Arbeit 4.0

Gute Arbeit

Plädoyer für eine industrielle Gesellschaft

Ist „Arbeit 4.0“ ein Verhängnis? Sind menschenleere Fabriken und durchdi­gitalisierte Büros ein Horrorszenario oder ein irdisches Paradies? Um sol­che Fragen beantworten zu können, lohnt es sich, vorab etwas anderes zu klären: Was ist eigentlich „gute Arbeit“, und in welcher Gesellschaft kann sie am besten realisiert werden? Mit Klärung dieser Frage soll eine Grundlage geschaffen werden, um die aktu­ellen Entwicklungen auch historisch besser einordnen und bewerten zu können.

„Gute Arbeit“ lässt sich zwar nicht abstrakt definieren – aber es gibt Kriterien, die einen Rahmen bieten. So sollte Arbeit nütz­liche Dinge und Dienstleistungen bereitstel­len, die einen „akzeptablen Lebensstandard“ für alle ermöglichen. Entwürdigende, nicht gewollte Tätigkeiten sollten möglichst redu­ziert werden. Die Produktion sollte zudem so organisiert werden, dass sich die Arbeiter mit dem „Output“ identifizieren können. Welche Organisation der Arbeit wäre also geeignet, um „gute Arbeit“ in diesem Sinne zu ermög­lichen?

Dass eine kapitalistische Produktion, ins­besondere unter der Herrschaft von globalen, staatsgestützten Monopolkonzernen, dem Konzept der „guten Arbeit“ entgegenläuft, ist leicht einzusehen: Die Unternehmer und Kapitaleigner bestimmen, welche Arbeiten angeboten werden, sie entscheiden über die eingesetzten Mittel, Arbeitsabläufe und Re­sultate. Die Produktion wird auch keines­wegs in Gang gesetzt, um nützliche Dinge herzustellen; die produzierten Gebrauchs­werte dienen lediglich als Träger von Profit. Negative Effekte wie Umweltzerstörung und Armut werden beständig „externalisiert“. Die Arbeiter sind zugleich ein Kostenfaktor und potenzielles Störelement, das es zu kontrol­lieren gilt. In kapitalistischen Betrieben zu „Werkzeugen der Produktion“ degradiert, sind die Beschäftigten kontinuierlich von Rationalisierung und „Deskilling“ („Entwer­tung von Fähigkeiten“) bedroht. Denn Unter­nehmen sind im Kampf um Marktanteile und Renditen bestrebt, die hohen Personalkosten zu minimieren und höchste Flexibilität im Sinne von Austauschbarkeit zu ermöglichen.

Es gibt natürlich auch in kapitalistischen Ökonomien gute Jobs und zufriedene Mitar­beiter. Aber „gute Arbeit“ nach den oben ge­nannten Kriterien ist ein sehr knappes Gut in einer kapitalistisch organisierten Produktion – wenn es sie überhaupt geben kann. Denn die Konzentration der Produktionsmittel in den Händen einer kleinen Elite unterwandert strukturell die Demokratie und damit das Grundprinzip „guter Arbeit“, das in der Aus­weitung von Freiheit, Kreativität und Selbst­bestimmung der Menschen bestehen sollte.

Schon zu Beginn des industriellen Kapita­lismus gab es daher Kritik an der spezifischen Organisation der Produktion: Von Karl Marx über die „Factory Girls“ in Massachusetts bis hin zu Rosa Luxemburg attackierten Arbeiter, Aktivisten und Gesellschaftskritiker die Aus­hebelung „guter Arbeit“ durch vom Kapital gesteuerte Gesellschaften. Anarchisten und libertäre Sozialisten forderten, die Produkti­onsmittel in die Hände derjenigen zu legen, die in den Betrieben arbeiten.

