Die entschärfte „Wagner-Meuterei“, ihre Ursachen, ihre Ziele – eine alternative Sichtweise

Der weit vorangeschrittene Versuch eines „bewaffneten Militärputsches“ am 24. Juni generierte viel Unbehagen und Furcht innerhalb Russlands. Im Westen floss der gierige Speichel. Am Ende willigte der Wagner-Chef Prigoschin ein und zog sich zurück. Weshalb? Eine erste ermittelnde Untersuchung.

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Präsident Wladimir Putin und Verteidigungsminister Sergej Schoigu – hier bei einer Marine-Parade. St. Petersburg, 30. Juli 2017
©Kremlin.ru, Mehr Infos

Erscheine schwach, wenn du stark bist – stark, wenn du schwach bist.

— Sunzi bzw. Klaus Kleber bzw. Annalena Baerbock

Es gibt Tage, an denen mehr passiert als an irgendeinem anderen der 485 Tage zuvor – rechnend ab dem Beginn der speziellen Militäroperation Russlands in der Ukraine. So auch hier mit dem 24. Juni 2023, wo für knapp 24 Stunden der vehemente Eindruck bestand, dass Russlands Staatlichkeit unter fundamentalem Beschuss stünde. Während die Welt den Atem anhielt.

Als dieser Autor – zusammen mit den allermeisten anderen, die sich an dem Tag gewünscht haben, aufatmen zu dürfen – endlich auch aufgeatmet hat, ist die Neugierde geblieben. Zumal ständig das Jahr 1917 durch den Verstand pochte – und ob dieses eine elliptische Wiederholung erfahren wird. Selbst der russische Präsident Wladimir Putin berief sich auf das verausgabte zaristische Russland, das während des Ersten Weltkriegs in die Februarrevolution gelotst und später in die bolschewistische Machtübernahme getrieben wurde, um dann einen blutigen, Bruder-mordenden Bürgerkrieg ertragen zu müssen. Putin erklärte, als er sich zur „Meuterei“ des 24. Juni äußerte, dass ein solches Szenario nie wieder für Russland infrage kommen dürfe. Zu einigen anderen Parametern seiner Rede später etwas mehr.

Es herrscht eine hitzige Debatte unter denen, die Russlands Ziele und Beweggründe für die militärische Spezialoperation seit 2022 unterstützen: War der von Jewgeni Prigoschin als „Marsch der Gerechtigkeit“ betitelte bewaffnete Einzug ins Innere Russlands eine Militärrevolte, beziehungsweise Meuterei? Vielleicht etwas ganz anderes? War diese Aktion berechtigt oder gesetzeswidrig? Welchem Ziel diente sie wirklich?

Wo die Landtruppen der russischen Streitkräfte Konfrontationen mit den zahlreichen Wagner-Kolonnen gemieden haben, waren die russischen Luftstreitkräfte aktiv beauftragt, ihr Land und ihre Hauptstadt vor der Ungewissheit zu schützen. Sie eröffneten mehrmals das Feuer auf die Söldner, die eindeutig auf Angriff von oben vorbereitet waren. Mit ihrer Luftabwehr wurden insgesamt 13 Mitglieder der russischen Luftwaffe getötet. Dies ist die Zahl an Gefallenen innerhalb von 24 Stunden. Bei einem der getöteten russischen Flieger-Piloten weiß man, dass er seine frisch gegründete Familie mit einer neugeborenen Tochter hinterließ.

Dieser Unterschied in der Handhabe von Prigoschins „Meuterei-Versuch“ (ab hier „Projekt“ genannt) durch die verschiedenen Militärabteilungen der russischen Streitkräfte lässt darauf schließen, dass die verschiedenen russischen Generäle auch verschieden zu Prigoschins Projekt standen. Entweder weil sie eingeweiht waren in den eigentlichen Plan oder nicht. Entweder sie waren Schoigu und Gerassimow gegenüber all die Jahre und bis zuletzt loyal oder eben nicht. Das waren entscheidende Richtwerte für alle Beteiligten am 24.06.2023. Sowohl der Befehlshaber der Gruppe „Süd“, Sergei Kusowlew, als auch der erste stellvertretende Generalstabschef der Streitkräfte Russlands, Wladimir Aleksejew, haben sich beide mit Prigoschin in Rostow am Don ablichten lassen, während dieser erklärte, „nach Rostow am Don gehen wir nach Moskau“. Aleksejew hat dann noch, bevor Prigoschin sein Vorhaben später am selben Tag absagte, den Wagner-Chef pro forma für seinen angeblichen Meuterei-Versuch öffentlich verurteilt.

