Sozialabbau

Ist es nicht ein Recht der Armen, dass es Reiche gibt?

Von SANTIAGO ALBA RICO, 11. Juni 2010 –

Irgendwann habe ich einmal geschrieben, dass es in der Welt nur drei Arten von Gütern gibt: die universellen, die allgemeinen und die kollektiven.

Die universellen Güter sind jene, von denen ein Exemplar oder ein Beispiel ausreichend ist, dass wir zufrieden sind. Das sind die Dinge, die einfach da sind und nicht mit der Hand angefasst oder individuell besessen werden müssen: Sonne und Mond, die Sterne, das Meer, Machu Picchu und der Mount Everest, das Taj Mahal und die Sixtinische Kapelle, Che Guevara und der Heilige Franziskus, García Lorca und José Martí und García Márquez und Silvio Rodríguez und Cintio Vitier.

Die allgemeinen Güter sind dagegen die, die man notwendig verallgemeinern muss, damit die Menschheit vollkommen ist. Es genügt nicht, dass es Brot im Prinzenpalast gibt oder ein Haus im Garten des Grafen; das sind Dinge, die hier sein müssen, die wir alle mit den Händen fassen können müssen oder persönlich verköstigen: wir haben Wohnraum, Wasser, Medizin, und wenn wir sie nicht haben, dann, weil in der Welt etwas falsch läuft. Es ist keine Ungerechtigkeit, dass es nur eine Sonne am Himmel gibt oder nur ein „Guernica“ von Picasso, aber es ist eine Ungerechtigkeit, dass es nicht Brot für alle gibt.

Und die kollektiven Güter sind die, deren Vorteile wir alle gleichermaßen nutzen sollten, die aber nicht verallgemeinert werden können ohne die Existenz der allgemeinen und der universellen Güter zu gefährden. Das sind die Güter, die definitiv geteilt werden müssen. Zum Beispiel die Produktionsmittel, die nicht privatisiert werden können ohne dann Millionen Menschen ihrer allgemeinen Güter zu berauben: Brot, Wohnung, Gesundheit. Und es gibt auch einige Konsumgüter, deren Verallgemeinerung das universellste Gut gefährden würde, Quelle und Garantie aller anderen Güter: die Erde selbst. Alle müssen wir Brot und Wohnraum haben können, aber wenn wir alle zum Beispiel ein Auto hätten, dann wäre das Überleben der Art unmöglich. Der Verbrennungsmotor ist daher kein Gemeingut, wovon wir alle ein Exemplar haben können, sondern ein kollektives Gut, dessen Gebrauch man teilen und vernünftig verwenden muss. Im Lauf der Geschichte haben sich verschiedene Klassen die Gemeingüter und die kollektiven Güter angeeignet, und damit unterscheidet sich der Kapitalismus nicht von vorherigen Gesellschaften. Beunruhigender ist, was der Kapitalismus mit den universellen Gütern gemacht hat oder im Begriff ist zu tun. Ich beziehe mich dabei nicht auf die Kolonisierung des Weltraums, die Privatisierung der Radiowellen, der Samen und der Farben oder das Verschwinden der Arten, der Berge und Wälder. Ich beziehe mich vor allem auf die geistige Entwertung, die die universellen Güter durch die Abnutzung des Menschen durch den Markt erlitten haben. Normal ist es, sich an dem Blick auf die Sterne zu erfreuen; normal ist es, das sanfte Wiegen der Schneeflocken zu betrachten; normal ist es sich an der Lektüre des „Canto General“ von Neruda zu erfreuen. Oder nicht? 1895 betrachtete Cecil Rhodes, englischer Imperialist, Unternehmer und Gründer der De Beers-Gesellschaft (Besitzerin von 60 Prozent der Diamanten in der Welt), von seinem Fenster aus mit Wut die Sterne, „so hell und so entfernt“ von seinem imperialen Appetit, die „ich mir aneignen wollte, aber nicht konnte“. Auf anderer Ebene beklagte sich 2005 ein Fernsehmoderator im spanischen Fernsehen, dass man nicht für das Betrachten des Schnees bezahlen müsse, so weiß und so wunderschön wie er ist, wenn er die Felder und Städte Spaniens bedecke und irgendwie seinen Zauber verliere, wenn er willkürlich allen Blicken gleich offen sei. Und noch einmal kleiner: ich lernte einen Dichter kennen, der die Verse von Neruda nicht lesen konnte ohne sich zu ärgern: „Das hätte ich schreiben sollen!“ Es ist Sache der Kinder den Mond zu wollen und Sache bestechender Mütter, ihn ihnen zu versprechen. Der Kapitalismus ist eine zerstörerische Kinderei. Er nimmt die kindlichen Züge eines unartigen Jungen an und verallgemeinert sie, normiert sie und gleicht sie gesellschaftlich wieder aus. Das, was da ist und was wir nicht mit Händen greifen können – was deshalb also allen gehört – das macht uns arm, traurig und ist nichts wert.