 

Praxis der Selbstverwaltung

Während im real existierenden Sozialis­mus die Produktionsmittel von einer Par­teibürokratie kapitalisiert wurden und die betriebliche Mitbestimmung insbesondere in (West-)Deutschland die Kontrolle der Arbeiter über die Produktion eher paraly­sierte denn förderte, blieb die Idee der Ar­beitsplatzdemokratie in der Zivilgesellschaft weiter lebendig. Fortentwickelt wurde sie beispielsweise im Konzept der „partizipato­rischen Ökonomie“, wie es vom Ökonomen Robert Hahnel und vom Sozialkritiker Mi­chael Albert in den USA erarbeitet wurde. Im Zentrum des Modells steht die Entwick­lung von vier alternativen Institutionen: sich selbst verwaltende Arbeiter- und Konsumen­tenversammlungen, gleichmäßige Einkom­mensverteilung für sozial wertvolle Arbeit, ausbalancierte Arbeitsorganisation und par­tizipatorische Planung.

Die Selbstverwaltung der Arbeiter blieb aber keine reine Idee, sondern wurde schon früh in die Praxis überführt, wenn auch überwiegend in Einzelprojekten. Bereits im 19. Jahrhundert entstanden insbesondere in Deutschland betriebliche Gegenmodelle im Zuge der sogenannten Genossenschaftsbe­wegung. Unterstützt von progressiven sozi­aldemokratischen Strömungen bildeten sich von Mitgliedern getragene Raiffeisenbanken, landwirtschaftliche Genossenschaften, ge­meinsam verwaltete Wohnungsgesellschaften etc. In Jugoslawien unter Tito entwickelten sich Betriebsformen jenseits von Staatssozi­alismus und Kapitalismus, die wirtschaftlich durchaus erfolgreich waren. Während in Deutschland viele der alten Genossenschaf­ten in der Nachkriegszeit kaum noch von anderen Betrieben zu unterscheiden waren, bekam die Idee der Arbeitsplatzdemokratie während der internationalen Proteste in den 1960er und 70er Jahren neuen Aufschwung. Im linksalternativen Milieu Europas und Nordamerikas wurde eine Reihe von Ko­operativen, Food Coops und Kommunen gegründet.

Ab den 1980er Jahren waren dann Job­krisen oft Auslöser für die Entstehung neuer „Worker-Owned-“ und/oder „Worker-Mana­ged-Unternehmen“. In Argentinien bildete sich nach der Wirtschaftskrise 2001 die „Fá­bricas Recuperadas“-Bewegung: Die Arbeiter eigneten sich Fabriken wieder an, die nach ihrem Bankrott von den Besitzern und dem Management außer Betrieb gesetzt worden waren, und betrieben sie in verschiedenen Ausformungen als Kooperativen. In Venezu­ela fand im Jahr 2005 das erste „Lateiname­rikanische Treffen wiederhergestellter Unter­nehmen“ mit Vertretern von 263 Betrieben aus verschiedenen Ländern statt.

Im Baskenland entstand bereits in den 1950er Jahren einer der größten industri­ellen Betriebe, der sich im Besitz von Ar­beitern befindet. Der Konzern Mondragon macht jährlich rund zwölf Milliarden Euro Umsatz und unterhält 260 Unternehmen und Genossenschaften, die von 74 000 Mit­arbeitern betrieben werden. Mondragon ist aber keineswegs ein ideales Modell, auch wenn es mehr Kontrolle, Lohngerechtig­keit, soziale und wirtschaftliche Stabilität garantiert – denn das Unternehmen ver­fügt weiterhin über ein Management. An Mondragon zeigt sich zudem noch ein wei­teres Problem, das im Prinzip alle Koopera­tiven trifft: Sie müssen auf kapitalistischen Märkten bestehen, die soziale und ökologi­sche Kosten externalisieren. Sie operieren also in einem feindlichen Umfeld, das die demokratische, auf „gute Arbeit“ ausgerich­tete Betriebsstruktur beeinflusst und auf Dauer einschränkt.

 

Postindustrielle Krisenlösung?

