Finanzwelt

Dollarflut der Zentralbanken soll Krise aufhalten

420 Milliarden Dollar „Liquiditätsspritzen“ seit Beginn der Woche.

Von REGINE NAECKEL, 18. September 2008:

Die Zeichen stehen auf Sturm.  Das Platzen der großen US-amerikanischen Immobilien- und Fondblase reißt immer mehr Investment- und Hypothekenbanken in den Strudel. War es vor zehn Tagen Fannie Mae und Freddie Mac (1), die vorerst unter staatliche Kuratel gestellt wurden, folgten Lehman Brothers und der Versicherungsgigant AIG. Seit ein paar Tagen beginnt das große Kriseln sogar beim Banken-Flagschiff Morgan Stanley, doch deren Aktieneinbruch mag vorerst noch dem Misstrauen der Branche geschuldet sein.

Lehman Brothers entließ man in den Konkurs, der Versicherer AIG wurde mit einem Staatskredit in Höhe von 85 Milliarden Dollar gerettet – und gleichzeitig verstaatlicht. Die hochverschuldeten USA zahlen zur Zeit kräftig, um der Welt ein halbwegs funktionierendes Finanzsystem vorzugaukeln:

200 Mrd. Dollar für Fannie Mae und Freddie Mac. 300 Mrd. Dollar für den Hypothekenversicherer Federal Housing Administration, 29 Mrd. Dollar als Finanzierung für JP Morgans Übernahme von Bear Stearns.

Der Bedarf an geliehenem Geld ist bei den Banken enorm, gleichzeitig wächst das Misstrauen der Institute untereinander. Was früher Gang und Gäbe war, die gegenseitige Kreditvergabe, findet in Zeiten, da keiner weiß, wo die nächste Bombe hochgeht, kaum mehr statt. Trotzdem versucht man, sich durch neue Bündnisse und Konzernzusammenlegungen durch die Krise zu lavieren. Aber wie lange wird das gut gehen?

Vorerst wird wieder zu dem altbekannten, aber auf lange Sicht wenig erfolgversprechenden Mittel der Liquiditätsspritzen durch die Notenbanken gegriffen. Doch allein das Ausmaß der Kreditflut ist beängstigend.

Selbst die Financial Times Deutschland spricht mittlerweile von der „schlimmsten Krise seit der großen Depression“. Diese Krise ist jedoch gerade erst in Fahrt gekommen. Das vergessen viele Analysten bedauerlicherweise öffentlich einzugestehen.

„Die US-Notenbank Fed, die Europäische Zentralbank (EZB), die Bank of Canada, die Bank of England, die Bank of Japan und die Schweizer Nationalbank (SNB) einigten sich am Donnerstag auf eine US-Dollar-Liquiditätsspritze in Höhe von 180 Milliarden Dollar,“ bilanziert die FTD die aktuellen Notprogramme. (2) Seit Beginn der Woche waren aber bereits Schnelltender in Höhe von 230 Milliarden US-Dollar in die Geldmärkte gepumpt worden, doch die Wirkung hielt meist keine 24 Stunden an.

Die Frankfurter Börse goutierte heute die Dollarflut mit einem leichten Plus – nicht zuletzt durch die Porsche-Kaufwut bei VW und den deutlichen Anstieg der Aktie. Morgen jedoch könnten schon neue Finanzblasen platzen und andere Turbulenzen das äußerst wackelige Kartenhaus erschüttern.

Lehman Brothers auch in Deutschland

Für die Pleite der deutschen Lehman Brothers Bank in Frankfurt am Main soll der Einlagensicherungsfond des Bundes Deutscher Banken (BdB) einspringen. Damit rollt auf den Fond laut einer Meldung im Handelsblatt der bislang größte Schadensfall in der deutschen Wirtschaftsgeschichte zu.