Prigoschin behauptete in seinem Rückzugskommuniqué am Samstagabend, dass kein Blut vergossen wurde. Genau genommen, wie weiter oben erläutert, entspricht das nicht ganz den Fakten. Mittlerweile hat sich aber der Wagner-Chef öffentlich verpflichtet, 50 Millionen Rubel (über eine halbe Million Euro) an die Familien der gefallenen russischen Soldaten auszuzahlen.

In den letzten Tagen sind zahlreiche Chroniken dessen, was geschehen sein soll, veröffentlicht worden. Wir widmen uns hier aber einer ganz speziellen Hypothese, die das Geschehene noch einmal aus einem anderen Winkel betrachtet. Hierfür werden wir – wie immer – die Perlen und Tränen russischer Geschichte konsultieren müssen. Inwieweit diese Auslegung den Fakten und der Wahrheit entspricht, wird die Zeit schon sehr bald zeigen. Sie wird es schlussendlich bestätigen oder widerlegen können.

Die Hypothese selbst

Die auf den ersten Blick als der Putin-Führung als Ganzes gefährlich gewordene „Meuterei“ soll in Wirklichkeit ein Versuch der Reform gewesen sein. Es gibt Reformen – und es gibt „Reformen“. Manche Reformen aber können nicht transparent und offen über den amtlichen Weg vollstreckt werden. Besonders nicht, wenn der aufmerksame Westen versucht zu dechiffrieren, was in Mütterchen Russland jetzt eigentlich vonstattengeht. Manche Reformen – unter der Tarnung einer chaotischen Meuterei – bedürfen erst eines säubernden Prozesses, in dem alle relevanten Akteure gezwungen sind, ihre eigentlichen Farben zu zeigen. Eine Vor-Reform, wenn man so will. Auch nutzte diese „kontrollierte Meuterei“, die inszeniert wurde, um einer wirklichen, von inneren Feinden Russlands, seinen liberalen Eliten, hastig geplanten Meuterei zuvorzukommen.

Zweifelsohne war Prigoschins kritischer Standpunkt schon seit mehreren Monaten von ihm öffentlich verbreitet worden: Nämlich verdeutlichte er die dringliche Notwendigkeit eines Wechsels der Führung der russischen Armee – an der Spitze Verteidigungsminister Sergei Schoigu und Waleri Gerassimow, als Chef des Generalstabs der Streitkräfte Russlands. Diese Führungspersonen versteht er als sabotierend und ineffektiv. Als korrupte Überbleibsel einer eigentlich lang verflogenen Ära, so auch zahlreiche andere Unterstützer dieser Auslegung.

Kurz: Laut dieser Hypothese ist Prigoschin – und mit ihm seine vermeintlich autonomen Handlungen – eigentlich ein Instrument Wladimir Putins, um die eine Reform, die sich über die letzten Jahrzehnte sträubte, vom Fleck zu bewegen, zu implementieren: die Reform und ideologische Säuberung des Verteidigungsministeriums unter Schoigu und der höchsten Führung der Streitkräfte unter Gerassimow. Womöglich auch andere Macht-Domänen betreffend.

Freunde nah, Feinde näher? 

Die Vaterlandsverräter, die unter Boris Jelzins Führung das eigene Land von 1991 bis 1999 an die westliche Oligarchie breitspurig verhökerten, haben tiefere Wurzeln in Russland geschlagen, als die meisten im Westen und in Russland selbst heute vermuten. Ob heute noch welche in Führungsverantwortung übrig geblieben sind, werden die nächsten Wochen und Monate sicherlich zeigen. Eine Lossagung von dieser machtpolitischen Fremdbestimmung hat nicht einfach mit Wladimir Putins Ernennung zum Ministerpräsidenten und Präsidenten Russlands, jeweils 1999 und 2000, stattgefunden. Selbst die späteren Kadenzen als wiedergewähltes Staatsoberhaupt habe es gebraucht, um diesen langwierigen Prozess überhaupt am Laufen zu halten und stufenweise Erfolge zu erzielen. Grob betrachtet konnte Putin schon mit seiner zweiten Kadenz mit Fug und Recht behaupten, viele hartnäckige Jelzin-Figuren aus seinem Regierungsumfeld beseitigt zu haben. Aber nicht alle. Und genau in dieser sensiblen Hinsicht spielt sich derzeit hinter den Kulissen des russischen Staatsapparats weiterhin ein hektischer Machtkampf ab. Dies erkennt man daran, wie zurzeit in russischen Medien der Deutungskampf zu den Personen Progoschin („er ist ein unmissverständlicher Meuterer, Vorbestrafter, Krimineller etc.“) und Schoigu/ Gerassimow („alles, wie beim alten & keine Makel“) ausgefochten wird. Zum Beispiel haben heute russische Medien erneut behauptet, der Haftbefehl gegen Prigoschin sei nie aufgehoben worden.

