Terrorismus

Angriff auf Krim-Brücke: Spurensuche, Spekulation und Eskalation

Seit am Samstag ein Lkw auf der Krim-Brücke explodierte, überschlagen sich die Ereignisse. Wer steckt hinter dem Anschlag? Und wie war dieser überhaupt möglich? Während die Ermittlungen laufen, hat die russische Armee am Montag Kiew und andere Regionen in der Ukraine unter Beschuss genommen.

Krim-Brücke: Nach Angaben des russischen Ermittlungskomitees explodierte am Samstagmorgen ein Lastwagen auf dem Straßenteil der Krim-Brücke, wodurch sieben Treibstofftanks eines Eisenbahnzuges in Brand gerieten, 8. Oktober 2022.
© vk.com/crimeabadnews/ Global Look Press, Mehr Infos

Aus heiterem Himmel explodiert ein Lastwagen auf der Brücke, die das russische Festland mit der Halbinsel Krim verbindet. Kurze Zeit später greifen die Flammen auf einen mit Treibstoff beladenen Frachtzug über, der zum Zeitpunkt der Explosion auf den parallel zur Fahrbahn verlaufenden Bahngleisen fährt. Dichte, schwarze Rauchwolken verhängen den Himmel. Was am Samstag auf der Krim-Brücke passiert ist, hat nicht nur vier Menschen das Leben gekostet und einen Schaden in Millionenhöhe verursacht, sondern auch zu einem neuen Höhepunkt im russisch-ukrainischen Konflikt geführt. Für die russische Seite – und nicht nur für sie – scheint klar: Die Explosion war ein Terrorakt, organisiert durch den ukrainischen Geheimdienst. Was ist bisher bekannt?

Spurensuche

Wie die russische Zeitung Komsomolskaja Prawda berichtet, haben die Ermittlungen ergeben, dass zwei Lastwagen die Fracht, in der der Sprengstoff versteckt worden ist, transportiert haben. Der erste Lkw sei aus Bulgarien über Georgien, Armenien, Nord-Ossetien und Krasnodar nach Armawir gekommen, wo die Fracht, bestehend aus 22 Paletten Folie à neun Rollen, umgeladen wurde. Wie die Zeitung weiter schreibt, müssen die Sprengsätze in den Rollen so versteckt worden sein, dass sie bei den Kontrollen unterwegs selbst auf Röntgenbildern nicht zu sehen waren. Dies sei demnach bereits in Bulgarien geschehen, der Auftraggeber sei ukrainischer Staatsbürger. Das bedeute, dass an der Organisation des Anschlags neben der Ukraine auch ausländische Geheimdienste beteiligt gewesen sein könnten, schlussfolgert die Komsomolskaja Prawda. 1

Der Frage, wann und wo die Sprengsätze an Bord des Lkw gelangt sein könnten, geht auch die russische Zeitung Moskowskij Komsomolez unter Berufung auf die laufenden Ermittlungen nach. In deren Zentrum stünden der Fahrer des zweiten Lkw, Machir Jusubow, und dessen Route. Demnach gebe es aktuell zwei Varianten: Der Sprengstoff wurde entweder vor der Beladung des Lkw mit seiner Fracht angebracht, oder aber die Fracht selbst war vermint. Während bei allen Verwandten des Unglücksfahrers Wohnungsdurchsuchungen und Verhöre vorgenommen würden, deute bisher nichts auf seine direkte Beteiligung an dem Anschlag hin, im Gegenteil. Eine Auswertung seines Accounts an der Börse ATI, auf der Frachttransporte ausgeschrieben werden, habe ergeben, dass Jusubow im Oktober hunderte von Ausschreibungen angesehen und verschiedene für ihn offenbar interessante Routen, wie Krasnodar – Kostanaj, Kostanaj – Jekaterinburg und Jekaterinburg – Krasnodar, in der Suche eingegeben hatte. Das spreche nicht dafür, dass Jusubows Ziel die Krim war, so Moskowskij Komsomolez. Zudem sei inzwischen bekannt, dass der Fahrer versucht habe, sich einen Auftrag für den Rückweg von Simferopol aufs Festland zu sichern, um nicht leer zurückzufahren. Für die Route Armawir – Simferopol, die Jusubow am 6. Oktober gewählt hätte, habe er laut den Ermittlungsergebnissen mindestens drei Angebote angesehen. Das letzte der drei Angebote, das Jusubow angesehen habe, sei von der Firma TEK-34 gewesen und sei direkt im Anschluss von der Plattform genommen worden. Als Inhaber der Firma sei ein gewisser Oleg aus St. Petersburg ausgemacht worden. Ob er die Ausschreibung selbst veröffentlicht habe, sei bisher nicht klar. Was hingegen klar zu sein scheint, ist, dass Jusubow am Stadtrand von Beloretschensk seine Ladung in einem Servicepunkt für den Transport vorbereiten und die verpflichtende technische Untersuchung absolvieren wollte. Das sei anhand seiner Eingaben im Browser ersichtlich geworden. Was die Ermittler dabei aufhorchen habe lassen, sei die Tatsache, dass in unmittelbarer Nähe des Servicepunktes ein Chemiewerk für Düngemittel sei, wo sich theoretisch die Komponenten für die Sprengladungen in ausreichender Menge befinden würden. Vor diesem Hintergrund sei die Vermutung entstanden, die Sprengsätze könnten während der technischen Untersuchung platziert worden sein. 2

