Ein Blick ins tatsächliche Deutschland

Rechts oder links oder was? Ein Versuch, sich dem zu nähern, was die Menschen in unserem Lande bewegt. (Teil 2)

Was hat das derzeitige deutsche Stimmungsbild mit dem Hoch der AfD und dem Tief der Grünen zu tun? Sind die Grünen an allem schuld? Die Menschen wollen nicht mit ständiger Grüner Bevormundung leben und erwarten eine Regierung und Verantwortliche in den Behörden, die wie sie selbst ihre Pflicht tun. Zweiter Teil des Essays von Axel Klopprogge.

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“Go-Ahead Bayern” – “Weiter so Bayern” ist vorerst außer Betrieb.
Foto: Renardo la vulpo Lizenz: CC BY-SA 4.0, Mehr Infos

(Link zu Teil 1)

Für ein Land, das einfach funktioniert

Drehen wir den Spieß um. Reden wir endlich nicht mehr von dem, was der Staat, die etablierten Parteien oder die Medien über das Volk, über die Ostdeutschen, über die AfD-Wähler denken, sondern darüber, was das Volk über die Politiker denkt.

Die Menschen erwarten vom Staat, dass er das sicherstellt, was sie selbst nicht bewerkstelligen können: Verkehrsinfrastruktur; Ladestationen für E-Autos; funktionierende Ausbildung für die Kinder; Mobilfunkabdeckung; schnelle Verwaltungsprozesse, egal ob für Baugenehmigungen oder Auto-Anmeldungen; Verbrechensbekämpfung und Sicherheit im öffentlichen Raum; eine Armee, die das kann, wozu sie geschaffen wurde; ein gutes und bezahlbares Gesundheitssystem; Unterstützung von Grundlagenforschung. Und sie erwarten vom Staat, dass er sich aus dem heraushält, was sie selbst organisieren können und was ihr Leben ist: Berufswahl, Kindererziehung, Urlaubsgestaltung, Kinderbücher, Speiseplan, Lebensformen, Rollenverteilung in der Familie, Kleidung, Sprache, Frisuren, Rauchen im Auto. In diesen Themen möchten sie nicht gegängelt werden, vor allem nicht, wenn es nichts mit irgendeinem öffentlichen Interesse zu tun hat, sondern nur mit dem Lebensstil einer kleinen selbstgerechten Schicht.

Aber auch das alleine erregt noch nicht den entscheidenden Groll. Die Menschen ärgern sich vor allem, wenn der Staat seine eigentlichen Aufgaben vernachlässigt, aber sich umso mehr aufspielt bei Dingen des privaten Lebens oder einfach nur bei Symbolhandlungen. Für jemanden, der täglich oder wöchentlich auf öffentliche Verkehrsmittel angewiesen ist, ist es nicht gleichgültig, ob die Bahn pünktlich oder verspätet oder gar nicht kommt. Er versteht vielleicht noch, wenn die Fahrt wegen Erneuerungsarbeiten an der Strecke während einiger Wochen länger dauert als normal. Aber er versteht nicht, warum dann auch noch die Toiletten, Türen oder Klimaanlagen defekt und das Bordbistro geschlossen sein müssen. Und er empfindet es als Hohn, wenn die verspäteten oder ausgefallenen Züge mit einem grünen Streifen für die Weltrettung werben. Oder wenn die notorisch unzuverlässige S-Bahn München mit Regenbogenfarben und dem Slogan „Eine für alle“ ein Zeichen für Vielfalt und gegen Diskriminierung setzt. So als wäre es das größte Anliegen der frühmorgendlichen Pendler, irgendwelche andere Menschen von der Benutzung der S-Bahn auszuschließen. Für viele Menschen wurde der Regenbogen inzwischen zum Symbol dafür, nicht seine eigentlichen Aufgaben zu erledigen, aber allen zeigen zu wollen, dass man etwas Besseres ist. Nicht, dass die Menschen „strukturelle“ Sympathien für Diskriminierung hätten. Sie fragen sich nur, warum ein Verkehrsbetrieb, der sich mit Triebwagen, Schienen, Weichen und Signalen auskennt und selbst das nur mittelmäßig hinbekommt, seinen Kunden Belehrungen zu gesellschaftlichen Themen erteilen muss – natürlich immer unter der impliziten Annahme, dass die Kunden hier Defizite haben.

Wenn Autobahn- und Straßenbrücken nicht instandgesetzt wurden und monate- oder jahrelang gesperrt werden müssen, bedeutet das für die Menschen nicht selten jeden Tag eine Stunde mehr Arbeitsweg. Wie lange haben die Gewerkschaften für eine Reduzierung der wöchentlichen Arbeitszeit von fünf Stunden gekämpft? Glauben wir, dass die betroffenen Werktätigen solches Missmanagement und solche Vernachlässigung plus latentem Vorwurf („Autoscham“) für links und fortschrittlich halten?

Und es betrifft auch Dinge, die vom Alltag etwas weiter weg sind. Keiner meiner Gesprächspartner würde sich ein Urteil darüber erlauben, ob die Bundeswehr 50, 100 oder 527 Panzerhaubitzen benötigt. Aber wenn die Regierung und das Parlament beschlossen haben, dass es hundert sein müssen, dann erwarten sie, dass es diese hundert auch tatsächlich in einsatzfähigem Zustand gibt. Sie erwarten es, weil genau das jeden Tag Teil ihrer Arbeit und ihres Aufgabenverständnisses ist. So sorgen sie etwa dafür, dass morgens um sechs Uhr die erforderlichen 250 Brötchen auch tatsächlich in der Bäckerei vorrätig sind.