Auch die Säuberung des „privaten Sektors“ Russlands (also Koryphäen wie Anatoli Tschubais, Roman Abramowitsch, Michail Fridman) war nicht gerade ein Ponyhof und dauerte viel länger – bis Februar 2022 nämlich – um aufgeweicht zu werden.

Sieht man diese Emanzipierung von den – verdeckt dem Westen verpflichteten – Eliten innerhalb Russlands in ihrer vollen Komplexität, so erschließt sich eine wichtige Einsicht: Den eigenen Staatsapparat mit allen relevanten Gremien und Einrichtungen kann man nicht einfach so über Nacht reformieren und der Souveränität zurück zuführen. An Säuberungen klassischer Art, wie sie einst Stalin, Lenin oder viel früher Ivan der Schreckliche durchaus vollzogen haben, war Putin offensichtlich nicht interessiert. Ja, der Wertewesten versucht die mediale Wahrnehmung der Bevölkerungen bei sich, beim Rest der Welt und innerhalb Russlands trotzdem seit Jahren in diese Richtung zu stimulieren – in Russland selbst bisher mit wenig Erfolg.

Es soll wohl am 24. Juni russische Staatsbedienstete gegeben haben, die voller Sorge das Land verließen beziehungsweise andere Vorkehrungen zur Flucht oder Schadenskontrolle trafen. Konkret hatte der russische Soziologe und Politologe, Wladimir Lepechin, auf seinem Telegram eine seiner Ansicht nach verlässliche Quelle aus dem Verteidigungsministerium zitiert, die behauptete, dass sowohl Schoigu als auch Gerassimow bereits Tage und Wochen zuvor „Gewitterwolken“ über sich spürten. Schoigu soll sich demnach schon Ende Mai in einem kleinen Kreis vertrauenswürdigster Personen getroffen haben, um eine Existenzstrategie für den Fall zu entwickeln, dass sie ihn absetzen werden. Des Weiteren wurde auf einer von solchen geheimen Sitzungen des Verteidigungsministeriums die Aufgabe gestellt, alle Dokumente zu bereinigen und Fälle zu vertuschen, die denunziatorischen Charakter hatten. In diesen Prozessen – laut dem anonymen General, der dem Politologen die Info zuspielte – soll der Vize-Verteidigungsminister Ruslan Zalikow Schoigu als Komplize dienen. Laut der Quelle heißt es weiter: Aus Schoigus Dienstsitz wurden bereits mehrere Fahrzeuge mit verschiedenen Gegenständen und wahrscheinlich auch Dokumenten entfernt. Zwei Il-76-Flugzeuge flogen alles unter strenger Bewachung nach Tuwa, und dann brachten Lastwagen alles zu seinem geheimen Anwesen in den Bergen der Republik.

Einzelheiten zu verdächtigen Korruptionshandlungen der Ehefrau, der Tochter und des Schwiegersohns Sergei Schoigus – auf Kosten des Verteidigungsministeriums – soll es auch geben.

Weiter heißt es, dass Gerassimow in den letzten Tagen und Wochen kaum mehr ansprechbar oder erreichbar war, da er sich immer stärker zurückzog und nun als isoliert gilt.

Diese hysterischen Hintergrundentwicklungen – ähnlich, wie sie nach dem 24. Februar 2022 verliefen – könnten wohl dem russischen Präsidenten und seinem vertraulichen Umfeld als einzigartiger Barometer gedient haben, um weitere Freunde von gut getarnten Feinden zu unterscheiden. Dieser Barometer soll angetrieben worden sein von Prigoschin und seiner sich Moskau nähernden Söldner-Kolonne.

