Die politische Linke in der Krise

Ein Blick auf die Linke der Welt

Die politische Linke steckt – wie die Gesellschaft allgemein – in einer multiplen Krise. Sie findet keine Antworten auf die drängenden Fragen der Gegenwart. Es gelingt ihr trotz großer Ungerechtigkeiten und trotz eines drohenden Weltkrieges nicht, eine starke Organisation aufzubauen, die dem Kapital etwas entgegensetzen kann. In einer losen Reihe besprechen wir aktuelle Bücher, die sich mit dem Zustand der Linken und mit Auswegen aus deren politischem Versagen beschäftigen. Im zweiten Teil schauen wir in das Buch des schwedischen Soziologen Göran Therborn „Die Linke im 21. Jahrhundert“.

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Angekommen in der Beliebigkeit? Weltsozialforum 2023 in Porto Alegre/Brasilien.
Foto: Câmara Municipal de Novo Hamburgo, Lizenz: CC BY, Mehr Infos

Auf achtzig Seiten um die Welt. Die Vergangenheit im Kopf und die Zukunft im Blick – und das alles aus einer linken Perspektive. Das ist, auf zwei kurze Sätze gebracht, der Anspruch von Göran Therborns Essay „Die Linke im 21. Jahrhundert“. Denn wer die Aufgabe der Linken in diesem Jahrhundert und ihre gegenwärtige Lage skizzieren will, der muss das Vergangene resümieren. Im deutschen Vorwort – der Essay erschien im vorigen Herbst zunächst in der britischen Zeitschrift New Left Review – spricht der Autor davon, dass er die Zeiten verstehen will, in denen er gelebt hat und lebt. Viel erlebt hat der heute 81-jährige schwedische Soziologe in jedem Fall, vor allem konnte er in den vergangenen Jahrzehnten viel beobachten. Das prädestiniert ihn dazu, einen prägnanten Überblick, eine kurzweilige Reise um die Welt zu liefern.

Dabei stellt sich zunächst die Frage, was Therborn eigentlich mit der Linken meint. Sozialdemokratie, Sozialisten, Kommunisten. Klar. Aber so einfach ist das in weltweitem Maßstab nicht immer. Man findet mitten in dem kleinen Band eine kurze und sehr allgemeine Definition, die für die Linken gelten kann. Ob in Asien, Afrika, Lateinamerika oder Europa.

Wenn es einen Sinn hat, links zu sein, dann ist es der engagierte Einsatz für die Gleichheit der Menschen, für die Schaffung von Bedingungen, die es jeder und jedem ermöglichen, ihre und seine Fähigkeiten im Leben auszuschöpfen. (S. 69)

Klima- oder Geopolitik hin oder her, Therborn behält Klassenkämpfe auch in globalem Maßstab im Blick. Und er schaut auf einzelne Bewegungen und Länder. Natürlich immer nur mit kurzen Schlaglichtern, mehr ist auf den wenigen Seiten der neuen „Flugschrift“ aus dem Hamburger VSA-Verlag gar nicht drin. Deutlich wird, dass Therborn die Linke global in der Defensive sieht. Was sicher richtig ist.

Das 21. Jahrhundert birgt keine große Entwicklungsdynamik gesellschaftlicher Dialektik; die neuen Formen des Finanz- und Digitalkapitalismus entwickeln und stärken nicht ihre eigenen Gegenkräfte. (S. 12)

Die Schlinge der Überwachung ziehe sich für die Arbeiterklasse immer stärker zu, schreibt der Autor. Auf der anderen Seite sei eine „Vermögensverwaltung“ mit gigantischen Summen und wenigen Superreichen entstanden. Für Therborn gehören sie zu den gierigsten und rücksichtslosesten Kapitalisten seit den Raubrittern und Sklavenplantagen. Für die Linke gibt es Potenzial für Empörung, diese flackert auch überall auf der Welt immer mal wieder auf. Eine globale Bewegung existiert derzeit nicht. Es stellt sich aus linker Perspektive auch die Frage, ob dies überhaupt möglich, nötig und wünschenswert ist. Sollte eine Linke nicht eher den Versuch unternehmen, den globalen Entwicklungen, der Globalisierung des Kapitals, lokale vernetzte Gegenpole entgegenzusetzen? Diese Frage spart Therborn in seinem Essay aus. Er bleibt letztlich in der dualistischen Alternative Sozialismus/Revolution oder Sozialdemokratie/Reform gefangen und blickt von oben auf die Entwicklung in der Welt.