In der Corona-Zeit hielten sich Lehrer und Verwaltungsbeamte für besonders gefährdet und blieben zu Hause. Aber gleichzeitig gingen sie auch in der ersten masken- und impfstofflosen Zeit davon aus, dass im Supermarkt alle Mitarbeiter ihren Dienst tun – und damit natürlich auch alle anderen in der davorliegenden Lieferkette. Die Mitarbeiter in der Industrie sahen, dass man sich in den Unternehmen recht schnell bemühte, Lösungen des Infektionsschutzes zu finden und nach einer Phase der Kurzarbeit rasch den Betrieb wiederaufzunehmen. Und gleichzeitig nahmen sie wahr, dass der Staat zwar allen anderen Vorschriften und Vorwürfe machte, aber im eigenen Verantwortungsbereich seine Hausaufgaben nicht erledigte – und im Zweifel einfach dicht machte.

Während des Lockdowns konnte man Artikel über die Leiden der Eltern lesen, die im Homeoffice arbeiten mussten, während ihre Kinder ins sogenannte Homeschooling verbannt waren. Am Ende der Corona-Zeit wurde gar psychologische Begleitung für die armen Büroangestellten empfohlen, die jetzt wieder ins Büro zurückkehren sollten. Ich kann mich an keinen Bericht erinnern, der den viel größeren Problemen derjenigen gewidmet war, die nie zu Hause waren, sondern die stets vor Ort arbeiten mussten, obwohl die Schulen ihrer Kinder geschlossen waren. Und schaut man in diesem Zusammenhang in die damaligen Listen der sogenannten systemrelevanten Berufe, dann trifft man auf eine Unkenntnis wirtschaftlicher oder einfach nur lebenspraktischer Zusammenhänge, die einen sprachlos macht.1 Wenn man mit Menschen spricht, dann kommen solche Erlebnisse und Beobachtungen. Gewiss haben die meisten Bürger dazu kein fertiges soziologisches Erklärungsmodell. Aber glauben wir, dass sie das Erlebte und Beobachtete für besonders links und fortschrittlich halten werden?

Und dieselben Menschen, die solche Unfähigkeit erleben, sind als Selbständige, Handwerker oder mittelständische Unternehmer damit konfrontiert, dass sie von demselben Staat unter latenten Betrugsverdacht gestellt werden, sich in immer neuen Registern anmelden und immer weitere Daten liefern müssen und weiteren Kontrollen ausgesetzt werden. Wer solche Formulare ausgefüllt hat, der leidet nicht nur unter dem untragbaren Zeitaufwand, sondern er spürt an jeder Frage, dass sie in irgendeiner Schreibstube von Menschen formuliert wurde, die keine Ahnung von den realen Zusammenhängen haben. Vor allem jedoch merkt er schnell, dass das alles weder Kinderarbeit noch Steuerhinterziehung oder Schwarzgeldtransfer verhindern wird. Wenn die Menschen aus ihrer Arbeit näher mit technischen Zusammenhängen vertraut sind, fragen sie sich, ob staatliche Beamte wirklich mehr über die Heizung oder die Antriebstechnik der Zukunft wissen als die zuständigen Ingenieure. Und natürlich fragen sie sich auch, warum ein so allwissender öffentlicher Verwaltungsapparat dann die Dinge nicht besser hinbekommt, für die er tatsächlich zuständig ist.

Expedition auf eine einsame Insel

Was hat das ganze beschriebene Stimmungsbild mit dem Hoch der AfD und dem Tief der Grünen zu tun? Sind die Grünen an allem schuld? Nach einem Versuch, das zu erfassen, was die Menschen in diesem Land bewegt, möchte ich einen Blick auf die Gegenseite werfen. Ich möchte dazu einen Artikel etwas genauer analysieren, der vor einiger Zeit in der Süddeutschen Zeitung erschien, aber nichts an Aktualität verloren hat.2 Überschrift und Untertitel lauten: „Rathauskoalition fordert gendergerechte Verkehrsplanung. Dabei sollen die Bedürfnisse aller Menschen, die in München unterwegs sind, berücksichtigt werden.“ Ich widme mich diesem Artikel jedoch nicht wegen des eher belanglosen Anlasses und Inhalts, sondern weil der Text unfreiwillig das Soziogramm eines Milieus offenbart, das sich vermutlich selbst als links und fortschrittlich empfindet. Tatsächlich ist die Analyse des Artikels wie die Expedition auf eine einsame Insel oder in ein abgeschiedenes Seitental, wo sich mangels Austausch ein altertümlicher Dialekt erhalten hat und durch Inzucht alle mehr oder weniger miteinander verwandt sind.

