Weltwirtschaft

Die griechische Gesellschaft droht an den harten Maßnahmen zu zerbrechen

Von APOSTOLIS FOTIADIS, 13. August 2010 –

Athen. An jedem Werktag versammeln sich über hundert Menschen am Eingang der Werft im südlichen Vorort von Attiki. Das Hafengelände, in dem Passagierschiffe und Handelsschiffe repariert werden, ist unter der Bezeichnung ‚Die Zone‘ bekannt.

Die meisten, die sich hier versammeln, sind arbeitslose Stahlarbeiter und Schweißer. Verzweifelt warten sie ab den frühen Morgenstunden auf Jobangebote von den Schiffen, die im Hafen anlegen. Es sind Tagelöhner-Jobs.

„Die Spannungen zwischen ihnen steigern sich oft sehr“, sagt Makis Kistidis. Er ist seit 32 Jahren Stahlarbeiter und hat so seine Erfahrungen mit der ‚Zone‘. Währenddessen ist es zwischen mehreren Arbeitern zum Streit über einen Zwei-Tage-Job gekommen, den sie ergattern wollen.

„Heute ist nicht der übelste Tag“, meint Kistidis. „Oft gibt es überhaupt keine Jobs. Viele Leute hier haben seit Anfang des Jahres nicht mehr als fünf oder sechs Tage gearbeitet – und seit 2008 nicht mehr als hundert Tage“.

Die öffentliche Debatte in Griechenland konzentriert sich auf die Sparmaßnahmen, mit denen das aufgeblähte Haushaltsdefizit des Landes behoben werden soll. Gleichzeitig wird den möglichen sozialen Auswirkungen einer steigenden Arbeitslosigkeit und einbrechender Gehälter der Durchschnittsbürger – als Folge harter Maßnahmen – kaum Aufmerksamkeit geschenkt.

Früher war ‚Die Zone‘ ein starkes Gewerbegebiet, in dem täglich mehr als 5000 Menschen Beschäftigung fanden. Heute ist sie ein eindrückliches Beispiel für den wirtschaftlichen Zusammenbruch Griechenlands. Der allmähliche Niedergang habe mit dem Angebot an billigen Arbeitskräften in China und Fernost begonnen, erläutert Kistkidis. Auf diese Weise seien Schiffseigner von Griechenlands Küsten weggelockt worden.

Durch die globale Finanzkrise in den vergangenen zwei Jahren ging es finanziell weiter bergab. Die Arbeitslosigkeit trifft die Arbeiter/innen sehr hart.

„Heute liegt die Arbeitslosenrate in der Zone bei über 90 Prozent“, so Kistikidis. „Sehen Sie sich die Registrierungsdaten auf der Arbeitslosenliste an. Sie werden sehen, wie viele Leute hier – seit Beginn des Jahres oder schon davor – festsitzen“.

Aristedes G. ist ein 58jähriger Stahlarbeiter, der seit 2008 keinen einzigen Tag Beschäftigung fand.

„Nachdem ich nicht mehr in der Lage war, die Schulden für den Hauskredit abzuzahlen, konfiszierten die Bankchefs den Besitz und boten ihn zur Versteigerung an“, sagt er.

„Sehen Sie, hier ist mein Essen“, sagt er und hebt eine Plastiktüte hoch. Die Besitzer des Cafés am Eingang der ‚Zone‘ haben ihm übriggebliebene Käsepastete geschenkt.

Auf harte Schicksale wie das von Aristedes G. treffe man nur allzu häufig, sagt Kistikidis. Er weist auf eine Reihe Männer hin, die ohne Beschäftigung um das Café herumstehen. Vielen von ihnen ginge es seit Monaten wirtschaftlich dreckig. „Häufig herrscht zu Hause dicke Luft, und so ziehen es Etliche vor, ihre Zeit draußen zu verbringen, um häuslichen Streitigkeiten aus dem Weg zu gehen“, sagt er.

Im vergangenen Jahr hätten sich vier Ehepaare aus seinem Bekanntenkreis aus eben diesem Grund getrennt, so Kistikidis.

Er erzählt von seinem arbeitslosen Freund George, 47 Jahre alt. Seine Frau habe ihn verlassen, nachdem die Bank, der er Geld schuldete, das Haus geräumt habe. Vor kurzem habe er ihn abends besuchen wollen, um ihn moralisch aufzurichten. Was ihn erwartete, war ein Schock: George hatte sich erhängt.

In den vergangenen Monaten schlossen sich die Hafenarbeiter den Streikaktionen an. Sie wenden sich gegen die geplanten Reformen der Regierung, mit denen ihr Sektor dereguliert werden soll. Kistikidis kritisiert die Unternehmen, die einen Bogen um arbeitslose griechische Arbeiter machten und stattdessen lieber Billigkräfte aus Litauen und Lettland ins Land holten. Der Durchschnittslohn eines griechischen Arbeiters beträgt zwischen 60 und 75 Euro am Tag. Arbeitskräfte aus Litauen und Lettland arbeiten für circa ein Zehntel dieser Summe.