Sechs Milliarden Euro könnte der Konkurs der deutschen Tochter kosten. Wie weit sich noch Teile des Unternehmens vermarkten lassen, ist ungewiss. Davon hängt die tatsächlich aufzubringende Summe am Ende jedoch ab. Der Fond hat nach Angaben des Bundesfinanzministeriums derzeit ein Volumen von 4,6 Milliarden Euro.

„Die gesamten Verbindlichkeiten der deutschen Lehman-Tochter belaufen sich nach Informationen aus Finanzkreisen sogar auf 14,3 Mrd. Euro. Ein Investmentbanker wies darauf hin, dass die deutsche Lehman-Niederlassung Schuldscheindarlehen in Milliardenhöhe weiterverkauft habe, die sich kaum noch monetarisieren lassen. Deshalb sei es ziemlich sicher, dass die Einlagensicherung mit einem Milliardenbetrag einspringen müsse“, schreibt das Handelsblatt. (3)

Was da tatsächlich an Verbindlichkeiten schlummert, ist derzeit unklar. Sicher scheint jedoch, dass der Bankenverband alle Verpflichtungen einzuhalten gedenkt. Gestern erklärte er: „Die in Presseberichten hergestellte Gleichsetzung der Summe geschützter Einlagen mit der beim Einlagensicherungsfonds verbleibenden Schadenssumme ist sachlich falsch. Ist ein Entschädigungsfall durch die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) festgestellt, wird der Einlagensicherungsfonds die geschützten Einlagen entschädigen und benötigt dafür die entsprechende Liquidität. Im Wege der nachfolgenden Verwertung der Assets der insolventen Bank fließt in der Regel der deutlich größere Teil davon wieder zurück. Aufgrund der hohen Verwertungsquote ist der letztendlich beim Einlagensicherungsfonds verbleibende Schaden also deutlich geringer als die Summe der geschützten Einlagen. (…)Kundeneinlagen einschließlich auf den Namen lautender Sparbriefe sind bis zur Sicherungsgrenze von 285.105.000 € pro Einleger geschützt.“

Das klingt schon mal gut und fast nach einem lukrativen Geschäft für den Sicherungsfond. Wenn die Herren da nicht ein bisschen zu optimistisch sind. Zumindest kann im Falle Lehman Brothers nicht der Staat zur Kasse gebeten werden, wie bei der IKB.

Kreditzinsen werden steigen

Die Gier nach Dollar-Tagesgeld bei den Banken lässt die Zinsen weiter steigen. In der Eurozone stellte die EZB am heutigen Donnerstag 40 Mrd. US-Dollar für die Banken bereit und teilte über einen Schnelltender zum Zinssatz von 4,3 Prozent weitere 25 Mrd. Euro zu. Insgesamt hatten nach Angaben der EZB 43 Banken für insgesamt 49,3 Mrd. Euro geboten. (4)

Für den Verbraucher bedeutet die Geldmarktkrise nicht nur die direkte Verteuerung eigener Kredite, viel mehr wird die Politik des knappen Geldes bei den Banken zu Preissteigerungen in allen Lebensbereichen führen. Schon heute fließt in die meisten Gebrauchsgüter des täglichen Lebens ein hoher Anteil Kreditzinsen ein, die auf die Preise aufgeschlagen werden.

Die aktuelle Bankenkrise ist kein temporärer Sturm an den Börsen und Finanzmärkten. Sie hat schon jetzt die Volkswirtschaften fest im Griff und wird die nächste Zeit, politisch und wirtschaftlich, bestimmen.

 

(1)  http://www.hintergrund.de/index.php?option=com_
content&task=view&id=245&Itemid=64

(2)  http://www.ftd.de/unternehmen/versicherungen/:
Agenda-AIG-Tr%FCgerische-Sicherheit/415173.html

(3)  http://www.handelsblatt.com/unternehmen/banken-
versicherungen/lehman-bringt-deutsche-einlagensicherung-in-not;2041475

(4)  http://www.anleger-nachrichten.de/archiv/89357-
DJ-EZB-teilt-bei-Dollar-Tender-wie-geplant-40-Mrd-USD-zu.html

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