Eine Presse, die nicht mehr rausgeht

Der Artikel von Andreas Schubert beginnt mit der Behauptung: „In der Sprache etabliert sich das sogenannte Gendern immer mehr.“ Schubert liefert dazu als Begründung: „Viele Radiomoderatoren und -moderatorinnen zum Beispiel sprechen inzwischen eine geschlechtsneutrale Form aus, indem sie nach einer winzigen Sprechpause noch ein -innen an die Endung -er anhängen. Viele benutzen beim Schreiben das Gendersternchen (Musiker*innen). Aus Studenten sind längst Studierende geworden – und in Stadtratsanträgen tauchen immer häufiger kurios klingende Formulierungen wie ‚Zufußgehende‘ oder ‚Radfahrende‘ auf, speziell in Anträgen der grün-roten Rathauskoalition.“

Nun, diese Aufzählung der gendernden Gruppen ist meines Erachtens nicht nur zutreffend, sondern weitgehend vollständig. Aber hat dies etwas mit der Ausbreitung der Gendersprache unter 84 Millionen in Deutschland lebenden Menschen zu tun? Werfen wir einen Blick auf die von Herrn Schubert angeführten Gruppen: Es gibt in Deutschland rund 13.000 festangestellte Zeitungsjournalisten. In den Sendeanstalten arbeiten etwa 28.000 feste und 19.000 feste freie Mitarbeiter. An den Hochschulen sind circa 50.000 hauptberufliche Professoren tätig. In der Politik wirken rund 2.500 Bundes- und Landespolitiker und 150.000 Kommunalpolitiker. Wenn wir großzügig aufrunden, kommen wir auf rund 300.000 Angehörige dieser Gruppen. Wenn davon die Hälfte gendert, reden wir über 150.000 Deutsche. Das sind weniger als 0,2 Prozent der Bevölkerung. Mit anderen Worten: Nur jeder Fünfhundertste gendert. Wenn ich also jeden Tag mit zehn Menschen spreche, dann begegne ich alle fünfzig Tage einem Menschen, der die Gendersprache benutzt. Natürlich versteife ich mich nicht exakt auf diese Ableitung und wer will, mag die Zahl gerne verdoppeln oder verdreifachen. Aber insgesamt würde die Rate ungefähr meinem subjektiven Eindruck im Alltag und bei den in diesem Artikel beschriebenen Begegnungen entsprechen. Vor allem: Wessen Erleben völlig von dieser Ableitung abweicht, wer glaubt, das Gendern sei in der Mehrheit oder gar noch das Empfinden hat, dass es sich ausbreite und die Zukunft vertrete, der sollte sich vielleicht selbstkritisch fragen, ob es seinem Erlebnishorizont, seinen Begegnungen und seinem Bekanntenkreis nicht etwas an Vielfalt mangelt.

Die einsame Insel als Mittelpunkt der Welt

Kommen wir zum Anlass des Zeitungsartikels, nämlich einem Antrag von SPD und Grünen zu einem „Gender Planning“ in der Verkehrsgestaltung. Es gehe darum zu klären, „wie die Bedürfnisse aller Mobilitätsteilnehmer*innen berücksichtigt und spezifisch weibliche Bedürfnisse an Mobilität in der Infrastruktur umgesetzt werden können“. Zur Begründung heißt es unter anderem: „In der Vergangenheit orientierte sich die Verkehrsplanung oftmals an dem Stereotyp ‚Mann im Dienstwagen auf dem Weg zur Arbeit‘. Entsprechend wurden Straßen, Parkplätze und Ampelphasen auf diese Art der Fortbewegung angepasst. Die heutigen Wegestrecken sind jedoch deutlich vielschichtiger.“ Frauen machten viele Umwege, teilt Grünen-Stadträtin Sofie Langmeier dazu mit. „Sei es wegen der Kinder, wegen Eltern, die Unterstützung brauchen, weil sie für den Einkauf zuständig sind, weil sie mit dem Rad nicht an lauten Straßen entlangfahren wollen oder sich in manch dunklen Ecken unsicher fühlen.“ Julia Schmitt-Thiel (SPD) erklärt, Frauen seien viel öfter zu Fuß und mit Kindern unterwegs.

Blicken wir auch hier rasch auf die Zahlen: 2022 gingen in Deutschland 41,1 Millionen Menschen einer Erwerbstätigkeit nach – davon 21,8 Millionen Männer (53 Prozent) und 19,3 Millionen Frauen (47 Prozent). Führerscheinbesitzer waren 2021 zu 52 Prozent weiblich und zu 48 Prozent männlich. Bei den privaten Autohaltern hinken die Frauen mit einem Anteil von 40 Prozent noch etwas hinterher. Aber die jährliche Fahrleistung von Frauen und Männern unterscheidet sich nur noch marginal: 2021 waren es bei Männern 12.045 km zu 11.283 km bei Frauen. Proportional dazu verhalten sich die Verursacher von Unfällen: 2014 wurden 52 Prozent der an Unfällen mit Personenschaden beteiligten Männer gegenüber 48 Prozent der Frauen als Hauptverursacher eines Unfalls eingestuft.

Werfen wir noch einen Blick auf die Dienstwagen: In Deutschland sind rund 5,2 Millionen Fahrzeuge auf einen gewerblichen Halter angemeldet. Neben Auslieferdiensten gehören dazu Servicetechniker, Vertriebsleute, Mitarbeiter in der ambulanten Pflege, die ihre Arbeit mit dem Auto verrichten und vielfach ihren Dienstwagen auch privat nutzen dürfen. Dazu gehören aber auch rund 1,9 Millionen Soloselbständige, bei denen das private Fahrzeug fast zwangsläufig mit dem Dienstfahrzeug identisch ist. Rund 500.000 dürften in klassischer Weise als Führungskräfte einen Dienstwagen als Vergütungsbestandteil fahren und davon sind ein Drittel Frauen.

