Terrorismus

Verschwörungstheorien: Britischer Think Tank rückt Skeptiker in die Nähe des Terrorismus

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Von SEBASTIAN RANGE, 31. August 2010 –

Eine Studie des britischen Think Tanks Demos mit dem Titel The Power of Unreason beschäftigt sich mit „Verschwörungstheorien“ und wie deren Verbreitung im Rahmen der Terrorbekämpfung entgegen gewirkt werden kann. (1)

Verschwörungstheorien – etwa die Behauptung, die Anschläge von London 2005 (7/7) oder die des 11. September 2001 (9/11) seien ein „Inside-Job“ – würden zunehmend das Vertrauen in die Institutionen der Regierung zerstören, so die Autoren Jamie Bartlett und Carl Miller. Dieses Misstrauen könne insbesondere Anstrengungen behindern, gewalttätigen Extremismus zu bekämpfen. Denn Verschwörungstheorien würden im extremistischen Kontext als ein „radikalisierender Verstärker“ wirken.

Zwar würden Verschwörungstheorien nicht zwangsläufig in extremistischen Anschauungen münden, aber sie seien den meisten extremistischen Gruppen zu eigen, wodurch ein Zusammenhang bestehe.

Verschwörungstheorien würden vor allem im Hinblick auf vergangene Terror-Attacken gedeihen. So würden laut Umfragen ein Drittel aller US-Amerikaner es für „sehr wahrscheinlich“ oder „einigermaßen wahrscheinlich“ halten, dass Regierungsbeamte die 9/11-Attacken selbst ausgeführt bzw. willentlich zugelassen haben. In der muslimischen Welt liege der Anteil sogar bei 80 Prozent. Auch im Vereinigten Königreich stehen viele Muslime den Verlautbarungen der Regierung skeptisch gegenüber. So würde ein Viertel von ihnen nicht an die Schuldigkeit der vier Männer glauben, die für die 7/7-Anschläge verantwortlich gemacht werden. In Sachen 9/11 halten sogar die Hälfte der britischen Muslime die Anschläge für selbst gemacht. „Nach allem was wir wissen, könnten Bush und Bin Laden auch zusammen sitzen und Champagner schlürfen“, wird eine weit verbreitete Ansicht beispielhaft zitiert.

Die Bewegung der 9/11-Skeptiker sei zu einem „großen und wachsenden politischen Faktor“ geworden. Die Studie merkt an, dass die 9/11-Verschwörungstheorien so verbreitet sind, dass selbst Al Qaeda-Vize Ayman Al-Zawahiri vor ihnen warnte und den Iran beschuldigte, diese in die Welt gesetzt zu haben.

Verschwörungstheorien seien besonders in Bezug auf die Terrorismusbekämpfung hinderlich. Denn erfolgreiche Terrorbekämpfung hänge von einem positiven Verhältnis zwischen der Polizei und den einzelnen Gemeinschaften ab. Vor allem die Beziehung zur muslimischen Gemeinschaft sei aufgrund des durch Verschwörungstheorien hervorgerufenen Misstrauens problematisch. Die „Gerüchte um 7/7 schaden dem Verhältnis zwischen den Muslimen und dem Rest von Großbritannien“, wird Scottland Yard-Mann Brian Paddick zitiert. Viele Muslime würden der Polizei misstrauen und seien abgeneigt, die Behörden über Extremisten zu informieren.

Nachdem in der Studie der Bogen von Verschwörungstheorien zum (gewalttätigen) Extremismus gespannt wurde, lässt sich der Kampf gegen

Jamie Bartlett, einer der Autoren der Studie, ist Absolvent der London School of Economics und der University von Oxford. Heute leitet er bei Demos das Gewalt- und Terrorismusprogramm. Seine primären Forschungsinteressen liegen im Bereich Terrorismus, radikaler und extremistischer Bewegungen, des Islamismus und gewalttätigen Extremismus. Bevor Bartlett zu Demos kam, arbeitete er bei der international tätigen Hilfsorganisation Islamic Relief, die in enger Kooperation mit USAID steht.