Wie Ratten auf der Flucht von einem sinkenden Schiff. Prigoschin war der beauftragte Trickster, der diesen Leuten das sinkende Staatsschiff als Realität kreieren sollte, um sie aus ihren Schlupflöchern zu locken.

Warum konkret Schoigu?

Gibt es vom Urgestein des Jelzin-Kollektivs von damals jemanden, der heute noch übrig ist? Nominell ja. Es gibt mindestens eine hohe, bedienstete Person, die all diese Jahre unter dem Radar überwintert hat. Sergei Schoigu.

Ein ausgesprochen gründlicher Historiker auf Telegram erinnerte an gewisse, in Vergessenheit geratene öffentliche Geschichtsdaten der jungen Russischen Föderation. Ein unmittelbarer Vorgänger des offiziell Anfang 1994 gegründeten Katastrophenschutzministeriums der Russischen Föderation (MTschS) war eine Institution, die Boris Jelzin unterstand, um eine bedrängende Tatsache zu kompensieren. Nämlich, dass ihm im Jahr 1991 die Divisionen der Luftlandetruppen der (noch) Streitkräfte der UdSSR in Taman, Kantemirow und Tula den Befehl verweigerten. Sie verpflichteten sich stattdessen dem Staatskomitee für den Ausnahmezustand (GKTschP), das erst gegen den freimaurerischen Agenten Michail Gorbatschow vergeblich einen Putsch versuchte, sich daraufhin der US-Puppe Boris Jelzin entgegenstellte. Im Jahr der russischen Verfassungskrise 1993 stand der prowestliche Jelzin erneut vor einem ernsten Problem. Große Teile der Armee-Strukturen verweigerten ihm die Loyalität. Die Vorreiter-Organisation des heutigen MTschS – das Staatliche Komitee für Notstandssituationen der RSFSR – kam ihm erneut zur Hilfe und war de facto Jelzins Leibgarde in diesen aufmüpfigen „Problem-Jahren“. Wen rekrutierte sich damals Jelzin für die wichtige Führungsposition dieser ihm hörigen Gruppierung? Sergei Schoigu. Die Patrioten der GKTschP dagegen wurden noch damals von Jelzins Richtern verurteilt – oder, ohne großes Medienaufsehen, vereinzelt amnestiert.

Es gibt auch historische Beispiele von de facto privaten, militarisierten und dem Zaren hochloyalen Sicherheitstruppen aus der Zeit des Russischen Imperiums. Diese professionellen Leibgarden von damals ähneln in diesen Parametern der heutigen Wagner-Gruppe in Bezug auf Putin. Was wäre also, wenn die Wagner-Gruppe ein Geschöpf Wladimir Putins und seines engsten Kreises ist? Um Projekte zu verwirklichen, die die veralteten, kompromittierten Staatsstrukturen nicht konnten oder wollten? Denn obwohl Wagner kein offiziellen Status genießt – und streng genommen illegal ist –, betreibt die Gruppe ihre eigenen Ausbildungszentren, hat hochqualitative Luftstreitkräfte zur Verfügung und bekommt bessere Finanzierung als die reguläre Armee. Was könnte das bedeuten, wenn nicht nur, dass es die private Armee von Putin ist? Würde er ihr sonst solch absurden Handlungsspielraum gewähren? Sicherlich nicht.

Eine herkömmliche, über legislative Prozesse vollzogene Reform des eingefahrenen Verteidigungsministeriums und der unverlässlichen Führungselite der regulären Streitkräfte war demnach allem Anschein nach nicht möglich gewesen und brachte stattdessen das Parallelgebilde „Wagner“ hervor. Falls dem so wäre, hätte Putin am 24. Juni 2023 erstmals seine „eigenen Streitkräfte“ der korrupten Führung der regulären russischen Streitkräfte entgegen geschoben.