Doch ist die Basis für „gute Arbeit“ allein dadurch gesichert, dass Arbeiter und Ge­meinschaften sich selbst organisieren? Müs­sen wir nicht grundsätzlicher vorgehen und fragen, ob die moderne Industrieproduktion überhaupt vereinbar ist mit einer würdevol­len, dem Menschen angemessenen Arbeit?

Die Forderung nach einer postindust­riellen beziehungsweise einer Gesellschaft, die nur noch bedingt industriell angetrie­ben wird, ist angesichts von Klimawandel und Ressourcenknappheit gegenwärtig oft zu vernehmen. In der „Degrowth“-Debatte („Entwachstum“) wird ein „Leben jenseits der industriellen Zivilisation“ entworfen. Kleinbäuerliche und handwerklich ausgerich­tete Projekte stehen heute im Zentrum vieler alternativer Gesellschaftsentwürfe.

Die einzelnen Kritikpunkte an der in­dustriellen Gesellschaft sind durchaus un­terschiedlich gelagert. Es gibt konservative, traditionalistische, religiöse, aber auch linke und progressive Strömungen; dabei teilen alle mehr oder weniger die Annahme, dass die industrielle Produktion in einer industriellen Gesellschaft keine erfüllende, für den Menschen angemessene Arbeit und eine mit sozialer Gemeinschaft und Respekt für die Natur vereinbare Lebensweise schaffen kann. Vielmehr zerstören Fließbänder, Bergwerke und Tagebaue, ein Netz von Hochgeschwin­digkeitstrassen sowie künstliche Mall- und Shoppingwelten in einem fort Natur, hand­werkliche und ländliche Tätigkeiten – und damit auch Schritt für Schritt die Basis für das, was „gute Arbeit“ und „gutes Leben“ bedeutet. Brauchen wir heute also eine große Transformation weg vom „Industriellen“?

 

Gegenargumente

Gewiss – die Fehlentwicklungen der kapi­talistischen Industrialisierung sind unüber­sehbar. Sie verschärfen Krisen, die heute das Überleben der Spezies betreffen. Sich aus der sozialen und ökologischen Krise durch industrielle Schrumpfung „herauszusparen“ oder sie in einer postindustriellen Gesell­schaft zu überwinden, führt nach Ansicht des Autors jedoch in die Irre. So ist der Kli­ma- und der globalen Armutskrise nur durch technologische Antworten im Rahmen der industriellen Gesellschaft zu begegnen. Die globale Energiefrage löst sich keineswegs postindustriell in Luft auf, auch wenn die Nachfrage der Industriestaaten und wohlha­benden Schichten zum Teil drastisch redu­ziert werden muss. Zudem: Kapitalistische Ausbeutung und Zerstörung auf der einen und technischer Fortschritt und Industria­lisierung auf der anderen Seite gingen zwar historisch Hand in Hand, aber es sind nicht zwei Seiten ein und derselben Medaille. Tech­nologie ist mehr oder weniger neutral. Ihre Wirkung hängt davon ab, wie sie benutzt wird. Ihr Charakter ändert sich, je nachdem, in welche sozialen Institutionen sie eingebet­tet wird. Das gilt aber auch für andere Zivi­lisationsformen wie Agrargesellschaften, die einige der repressivsten Systeme hervorge­bracht haben.

Die Befürworter einer postindustriellen Gesellschaft führen eine Reihe von Argumen­ten an, die einen Ausstieg aus der industriellen Gesellschaft beziehungsweise ihre Schrump­fung als notwendig oder alternativlos erschei­nen lassen, um „gute Arbeit“ und „gutes Le­ben“ zu ermöglichen.

Drei davon sind:

➊ Die industrielle Produktion erzeugt entwürdigende Arbeitsverhältnisse und im­mer mehr „überflüssige Menschen“.

➋ Technischer Fortschritt und Industriali­sierung sind nicht neutral; ihre zerstörerische Dynamik ist letztlich nicht kontrollierbar.