Auch diese Zahlen muss man nicht auf die Goldwaage legen und gewiss verbergen sich hinter der statistischen Oberfläche vielfältige Lebenswirklichkeiten. Aber die Unterschiede zwischen Männern und Frauen sind sowohl in der Erwerbstätigkeit als in der Fahrzeugnutzung marginal und dürften sich in den nächsten Jahren wahrscheinlich komplett herauswachsen. Auf keinen Fall geben die Zahlen Anlass zu geschlechtsabhängigen Ampelschaltungen.

Wir wollen uns aber nicht den verkehrspolitischen Inhalten widmen, sondern wie bei den Behauptungen zur Gendersprache das enthaltene Soziogramm herausarbeiten. Je weniger es nämlich tatsächliche Unterschiede in der Erwerbstätigkeit oder der Fahrzeugnutzung gibt, als desto eigentümlicher offenbart sich die implizit vorausgesetzte Lebenswelt: Man wohnt in der erweiterten Innenstadt. Männer arbeiten, Frauen kümmern sich um Kinder und gehen shoppen. Das Einkommen der Männer ist (in München!) so hoch, dass davon die ganze Familie leben kann. Männer fahren Dienstwagen. Dass die nicht arbeitenden Frauen von Arbeit und Einkommen der Männer und damit auch vom Herumfahren der Männer im Dienstwagen leben, wirkt dabei offenbar nicht strafmildernd.

Glauben wir, dass sich die 19,3 Millionen erwerbstätigen Frauen in diesem Soziogramm wiedererkennen? Sehen wir in diesem Bild die ambulante Pflegekraft oder den Klempner, die mit ihren Fahrzeugen unverzichtbare Dienstleistungen erbringen? Erkennen wir in diesem Soziogramm all die wieder, die als Verkäufer, Fabrikarbeiter, Reinigungskräfte in der Stadt arbeiten und auf das Auto angewiesen sind, weil sie sich weder eine Wohnung in der Innenstadt noch außerhalb in S-Bahn-Nähe leisten können? Haben diese vielfach gering verdienenden Menschen alle dicke Dienstwagen?

Und summarisch gefragt: Glauben wir, dass diese arbeitenden Menschen großes Vertrauen in politische Programme und mediale Berichterstattungen hegen, aus denen ein solch einseitiges Soziogramm der gehobenen urbanen Mittelschicht entgegenschreit? Einer urbanen Mittelschicht, die offenbar nichts mehr kennt, nichts mehr wahrnimmt und sich auch nichts mehr vorstellen kann, was jenseits des eigenen Milieus liegt – und das, obwohl ja die ausgeblendeten Menschen ständig um sie herum arbeiten? Und glauben wir, dass diese arbeitenden Menschen die beschriebenen Programme und Wahrnehmungen für links halten? Und sind diese Menschen rechts, wenn sie die aus solchen Wahrnehmungsstörungen geborenen Parteiprogramme als „Klassenkampf von oben“ empfinden?

Urbane Mittelschicht über alles in der Welt

Gewiss, ich habe hier ein einziges Beispiel im Detail betrachtet. Aber wenn man sensibilisiert ist, dann wird man viele solcher Beispiele erkennen. Viele davon sind ganz unpolitisch und deshalb umso verräterischer. Mir selbst ging es so bei der Beschäftigung mit dem Homeoffice: Nüchtern betrachtet geht es darum, dass 10 oder 20 Prozent der Erwerbstätigen 10 oder 20 Prozent ihrer Arbeitszeit auch außerhalb eines räumlich definierten Büroarbeitsplatzes verbringen können. Auch im härtesten Corona-Lockdown waren die meisten Erwerbstätigen nicht zu Hause, sondern arbeiteten ganz normal an ihren Arbeitsplätzen. Sonst hätten wir nämlich nichts zu essen gehabt. Aber im Selbstbild und in der medialen Darstellung, ja bis in die Gesetzgebung hinein wird der Eindruck erweckt, dass Homeoffice oder das Arbeiten mit Laptop am Strand (Stichwort „Workation“ als Verbindung von Work und Vacation) die Arbeitsformen der Zukunft seien und Vor-Ort-Arbeitende eine aussterbende Spezies von gestern. Und auch hier befremdet, dass die abstruse Wahrnehmungsstörung bei Menschen vorliegt, die selbstverständlich die Dienstleistungen dieser arbeitenden Menschen in Anspruch nehmen. Millionen Beschäftigte verschwinden in der medialen Unsichtbarkeit. Ist das links und fortschrittlich?3

Dazu passt auch, wie Arbeit und Leben in den Fernsehserien und Filmen dargestellt werden – zum Beispiel auch im sonntäglichen „Tatort“. Diese Filme zeigen die Welt vorwiegend aus der Perspektive der akademischen Mittelschicht. Nicht dass Arbeiter ständig Arbeiter im Fernsehen abgebildet haben wollen, gewiss nicht, genauso wenig wie Manager ständig Manager oder Schwule ständig Schwule sehen wollen. Aber das Bild, dass alle Unternehmer und Manager latent kriminell sind und Arbeiter außerhalb der akademischen Mittelschicht in verrotteten Mietskasernen und mit zerrütteten Familienverhältnissen leben und tendenziell dem Alkohol, den Drogen und der Kriminalität verfallen, blendet ebenfalls einen großen Teil der Realität aus. Nämlich dass viele dieser Menschen zu Recht einen Stolz auf ihre Arbeit empfinden, vom dem viele Mitglieder der akademischen Mittelschicht nur träumen können. Ist es links, wenn körperliche und an Ort und Zeit gebundene Arbeit nur noch Mitleid erregt?

