Wirtschaft Inland

Arbeitskampf bei Amazon

Von THOMAS EIPELDAUER, 5. April 2013 –

Dem Internetversanddienst Amazon steht sein erster Streik bevor. Bei einer Urabstimmung im Leipziger Logistikzentrum stimmten 97 Prozent der teilnehmenden Beschäftigten für Arbeitsniederlegungen, um den Konzern zu Tarifgesprächen zu bewegen. „Wir werden nicht locker lassen, bis wir einen vernünftigen Tarifabschluss haben“, so Gewerkschaftssprecher Jörg Lauenroth-Mago am Freitag gegenüber der Nachrichtenagentur dpa. Auch ganztägige und mehrtägige Streiks seien in Planung, die Aktion solle durchaus spürbar für den Online-Händler und seine Kunden sein. „Wir werden genau überlegen, wie wir am treffsichersten sein können“, sagte der Gewerkschafter weiter. „Zu streiken und keiner kriegt es mit, das wäre ein bisschen blöd.“

Tariflohn gefordert

Derzeit bekommen, wie ein langjähriger Mitarbeiter von Amazon in Berlin gegenüber Hintergrund berichtet, die Beschäftigten im ersten Jahr etwa 7,50 Euro netto die Stunde, im zweiten Jahr zirka 8,20. Bei Leiharbeitern sei es noch bedeutend weniger. Arbeitskämpfe habe es dennoch kaum gegeben. Viele der Beschäftigten hätten keine andere Jobperspektive, im Rest der Branche werde noch schlechter gezahlt.

In Leipzig fordert ver.di nun eine Lohnuntergrenze von 10,66 Euro. Auch in Bad Hersfeld, dem größten Logistikstandpunkt des US-Unternehmens, soll es, so berichtet die Süddeutsche Zeitung, zu Streiks kommen, wenn auf dem Verhandlungsweg keine Lösung erreicht wird. „Wenn es genau so fruchtlos läuft wie in Leipzig, werden wir am Dienstag in den Warnstreik treten“, zitiert das Blatt Gewerkschaftssekretär Heiner Reimann. Mit einem Einlenken der Geschäftsführung rechne er nicht mehr. 3 700 Beschäftigte sind in Bad Hersfeld tätig, für sie soll die Einhaltung des Tarifvertrags für den Versandhandel erstritten werden, 11,69 Euro für Hilfsarbeiter, 12,18 für reguläre Lagerarbeiter, so Reimann weiter. Sowohl in Leipzig als auch in Bad Hersfeld wird zusätzlich ein tarifliches Urlaubs- und Weihnachtsgeld gefordert. (1)  

Miserable Arbeitsbedingungen

Bad Hersfeld war erst im Februar 2013 durch eine ARD-Reportage mit dem Titel Ausgeliefert! Leiharbeiter bei Amazon (siehe unten) in den Fokus öffentlicher Kritik geraten. Diana Löbl und Peter Onneken begleiteten dabei ausländische Leiharbeiter bei Amazon, das Ergebnis ist so eindrucksvoll wie logisch. Wer unter den Bedingungen kapitalistischer Marktkonkurrenz permanent billiger als der Gegner sein will, muss die Arbeitskraft seiner Lohnsklaven mehr ausbeuten als die anderen – inklusive Dumpinglöhnen, erhöhtem Arbeitsdruck und dem dazugehörigen Sicherheitsdienst zur Einschüchterung der Belegschaft. Es sei nicht einmal „die Spitze des Eisbergs“, die in der Dokumentation gezeigt wurde, sagte Diana Löbl in einem Interview nach Erscheinen ihres Films: „So konnten wir z.B. nicht von den Leiharbeitern berichten, die zu elft in einer leergeräumten Dreizimmerwohnung lebten und dafür noch 200 Euro jeden Monat zahlen.“ (2)

Bereits vor dem Wanderarbeiterskandal hatte sich Ende 2011 gezeigt, wie Amazon sein Geschäftsmodell am Laufen hält: Hartz-IV-Bezieher wurden offenbar vom Jobcenter an das Unternehmen für unbezahlte Praktika vermittelt, wer sich weigerte, hatte mit Sanktionen zu rechnen – unentgeltliche Probearbeit bezuschusst vom Staat für einen Milliardenkonzern. (3)

Konsequenterweise hat die Mehrheit der in Bad Hersfeld Arbeitenden zudem nur befristete Verträge, ver.di spricht davon, dass 2 100 der knapp 3 700 Kollegen dort in diesen unsicheren Beschäftigungsverhältnissen stehen: „Der Durchlauf ist enorm und so sucht Amazon in einem immer größer werdenden Radius nach Arbeitskräften die noch nicht für das Unternehmen gearbeitet haben. Für die Betroffen hießt das: sie leben ohne sichere Perspektive, sich langfristig auf das Arbeiten in Bad Hersfeld einzustellen. Angst vor zu hoher Krankheitsquote, Angst vor Fehlern generell.“ (4)

Umfassendes Kontrollregime

Wie der Arbeitsalltag bei Amazon aussieht, das beschrieb bereits im Februar dieses Jahres ein anonymer Mitarbeiter – er ist „Picker“, also zuständig für das Einsammeln und Zusammenstellen der Waren – in der Frankfurter Rundschau: „Zehn bis 15 Kilometer Wegstrecke lege ich am Tag im Lager zurück. Aber nicht die körperliche Arbeit, sondern die ständige Kontrolle der Arbeitsprozesse und der damit verbundene psychische Druck waren und sind für mich die größte Belastung.“ Ein Computersystem überwacht die Geschwindigkeit und Fehleranfälligkeit der „Picker“, jeder Toilettengang zählt als „inaktive“ Zeit. (5)

Es ist ein umfassendes Regime prekarisierter Arbeit, das Amazon zur Maximierung seiner Profite errichtet hat. Die Belegschaft wird in ein bis ins letzte Detail rationalisiertes Ablaufschema gepresst, der einzelne Arbeiter ist perfekt in die Gesamtmaschine eingefügt. Was das für physische und psychische Auswirkungen hat und ob die Beschäftigten ein einigermaßen erträgliches Auskommen haben, interessiert in diesem Geschäftsmodell nicht. Und das lohnt sich: Amazon rangiert auf Platz 60 der Financial-Times-500-Liste der weltweit größten börsennotierten Unternehmen, 61 Milliarden US-Dollar setzte der multinational agierende Konzern im Jahr 2012 um, 8,7 Milliarden alleine in Deutschland. (6)

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Anmerkungen

(1) www.sueddeutsche.de/wirtschaft/protest-gegen-niedrigloehne-tausende-amazon-arbeiter-wollen-streiken-1.1640773

(2) http://meedia.de/fernsehen/amazon-ard-reporter-wehren-sich-gegen-vorwuerfe/2013/02/21.html

(3) http://www.gegen-hartz.de/nachrichtenueberhartziv/hartz-iv-ohne-lohn-bei-amazon-1618811.php

(4) www.amazon-verdi.de/hintergrunde/

(5) http://www.fr-online.de/wirtschaft/arbeitsbedingungen-amazon-bei-amazon–nur-eine-nummer-,1472780,21938888.html

(6) http://www.welt.de/wirtschaft/webwelt/article113404439/Riesige-Amazon-Umsaetze-ueberraschen-Analysten.html

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