Neofeudale Herrschaftsstrukturen und transhumanistische Visionen im digitalen Stamokap
Das Zeitalter des Industriekapitalismus ist vorüber. Während vor circa 20 Jahren noch Industriefirmen und Energiekonzerne neben Banken die Rangliste der wertvollsten Unternehmen anführten, sind es inzwischen Internetgiganten wie Apple, Google, Microsoft oder Amazon. Es ist eine Wirtschaftsordnung entstanden, die von Unternehmen beherrscht wird, die sich auf die Gewinnung, Verarbeitung und Nutzung von Daten spezialisiert haben.
Foto: geralt Quelle: pixabay LizenzDie Dominanz der Digitalwirtschaft hat die Vorherrschaft der Realwirtschaft abgelöst. Das Zeitalter des »digitalen
Kapitalismus« ist angebrochen.1 Eine zentrale Rolle in der internetbasierten Wirtschaftsordnung spielen digitale Plattformen, die als virtuelle Marktplätze Angebot und Nachfrage zusammenbringen. Dieses Geschäftsmodell hat sich in den letzten Jahren invasiv ausgebreitet und expandiert weiter. Weltweit gibt es inzwischen eine Vielzahl solcher Plattformen, die sich nach Kategorien wie Social Media (Facebook, Instagram, TikTok), ECommerce (Amazon, eBay), Mobilität & Reisen (Uber, Airbnb) oder Content & Streaming (Netflix, Spotify, YouTube) unterscheiden. Dominiert wird dieses Geschäftsmodell derzeit von zwei Großmächten, den USA und China. Das Acronym »GAFA« steht für die US-amerikanischen Tech-Giganten (Google, Apple, Facebook und Amazon), während »BAT« die chinesischen Plattformen Baidu, Alibaba und Tencent repräsentiert.
Ist der Kapitalismus tot und in einen »Technofeudalismus« übergegangen?
Yanis Varoufakis, der ehemalige griechische Finanzminister, vertritt die These, dass große Internetkonzerne in vieler Hinsicht die Rolle von digitalen Feudalherren eingenommen haben. Sie erzeugten selbst keine Wertschöpfung mehr und verlangten von ihren Nutzern Gebühren, ähnlich wie ein feudaler Lehnsherr Abgaben von seinen Untertanen. Dies sei ein fataler Prozess, der den »klassischen« Kapitalismus zerstöre und durch einen »Technofeudalismus« ablösen würde.2 Varoufakis beschreibt den Technofeudalismus als ein System, in dem verschiedene soziale Gruppen miteinander agieren:
1. »Tech-Gutsherren« wie Jeff Bezos (Amazon), Steve Jobs (Apple), Elon Musk (Tesla, Twitter, X), Mark Zuckerberg (Facebook und Co.). Sie kontrollieren die Plattformen und bestimmen die Regeln des digitalen Geschäfts.
2. »Vasallenkapitalisten«, die auf den Plattformen ihre Waren feilbieten, aber nicht die volle Kontrolle haben.
3. »Cloud-Proletarier«, das heißt Lohnarbeiter, die an ihre physischen Grenzen getrieben werden (z. B. Lieferdienste).
4. »Cloud-Leibeigene«, also wir alle als gewöhnliche PlattformNutzer, die Inhalte produzieren, kostenlos Daten liefern und Kapital für die Plattform generieren, ohne dafür bezahlt zu werden.