Die juristische Genauigkeit des russischen Präsidenten

Der studierte Jurist Wladimir Putin erwähnte am 24. Juni 2023 in seiner Rede über die Meuterei und den damit genannten Verrat weder die Wagner-Gruppe noch ihren Anführer, Jewgenij Prigoschin. Mit keiner Silbe. Für manche mag es so erschienen sein, als ob, da die Ereignisse sich derart überschlagen haben. Den ausgerufenen Haftbefehl gegen Prigoschin hat Putin wieder zurückgezogen. Und überhaupt, Amnestie. Wie weiter oben erwähnt, gibt es Versuche, die gegenteilige Behauptung unter die Leute zu bringen. Nachdem der Sprecher des Präsidenten, Dimitrij Peskow, zunächst versicherte, dass nach den erfolgreichen Verhandlungen mit Prigoschin (u. a. mit dem weißrussischen Präsidenten Lukaschenko) dennoch keine Stabsänderungen in der höchsten Kommandozentrale der russischen Streitkräfte geplant seien, werden nun doch welche in Aussicht gestellt. Wie sonst sollte man sich offiziell die Beschwichtigung Prigoschins und seiner Forderungen erklären?

Am Samstagvormittag hatte der russische Kriegskorrespondent Roman Saponkov ohne das Wissen darüber, dass die „Meuterei“ (das Projekt) noch am selben Tag ihr friedliches Ende finden würde, Folgendes auf seinem Telegram-Kanal veröffentlicht:

Die Situation ist viel komplizierter, als es scheint. Die unteren Ränge an der Front sind für Prigoschin. Genauer gesagt, gegen Schoigu und Co. Für die Fleischattacken an der Front, für den Mangel an Granaten, für die Dummheit des Kommandos, für die Aufgabe von Cherson. Die Wagners in den Asphalt zu wälzen, bedeutet, die stärkste Demoralisierung in der Armee zu bekommen. Und da sind wir gar nicht mehr weit von einem vollwertigen Aufstand.

Als Option – Prigoschin und Schoigu vor Gericht zu stellen. Ersterer wegen Meuterei, letzterer wegen des Scheiterns der SVO und des totalen Diebstahls, der zu diesem Scheitern geführt hat, mit realen Strafen von 15 Jahren.

Zugegebenermaßen ist sich hier Saponkov der Hypothese, die in dieser Ausführung vorgestellt wird, entweder nicht bewusst, oder zieht sie bewusst nicht unter Betracht. Was er aber tut, ist die Verantwortung Schoigus (und eigentlich Gerassimows, auch wenn von ihm hier nicht explizit genannt) sowie das Vernachlässigen seiner vielen Untergebenen, den russischen Soldaten an der Front, streng beim Namen zu nennen. Ob es Schoigus Inkompetenz oder eine willentliche Torpedierung der Militäroperation war, wird sich erst noch zeigen – aber es gibt bereits genug Indizien, die mich Zweiteres vermuten lassen. Hinzu kommt die Kuriosität, dass der Verteidigungsminister Schoigu sich über den ganzen Schicksalstag nicht ein einziges Mal persönlich zu Wort gemeldet hatte. Nur sein Ministerium äußerte sich, indem es den Vorwürfen und Anschuldigungen seitens Prigoschins ein Dementi gab. Am 26.06. veröffentlichte sein (noch) Ministerium als veraltet identifizierte Aufnahmen von ihm – wahrscheinlich, um eine zeiträumliche Verzerrung über seinen eigentlichen Verbleib zu erzeugen und das Unvermeidliche etwas hinauszuzögern.

Der Westen – statt der lachende Dritte zu sein, eher bestellt und nicht abgeholt?

Gemessen an den unbeholfenen Reaktionen von Staat und Medien im Westen war man anscheinend vom groben Credo „der Feind meines Feindes ist mein Freund“ getrieben. Auch das Konzept, „was auch immer Russland zu destabilisieren scheint, dient unserer Sache“ war zum Beispiel bei den Bekundungen des russischen, liberal-progressiven Ex-Oligarchen, Michail Chodorkowski oder dem ukrainischen Präsidenten Wladimir Selenskij herauszuhören. Beide verbanden mit Prigoschins „Götterdämmerung“ äußerst feuchte, aber von Kurzlebigkeit verfluchte Träume.

Die westlichen Geheimdienste versuchten so glaubhaft wie möglich aus dem, was in Russland vor sich ging, Kapital zu schlagen. Indem sie versucht haben, Coupons einzulösen, die sie nicht einmal selbst erstanden haben. Man habe unter anderem behauptet, dass die CIA geschafft habe, Prigoschin zu überzeugen, dass Putin kurz davor sei, ihn verhaften zu lassen. Dies sollte die „Meuterei“ dann ausgelöst haben. Der heutige Wissensstand zeigt mittlerweile klar, dass diese Information nicht mehr als eine Zeitungsente sein könnte. Außerdem zeigt es auch die Perplexität der westlichen Beobachter über das, was in Russland geschah. Wen westliche Geheimdienste tatsächlich in Russland verdeckt geworben haben und zur „Mitarbeit“ überzeugten, wird sich stufenweise zeigen. Prigoschin gehörte eher nicht dazu. Eher gar nicht.