Rückblick auf das 20. Jahrhundert

Für Therborn war das vergangene Jahrhundert ein „dialektisches“, geprägt vom Widerspruch zwischen Kapital und Arbeit, in dem einige der linken Errungenschaften, die politische Saat der Revolutionen des 18. Jahrhunderts – konkret nennt er die französische und haitianische – aufgegangen sei. Generell hätten sich die Lebensverhältnisse verbessert, auch die Entkolonialisierung sei erfolgreich gewesen, da weltweit große unabhängige Nationalstaaten entstanden seien. Einerseits. Andererseits seien aber die damit verbunden Träume nicht in Erfüllung gegangen.

Die im „Kapital“ beschriebene Dialektik von Industrie und Klasse endete in Wohlfahrtsstaat innerhalb der Grenzen des Kapitalismus. Auch die großen Revolutionen führten ihre Völker nicht zum Sozialismus oder Kommunismus im Marxschen Sinne; der überlebensnotwendige Aufbau des Sozialismus in einem Land und die brutalisierenden Folgen konterrevolutionärer Bürgerkriege überlagerten das sozialistische Projekt. Auch die postkolonialen Staaten wurden nicht zu Leuchttürmen von Freiheit, Gerechtigkeit und Gleichheit. (S. 21)

So weit, so dialektisch. Die Linke des 20. Jahrhunderts bewegte sich, wie angedeutet, zwischen Revolution und Reform. Aber es wurden auch Auswege aus diesem vermeintlichen Widerspruch formuliert. Wieso vermeintlich? Sowohl den Kommunisten als auch den Sozialdemokraten ging es letztlich um die Übernahme der Staatsmacht, die Frage war vor allem, in welcher Weise dies geschehen sollte. Der Autor hält sich bei den Alternativen zu diesem Dualismus aber leider nicht auf. Die Erfahrungen der verschiedenen Protagonisten und Theoretiker eines „Dritten Weges“ zwischen den beiden Polen – denken wir nur an den westlichen Marxismus – wäre für den Übergang in das 21. Jahrhundert interessant gewesen. Dass Therborn sie übergeht, dürfte vor allem den Grund haben, dass sie in globalem Maßstab – anders als die Sozialdemokraten und Kommunisten bolschewistischer Prägung – weniger sichtbar sind.

Die Erfahrungen der Dissidenten verschiedener Couleur wären indes hilfreich, um die von Therborn beschriebene Sackgasse des Sowjetmodells und die Erschöpfung der westlichen Arbeiterbewegung am Ende des 20. Jahrhunderts zu verstehen und die Resignation der Linken angesichts des gleichzeitig aufstrebenden Neoliberalismus zu überwinden. Auf diesen gab es wiederum unterschiedliche linke Antworten. Regionale durch die Linksregierungen in Lateinamerika und globale durch die Bewegung der „Altermondialisten“ im Umfeld der Weltsozialforen. Die Erfahrungen in Venezuela unter Hugo Chávez oder Bolivien unter Evo Morales sieht der Autor als innovative Beiträge zum Sozialismus, die allerdings angesichts der Abhängigkeit von den Rohstoffexporten der jeweiligen Staaten mannigfaltigen internen wie externen Konflikten ausgesetzt waren und bis heute sind.

Auch das Weltsozialforum (WSF) leidet an inneren Widersprüchen und unterschiedlichen Vorstellungen der Teilnehmer zwischen Treffpunkt und Bewegung, die einen wollten ein Netzwerk zum Austausch, die anderen eine Bewegung die konkrete politische Forderungen formuliert. Die Gründer des Forums haben keine politische Positionierung gewollt, um die Einheit und Vielfalt nicht zu gefährden. Das WSF brauche eine Renovierung, so Therborn. Es ist, kann man wohl ergänzen, zu beliebig geworden.