➌ Ein akzeptabler Lebensstandard für alle ist aufgrund der planetaren Grenzen auf in­dustrieller Basis nicht (mehr) herstellbar.

 

Die Frage ist allerdings, ob diese Argu­mentation wirklich überzeugend und der da­rin propagierte Richtungswechsel zwingend ist. Machen entwürdigende Industriearbeit, zerstörerischer Fortschritt und die planeta­ren Grenzen eine Abkehr vom „Industriellen“ und eine radikale Neuausrichtung der Gesell­schaft tatsächlich notwendig? Kommen wir nur so zu „guter Arbeit“?

Zu ➊: Es gibt in jeder Gesellschaft – nicht nur in einer industriell ausgerichteten – Ar­beit, die wenig kreativ, dafür aber belastend und ungewollt ist. Eine fortgeschrittene technologische Gesellschaft hat jedoch die Möglichkeiten, viele dieser Tätigkeiten ange­nehmer zu gestalten oder sie zahlenmäßig zu reduzieren.

So kann heutzutage der größte Teil der Fließbandmontage von feinsensorischen Robotern erledigt werden – eine wünschens­werte Entlastung der Arbeiter von stupiden Tätigkeiten am Fließband. Die Menschen könnten sich nun anderen, kreativeren Ar­beiten zuwenden. Die Industriekonzerne verfolgen sicherlich andere Ziele, aber auch hier gilt: Nicht die Roboter entlassen Arbeiter und machen sie „überflüssig“.

Bäuerliche Arbeit und Handwerk gelten demgegenüber oft als Vorbild authentischer und erfüllender Tätigkeiten. Dabei können auch bäuerlich-handwerkliche Arbeiten be­lasten, gesundheitsschädigend und stupide sein – die Baumwollpflückerinnen in Indien können ein Lied davon singen. Die Zwänge sind zum Teil enorm, jedenfalls in der vor­industriellen, nicht maschinisierten Form. Selbstversorgung in Agrargesellschaften bedeutet meist einen einsamen und rauen Überlebenskampf. Freie Zeit, Bildung, Ko­operation und Austausch auch über lokale Grenzen hinweg sind die Ausnahme.

Zu ➋: So wenig industrielle Produktion zwangsläufig entwürdigende und stupide Arbeiten hervorbringen muss, so wenig sind die mit ihr einhergehenden zerstörerischen Effekte eine Folge der Technologie und Mas­senproduktion „an sich“. Nehmen wir den „Motor der Industrialisierung“, die fossile Energieerzeugung: an sich eine gute Sache. Damit ließen sich Maschinen betreiben, wel­che die Menschen entlasteten. Sie ermöglich­te massenhafte Stromerzeugung und setzte Lokomotiven, Autos und Straßenbahnen in Bewegung. Viele sinnvolle Dinge sind daraus hervorgegangen. Aber die negativen Effek­te waren von Beginn an unübersehbar: Die Luftverschmutzung durch Kohleverbrennung oder bleihaltige Autoabgase hatten und haben schwere, oft tödliche Atemwegserkrankungen und gravierende Umweltschäden zur Folge.

Diese Verwüstungen folgen aber keinem „Naturgesetz“ der Industrialisierung. Die Luftverschmutzung hätte von Beginn an auf ein Minimum reduziert werden können: Es gab Luftreinigungstechnologien (eingesetzt schon früher in der Steinverarbeitung) und Filter bereits im 19. Jahrhundert.

Doch der Gesundheit der Menschen und dem Schutz der Umwelt wurde während der Industrialisierung bis in die 1970er Jahre hi­nein kein oder nur ein untergeordneter Stel­lenwert beigemessen. Das lag nicht etwa an den Energietechnologien, sondern an den Unternehmen, Investoren und der politi­schen Klasse. Sicherlich gibt es Technologi­en, die keinen sinnvollen Nutzen haben oder wie die Atomenergie mit enormen Risiken verbunden sind.

