Weltwirtschaft

US-amerikanisches Konjunkturprogramm: Die Jobmaschine Krieg

Von REGINE NAECKEL, 19. Januar 2009 –

Anwerber, die im Auftrag des Pentagon Soldaten für US-amerikanische Einsätze im In- und Ausland rekrutieren, haben ihre helle Freude. Die Rezession und die damit einhergehende ständig steigende Arbeitslosenzahl treibt immer mehr Menschen zu den Streitkräften. „Wenn sich die Wirtschaft verlangsamt und die Arbeitslosigkeit steigt und die Arbeitsplätze im zivilen Bereich knapper werden, ist die Personalbeschaffung weniger schwierig“, erklärte Curtis Gilroy, der Direktor für Neueinstellungen im US-amerikanischen Verteidigungsministerium gegenüber der New York Times.

Schon das vergangene Geschäftsjahr erwies sich als hervorragend für das Militär und der Trend scheint sich zu beschleunigen. Die Armee übertraf ihre eigenen Personalziele für die letzen drei Monate des vergangenen Jahres. 21.443 Soldaten im aktiven Dienst und in der Reserve kamen allein in diesem Zeitraum neu zur Armee. Auch lange Auslandseinsätze und die hohen Unfall- und Todesraten im Irak schrecken Neubewerber nicht.

Die Armee und Marine Corps haben ihr Personal in den Anwerbe-Büros während der letzen Jahre im ganzen Land aufgestockt, die Prämien erhöht und eine teure Marketing-Kampagne gestartet. Als die Verluste im Irak stiegen, lockte die Armee Rekruten zudem mit einer höheren Extrazahlung für ihre Unterschrift und man akzeptierte eine größere Zahl Bewerber mit einer Krankengeschichte oder kriminellen Vergangenheit, die schlecht bei den Aufnahmeprüfungen abgeschnitten hatten bzw. über keinen High-Schul-Abschluss verfügten.

Die Rezession hat nun einen Ruck für die Armee gebracht, berichtet die New York Times weiter. Durch die desaströse Wirtschaftslage erhofft sich das Pentagon einen Rückgang der schlecht qualifizierten Bewerber im kommenden Jahr. Das wird, so glaubt Curtis Gilroy, auch dazu beitragen, die Arbeit der Personalvermittler zu erleichtern, die eine der anstrengendsten Aufgaben innerhalb des Militärs innehaben. Sie müssen in der Regel mit 150 Bewerbern sprechen, ehe sie einen finden, der den Anforderungen entspricht und der dann noch bereit ist, zu unterschreiben.

Die Arbeitslosenquote hat den Pool vergrößert und die Armee-Büros berichten schon jetzt über einen sprunghaften Anstieg junger Männer und Frauen, die sich bewerben. „Sie sagen, es gibt keine Arbeitsplätze, kein Mensch stellt jemanden ein oder wenn jemand eine Stellung anbietet, sind es nicht genug Stunden, um die Familien oder sich selbst zu ernähren“, erklärt Phillip Lee, ein leitender Personalvermittler der Armee in Bridgeport, Connecticut. Vor allem arbeitslose Bauarbeiter und auch ältere Bewerber melden sich, um ihre Möglichkeiten zu sondieren. Erst im Jahr 2006 hatte die Armee das Höchstalter der Bewerber von 35 auf 42 Jahre heraufgesetzt. (1)

Neben den Bauarbeitern melden sich aber auch High-School-Absolventen, denen die Finanz- und Wirtschaftskrise ihre Studienpläne zunichte gemacht hat. Sie bekommen weder Darlehen noch Zuschüsse. Ein weiterer Anreiz, das neue „G.I.-Bill“ (2), soll diese Anwärter mit Angeboten locken. Wer drei Jahre aktiv beim Militär gearbeitet hat, bekommt anschließend auf Staatskosten ein Studium finanziert.

Militärs profitieren auch in Deutschland von Arbeitslosigkeit

In Deutschland will die Bundeswehr bei der Rekrutierung ebenso von der Perspektivlosigkeit vor allem junger Arbeitssuchender profitieren. Durch die enge Zusammenarbeit mit den Arbeitsvermittlungsagenturen, den ARGE, und teilweise sogar Jugendämtern, versuchte man zum Beispiel auf „Berufsbildungsmessen“ Schüler der 9. Klassen für die Leistungen der Bundeswehr zu begeistern, die noch keinen Ausbildungsplatz gefunden hatten. (3)

Aber auch erwachsene Arbeitslose und Hartz-IV-Empfänger werden direkt „beworben“. So ergab eine Kleine Anfrage der Linksfraktion im Bundestag im Februar und April 2008, dass die Bundeswehr in elf Agenturen für Arbeit Büros dauerhaft unterhält. In 204 ARGEn finden regelmäßig Sprechstunden und Rekrutierungsveranstaltungen der Bundeswehr statt. Es zeigt sich, dass die Zusammenarbeit zwischen ARGEn und Bundeswehr trotz massiver Kritik an dieser Praxis weiter ausgebaut wird. Die Büros der Bundeswehr befinden sich vor allem in Städten mit einer überdurchschnittlich hohen Arbeitslosenquote. (4)

