysfunktionalität“ eine Gesellschaft hervorbringt, die man beherrschen kann (durch Unannehmlichkeiten und Schaden gefügig machen kann) – ohne sie regieren zu müssen (d. h. die Dinge zum Laufen zu bringen!).

Europa vor der Kernschmelze

Dieser Prozess ist auch in der heutigen EU zu beobachten. Die EU befindet sich in einer Krise, weil sie im Zusammenhang mit den Sanktionen gegen die russische Energiewirtschaft ihr Regieren vermasselt hat. Die Führungsschicht dachte, die Auswirkungen der EU-Sanktionen gegen Russland seien „ein Kinderspiel“: Russland würde innerhalb weniger Wochen einknicken, und alles würde wieder so sein wie vorher. Die Dinge würden wieder „normal“ werden. Stattdessen steht Europa vor der Kernschmelze.

Dennoch verfolgen einige führende Politiker in Europa – Eiferer für die Grüne Agenda – einen Ansatz, der mit dem der USA vergleichbar ist, ein „bewaffnetes Scheitern“, das als strategischer Aktivposten zur Erreichung der Grünen Netto-Null-Ziele gedacht ist.

Weil die EU ihre Gesellschaften zwingt, die Deindustrialisierung zu akzeptieren, die Überwachung des CO2-Fußabdrucks und den grünen Übergang zu befolgen – und die Kosten dafür zu tragen. Die US-amerikanische Finanzministerin Janet Yellen und einige EU-Staats- und Regierungschefs haben den finanziellen Schmerz als Beschleunigung des Übergangs gefeiert, ob man will oder nicht, selbst wenn man dadurch aus dem Erwerbsleben an den Rand der Gesellschaft gedrängt wird. Dysfunktionale europäische Flughäfen sind ein Beispiel dafür, dass die Europäer vom Reisen abgehalten werden sollen, durch die die Kohlenstoffbelastung erhöht würde!

Vereinfacht gesagt ist dies eine weitere verhängnisvolle Begleiterscheinung der „Wende“ von 2008. Soziopathie bezieht sich auf ein Muster antisozialer Verhaltensweisen und Einstellungen, einschließlich Manipulation, Betrug, Aggression und mangelndem Einfühlungsvermögen für andere, das einer psychischen Störung gleichkommt. Das entscheidende Merkmal des Soziopathen ist ein tiefgreifender Mangel an Gewissenhaftigkeit – eine Amoralität, die jedoch durch ein nach außen hin charmantes Auftreten verborgen werden kann.

Die neue Art der Herrschaft besteht darin, uns durch hohe Kosten zur Einhaltung von Vorschriften zu zwingen oder uns das Leben unerträglich zu machen. Doch unsere Welt zerfällt rasch in verkrustete Zonen der „alten Normalität“ und die sie umgebenden „Tümpel des Zerfalls“.

Der Kollaps

Das bringt uns zu der großen Frage: Wenn der Westen schon wieder am wirtschaftlichen Systemversagen vorbeischrammt, warum ruft man dann nicht, wie 2008, die milliardenschweren Oligarchen zusammen und sperrt sie in einen Raum, bis sie eine Lösung finden?

Ja, die Oligarchen mögen sich selbst hoch schätzen (weil sie so reich sind), aber ihre letzte Anstrengung brachte keine Lösung, sondern war eher eine Übung zur Selbsterhaltung, die dadurch erreicht wurde, dass sie frisch gedrucktes Geld auf breite strukturelle Probleme warfen und so den Übergang ihrer Imperien in ihre neue finanzgestützte Identität erleichterten.

Allerdings scheint sich um 2015 bis 2016 etwas geändert zu haben – eine Reaktion setzte ein. Diese ging nicht von den Oligarchen aus, sondern von bestimmten Kreisen im US-System, die die Folgen fürchten, wenn nichts gegen die massenpsychologische Abhängigkeit vom Drucken immer mehr Geldes getan wird. Sie befürchten, dass das Abgleiten in einen gesellschaftlichen Konflikt unausweichlich wird, wenn der Reichtum einiger Weniger und das Wohlergehen der Allgemeinheit weiterhin auseinander driften.

Die US-Notenbank Fed könnte jedoch versuchen, durch Zinserhöhungen eine kontrollierte Zerschlagung der US-Wirtschaftsblase herbeizuführen. Die Zinserhöhungen werden den „Inflationsdrachen“ nicht besiegen (dazu müssten sie viel höher ausfallen). Ziel ist es, die allgemeine „Abhängigkeit“ vom ungedeckten Geld zu beenden.

Die einzige Frage, die sich die Marktteilnehmer überall stellen, ist, wann die Fed wieder zum „Drucken“ übergeht … wann? Sie wollen ihren „Schock“ und zwar schnell.

So viele sind „abhängig“: Die Biden-Administration braucht es; die EU ist davon abhängig; der Reset erfordert es. Die Grünen brauchen das Geld; die Unterstützung für das ukrainische „Camelot“ braucht das Geld. Der militärisch-industrielle Komplex braucht es auch. Alle brauchen einen kostenlosen Geldsegen.

Vielleicht kann die Fed die psychologische Abhängigkeit mit der Zeit durchbrechen, aber diese Herausforderung sollte nicht unterschätzt werden. Wie ein Marktstratege es ausdrückte: „Das neue Geschäftsumfeld ist für jeden heute lebenden Anleger völlig fremd. Wir müssen uns also von einer Vergangenheit lösen, die es nicht mehr gibt, und unvoreingenommen an die Sache herangehen.“

Die Zeit der Nullzinsen, der Nullinflation und der quantitativen Lockerung war eine historische Anomalie – ganz und gar außergewöhnlich. Und sie geht zu Ende (im Guten wie im Schlechten).

Ein kleiner „innerer Kreis“ der Fed mag ein gutes Gespür dafür haben, was das neue Handlungsumfeld bedeuten wird, aber eine detaillierte Umsetzung kann sich nicht einfach getreu einer langen „trickle-down“-Befehlskette erstrecken, die sich am umgekehrten „Wachstums“-Paradigma orientiert und für einen „Drehpunkt“ plädiert. Wie viele der Personen, die gegenwärtig mit diesem Übergang befasst sind, verstehen seine ganze Komplexität? Wie viele sind mit ihm einverstanden?

Was kann schon schiefgehen? Den Wandel an der Spitze zu beginnen, ist eine Sache. Das Rezept für die „induzierte Dysfunktionalität des Regierens“ als Betriebsstrategie in einem „permanenten Staat“, der mit soziopathischen Kalten Kriegern und Technokraten besetzt ist, die auf Konformität getrimmt sind, ist jedoch unverkennbar. Die Soziopathen könnten der amerikanischen Öffentlichkeit sagen: „F*** you!“ Sie beabsichtigen zu „herrschen“ – Ruin ja oder nein.

 

Der Autor

Alastair Crooke ist ein ehemaliger britischer Diplomat, Gründer und Direktor des Conflicts Forum in Beirut sowie Betreiber des online-Journals Strategic Culture Foundation.

Der Artikel erschien zuerst am 31. Oktober 2022 unter dem Titel They Rule Over Dysfunctional Ruin, but They Rule

Quelle: Strategic Culture Foundation

Übersetzung und Bearbeitung: Hintergrund

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