Ukraine-Krieg

Acht Jahre Krieg

Seit 2014 herrscht Krieg im Osten der Ukraine. Der deutsche Journalist Ulrich Heyden hat diesen immer wieder für verschiedene Medien beschrieben. Er war als einer von wenigen deutschen Journalisten vor Ort und hat mit den Menschen gesprochen. Nun hat er seine Texte in einem Buch zusammengefasst. Es ist ein Werk mit Respekt gegenüber den Opfern, eines das niemanden glorifiziert. Ein Korrektiv zum Verständnis der Hintergründe des heutigen Konflikts. Eine Rezension.

Eine 2014 zerstörte Kirche in der Nähe des Flughafens von Donezk.
Foto: Mstyslav Chernov, Lizenz: CC by-sa, Mehr Infos

„Eine Frau mit schweren Wunden an den Beinen rief – offenbar im Schock – ‚wo ist mein Telefon?‘ Ein Mann, der der Frau helfen wollte, stammelte ununterbrochen: „Mein Püppchen, mein Püppchen. Wir werden Euch rächen.“ Das ist keine aktuelle Szene aus dem Ukraine-Krieg – oder besser – aus der jetzigen Phase des Ukraine-Kriegs, wie viele wohl glauben würden. Sie ist einer Reportage vom Juni 2014 entnommen.

Ulrich Heyden, wohnhaft in Moskau, hat ab 2014 über Jahre immer wieder (2015, 2017, 2018, 2020) die von den Föderalisten oder Separatisten kontrollierten Gebiete in der Ostukraine, im Donbass bereist und darüber berichtet. Die Reportagen, die zum Teil schon bei Telepolis, den Nachdenkseiten, im Neuen Deutschland und in der Wochenzeitung WOZ erschienen sind, hat er in dem Buch mit dem vielsagenden Titel „Der längste Krieg in Europa seit 1945“ versammelt. Tatsächlich hat der Krieg, der inzwischen so viel öffentliche Aufmerksamkeit findet, schon vor acht Jahren begonnen. Die Regierung Poroschenko und dann die Regierung Selenski haben ab Juni 2014 im Rahmen der „Antiterroroperation“ immer wieder die eigene, nicht gefügige Bevölkerung im Donbass unter Beschuss genommen. Dieser Krieg ist neben dem hegemonial gewordenen ukrainischen Nationalismus, einem exterminatorischen, also auf völlige Vernichtung ausgerichteten Chauvinismus, vielen Autoren und Autorinnen selbst im sogenannten linken Lager hierzulande unbekannt. Oder man will ihn nicht wahrhaben. Die Unkenntnis verwundert nicht angesichts der Verschwiegenheit der deutschsprachigen Medien seit dem Putsch, der auf den Euromaidan folgte. Man kann fast von einer Nachrichtensperre sprechen. „Die deutschen Chefredakteure schicken seit 2014 keine Journalisten mehr in die Volksrepubliken“, schreibt Heyden (19, alle Seitenangaben in Klammern beziehen sich auf das Buch).

Er selbst hat leidvoll erfahren, dass ungeschminkte Berichte aus den aufständischen Gebieten unerwünscht waren. Immer mehr Zeitungen und Magazine haben ihm als Moskau-Korrespondenten ihr Vertrauen entzogen und das teils nach Jahren der Zusammenarbeit.1 Der Vorwurf: mangelnde Neutralität. Heyden hat mit seinen Reportagen die Ausgrenzung als Journalist in Kauf genommen. Auch die Redaktion von „Der Freitag“ will seine Texte bis auf weiteres nicht mehr. Etwas härter geht man in der Ukraine mit Leuten seinesgleichen um. Heyden wurde auf eine schwarze Liste gesetzt, nachdem er gemeinsam mit dem Dokumentarfilmer Marco Benson den Film „Lauffeuer“ produziert hatte.2 Dieser dokumentiert das Massaker am Gewerkschaftshaus von Odessa. Vermutlich handelt es sich um die im Internet veröffentlichte Liste der „Mirotworetz“, zu deutsch „Friedensstifter“, mit der alle öffentlich an den Pranger gestellt werden, die der Sympathie mit den Separatisten verdächtigt werden.