Die Kontrolle des Fahrzeugs und seiner Ladung sowie die Identität des Fahrers lassen sich anhand der Bilder der Kameraüberwachung nachvollziehen. Der Fahrer habe ruhig gewirkt und seine Papiere seien in Ordnung gewesen, gaben die Beamten zu Protokoll. Die Kontrolle der Ladung ist auf Sicht durchgeführt worden, geröntgt wurde das Fahrzeug nicht. Das bestätigen auch die Bilder der Überwachungskameras, auf denen zu sehen ist, wie Jusubow die Türen des vollbeladenen Lkw öffnet und der kontrollierende Beamte hineinschaut. Unter diesen Umständen sei es ziemlich schwierig, Sprengsätze zu entdecken, sagte der ehemalige FSB-Generalmajor Aleksandr Michailow dem Portal lenta.ru. Bezüglich einer Zündung des Sprengsatzes aus der Ferne hält er es für möglich, dass ein Radiosignal verwendet worden ist. Eine Zeitschaltuhr schließt der ehemalige Generalmajor jedoch aus. Für die Theorie, dass es doch der Fahrer selbst war, der die Explosion herbeigeführt hat, spricht, dass sie genau in dem Moment erfolgte, als der Lkw auf der Brücke den mit Treibstoff beladenen Zug passierte. 3

Wer steckt hinter dem Anschlag?

Wer den Anschlag tatsächlich geplant und ausgeführt hat, müssen die Ermittlungen erst zeigen. Manche Medien hierzulande sind sich nicht zu schade gewesen, Russland zu bezichtigen, den Anschlag selbst inszeniert zu haben. So schrieb die Bild am Samstag: „Zu einem Anschlag auf die Brücke hat sich die ukrainische Armee gar nicht bekannt. Ganz im Gegenteil! Ein neuer Verdacht steht im Raum: Hinter dem Angriff auf die Brücke könnten die Russen stecken!“ Damit verbreitet das Blatt das Narrativ des ukrainischen Präsidenten-Beraters Michail Podoljak, der auf Twitter unterstellte, die Explosion sei einem innerrussischen Machtkampf geschuldet. „Ist es nicht offensichtlich, wer die Explosion verursacht hat“, so der ukrainische Politiker in seinem Tweet vom Samstag. „Der Lkw kam aus Russland.“ Dass dieses Erklärungsmodell seine Schwächen hat, merkt man glücklicherweise aber selbst im Westen. Zu beiden Seiten der Brücke sei Russland, der Lkw könne also nur aus Russland kommen, bemerkte dazu der deutsche Blogger Fefe. Zudem bilde die Brücke den hauptsächlichen Nachschubweg der Russischen Föderation für die Krim und den Krieg im Südosten der Ukraine. Ganz nebenbei bedeutet die Beschädigung der Brücke auch einen großen finanziellen Schaden für Russland. Nach Schätzung der russischen Versicherungs-Union könnte dieser bis zu 500 Millionen Rubel (8,1 Millionen Euro) betragen, den vermutlich der Staat selbst tragen müssen wird. Die Versicherungs-Union sagte gegenüber dem russischen TV-Sender RBK: „Wir haben keine Information darüber, dass es gültige Verträge über eine Versicherung der Infrastruktur der Krim-Brücke gibt. Üblicherweise wird Staatseigentum nicht versichert.“ Die 19 Kilometer lange Brücke, mit deren Bau im Februar 2016 begonnen worden war, hatte mehr als 220 Milliarden Rubel (3,5 Milliarden Euro) gekostet. Seit Mai 2018 war sie für den Autoverkehr geöffnet, ab Ende 2019 für die Passagierzüge und ab Juli 2020 für die Frachtzüge. 4