Eigentlich schockiert mich in meinem Leben nicht mehr viel. Aber mich schockiert und ängstigt durchaus, wenn die Führungsschicht unseres Landes nichts mehr kennt als ihre eigenes enges und wenig vielfältiges Lebensmilieu. Mich schockiert und ängstigt, wenn aus dieser geistig gentrifizierten Wagenburg heraus über die große Mehrheit der Menschen geurteilt wird, obwohl man diese gar nicht mehr kennt. Mich schockiert, wenn dieses ständige Urteilen offenbar zu einem Berufszweig und geworden ist – mitten im größten Arbeitskräftemangel. Mich schockiert und ängstigt, wenn die Führungsschicht unseres Landes nur noch Zeichen setzt und Haltung zelebriert und gar keine Ambitionen mehr hat, die realen Probleme anzupacken – wenn die Züge immer noch ausfallen und verspätet sind, aber vorne einen grünen Streifen haben. Mich schockiert und ängstigt, dass all das passiert, obwohl man zum Öffnen der Augen keine nobelpreisverdächtigen soziologischen Studien braucht, sondern einfach nur mal an die frische Luft gehen, mit Leuten reden, öffentliche Verkehrsmittel benutzen, im Supermarkt einkaufen oder ein Fußballspiel besuchen müsste.

Bunte Republik Deutschland

Nach seinem Buch über den Ritt durch Frankreich, Süddeutschland und Italien4 schrieb Gaspard Koenig einen kleinen Roman mit dem Titel „L‘enfer“ (Die Hölle)5. Er spielt in der abgeschlossenen Welt eines Flughafens. Bei einer Autorenlesung wurde er von einem französischen Zuhörer gefragt, was denn für ihn das Paradies sei. „Bayern“ antwortete Koenig ohne Zögern. Als in Bayern lebender Deutscher meiner Generation zuckt man bei solchen Worten unwillkürlich zusammen – wie eine Frau, die über ein unzüchtiges Kompliment errötet. Was Gaspard Koenig gefallen hatte, waren die Regionalität, die von Ort zu Ort wechselnden Dialekte, das Miteinander von Jung und Alt, das wirtschaftliche und familiäre Leben, ja einfach die Existenz von Geschäften und Biergärten auch in Dörfern und Kleinstädten, die offene Landschaft ohne die in Frankreich allgegenwärtigen Schilder mit „Privateigentum. Betreten verboten“, die weitgehende Zugänglichkeit von Flüssen und Seen, ihre Sauberkeit, die Gastfreundschaft der Menschen. Gleich seine erste Begegnung mit Deutschland handelte von einem kleinen Helden der Freiheit: Am Bodensee wollte er die Fähre von Konstanz nach Meersburg nehmen. Brav reihte er sich morgens mit seiner Stute in die Schlange der wartenden Autos ein. Als er zum Kassierer kam, schaute dieser in seine Tarifliste und fand dort nicht die Kategorie „Pferd mit Reiter“. Vergeblich konsultierte er seine Kollegen. Als er zu Gaspard Koenig zurückkam, sagte er: „Ein Pferd ist nicht in der Liste. Also ist es kostenlos.“

Natürlich ist weder Deutschland noch Bayern das Paradies. Hier wie überall gibt es alle Fehler, Übel und Laster in Gauß’scher Normalverteilung. Aber ich habe bewusst versucht, ein Bild der Deutschen zu zeichnen, dass von den täglichen Schuldvorwürfen abweicht. Ein Bild, das den Blick öffnet für Dinge, die jenseits der engen Weltsicht derjenigen liegen, die die mediale Berichterstattung und die Parteiprogramme prägen. Unsere Bevölkerung will nicht die Luft verpesten noch Schwulen und Migranten das Leben schwer machen. Sie ist längst weiter, als uns die Kritiker weismachen wollen – Kritiker, die schon durch ihre Sprache verraten, dass sie gar nichts und gar niemanden kennen außerhalb ihrer kleinen Echokammern. Die Reiselust der Deutschen ebenso wie die Einwanderungswellen der letzten siebzig Jahre haben ihre Spuren hinterlassen – sozusagen Spuren der kulturellen Aneignung im positivsten Sinne.6 Deutschland ist längst vielfältig und ein Stück mediterran.

Die Menschen wollen miteinander reden. Sie haben keine Lust auf die toxischen Versuche, ständig anderen Gruppen unlautere Motive zu unterstellen. Sie haben keine Lust darauf, andere zu kritisieren, aber nichts selbst beizutragen. Sie wollen pünktliche Züge und keine grünen Streifen. Und die Deutschen sind nicht mehr obrigkeitshörig. Demokratische Werte und Prozesse sind inzwischen tief verankert. Und manchmal bin ich richtig stolz auf meine Landsleute. So zum Beispiel kürzlich: Als auf der Bundesgartenschau 2023 in Mannheim einer regional bekannten Senioren-Balletttruppe wegen angeblicher kultureller Aneignung untersagt wurde, mit Sombreros aufzutreten, erschien zur Aufführung das Publikum mit Sombreros.