Auf der Website werden neben Journalistinnen und Journalisten, Politikerinnen und Politikern, darunter auch deutschen Abgeordneten, alle gelistet, die als „Feinde der Ukraine“ gelten. Eine Deutsche ukrainischer Herkunft, die Hilfstransporte in die Volksrepubliken organisiert hat, steht ebenso auf der Liste – sie geht jedenfalls davon aus (76) – wie auch der ehemalige Leiter der Münchner Sicherheitskonferenz, Wolfgang Ischinger (58).3 Ausländer wie die genannte Aktivistin sind gut beraten, nicht in die Ukraine zu reisen. Mirotworetz mit ukrainischem Pass leben gefährlich; denn sie sind mit Adresse im Internet aufgeführt.4 Es muss ihnen nicht gleich Mord drohen. Aber immerhin sind mehrere Oppositionelle von 2014 bis heute ermordet worden. Heyden nennt einen Schriftsteller und einen Journalisten als Beispiele (32).

Man bekommt in dem Buch also nicht nur einen Eindruck von den Kriegserlebnissen der Menschen im Donbass, sondern erfährt auch manches über die politische Situation der Ukraine, über die Einschränkung der Medien und über rechten Terror. Heyden konnte das Buch übrigens nur mit dem Self-Service-Verlag tredition publizieren.

Die Reportagen, jeweils mit Datum und Erscheinungsort versehen, sind nicht chronologisch geordnet, obwohl manche Überschriften das erwarten lassen: „,Russischer Frühling‘ für eine Föderalisierung der Ukraine“ (Kapitel 3), „Die heiße Phase der Krieges 2014/15“ (Kapitel 4), „Stellungskrieg und Jagd auf Donbass-Kommandeure“ (Kapitel 5). Andere Kapitel haben eher einen thematischen Schwerpunkt, zum Beispiel das zweite Kapitel über das Minsk II-Abkommen oder das siebte über den „Alltag im Krieg“.

Aufschlussreich waren für mich die Berichte über den Beginn des Konflikts, die an die rasche Eskalation erinnern. Nachdem Anfang April die Volksrepublik Donezk ausgerufen worden waren, befahl der Übergangspräsident Turtschinow wenige Tage später die militärische Antiterroroperation. Am 2. Juni bombardierte ein Kampfflugzeug die Gebietsverwaltung von Lugansk, nachdem man auch dort eine „Volksrepublik“ gegründet hatte. Es gab Tote und Verletzte. Bald darauf wurden auch die Städte Slawjansk und Kramatorsk sowie einzelne Dörfer bombardiert oder mit Artillerie beschossen. Infrastrukturen wurden zerstört. Da war kein Platz für Verhandlungen. Die Regierung Poroschenko ließ die Banken in der Ostukraine schließen und verhängte ein Embargo. Wasser- und Stromversorgung wurden zeitweise gekappt. Frankreich und Deutschland versuchten vergebens zu vermitteln, wobei die Vertreter der Volksrepubliken ausgeschlossen waren. In der Folgezeit wurden immer mehr Städte und Dörfer zu Angriffszielen. „Der Stress treibt alte Menschen in den Tod […] Eltern erzählen mir, dass sich ihre Schulkinder tagsüber einnässen“ (45). Heyden berichtet, dass die Menschenrechtsorganisation Memorial Klagen beim Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte eingereicht hat. Bei uns wurde das nicht zur Kenntnis genommen.

Unterbelichtet bis unbekannt ist auch die Rolle der rechtsradikalen Freiwilligenbataillone Asow, Aidar, Rechter Sektor oder Tornado bei der Antiterror-Operation gegen die Volksrepubliken. Sie wurden nach Heyden zum Teil von einer polnischen Sicherheitsfirma trainiert und „machten die Drecksarbeit an der Front, verhafteten Verdächtige, folterten und beschossen – oft auf eigene Faust – Wohngebiete in den Volksrepubliken“ (169).