Die ukrainische Nachrichtenagentur Interfax Ukraina hatte unter Verweis auf Quellen in den ukrainischen Sicherheitsstrukturen berichtet, die Explosion sei das Ergebnis einer Spezialoperation des ukrainischen Geheimdienstes SBU. Der SBU lehnt es ab, diesen Bericht zu kommentieren. Sein Pressesprecher Artjom Dechtjarenko sagte, die Rolle des SBU oder diejenige der anderen staatlichen Organe der Ukraine werde man erst nach dem endgültigen Sieg der Ukraine kommentieren. 5 Der ukrainische Präsident Wladimir Selenskyj hatte eine Beteiligung am Anschlag bisher nicht eingeräumt – aber auch nicht dementiert. Für den russischen Präsidenten Wladimir Putin steht hingegen außer Zweifel, dass es sich um einen gezielten Terrorakt gehandelt habe, der auf die Zerstörung kritischer ziviler Infrastruktur der Russischen Föderation ausgerichtet gewesen sei. Betrachtet man die Diskussionen in den ukrainischen Medien aus den vergangenen Wochen und Monaten, so scheint diese Schlussfolgerung nur naheliegend. So hatte beispielsweise Sergej Kriwonos, General der ukrainischen Streitkräfte, öffentlich gesagt, die Krim-Brücke sei eine Frage der politischen Dividenden. „Solange wir andere Kriegsziele haben, die vernichtet werden müssen, würde ich unsere Möglichkeiten, die Krim-Brücke zu zerstören, für den richtigen Moment aufheben.“ Obwohl die Drahtzieher hinter der Explosion noch ermittelt werden müssen, wurde sie in der ukrainischen Bevölkerung und in der Presse bereits als Erfolg für die Ukraine gefeiert. Die ukrainische Post hat aus diesem Anlass sogar eine Gedenkbriefmarke angekündigt. In der Nähe des Präsidentenbüros in Kiew ist ein entsprechender Entwurf mit der brennenden Brücke als Fotomotiv ausgestellt worden. 6

Aktion und Reaktion

Während sich die westlichen Politiker mit offiziellen Reaktionen auf die Explosion bisher bedeckt halten, hat der estnische Außenminister Urmas Reinsalu den Angriff begrüßt: „Estland begrüßt das natürlich und gratuliert den ukrainischen Spezialkräften, die wahrscheinlich hinter dieser Operation stecken.“ 7 Der russische Präsident Wladimir Putin wiederum hatte angekündigt, dass der Terrorakt nicht ohne Folgen bleiben werde. Seit Montagmorgen wurden die ukrainische Hauptstadt Kiew und andere Regionen in der Westukraine unter Beschuss genommen. Berichten zufolge sollen Dutzende russische Raketen abgefeuert worden sein, laut ukrainischen Sicherheitskräften soll es dabei landesweit mindestens zehn Tote und 60 Verletzte gegeben haben (Stand Montagvormittag). Wie das ZDF unter Verweis auf die ukrainische Regierung berichtet, sollen in Kiew und acht weiteren Regionen insgesamt elf wichtige Infrastruktureinrichtungen beschädigt worden sein. Einige Gebiete seien von der Außenwelt abgeschnitten. Ein Sprecher des russischen Verteidigungsministeriums bestätigte, dass alle festgelegten Ziele des Beschusses getroffen worden seien. 8

 

Hintergrund hat in einem Liveticker die Ereignisse der letzten zwei Tage festgehalten.

Lesen Sie dazu

Liveticker Ukraine, Montag 10.10.2022

Liveticker Ukraine, Dienstag 11.10.2022

Quellenangaben zu Angriff auf Krim-Brücke:

1https://www.kp.ru/daily/27455.5/4659495/

2https://www.mk.ru/incident/2022/10/09/gruzovik-podorvavshiy-krymskiy-most-mogli-zaryadit-bomboy-na-stancii-tekhobsluzhivaniya.html

3https://lenta.ru/brief/2022/10/09/sled/

4https://www.rbc.ru/society/08/10/2022/634137569a79479a56ac980a

5https://lenta.ru/brief/2022/10/09/sled/

6https://www.ntv.ru/novosti/2727270/

7 https://www.ntv.ru/novosti/2727270/

8https://www.zdf.de/nachrichten/politik/klitschko-kiew-beschuss-ukraine-krieg-russland-100.html

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