5. »Überlords«, große Finanzkonzerne, die als Haupteigentümer der Plattformen bzw. Tech-Giganten zumeist im Hintergrund agieren.3
Die These vom Technofeudalismus beschreibt die neue digitale Realität in vieler Hinsicht zutreffend. Der tradierte Marktkapitalismus, der auf »freiem« Wettbewerb und »offenen« Märkten basiert, wird in der Tat durch die neuen Geschäftsmodelle der Technologiekonzerne deformiert und destruiert. Die sogenannte Realwirtschaft und mit ihr viele mittelständische Unternehmen geraten dabei in eine fatale Abhängigkeit von digitalen Großkonzernen. Die Frage ist jedoch, ob dieses Konzept dazu beiträgt, Klarheit über die digitale Transformation zu bekommen, oder nicht viel mehr Konfusion stiftet. Wenn Tech-Giganten darauf bedacht sind, Monopole zu etablieren und daraus Gewinne in Form von Renten zu extrahieren, ist das wohl kein Indiz für eine Wiederbelebung feudaler Ordnungsprinzipien, sondern Ausdruck für das kapitalistische Streben nach Profit und Macht. Und wenn moderne »Digitalfürsten« darauf aus sind, die gesamte Gesellschaft zu kontrollieren und zu beherrschen, dann ist das kein Rückfall in feudale Zeiten, sondern Indiz für die zunehmende Machtkonzentration der Tech-Monopole zulasten der »traditionellen« Unternehmen und Konsumenten.
Nicht nur im Modell des Technofeudalismus, auch in der Realität sind große Finanzkonzerne, wie die globalen Vermögensverwalter BlackRock und Vanguard, die eigentlichen Herrscher der digitalen Imperien und spielen bei der Finanzierung der Internet-Ökonomie eine entscheidende Rolle. In Form von Venture Capital investieren sie in das oft risikoreiche Geschäft von digitalen Startups. Derzeit werde die Big-Tech-Branche von einem regelrechten »Investitionstsunami« überrollt, analysiert der Publizist Evgeny Morozov.4
Konzerne wie Meta, Microsoft, Alphabet und Amazon haben allein im Jahr 2025 rund 320 Milliarden US-Dollar in KI-Infrastrukturen investiert. Unter KI-Experten (und Hochstaplern) herrsche »Goldgräberstimmung«. Auf die Spitze getrieben werden diese »kapitalistischen Exzesse« von Musks Unternehmen xAI, »das in nur zwei Jahren 17 Milliarden US-Dollar einge sammelt hat und jeden Monat eine Milliarde verbrennt. Im Vergleich dazu erscheinen die Verhältnisse der ersten Generation von Tech-Giganten nahezu bescheiden: Tesla startete mit einem Kapital von 7,5 Millionen US-Dollar, Google mit einer Million und Amazon mit acht Millionen.«5 Die gigantische Tech-Finanzialisierung belegt die zentrale Rolle des Finanzkapitals bei der digitalen Transformation. Finanzkapitalismus und Digitalwirtschaft sind eine Symbiose eingegangen, argumentiert der Soziologe Philipp Staab. Finanzakteure investieren massiv in digitale Technologien, um ihre Gewinne und Renditen zu steigern, während das Finanzkapital selbst zunehmend digitalisiert wird und die Logik der Finanzmärkte – Profitsteigerung und Spekulation – die digitale Wirtschaft durchdringt und prägt.6
Bei der Formierung des digitalen Kapitalismus handelt es sich nicht um eine Zerstörung des Kapitalismus, sondern um eine radikale Transformation innerhalb des Kapitalismus. Der Punkt ist dabei nicht, dass Plattformen ihre Nutzer ausbeuten und Gewinne durch Renteneinnahmen generieren. Die »Cloud-Miete« hat nicht den Profit ersetzt, sondern trägt dazu bei, die Gewinne der Tech-Konzerne zu steigern.
Der Kapitalismus bleibt auch im digitalen Zeitalter profitgetrieben. Es wird ungeheurer Mehrwert erzeugt, der den Reichtum der Superreichen vermehrt.