Im Allgemeinen kommt es aber auf die Verwendung einer Technologie an, auf die Organisation der Gesellschaft, die die Techni­ken und Mittel ausrichtet. Sich selbst verwal­tende Gesellschaften werden daher die besten zur Verfügung stehenden Technologien für sich nutzen wollen.

Zu ➌: Sind postindustrielle beziehungs­weise industriell geschrumpfte Gesellschaf­ten noch in der Lage, einen akzeptablen Le­bensstandard zu garantieren? „Akzeptabler Lebensstandard“ ist natürlich ein relativer Begriff und bedeutet für einen Westeuropäer etwas anderes als für einen Mosambikaner oder eine Familie in einem Krisengebiet. Der Human Development Index (HDI) der Vereinten Nationen ist zwar keine ideale Messgröße für den Lebensstandard, bietet aber eine grobe Orientierung. Er zeigt, dass ökonomische Entwicklung mit Lebenslän­ge und -qualität korreliert. Das Leben eines Westeuropäers ist demnach materiell gut ab­gesichert. Das gilt für Ernährung, Wohnen, medizinische Versorgung, funktionierende Städte und Infrastruktur, Natur- und Um­weltschutz, soziale Institutionen, Erziehung und Schulen, Arbeitsverhältnisse, Freizeit, Mobilität usw. Daraus ergeben sich vielfältige Möglichkeiten und Freiheiten für die Men­schen und die Gesellschaft insgesamt. All das garantiert nicht per se „Glück“, ist aber einer möglichen „Lebenszufriedenheit“ sicher nicht abträglich.

 

Industrielle Lebensgrundlage

Der größte Teil der Weltbevölkerung ist weit entfernt von einem angemessenen Lebensstandard. Oft sind nicht einmal die elementaren Bedürfnisse befriedigt. In Län­dern ohne eigenen industriellen Kern leben die Familien unter extrem prekären, zum Teil katastrophalen Bedingungen. Viele sind Hunger und Armut schutzlos ausgeliefert, die meisten haben keinen Zugang zu Stromver­sorgung, Gesundheitsversorgung, sozialen Leistungen, funktionierender Infrastruktur und Verwaltung.

Hinter dem Elend verbirgt sich ein grund­sätzlicher Mangel an Industrialisierung in den „hungrigen Staaten“. Sicherlich muss die kleinbäuerliche Landwirtschaft gestützt werden, um etwa Ernährungssouveränität herzustellen. Aber das reicht nicht, um die multiplen Krisen in der „Dritten Welt“ zu lösen und sie in die Selbstständigkeit zu füh­ren. Die Länder sind auf eine eigenständige industrielle Entwicklung angewiesen, die jedoch über Jahrhunderte – oft gewaltsam – blockiert wurde. Den Afrikanern, Asiaten und Lateinamerikanern wurde, wie der deut­sche Ökonom Friedrich List im 19. Jahrhun­dert treffend formulierte, die „Leiter wegge­treten“, auf der Europäer und US-Amerikaner hinaufstiegen.

Aber können wir uns einen „akzeptablen Lebensstandard“ für alle überhaupt noch leis­ten? Ist eine industrielle Gesellschaft nicht ökologisch zerstörerisch und unvereinbar mit Nachhaltigkeit? Zeigen nicht Klimawan­del und Rohstoffknappheit, dass wir in den reichen Ländern über unsere Verhältnisse leben und nun eine Grenze erreicht ist, die uns zwingt, einen anderen Weg einzuschla­gen? Richtig ist, dass Industrialisierung die Umwelt vielfach geschädigt hat. Ein radi­kaler industrieller Umbau ist daher nötig, der, wenn er nicht immer wieder blockiert worden wäre, heute kein derart drängendes Thema mehr wäre. Richtig ist auch, dass es eine Reihe von Möglichkeiten in den real existierenden Industriestaaten gibt, „Ballast“ abzuwerfen und zu „entrümpeln“, wie es Postwachstumskritiker Niko Paech fordert.

