Terrorismus

"Humanitäre Tragödie"

Die Terrorgruppe Islamischer Staat hat weitere Städte und Dörfer im Irak eingenommen. Kurdische Kämpfer beginnen nun mit einer Gegenoffensive –

Von THOMAS EIPELDAUER, 4. August 2014 –

Die dschihadistische Terrorgruppe Islamischer Staat (IS, früher: Islamischer Staat im Irak und in der Levante, ISIS) hat zwei weitere Städte und eine Reihe kleinerer Dörfer im Gebiet um die irakische Millionenstadt Mosul erobert. Die Gruppierung, die bekannt ist für ethnisch motivierte Gewalttaten, Massenhinrichtungen und Folter, marschierte in der mehrheitlich von kurdischen Yeziden  bewohnten Stadt Sengal (Sinjar) ein. Laut eigenen Angaben fielen auch 12 weitere Dörfer, der größte Staudamm des Landes in der Mosul-Talsperre und das Ölfeld Salah samt Raffinerie in die Hände von IS.

Der erneute Vorstoß der überwiegend sunnitischen Fundamentalisten könnte zu weiteren Massakern  unter jenen Bevölkerungsschichten führen, die von IS zu „Ungläubigen“ erklärt werden. Bereits jetzt befinden sich 200 000 Menschen auf der Flucht vor den Dschihadisten, die kurdische Nachrichtenagentur ANF berichtet, viele Menschen seien aus Sengal in die nahegelegenen Berge geflohen. In Sindschar entfalte sich eine „humanitäre Tragödie“, zitiert die Nachrichtenagentur dpa den UN-Sonderbeauftragten für den Irak, Nikolaj Mladenov. Die Flüchtlinge bräuchten dringend Nahrungsmittel, Wasser und Medikamente, so die UN. Informationen von ANF zufolge habe es bereits erste Erschießungen von kurdischen Yeziden gegeben, in der Siedlung Tıl Izer nahe Sengal seien 12 Menschen aus einer Familie ermordet worden. Zudem seien dutzende Frauen und Mädchen entführt und Heiligtümer zerstört worden.

Der Gebietsgewinn von IS dürfte für die Islamisten von großer strategischer Bedeutung sein. Denn zum einen versorgt das früher „Saddam Dam“ genannte Kraftwerk der Mosul-Talsperre 1,7 Millionen Menschen mit Energie, zum anderen könnte aus dem eroberten Ölfeld eine weitere Einnahmequelle für IS werden. Hinzu kommt, das IS offenbar versucht, einen Korridor über die Stadt Tal Afar freizukämpfen, der ihr auch neue Möglichkeiten im Kampf gegen die kurdische Bewegung im benachbarten Syrien eröffnen könnte.  

Angesichts dieser bedrohlichen Situation ruft nun die Union der Gemeinschaften Kurdistans (Koma Civakên Kurdistan, KCK) zu einer Einheitsfront der verschiedenen, teils untereinander zerstrittenen kurdischen Milizen auf. KCK-Sprecher Zeki Şengali warf der Demokratischen Partei Kurdistans (KDP) Masud Barzanis vor, Sengal nahezu kampflos aufgegeben zu haben: „Sie haben unsere Leute dort ihrem Schicksal überlassen.“

Nun sei es nötig, so schnell wie möglich die Initiative zu ergreifen: „Es sollte eine sofortige Intervention geben.“ Dafür, so der KCK-Sprecher, müssten die Kräfte der KDP mit denen der Patriotischen Union Kurdistans (PUK) zusammen in den Konflikt eingreifen. Gleichzeitig sind offenbar bereits Kämpfer der vor allem in Syrien agierenden Volksverteidigungskräfte YPG dabei, die IS-Milizen anzugreifen. Ein Sprecher der YPG, Polat Can, verlautbarte bereits am gestrigen Sonntag, dass „starke Kräfte“ der YPG die Grenze zum Irak überschritten hätten, um „unsere Landsmänner vor den ISIS-Gangs zu schützen“.

Am heutigen Freitag komme es bereits zu „schweren Gefechten“ in mehreren Orten nahe der syrisch-irakischen Grenze. Auch die irakische Luftwaffe habe Stellungen von IS angegriffen, berichtet die Nachrichtenagentur ANF.

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