Heyden hat im Lauf der Jahre mit Einwohnern jeden Alters Gespräche geführt, mit Arbeitern, Aktivisten, Verwaltungsleuten, Lehrerinnen und Lehrern, Schulleiterinnen, Erzieherinnen, Kommandeuren von Freiwilligenbataillonen auf Seiten der Separatisten. Sie berichten nicht nur von Zerstörungen und Toten, von Nächten im Keller. Interessant ist die Zustimmung, die die Aufständischen fanden. Eine Frau namens Oksana, die aus der Not von heute auf morgen Journalistin wurde, erzählt von dem Enthusiasmus der Leute (54). Zumindest galt das für den Anfang. Aber auch die Wahlbeteiligung im November 2018 zeigt die hohe Zustimmung zu den neuen politischen Gegebenheiten. Die Menschen standen, so ein Gesprächspartner, bei minus 20 Grad stundenlang in Schlangen an, um ihre Stimme abzugeben (85). Ein anderes Indiz: Nach dem Mordanschlag auf den Präsidenten der DNR im September 2018 nahmen weit über 120.000 Menschen an der Trauerfeier teil (267). Heyden lässt dabei keinen Zweifel, dass es auch im Donbass „pro-Maidan-Kräfte“ gegeben hat, die aber meist in die von Kiew kontrollierten Gebiete migriert sind (86).

Die Empathie für die Opfer des jahrelangen Kriegs im Donbass, die Heyden zeigt, könnte als politische Parteinahme missdeutet werden. Dass er einseitige Brüche des Waffenstillstands durch Kiew registriert wie im Februar 2017 (220f.) und zugleich den Separatisten Glauben schenkt, die klagen, dass sie wegen Minsk II nicht schießen dürften, werden ihm die neuen Kalten Krieger ankreiden. Aber Heyden wahrt die nötige Distanz als Journalist. Er zeigt Respekt gegenüber Opfern und Kämpfern, aber er glorifiziert beide nicht. Er leugnet auch Gräueltaten auf Seiten der Separatisten nicht und berichtet über einen Fall, in dem wegen Foltervorwürfen ermittelt wurde (218).

Das Buch liefert ein Korrektiv zu der gleichgeschalteten Berichterstattung und Stimmungsmache hier im Lande, und man kann ihm deshalb nur einen großen Absatz wünschen.

Ulrich Heyden, Der längste Krieg in Europa seit 1945. Augenzeugenberichte aus dem Donbass, Verlag Tredition, 340 Seiten, 19,90 Euro (Softcover), 24,90 Euro (Hardcover)

Endnoten

1 Siehe die Darstellung auf https://de.wikipedia.org/wiki/Ulrich_Heyden_(Journalist), Zugriff am 07.06.22

2 https://www.youtube.com/watch?v=GnW32h7osPk

3 Ischinger hatte im Februar 2020 zusammen mit mehreren Politikern und Sicherheitsexperten, darunter einem ehemaligen britischen Verteidigungsminister und einem ehemaligen russischen Außenminister, einen Friedensplan für den Ukraine-Konflikt vorgelegt.

4 Die Bundesregierung versicherte 2021, dass sie die Website Mirotworez oder auch Myrotworez – die Transkription ist unterschiedlich – verurteile und in Kontakten mit der ukrainischen Regierung auf Löschung gedrängt habe (https://www.bundestag.de/presse/hib/846488-846488, Zugriff am 07.06.22).

Der Autor

Georg Auernheimer war bis zu seiner Emeritierung Professor für Interkulturelle Pädagogik an der Humanwissenschaftlichen Fakultät der Universität zu Köln. Seitdem arbeitet er als politischer Publizist. Zuletzt erschien von ihm „Wie gesellschaftliche Güter zu privatem Reichtum werden. Über Privatisierung und andere Formen der Enteignung“ (PapyRossa, 2021).

Zuletzt erschien von ihm auf hintergrund.de: Schwierigkeiten des Nation Building – Der Fall Ukraine und Die Ukraine als umworbene und getäuschte Braut

Drucken

Drucken

Teilen

Voriger Artikel Pressefreiheit Zensur gegen den Machtverlust