Angesichts der zahlreichen Aussagen von Wehrberatern und Rekrutierungsstrategen bei der Bundeswehr, man wolle und müsse aufgrund sinkender Bewerberzahlen die Arbeitslosigkeit von Jugendlichen ausnutzen, ist die Auswahl der ARGEn als Rekrutierungsfeld eine logische Konsequenz. Und damit die Mitarbeiter der ARGE auch überzeugend für den Beruf des Soldaten werben können, werden sie direkt in Bundeswehreinrichtungen auf die Beratungsgespräche mit jugendlichen Arbeitslosen vorbereitet. (5) „Wir nehmen die Kooperation mit der Bundeswehr sehr ernst. Für unsere Arbeitsvermittler und Fallmanager ist es sehr wichtig, dass sie ein konkretes Bild der zu besetzenden Stellen haben. Wir können unsere Kunden dann umfassender zum Arbeitgeber Bundeswehr informieren. Deshalb lernen unsere Mitarbeiter die Bundeswehr vor Ort kennen und intensivieren die Kontakte zur regionalen Wehrdienstberatung“, versicherte der Geschäftsführer der Arbeitsgemeinschaft Leipzig, Dr. Andreas Zehr im November 2007.

Weniger Arbeit, mehr Krieg?

Zwar ist der sukzessive Abbau der Truppen im Irak ein von Barack Obama postuliertes Ziel, gleichzeitig aber hat der neue US-Präsident die Ausweitung des „amerikanischen Engagements“ in Afghanistan und Pakistan zu seinem Programm erhoben. Das beinhaltet auch die Aufstockung der Truppen im mittleren Osten. Die Wirtschaftskrise bietet dafür Kanonenfutter aus menschlicher Konkursware – der Preis für das große Kapitalroulett wird mit der Ressource Mensch beglichen, schlimmstenfalls mit dem Leben.

Quellen:

(1) http://www.nytimes.com/2009/01/19/us/19recruits.html?partner=rss&emc=rss

(2) http://www.gibill.va.gov/

(3) http://www.bo-alternativ.de/2008/08/24/mit-bundeswehr-arge-und-zeitarbeitsbranche/

(4) http://www.imi-online.de/2008.php3?id=1750

Dort findet sich auch eine Liste der ARGEn mit Büros und regelmäßigen Veranstaltungen.

(5) Laut einer Pressemitteilung der ARGE Leipzig vom 30.11.07. Das Dokument wird von der ARGE nicht mehr im Netz vorgehalten, es ist nur noch im Google-Cache zu finden ( http://tinyurl.com/a5ktgo ) . Deshalb sei es hier eingefügt:

Presse Info 228/2007 vom 30.11.2007

Presseinformation

Zur Bekämpfung der Jugendarbeitslosigkeit rücken die Arbeitsgemeinschaft Leipzig (ARGE) und die Bundeswehr zukünftig enger zusammen. Im November dieses Jahres unterzeichneten beide Einrichtungen einen gemeinsamen Kooperationsvertrag.

Die Zusammenarbeit verfolgt zwei primäre Ziele. Zum einen hat die Bundeswehr weiterhin einen hohen Bedarf zur Einstellung von Soldaten. Diesen Bedarf soll auch die Kooperation mit der ARGE Leipzig decken, denn viele junge Menschen werden erstmals im Zusammenhang mit ihrer Arbeitslosigkeit auf den Arbeitgeber Bundeswehr aufmerksam.

„Wir nehmen die Kooperation mit der Bundeswehr sehr ernst. Für unsere Arbeitsvermittler und Fallmanager ist es sehr wichtig, dass sie ein konkretes Bild der zu besetzenden Stellen haben. Wir können unsere Kunden dann umfassender zum Arbeitgeber Bundeswehr informieren. Deshalb lernen unsere Mitarbeiter die Bundeswehr vor Ort kennen und intensivieren die Kontakte zur regionalen Wehrdienstberatung“, so Dr. Andreas Zehr, Geschäftsführer der Arbeitsgemeinschaft Leipzig, zu den nächsten Schritten.

Als zweites Ziel soll die Zusammenarbeit das Funktionieren des Kreislaufes „Wirtschaft – Bundeswehr – Wirtschaft“ vorantreiben. Junge Frauen und Männer, die sich für den Dienst in den Streitkräften entscheiden und ihren Dienst nicht in der Region Mitteldeutschlands ausüben können, sollen für die Zeit nach der Bundeswehr berufliche Perspektiven in „ihrer“ Region aufgezeigt bekommen und der

Region als Fachkräfte erhalten bleiben. Dazu nutzen die beiden Partner die bereits gesammelten Erfahrungen im Projekt „Modellversuch zur Gewinnung arbeitsloser Jugendlicher in Sachsen-Anhalt und Thüringen“ und streben die Erarbeitung einer Rückkehrerdatenbank an.

Die Bundeswehr hat jährlich einen strukturellen Ergänzungsbedarf von ca. 22.000 Soldatinnen und Soldaten. Für die personelle Bedarfsdeckung der Streitkräfte werden ca. 40 Prozent der Wehrpflichtigen, ca. 60 Prozent der Freiwillig Wehrdienst Leistenden und ca. ein Drittel der Soldaten auf Zeit in allen Laufbahnen aus den neuen Bundesländern gewonnen. In der Stadt Leipzig waren zum Oktober 2007 ca. 4.900 junge Menschen unter 25 Jahren arbeitslos gemeldet.

Nach der konkreten Positionierung und Aufforderung zu mehr Netzwerkarbeit auf der 3. Jugendkonferenz der Arbeitsgemeinschaft Leipzig zeigt diese mit dem angekündigten Erfahrungsaustausch innerhalb kürzester Zeit zum zweiten Mal, dass sie der aufgestellten Forderung Taten folgen lässt und beispielgebend voran geht.

www.arge-leipzig.de

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