Terrorismus

Prozessauftakt gegen die „Terror-Verdächtigen der Sauerland-Zelle“

Von REGINE NAECKEL, 3. September 2008:

Morgen auf den Tag genau jährt sich eines der größten Terror-Spektakel in der Geschichte der Bundesrepublik. Am 4. September 2007 wurden im Sauerland drei junge Männer verhaftet, die in dem idyllischen Ferienort Oberschledorn einen „Terroranschlag“ entsetzlichen Ausmaßes planten und bereits mit dem Bau der Bomben begonnen hatten. So zumindest die Lesart, folgt man der Anklage durch das Bundeskriminalamt und den Erklärungen des Bundesinnenministers.

Monatelang hatten Hunderte von Polizisten auf Schritt und Tritt das gefährliche Trio verfolgt, dessen Anschläge vermutlich US-amerikanischen Einrichtungen in Deutschland gelten sollten. Am 4. September 2007 schlug die Antiterroreinheit GSG 9 in einem Ferienhaus im Sauerland schließlich zu. Gerade noch rechtzeitig, wie sich herausstellte“, schreibt dpa in einem Rückblick. (dpa – 2.08.2008 – „Mutmaßliche Sauerland-Terroristen angeklagt“)

Die deutsche Presse, allen voran die Boulevard-Blätter, entwarfen in der Folge der BKA-Meldungen des vergangenen September ein Bedrohungsszenario in beängstigenden Tönen:

„Sie planten die Super-Bombe Es sollten entsetzliche Anschläge werden mit Hunderten von Toten. (…) Es sollte das Blutbad von Madrid (191 Tote) und das von London (52 Tote) in den Schatten stellen. Es war nicht irgendwo geplant, sondern sollte mitten unter uns geschehen. (…) …waren schon dabei, die Höllen-Sprengsätze zusammenzusetzen”, schrieb der Berliner Kurier im September vergangenen Jahres.

Einige Journalisten, vor allem im Internet, deckten sofort nach der Festnahme des „Terror-Trios“ eine Fülle von Widersprüchen auf. Dazu gehörte nicht nur die Tatsache, dass die Drei den Geheimdiensten schon lange bekannt waren. Mit den gefundenen Chemikalien, aus denen die sogenannten „Wasserstoff-Peroxid-Bomben“ gebaut werden sollten, hätte aus Sicht renommierter Chemiker kein einsatzfähiger Sprengstoff hergestellt werden können. Die islamische Terror-Organisation „Islamische Dschihad Union“ (IJU), in der die angeblichen Top-Terroristen Mitglied sein sollen, ist selbst nach Ansicht von Experten des baden-württembergischen Verfassungsschutzes eine Farce: “Die Islamische Jihad Union ist eine Erfindung im Internet”, äußerten die Fahnder Anfang Oktober 2007 im WDR-Politmagazin Monitor.

Treffender in der Analyse der IJU war bereits 2004 der Bericht des ehemaligen britischen Botschafters in Usbekistan, Craig Murray. Er bezeichnete die IJU als ein Gespenst, das von der korrupten usbekischen Regierung mit Unterstützung der CIA ins Leben gerufen und nach Bedarf instrumentalisiert worden war.

Prozess vor dem Düsseldorfer Oberlandesgericht

Unbeirrt von all den Widersprüchen hat das BKA nun während der vergangenen zwölf Monate an einer Anklageschrift gezimmert.  „Der dicke Aktenstapel musste aus der Bundesanwaltschaft in Karlsruhe nach Düsseldorf zum Oberlandesgericht transportiert werden – dann war auch offiziell, was sich seit längerem ankündigte: Fast auf den Tag genau ein Jahr nach der spektakulären Festnahme der sogenannten ‚Sauerland- Zelle’ ist am Dienstag Anklage gegen die drei mutmaßlichen islamischen Terroristen Fritz Gelowicz (29), Daniel Schneider (22) und Adem Yilmaz (29) erhoben worden“, meldete dpa gestern.

Angeklagt werden die Beschuldigten der Mitgliedschaft in der Islamischen Dschihad Union – das BKA hat sich in seinen Ermittlungen nicht von den Erkenntnissen der baden-württembergischen Beamten beirren lassen, schon gar nicht von denen eines britischen Ex-Diplomaten. Auch der geplante „Bombenbau“ ist Teil der Anklage, egal, ob die Chemikalien dazu geeignet erscheinen oder nicht.

Wegen der Staatsgefährdung, die von der Sauerland-Zelle ausgeht, findet der Prozess vor dem Düsseldorfer Staatsschutz-Senat statt. In einem Hochsicherheitstrakt wird eines „der größten und wichtigsten Verfahren“ seit dem Ende der Roten Armee Fraktion verhandelt. „Fritz (Gelowicz – Anm. Hintergrund) und seine Freunde gelten als Staatsfeinde Nummer eins“, weiß der Spiegel in seiner aktuellen Ausgabe zu berichten (Spiegel 36/2008 – Seite 45). Ebenfalls sicher sind sich die Spiegel-Autoren Marcel Rosenbach und Holger Stark, dass die Anweisungen für den Plan des Trios direkt aus Pakistan kamen. Von wem dort – darüber geben sie keine Auskunft. Vor dem Hintergrund, dass dort sowohl der eigene Geheimdienst ISI als auch die CIA äußert aktiv am Inszenieren von Terroranschlägen mitwirken, stellt sich die Frage, ob die Pläne in diesen Fachkreisen entstanden. (vgl. Michel Chossudovsky – Der inszenierte Terrorismus, in www.hintergrund.de)

Mit der Festnahme und dem Prozess gegen die „Sauerland-Zelle“ sei jedoch die Terrorgefahr in Deutschland bei weitem noch nicht gebannt. So kommt Martin Oversohl in einem dpa-Bericht zu dem Schluss: „Das Bundeskriminalamt (BKA) spricht von knapp 100 ‚Gefährdern’ in Deutschland, mehr als 50 Islamisten sind nach Aussage von BKA-Chef Jörg Ziercke bisher in Terrorcamps ausgebildet worden. Von der Anklage gegen die mutmaßlichen Bomben-Terroristen erhoffen sich die Ermittler auch Erkenntnisse über die möglichen Drahtzieher von befürchteten weiteren Anschlägen und Einblick in logistische Stränge“. (dpa, 2.09.2008)

Betrachtet man sowohl den Termin des „immensen Fahndungserfolgs“ im vergangenen Jahr – immerhin hatten zuvor „Hunderte von Polizisten monatelang das ‚gefährliche Trio’ auf Schritt und Tritt verfolgt“ – als auch den Termin der Prozesseröffnung, ist die Nähe zum alljährlichen Medienlamento im Zusammenhang mit den Anschlägen vom 11. September in New York und Washington auffallend. Das Datum wird von Presse, Fernsehen und Radio gerne genutzt, um mantra-artig über die stets präsente islamistische Terrorgefahr zu räsonieren. Die Mühe, augenfällige Widersprüche der offiziellen Version des 11. September zu recherchieren,  macht man sich nicht.

Berücksichtigt man weiter, dass ein Klima der Angst in Deutschland bislang – zum Glück – nur verbal und niemals real geschaffen wurde, scheint dank der anstehenden Prozessberichterstattung auch der September 2008 das Zeug zu haben, erneut als „Terrormonat“ in die Annalen der Medienarchive einzugehen.

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