Natürlich sammelt sich der Westen in Vernunft und ernüchtert bereits. Ein britischer General hat bereits Sky News gegenüber warnend erläutert, dass Prigoschins nach Weißrussland verlegte Söldner-Truppen Kiew von Norden aus angreifen könnten. Das wären nur 100 zu überwindende Kilometer. Würde sich das als wahr entpuppen, hätte sich die „Meuterei“ als ein strategisches Meisterstück unscheinbarer Truppen-Verlegung quer durch russisches Gebiet erwiesen. Dieselbe Art Verlegung durch ukrainisches Gebiet wäre verlustreicher, aufwendiger und transparenter gewesen.

Die eigentliche Meuterei

Ergänzend zu der obigen Hypothese sei der Verdacht, dass spätestens seit dem Beginn der speziellen Militäroperation eine verdeckt liberale Schicht innerhalb des russischen Staatsapparates einen Putsch gegen Putin plante – mit westlicher und ukrainischer Unterstützung, versteht sich. Es sollen Signale an diese inländischen Verschwörer gesendet worden sein, an denen sie die Dringlichkeit und den Zeitpunkt des Vorhabens abmessen sollten. Eines dieser Signale soll der Drohnenangriff am 5. Mai 2023 im Kreml, auf die russische Flagge, gewesen sein – wo die Flagge selbst unbehelligt blieb. Als ein anderes Signal wird der Bombenangriff auf die Krim-Brücke am 8. Oktober 2022 gehandelt.

Mit dem Scheitern der in letzter Zeit viel besprochenen – sogar vom Westen als misslungen attestierten – ukrainischen Gegenoffensive lief für die prowestlichen Elemente innerhalb der russischen Elite grenzwertig der Handlungsspielraum aus.

Als letzte Instanz, um Russland zu besiegen oder zumindest irreparabel zu verwunden, sah man einen von innen losgelösten Meuterei-Versuch an. Dem soll Präsident Putin mit seinem Vertrauten Jewgenij Prigoschin zuvorgekommen sein. Schließlich ist bekannt, dass Putin ein leidenschaftlicher Leser von Geschichtsbüchern ist. Besonders die, welche vom Westen gestützte Revolutionen und Meutereien in seinem Heimatland behandeln.

Diese noch nicht offiziell zur Rechenschaft gezogene Gruppe soll die eigentliche Meuterei geplant haben, vom Zaun zu brechen. Um eine letzte Chance zu ergreifen, ein im Krieg befindliches, gerade signifikante Erfolge erzielendes Russland, einem Regime-Wechsel zu unterziehen. Bald zeigt sich, ob diese Auslegung zumindest als grob zutreffend gilt. Demnach wäre Jewgenji Prigoschin weitestgehend rehabilitiert.

Ganz nebenbei: Vor etwas mehr als einer Woche wurde – das erste Mal seit seinem Bestehen – das in Jekaterinburg betriebene, prowestliche liberale „Jelzin-Zentrum“ behördlichen Ermittlungen unterstellt – mit einer Perspektive auf Schließung. Ehemals ein von Moskau nicht ernsthaft angerührter Besichtigungsort und Treffpunkt westlicher Diplomaten, grauer Kardinäle und „kulturpolitischer NGO-Influencer“, war das Zentrum zuständig für die Unterstützung von ausländischen Agenten innerhalb Russlands, LGBT-Propaganda und andere typisch westliche Beglückungen. Dies ist ein weiteres Symptom dafür, wie Russland immer mehr einer weitestgehend selbstständig gelenkten Zeitenwende nachgeht.

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Der Autor

Elem Chintsky ist ein deutsch-polnischer Journalist, der zu geopolitischen, historischen, finanziellen und kulturellen Themen schreibt.

Seit Anfang 2020 lebt und arbeitet der freischaffende Autor im russischen Sankt Petersburg. Der ursprünglich als Filmregisseur und Drehbuchautor ausgebildete Chintsky betreibt außerdem einen eigenen Kanal auf Telegram, auf dem man noch mehr von ihm lesen kann.

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