Was machen die Menschen eigentlich? Erstens sie arbeiten und halten so unser Land am Laufen. Und zwar nicht nur fünf Tage von neun bis fünf, sondern auch an Wochenenden, Abenden, in Nachtschichten und Bereitschaft – einfach, weil bestimmte Arbeiten gemacht werden müssen. Ansonsten werden zum Beispiel über drei Millionen pflegebedürftige Menschen von ihren Angehörigen versorgt. Auch in ihrer Freizeit widmen sich die Deutschen weder dem Bankraub noch der Homophobie. 55 Millionen Deutsche machen jährlich eine Urlaubsreise von mindestens fünf Tagen – der Durchschnitt liegt bei 13 Tagen. 23 Millionen Menschen sind in Sportvereinen organisiert. 2022 haben die Deutschen 36 Millionen Übernachtungen auf Campingplätzen verbracht. Die öffentlichen Theater verbuchen jährlich rund 20 Millionen Besucher. 15 Millionen Deutsche übernehmen ehrenamtliche Aufgaben in unterschiedlichsten Bereichen. 25 Millionen spielen Skat. 1,6 Millionen Deutsche besitzen einen Angelschein. 2,5 Millionen Menschen spielen mehrmals wöchentlich ein Musikinstrument. Rund fünf Millionen Menschen nutzen einen der 900.000 Kleingärten. 650.000 Oldtimer mit H-Kennzeichen sind in Deutschland zugelassen. Im Jahr 2021 gab es rund 2,7 Millionen Deutsche, die mehrmals wöchentlich strickten, häkelten oder schneiderten. Pro Jahr werden rund 270 Millionen Bücher verkauft. Und so weiter und so fort. Es sind alles Dinge, in denen man etwas für oder mit anderen gemeinsam macht. Es sind Aktivitäten, die nicht weniger die sogenannte Identität einer Person ausmachen als andere oft angeführte Dinge. Es ist eine grenzenlose und bunte Vielfalt, in welcher sich Jung und Alt ebenso treffen wie Schwule, Migranten oder sonstige Identitäten aus der kargen Palette der woken Farbenlehre. Ich habe nicht den Eindruck, dass die Leute über Dragqueens besonders geschockt sind, auch nicht, wenn sie in der Schule vorlesen. Aber es geht an der Realität vorbei und ärgert die Menschen, wenn der Eindruck vermittelt wird, dass Vielfalt überhaupt erst mit Dragqueens beginne.

Ein Volk mit innerer Unabhängigkeit

Mein Vater fühlte sich unverbrüchlich der SPD verbunden. Er sagte öfter: „Die können so viel Mist machen, wie sie wollen, ich bleibe ihnen treu.“ Katholische Verwandte mokierten sich darüber, dass unsere Kinder in einem evangelischen Krankenhaus geboren wurden, das in der Nachbarschaft lag und obendrein einen guten Ruf hatte. Als ich vor zwanzig Jahren im Vorstand der Vereinigung der bayerischen Metall- und Elektroindustrie saß, wurde offen über CSU-Interna gesprochen – offenbar war gar nicht vorgesehen, dass jemand nicht der CSU nahestehen könnte. Solches Lagerdenken gehört für die meisten Menschen längst der Vergangenheit an. Konfessionsunterschiede spielen ohnehin kaum noch eine Rolle. Die Menschen sind thematisch sehr offen. Wenn etwas sie überzeugt, dann ist es egal, ob es vom rechten Rand der CSU, von den Gewerkschaften, von einem grünen Ministerpräsidenten oder von Sahra Wagenknecht kommt. Das gilt übrigens nicht nur für „einfache“ Menschen, sondern auch für parteigebundene Politiker. Man kann in einem Atemzug Karl Marx ebenso zitieren wie Franz Josef Strauß.

Die Wähler haben einen kritisch-differenzierten Blick auf die Politiker. Nach 16 Jahren Merkel wollten die Menschen einen Wechsel. Unabhängig von der Parteizugehörigkeit sahen sie die Verdienste Merkels etwa bei internationalen Krisen und sie hielten sie einfach für eine gute Type, aber gleichzeitig sehen sie heute mehr denn je die schrecklichen Versäumnisse bei der Infrastruktur und Zukunftssicherung des Landes. Unabhängig von parteipolitischen Zugehörigkeiten haben die Menschen auch ein Misstrauen, wenn der Staat auf Pump Wohltaten verteilt. Jeder Arbeiter ebenso wie jeder Unternehmer weiß, dass man nur so viel ausgeben kann, wie man erwirtschaftet. Das Denken in Rechts-Links-Kategorien, das ständige Reden von links-fortschrittlichen oder rechts-konservativen Milieus geht völlig am unbefangen-kritischen Meinungsbild der Menschen vorbei. Es erscheint aus der Zeit gefallen. Und wenn es in einer inhaltsleeren Etikettierung von „links=gut“ und „rechts=böse“ endet, dann erscheint es den Menschen nur noch als dumpfbackig.

