Kriege

Krieg in Afghanistan wird immer blutiger: Vereinte Nationen bringen Mitarbeiter in Sicherheit

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Von REDAKTION, 21. Juni 2010 –

Kein Tag vergeht ohne Gefechte oder Bombenanschläge am Hindukusch. Behauptungen, nach denen sich die Sicherheitslage in Afghanistan verbessert habe, entpuppen sich vor dem Hintergrund eines neuen Berichts der Vereinten Nationen als Märchenstunde der Besatzungsmächte. Nicht nur hat es keine Fortschritte gegeben, das Land ist in diesem Jahr sogar erheblich gefährlicher geworden.

Die Zahl der Bombenanschläge und Angriffe habe zu Beginn des Jahres deutlich zugenommen, heißt es in einem am Samstag veröffentlichten Papier, das UN-Generalsekretär Ban Ki Moon dem Sicherheitsrat übermittelte. „Im Ganzen hat sich die Zahl der Zwischenfälle im Vergleich zu den Vorjahren signifikant erhöht“, heißt es in dem Bericht. Zu Beginn des Jahres gab es fast doppelt so viele Bombenanschläge wie ein Jahr zuvor. Die Zahl größerer, gut geplanter Angriffe hat sich ebenfalls verdoppelt. Im Schnitt gebe es zudem jeden Tag ein Attentat auf Beamte oder Politiker. Im Vergleich zu den ersten vier Monaten des Vorjahres sei das eine Steigerung um 45 Prozent.

Die niederländische Zeitung „de Volkskrant“ kommentierte: „Der negative Ton des UN-Berichts weicht deutlich von Berichten des Pentagon ab, das vorige Woche noch eine leichte, wenn auch langsame Verbesserung der Sicherheitslage in Afghanistan meldete.“

Zuletzt waren bei dem Absturz eines Hubschraubers der Internationalen Schutztruppe ISAF im Süden Afghanistans vier ausländische Soldaten ums Leben gekommen. Wie die NATO-geführte ISAF am Montag mitteilte, war die Absturzursache zunächst unklar. Es gebe jedoch noch keine Anzeichen für eine „Feindeinwirkung“. Zum Unglücksort und zur Identität der Toten machte die ISAF zunächst keine Angaben. Nach Informationen des unabhängigen Internetdienstes icasualties.org starben damit seit Jahresbeginn bereits mehr als 270 NATO-Soldaten in Afghanistan. Nicht mitgezählt werden dabei freilich die Verluste unter Angehörigen privater Söldnerfirmen, die zunehmend sogenannte Sicherheitsaufgaben in dem vom Krieg geschundenen Land übernehmen.

Auch deutsche Soldaten geraten zunehmend unter Beschuss. Bei einer Serie von Anschlägen auf die Bundeswehr im Norden Afghanistans sind am Wochenende erneut fünf deutsche Soldaten verletzt worden. Laut Angaben des Einsatzführungskommandos in Potsdam wurde die Bundeswehr am Wochenende insgesamt viermal zum Ziel von Aufständischen.

Der folgenschwerste Anschlag ereignete sich am Samstag, als in der Provinz Badakhshan neben einer Patrouille ein Sprengsatz explodierte. Bei dem Angriff 60 Kilometer südlich der Stadt Feisabad wurden drei deutsche Soldaten und ein afghanischer Übersetzer verletzt. Einer der Soldaten soll nach Deutschland zurückgebracht werden. Lebensgefahr bestehe jedoch nicht, hieß es. Ein Militärfahrzeug vom Typ „Dingo“ wurde schwer beschädigt.

Zwei weitere deutsche Soldaten wurden am Sonntag bei Anschlägen in dem zur Provinz Kundus gehörenden Distrikt Char Darah verwundet. Den Angaben zufolge geriet zunächst eine Patrouille in eine Sprengfalle. Dabei wurde niemand verletzt. Als deutsche Kräfte später versuchten, das beschädigte Fahrzeug abzuschleppen, detonierte eine weitere Bombe, durch die zwei Soldaten leicht verwundet wurden. Die deutschen Soldaten wurden zudem mit Handwaffen und Panzerabwehrwaffen beschossen und erwiderten das Feuer. Sie forderten auch Luftunterstützung an. Bereits am Vortag hatten Aufständische laut Einsatzführungskommando zudem in der Nähe der Stadt Kundus auf eine deutsche Patrouille geschossen. Die Soldaten hätten jedoch ausweichen können.

Ebenfalls in Kundus töteten afghanische und ausländische Truppen zwölf aufständische Kämpfer. Zu den Getöteten soll laut Angaben der NATO sowie afghanischer Behörden der regionale Taliban-Anführer Mullah Abdul Rasak gehören. Ob auch die Bundeswehr an der Operation beteiligt war, ist bislang ebenso unbekannt wie die Zahl möglicher ziviler Opfer. Zivilpersonen könnten sich auch unter jenen mindestens 13 Menschen befunden haben, die laut Informationen aus regionalen Geheimdienstkreisen bei einem US-Drohnenangriff im pakistanischen Grenzgebiet zu Afghanistan ums Leben gekommen sind. Außerdem wurden vier weitere Menschen verletzt, als die von dem unbemannten Flugzeug  abgefeuerten Raketen ein Haus im Stammesgebiet Nord-Waziristan zerstörten..

Obwohl der von UN-Generalsekretär Ban Ki Moon vorgelegte Bericht an den UN-Sicherheitsrat  „einige positive Entwicklungen im zivilen Bereich“ andeutet, wollen die Vereinten Nationen einen Teil ihres ausländischen Personals aus Sicherheitsgründen aus dem von internationalen Truppen unter Führung der USA besetzten Land abziehen. Der Grund seien Hinweise, wonach „die Präsenz der Vereinten Nationen ein mögliches Ziel künftiger Angriffe ist“, zitiert Die Zeit den Bericht (1): „Bereits im November hatten die UN hunderte Kollegen abgezogen, nachdem ihr Gästehaus in Kabul Ziel eines Taliban-Anschlags geworden war. Fünf ausländische UN-Mitarbeiter wurden damals getötet.“ (2)

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Quellen: dpa und

(1) http://www.zeit.de/politik/ausland/2010-06/afghanistan-un-anschlaege
(2) ebd.

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