„Dieses Mal ist es uns noch gelungen, sie (die Regierung) zu stoppen“, sagt er, „aber das ist die Zukunft, die sie uns geben wollen“.

Die ‚Organisation für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung‘ (OECD), eine Gruppe reicher Nationen, berichtete vor kurzem, man erwarte einen Anstieg der griechischen Arbeitslosenrate auf über 14 Prozent. Das wären 4 Prozent mehr als im vergangenen Jahr.

Erfahrene Arbeiter erwartet das gleiche Schicksal wie Berufsanfänger: wirtschaftliche Not.

Das Problem zerstöre die Arbeitsethik, meint Fannis Klissas, ein 26jähriger Koch. Vor wenigen Monaten bekam er einen Job in einer Bäckerei in Athen, der mit 840 Euro im Monat vergütet worden sei.

„Am Anfang schien es ein guter Vertrag zu sein“, sagt er, „zwar ein wenig schlechter bezahlt als üblich, aber in diesen Zeiten kannst du nicht alles haben“.

Einige Wochen, nachdem er seine Arbeitsstelle angetreten hatte, musste er feststellen, dass der Ladenbesitzer die Angestellten mit Strafgeldern belegte, wenn sie bei der Produktion etwas falsch machten.

„Vor einigen Wochen machte ich einen Fehler, der den Besitzer wenige Euros kostete, aber ich sollte 100 Euro Strafe zahlen. Wenn du jeden Tag Überstunden machst – 6 Tage die Woche – kann man dich doch nicht bestrafen, wenn du ein paar Kuchen vermasselst. Wenn du deinen Job nicht beherrschst, kann man dich verwarnen und (wenn es so weiter geht), kann man dir die Kündigung nahelegen, aber die Haltung, dass ein Boss die Leute nach Gutdünken abstrafen darf, ist absolut ungerechtfertigt“, meint er.

Klissas weigerte sich, die Strafe zu zahlen und wurde gefeuert.

Diese Arbeitskultur hat sich in ganz Griechenland verbreitet. Nach Klissas Ansicht wird sie nur angesichts der wirtschaftlichen Unsicherheit toleriert: „Die Leute haben Angst und sind leicht manipulierbar. Die Lage hier wird immer härter. Die meisten Leute finden sich mit Dingen ab, gegen die sie Einspruch erheben sollten. Wie können sie nur? Begreifen sie denn nicht, dass Arbeit auf der Basis von wechselseitigem Respekt und reifen zwischenmenschlichen Beziehungen stattfinden sollte und nicht auf der Basis von Herrschaft und Angst?“

Viele Beobachter meinen, Deregulierung sei der Preis, den die griechische Gesellschaft zahlen müsse, um die wachsende Verschuldung einzudämmen und wettbewerbsfähiger zu werden. Andere meinen, die künftigen Härten – aufgrund der Sparmaßnahmen – würden noch ernstere soziale Spannungen im Land auslösen.

Afroditi Korfiati ist Sonderermittlerin der Inspektionsbehörde des Arbeitsministeriums. Sie ist dafür zuständig, Unregelmäßigkeiten am Arbeitsplatz aufzudecken und Streitigkeiten zwischen Arbeitnehmern und Arbeitgebern zu schlichten. Sie meint, die Leute sollten sich ruhig verhalten, bis die Sparmaßnahmen Gestalt angenommen hätten.

„Es herrscht generell die Stimmung, dass es bergab geht. Doch die tatsächlichen, von uns gesammelten Daten werden belegen, dass die Unregelmäßigkeiten am Arbeitsplatz genauso schlimm sind wie im vergangenen Jahr. Wir arbeiten hart daran, weiter zu kontrollieren“, sagt sie gegenüber IPS.

Die Maßnahmen beträfen auch ihre eigene Behörde, sagt sie. „Wir sind 18 Ermittler weniger als im vergangenen Jahr, und freie Stellen werden nicht wieder besetzt“.

Vor kurzem gingen die Menschen wieder auf die Straße. Es war der vierte Generalstreik in diesem Jahr. Dass es weniger waren, als in den Streiks davor, nährt Spekulationen, die Leute würden sich gezwungenermaßen ruhig verhalten, obgleich sie frustriert seien, weil sie fürchteten, den Arbeitsplatz zu verlieren.

„Es ist nicht Furcht, die die Menschen von den Demonstrationen fernhält“, schreibt hingegen Xristina Kopsini, Kolumnistin der politischen Tageszeitung Kathimerini, „es ist die fehlende politische Zukunftsperspektive“.


Der Artikel erschien im Original am 2. August unter dem Titel Greek Society Begins to Crack Under Harsh Measures bei Znet.

Übersetzung für Zmag: Andrea Noll

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