In genau dieser relativ offenen Landschaft bewegt sich auch die AfD. Wie schon gesagt: Es ist absurd anzunehmen, dass jetzt 20 oder gar 50 Prozent der Wähler von einem „völkischen Sozialismus“ träumten. Die Wählerwanderungen bestätigen vielmehr die mündige Flexibilität der Wähler. Aber umso mehr sollte es den Parteien, die seit Jahren unser Land regieren, zu denken geben, dass die AfD trotz aller Drohszenarien so viele Stimmen erhält. Gewiss liegt es nicht an plötzlichen Sympathien für einen völkischen Sozialismus. Es liegt auch nicht daran, dass die AfD-Politiker so überzeugend-charismatische Politiker wären. Auch nicht daran, dass alle das Parteiprogramm der AfD gelesen hätten und jetzt seine sofortige Umsetzung wollten. Es liegt auch nicht daran, dass AfD-Politiker jeden Abend wie Luisa Neubauer in den Talkshows ihre Positionen ausbreiten könnten. Es liegt auch nicht daran, dass die AfD irgendwo ganz tolle Regierungsarbeit geleistet hätte – nein, sie trug bisher noch nirgendwo Regierungsverantwortung. Umso mehr sollten sich die anderen Parteien selbstkritisch fragen, ob nicht vielleicht sie selbst etwas damit zu tun haben.

Normalerweise sind die Zufallsgespräche in Kneipen, in der Bahn oder bei den anderen beschriebenen Gelegenheiten nicht besonders regierungs- oder parteipolitisch. In diesem Jahr ist das anders. Die Stimmung ist gereizt und der Ärger hat einen Namen: Die Grünen. Kürzlich sprachen mich sogar unsere befreundeten Gastwirte in Südtirol an: „Alle deutschen Gäste schimpfen auf die Grünen. Was ist los bei Euch in Deutschland?“ Der jahrelange Flirt der Deutschen mit den Grünen hat offensichtlich ein Ende – jedenfalls im Augenblick. Auch im urbanen Milieu gelten sie nicht mehr als sexy. Das hat aber wenig damit zu tun, dass sie mutig zu unpopulären Positionen gestanden hätten – so etwas käme in Deutschland durchaus gut an. Es hat auch nichts mit einem Rechtsruck der Bevölkerung oder mit einer Kampagne des rechten Milieus zu tun, sondern (man verzeihe mir die unsinnigen Links-Rechts-Etiketten) mit einer Rechtsbewegung der Grünen. Mit der Entwicklung von einer libertinistischen Bürgerrechtspartei zu einer schichtenspezifischen und obrigkeitsgläubigen Verbots- und Spießerpartei. Hintergrund titelte: „Grün ist das neue Rechts“. Und selbst die FAZ charakterisierte die Grünen als „verbeamtete Wohlstandspartei“ – was sich auch nicht besonders links und fortschrittlich anhört.

Das Heizungsgesetz war nur der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte. Und so etwas wie der Habeck‘sche Amigo-Sumpf überrascht die Menschen sowieso nicht. Was die Menschen ärgert, ist diese Mischung aus moralisierendem und oberlehrerhaftem Weltrettungsgehabe und mangelnder handwerklicher Sorgfalt. Weder die einfachen Menschen noch die intellektuelle Elite (ich entschuldige mich auch für diese holzschnittartigen Begriffe) wollen sich beim Lesen, Denken und Reden bevormunden und umerziehen lassen. Das Urteil der Wähler über die Grünen lautet: „Gewogen und zu leicht befunden“. Die fesche Lola, für die alle Jungs des Viertels geschwärmt hatten, entpuppte sich als Blaustrumpf mit Putzfimmel.

Aufschlussreich fand ich den kleinen Grünen-Parteitag am 17. Juni 2023: Das gegenwärtige Tief und den Gegenwind kann man sich nur mit Kampagnen des reaktionären Milieus erklären, so wie sich die Aktivisten ihre Niederlage bei der Berliner Klima-Abstimmung nur mit Beeinflussungen durch Konzerne erklären konnten. So als seien politische Machtverhältnisse etwas, was Milieus, Bewegungen, Aktivisten, Medien oder Parteien unter sich ausmachten. Oder als liefen die dummen Wähler jedem Populisten hinterher, der „Freibier für alle“ verspricht. Die eigentlich naheliegende Option, dass sich die Ziele oder die Mittel zur Erreichung der Ziele als falsch oder die Durchführung der Mittel zur Erreichung der Ziele als schlecht erwiesen haben könnten, ist gar nicht mehr vorgesehen. Dass die Causa Graichen keine Erfindung der Rechten war, sondern real, spielt auch keine Rolle. Dass man nicht über das Volk urteilt, sondern dass das Volk über einen selbst richtet und dass das Volk als Souverän sich genauso mündig gegen wie für die eigene Partei entscheiden kann, ist ebenfalls nicht mehr vorgesehen.

Viele Menschen wünschen sich einfach einen offenen Diskurs über schwierige Themen. Beispiel Kernkraft: In meinem Leben habe ich alle Phasen mitgemacht – bedingungslose Begeisterung für diese geniale Energiequelle, Zweifel nach Tschernobyl, Demonstrationen für den Ausstieg, Ausstiegsbeschluss, Wiedereinstieg und Wiederausstieg nach Fukushima, Renaissance und neuer Blick auf die Atomenergie als CO2-freie Energiequelle, Abschaltung der letzten Kernkraftwerke just in der Energiekrise des Ukraine-Krieges. Die für die Abschaltung vorgetragenen Argumente waren genauso wenig überzeugend wie die Tatsache, dass derselbe Freistaat Bayern, der für die Weiterführung der Kernkraft eintritt, auf keinen Fall ein Endlager bei sich haben will. So etwas ist erbärmlich und unwürdig. Deutschland hat etwas Besseres verdient. Genauso wie in vielen anderen Themen würde ich mir eine undogmatische Diskussion wünschen. Die Menschen sind längst reif dafür.