Neue Formen der Politik im 21. Jahrhundert

Woher die Neuausrichtung kommen könne, schreibt er nicht. Angesichts der Konflikte, die schon hierzulande in der Linken angesichts des Ukraine-Konflikts aber auch der Bewertung der Corona- oder Klimapolitik auftreten, dürfte eine Erneuerung der Antiglobalisierungsbewegung im weltweiten Maßstab noch schwerer fallen. Generell stellt sich die Frage, wie die Linke aus der Defensive kommen kann. Weltweit oder auch lokal. Therborn sieht im 21. Jahrhundert neue Formen von Politik, die die Organisationen und Parteien des vorigen Jahrhunderts abgelöst haben. Nach den Erfahrungen des Staatssozialismus und dessen Zusammenbruch strebe die Linke des 21. Jahrhunderts zwar einen Bruch mit der Gegenwart an, verfolge aber kein langfristiges Ziel und habe keinen Fahrplan für die Zukunft. Therborn nennt einige Beispiele für Aufstände, ob in Algerien, Sri Lanka oder in Ägypten – wobei sich nebenbei die Frage stellt, ob er die Muslimbruderschaft in Ägypten wirklich für „links“ hält.

In allen Fällen war es das große Manko der Linken, dass sie keine Vision von transformativer Macht und keine Strategie zu ihrer Eroberung hatte. Das ist vielleicht der wichtigste Unterschied zu Linken des 20. Jahrhundert. (S. 52)

Dies gilt vermutlich auch für die organisierten Bewegungen beispielsweise in Spanien (Podemos) oder Frankreich (La France insoumise). In Spanien tendiert Podemos in Richtung Sozialdemokratie und hat sich – ähnlich wie Syriza in Griechenland – in der Regierung ähnlich entradikalisiert wie Syriza in Griechenland. Die Aussichten sind also nicht rosig. Davon zeugt auch die knappe Draufsicht auf die Linke weltweit im letzten Kapitel des Buches. Therborn nennt noch einmal die Herausforderungen: Die Bewohnbarkeit des Planeten, die Geopolitik mit der Gefahr eines Weltkrieges und die „abgrundtiefen Ungleichheiten“. Kleiner geht es nicht.

Das 21. Jahrhundert ist ein Jahrhundert der Unsicherheit und Unberechenbarkeit überschattet von den dunklen Wolken einer drohenden Katastrophe. Eine andere Welt bleibt möglich, auch wenn der Weg dorthin heute düster und gefährlicher aussieht, als er sich noch zu Beginn des Jahrhunderts abzeichnete mit den Aktivitäten seiner militanten Altermondialisten, mit seinen ökumenischen Weltsozialforen, mit seinen kreativen Anti-Austeritäts-Protestbewegungen, mit seinen demokratischen Empörten und dem aufkeimenden Sozialismus. Aber die Risse im Weltsystem öffnen Räume für neue Runden linker Kreativität, und die Wut der Menschen über die globale Ungerechtigkeit hat als Kraft für Veränderung an Stärke gewonnen. (S. 83)

Die Hoffnung stirbt zuletzt, könnte man desillusioniert resümieren. Die geschwächte Linke soll demnach gleichzeitig versuchen, den nächsten Weltkrieg zu verhindern und für die Emanzipation der Menschen zu kämpfen. So bleibt dem Autor am Ende auch kaum mehr als ein Appell an die Linke, sich auf die Lösung der dramatischen Aufgaben des Jahrhunderts „vorzubereiten“. Dass das Buch mit diesem Verb endet, könnte man als Bankrotterklärung der Linken lesen. Als eine solche ist sie sicher nicht gemeint. Der Schluss des Buches kann nach der Bilanz des 20. Jahrhunderts, den ersten vergeblichen Versuchen des 21. Jahrhunderts und den massiven Herausforderungen für die Zukunft als Aufforderung eines betagten Soziologen an die Nachwelt verstanden werden, sich Gedanken über wirklich neue, andere Wege heraus aus der Miesere zu machen. Sein kleines Buch eignet sich dafür als Diskussionsgrundlage.

Göran Therborn, Die Linke im 21. Jahrhundert. Progressive Selbsterneuerung in aggressiven Weltverhältnissen, VSA Verlag Hamburg 2023, 93 Seiten, 12 Euro

Die politische Linke in der Krise – Rezensionen

Teil 1: Artur Becker, Links, Westend 2022
Teil 2: Göran Therborn, Die Linke im 21. Jahrhundert, VSA 2023

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