Was bleibt von den universellen Gütern? Es bleiben die Reichen. Die Reichen gehören allen. Was uns am Kapitalismus am meisten gefällt, ist nicht etwa, dass er Autos, Flugzeuge, Hotels und Maschinen produziert: es ist, dass er Reiche Silvio Rodríguez und Cin schafft. Die babylonischen Orgien, die Millionengelder der spanischen Banker in der Krise, der kitschige Luxus der korrupten Politiker aus Valencia und Madrid, das sind keine Flecken oder Sünden des Kapitalismus: es ist reine Werbung.

Die Liste der reichsten Menschen der Welt, die von der Zeitschrift „Forbes“ veröffentlicht wird, ist nicht mehr als eine barbarische propagandistische Zurschaustellung, die viel mehr Zustimmung zum System schafft als der ungleiche Zugang zu billigen und banalen Handelsgütern. Ist es sonderbar, dass die lateinamerikanischen Frauen, gefragt nach dem „idealen“ Ehemann, ihn sich als US-Bürger, blond, helläugig, groß, Chirurg oder Unternehmer und natürlich als Millionär vorstellen? Oder dass im neuen China der Vater, von dem die jungen Mütter träumen, Bill Gates ist? Oder dass in der Liste der zehn von US-Männern am meisten bewunderten Persönlichkeiten nicht ein einziger Schriftsteller oder Wissenschaftler ist, sondern fast alle leitende Angestellte oder Besitzer von Unternehmen sind und alle immens reich? Oder dass die Zeitschrift mit der höchsten Auflage in Spanien mit fast 700 000 Exemplaren „Hola“ ist? Oder dass die berühmtesten Stücke und Fernsehserien, die von Millionen Zuschauern verfolgt werden, aus Studien über die Oberschicht bestehen (über Gewohnheiten, Probleme, Freuden)?

Wenn die Armen den Reichtum nicht teilen können, dann können sie doch wenigstens ihre Reichen teilen. Wenn sie den Reichtum nicht konsumieren können, können sie aber doch das Leben der Reichen konsumieren. Bill Gates, Carlos Slim, Warren Buffett, Amancio Ortega sind der Mond und der Machu Picchu und die Sixtinische Kapelle und das Taj Mahal des Kapitalismus. Sie sind die Sonne und der Schnee und der „Canto General“ des globalisierten Marktes. Möglich, dass sie die Verantwortlichen für den Niedergang der Welt sind, aber sie sind auch die Schöpfer dieses Wunders: dass wir zufrieden sind und uns alles gut scheint, während wir in uns zusammensacken.

Wer will Gleichheit? Ist die Ungleichheit nicht ein Recht der Armen? Dass es Millionäre gibt, ist das nicht das Recht der Tausend-Euro-Verdiener? Müssen wir nicht mit der Waffe in der Hand unser Recht, dass andere reich sind, verteidigen? Müssen wir ihnen ihre Verschwendung nicht danken? Müssen wir nicht wenigstens für sie stimmen?

Das ist das Modell, das die Vereinigten Staaten und Europa dem Rest der Welt auferlegen wollen. Nicht das Recht auf Sterne und Machu Picchu und die Fälle von Iguazú und die Neunte Sinfonie von Beethoven, sondern dass es Reiche gibt; nicht das Recht auf Brot und Haus und Schuhe, sondern zu wissen, wer die Millionäre sind und wie sie leben.

Revolution? Brot und Mond.

(Wissend, dass „Brot“ im sozialistischen Wörterbuch auch Milch und Kleidung und Haus und Hospitäler und öffentlichen Transport bedeutet; und „Mond“ heißt auch Meer und Musik und Wahrheiten und politische Souveränität)


Der Artikel erschien im Oktober 2009 unter dem Titel Que haya ricos, ¿no es un derecho de los pobres? bei La Calle del Medio (Heft 18/2009).

Der Autor: Santiago Alba Rico ist ein spanischer Schriftsteller , Essayist und Philosoph,geboren 1960 in Madrid.

Übersetzung: Günter Pohl für tlaxcla.es

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