Der Souverän urteilt über die Politiker – nicht umgekehrt

Neulich gestand ich einem hochrangigen Politiker, dass sich meine Wahlentscheidungen der letzten Jahre trotz lebenslanger Beschäftigung mit Politik auf dem intellektuellen Niveau eines Dreijährigen bewegen. Wo sind die Politiker, wo sind die Parteien, die das beschriebene Bild der Deutschen verstehen und aufgreifen – ihre Nöte, ihren Ärger ebenso wie ihre Freuden und Stärken?

Ich habe in diesem Artikel zu zeigen versucht, dass es nicht die Grünen in der Form der letzten Jahre sind. Bei allen Verdiensten für den Umweltschutz in Deutschland: In längst anerkannten und auch erledigten Themen immer nur zu konstatieren, dass alles Geleistete immer noch zu wenig sei und wir sowieso alle schuldig sind – das ist einfach zu wenig. Am Ende immer nur bei Reglementierungen und Verboten zu landen, das ist keine Zukunftsvision. In ihrer extrem gentrifizierten Wagenburg fehlt es den Grünen einfach an Vielfalt. Ganz zu schweigen von den inzestuösen Selbstbedienungsstrukturen, die nicht erst seit dem Fall Graichen bekannt sind.

Aus meiner Sicht ist es trotz aller gegenwärtigen Erfolge auch nicht die AfD – ständiges Nörgeln und ständige Schuldzuweisungen sind nichts, was die Menschen auf Dauer mögen. Und Nazi-Kitsch schon gar nicht.

Und die anderen? Gewiss braucht Deutschland eine liberale Stimme, aber ist es die FDP? SPD und Linke interessieren sich nicht mehr für Werktätige – es sei denn als alimentierungsbedürftige arme Menschen, so als sei wertschöpfende Arbeit schon allein ein Grund für Mitleid. Die CDU verkörpert noch den letzten Rest einer Volkspartei. Aber hat sie das selbst verstanden? Was soll ein Begriff wie „konservativ“, wenn er keinen Inhalt hat, außer dass man am Ende wehrlos alles mitmacht, nur mit zehn Jahren Verspätung?

Ich persönlich werde nie AfD wählen und werde alles tun, um sie von der Macht fernzuhalten. Aber ich kann die Menschen verstehen, die ihre bisherigen Wahlentscheidungen ändern. Karl Popper sagte einst, dass der Sinn der Demokratie nicht darin bestehe, die Besten an die Regierung zu wählen, sondern darin, die Schlechten abwählen zu können. Spricht wirklich irgendetwas dafür, dass plötzlich 20 Prozent der Deutschen oder gar 53 Prozent wie in Sonneberg zum „völkischen Sozialismus“ bekehrt wurden? Menschen, die vor kurzem SPD, CDU oder Grüne gewählt haben? Liegt es nicht viel näher, dass diese Menschen einfach diejenigen abwählen, die ihre Arbeit nicht gut gemacht haben? Wird es nicht langsam Zeit, dass diejenigen, die an der Macht sind, sich selbst in Frage stellen und ihre Hausaufgaben machen? Man kann nicht die Macht anstreben und innehaben und dann die Verantwortung für das, was schiefgeht, bei anderen suchen. Wer die Macht hat, trägt auch die Verantwortung. Und er kann vom Volk abgewählt werden. In einer Demokratie geht nämlich alle Gewalt vom Volke aus.

Der Autor

Dr. Axel Klopprogge studierte Geschichte und Germanistik. Er war als Manager in großen Industrieunternehmen tätig und baute eine Unternehmensberatung in den Feldern Innovation und Personalmanagement auf. Axel Klopprogge hat Lehraufträge an Universitäten im In- und Ausland und forscht und publiziert zu Themen der Arbeitswelt, zu Innovation und zu gesellschaftlichen Fragen. Er ist Mitbegründer des renommierten Goinger Kreises. Gerade erschien sein Buch „Methode Mensch oder die Rückkehr des Handelns“.

 

Quellen und Anmerkungen

1 Schrenker, Annekatrin / Samtleben, Claire / Schrenker, Markus, Applaus ist nicht genug. Gesellschaftliche Anerkennung systemrelevanter Berufe, APuZ Aus Politik und Zeitgeschichte 2021

3 Ausführlich dazu Klopprogge et al.,Ortsbesichtigung S.11

4 Koenig, Gaspard, Notre vagabonde liberté. À cheval sur le traces de Montaigne, Paris 2021

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5 Koenig, Gaspard, L’enfer, Paris 2021

6 1955 schloss die Bundesrepublik Deutschland mit Italien das erste Anwerbeabkommen ab. Es folgten Abkommen mit Griechenland und Spanien (1960), der Türkei (1961), Marokko (1963), Portugal (1964), Tunesien (1965) und dem damaligen Jugoslawien (1968). Übrigens gab es einen ähnlichen Prozess auch in der DDR, die ab 1965 Vertragsarbeiter aus den Bruderstaaten anwarb: Volksrepublik Polen (1965), Ungarische Volksrepublik (1967), Mosambik (1979), SR Vietnam (1980). Im Rahmen der „sozialistischen Bruderhilfe“ kamen ebenfalls Arbeiter aus Angola, China, Kuba, Nicaragua und der Demokratischen Volksrepublik Jemen.

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