Stamokap auf neue Art
Wenn man in Betracht zieht, dass eine Wirtschaftsordnung entstanden ist, in der wenige Tech-Riesen (in Allianz mit Finanzkapital) enorme Macht konzentrieren, dann haben wir es mit einer neuen Monopolbildung im Kapitalismus zu tun. Nach marxistischer Auffassung sind Monopole eine Vereinigung von Großkonzernen, die sich zur Sicherung ihrer Profite Vorteile gegenüber kleinen und mittleren Unternehmen verschaffen, was sie selbst immer größer und mächtiger macht, während nichtmonopolistische Unternehmen in ihrer Existenz bedroht werden. Wenn sich die ökonomische Macht der Kon zerne mit der politischen und militärischen Macht des Staates verquickt, ent steht eine neue Qualität von Kapitalismus, die sich erstmals zu Beginn des 20. Jahrhunderts formierte. In der marxistischen Theorie wird dieses Phänomen seit W.I.Lenin (1870–1924) mit dem Konzept des staatsmonopolistischen Kapitalismus (Stamokap) beschrieben.7
Der Stamokap des frühen 20. Jahrhunderts war allerdings nicht das letzte Stadium des Imperialismus, wie Lenin annahm. Die jüngsten Entwicklungen in den USA weisen darauf hin, dass sich derzeit eine neue Variante herausbildet, bei der sich Tech und Finanzkonzerne mit der Politik verflechten und ihren Einflussbereich auf immer neue Lebensbereiche ausweiten. Dabei üben digitale Plattformen kraft ihres Monopols über Daten eine neue Form der Herrschaft aus, die »klassische« Kapitalisten und private Nutzer in eine Art neofeudales Abhängigkeitsverhältnis versetzt. Tendenziell droht eine »Zwangsdigitalisierung«, die uns am Ende alle zu »Leibeigenen« eines digitalen Monopolkapitalismus macht.
Mit Trumps zweiter Präsidentschaft sind Tech-Oligarchen Teil der Regierung geworden. Erstmals in der Geschichte des Kapitalismus nehmen Vertreter des Monopolkapitals unmittelbar Einfluss auf die Arbeit der politischen Administration. In dieser Form des Stamokap geht es nicht darum, dass der Staat die Wirtschaft reguliert, sondern darum, dass mächtige Digitalfürsten und Finanzmagnaten den Staat benutzen, um ihre Interessen und Vorstellungen durchzusetzen, indem sie sogar selbst als politische Akteure der staatlichen Macht agieren.
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HORST POLDRACK, Jahrgang 1950, ist Philosoph (Promotion 1979, Habilitation 1987). Er war u. a. Research Fellow am Center for Philosophy and History of Science in Boston 1981/82 und an der Akademie der Wissenschaften in Moskau 1986/87 sowie Gastprofessor an der Universität in Addis Abeba 1987 bis 1990. Er hat später an der Universität Halle-Wittenberg, am Umweltinstitut Leipzig und am Institut für Sozialwissenschaftliche Analyse und Beratung Köln gearbeitet. Seit 1994 als Trainer und Coach sowie im Management von mittelständischen Unternehmen tätig. Von 2006 bis 2011 arbeitete Poldrack als Trainer für chinesische Führungskräfte in der VR China. Er hat zahlreiche Publikationen und Aufsätze veröffentlicht, zuletzt Neoliberale Gehirnwäsche (verlag am park 2022)
1 Vgl. Philipp Staab, Digitaler Kapitalismus. Markt und Herrschaft in der Ökonomie der Unknappheit, Edition Suhrkamp, Berlin 2019
2 Yanis Varoufakis, Technofeudalismus. Was den Kapitalismus tötete, Kunstmann, München 2024
3 Ebenda, S. 133
4 Evgeny Morozov, »Leben wir im Technofeudalismus?«, in: Le Monde diplomatique, 7. August 2025,
https://monde-diplomatique.de/artikel/!6092121
5 Ebenda
6 Vgl. Philipp Staab, »Finanzkapitalismus und Digitalwirtschaft. Eine Symbiose mit Sprengkraft«, in: WISO Direkt, 15/20018, Friedrich-Ebert-Stiftung, https://library.fes.de › pdf-files › wiso
7 Vgl. W. I. Lenin, Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus, Dietz Verlag, Berlin 1962