Aber industrielle Schrumpfung oder eine postindustrielle Gesellschaft sind nicht die Lösung. Selbst wenn die Industriestaaten ihre Energienachfrage in den nächsten zwanzig Jahren um 50 Prozent reduzieren und ihren Lebensstandard herunterfahren würden, wäre das Klimaproblem damit ja nicht aus der Welt. Der Regress würde aber in eine ökonomische und globale Katastrophe mit unabsehbaren Konsequenzen führen. Nur mittels Technologien – durch den schnel­len Ausbau alternativer Energien und eine treibhausgasneutrale Infrastruktur – lässt sich die Klimakrise abbremsen. Denn lang­fristig herrscht kein Mangel an erneuerbaren Energien für die Schaffung eines allgemeinen akzeptablen Lebensstandards unter industri­ellen Bedingungen.

Es ist lediglich eine Frage des politischen Willens und der Umsetzung, nicht der tech­nischen Machbarkeit. Sicherlich ist der Res­sourcenvorrat unseres Planeten begrenzt. Aber das neomalthusianische Katastrophen­bild, nach dem nicht alle Menschen auf dieser Erde einen „akzeptablen Lebensstandard“ er­reichen können, weil wir nicht über zwei Pla­neten verfügen, ist kein Naturgesetz. Selbst das Vorhandensein begrenzter Ressourcen kann durch Schonung und damit ermöglich­te hocheffiziente Wiederverwertung „verlän­gert“ werden.

Wenn wir also von „guter Arbeit“ spre­chen, sollten wir uns fragen, wie wir die industriellen Gesellschaften von ihren Blo­ckaden befreien können, um eine solche zu ermöglichen. Wir sollten darüber nachden­ken, wie wir die besten Technologien für uns sinnvoll nutzen können. Das heißt aber nicht, alles ohne Sinn und Verstand in kapitalisti­scher Manier zu „industrialisieren“ und zu „digitalisieren“.

Niemand würde beispielsweise die real existierende „Agrarindustrie“ mit ihren hochkonzentrierten Saatgut-, Chemie- und Nahrungsmittelkonzernen gegen eine nach­haltige Landwirtschaft verteidigen wollen. Die Nachteile ersterer sind offensichtlich: Rie­sige Monokulturen, großflächiger Einsatz von Kunstdüngern und anderen Chemikalien, in­akzeptable Massentierhaltung, der gefährliche Einsatz von Antibiotika usw. haben Umwelt und ländliches Leben stark geschädigt und bergen enorme Risiken wie Pandemien.

Aber erst eine industrielle Gesellschaft schafft die Möglichkeit, eine nachhaltige Landwirtschaft unter der Bedingung eines akzeptablen Lebensstandards zu begründen und von den Zwängen und Beschränkungen der Agrargesellschaften zu befreien.

Was folgt daraus nun für die gegen­wärtige Situation von „Industrie 4.0“ und „Arbeit 4.0“? Ein kluger Weg wäre es, sich in selbstverwalteten Fabriken und auf für die Gesellschaft sinnvolle Weise der verfügbaren Technologien zu bedienen. Was aber ist mit den bestehenden Industrien? Es versteht sich wohl von selbst, dass ein Heer von Robotern in den Händen von Monopolkonzernen und einer globalen Businessklasse ohne angemes­sene öffentliche Kontrolle keine gute Sache ist.

Aber wie gesagt: Nicht Roboter, Autos, In­formationstechnologien und automatisierte Massenproduktion sind das Problem. Die in­dustrielle Gesellschaft ist keine Sackgasse, aus der wir uns befreien müssen. Vielmehr ist sie besser als andere Zivilisationsformen dazu ge­eignet, auf breiter Basis Freiheit und Kreativi­tät, also das, was „gute Arbeit“ und „gutes Le­ben“ sein können, für alle zu befördern. Auch oder gerade in einer industriellen Welt 4.0.

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