Verschwörungstheorien in den Kampf gegen den Terror integrieren.

Doch wie bekämpft man die ideologischen Wegbereiter des Terrors am effektivsten? Auch dazu hat man sich in der Studie Gedanken gemacht.

„Die Ironie ist, dass Verschwörungstheorien von Natur aus nur schwer von einer Regierung zu widerlegen sind“, heißt es darin. Widerlegungen seitens der Regierung liefen Gefahr, als Beweis einer Vertuschung angesehen zu werden. Denn würde es eine Verschwörung seitens der Regierung wirklich geben, dann wäre es auch begründet zu vermuten, dass sie die Untersuchung in dieser Angelegenheit behindert. Verschwörungstheorien seien die einzigen Theorien, bei denen die Beweise, die gegen sie sprechen, als Beweis für ihre Richtigkeit betrachtet werden. Je mehr Beweise die Regierung für eine Theorie zusammenstelle, desto mehr zeige dies laut der Verschwörungstheoretiker, dass diese den Leuten die offizielle Version aufzwängen will.
Die Studie stellt fest, dass das US-Außenministerium große Anstrengungen unternommen habe, 9/11-Verschwörungstheorien zu widerlegen – aber mit nur mäßigem Erfolg. Auch habe die 7/7-Untersuchung dabei versagt, der Verbreitung von Verschwörungstheorien Einhalt zu bieten.

Die Autoren schlagen im Wesentlichen vier Maßnahmen vor, mit denen Verschwörungstheorien bekämpft werden sollen. Zum einen sollen die Geheimdienste transparenter agieren, denn Verschwörungstheorien seien auch eine Reaktion auf den „Mangel an Transparenz und Offenheit“ in vielen der Institutionen.

Besonders das Internet gilt für die Autoren als umkämpftes Terrain um die Meinungshoheit. Was kaum verwunderlich ist, denn im Gegensatz zu den etablierten Medien (Fernsehen, Tageszeitungen etc.) ist das Internet weitestgehend (noch) nicht monopolisiert und befindet sich nicht im Besitz einiger weniger Eigentümer, die somit den öffentlichen Meinungsbildungsprozess maßgeblich kontrollieren können.

Doch nicht diese Machtkonzentration wird kritisiert, sondern dass „sich ungefähr jeder fünfte Internetnutzer im Vereinigten Königreich keine Gedanken über die Richtigkeit oder Einseitigkeit der Informationen macht, die er konsumiert.“

Da sich das Internet aber nicht zensieren lasse, müsse als zweite Maßnahme vor allem die jüngere Generation, die sich vor allem durch das Internet informiert, dazu erzogen werden, „Fertigkeiten und Fähigkeiten zu erwerben, um durch die Informationen in einer umsichtigen Weise navigieren“ zu können.

Daher gebe es in den Sekundarschulen eine „zunehmende Konzentration auf die Kernfähigkeiten, um die jungen Menschen dabei zu unterstützen, erfolgreiche Lerner, selbstbewusste Individuen und verantwortungsbewusste Bürger zu werden“.

Da die Regierung nur wenig Erfolg dabei habe, Verschwörungstheorien direkt zu bekämpfen, müsse als dritte Maßnahme auch die Zivilgesellschaft mobilisiert werden.

„Es gibt eine Reihe von unabhängigen zivilen gesellschaftlichen Gruppen, die gegenwärtig daran arbeiten, verschiedene Formen extremistischer und terroristischer Ideologie zu bekämpfen. Es ist wichtig, dass diese auch die Verschwörungstheorien als Teil dieser Ideologie vergegenwärtigen. Solche Gruppen haben bei der sachlichen Widerlegung dieser Theorien eine höhere Glaubwürdigkeit als die Regierung.“

Doch auf den Kampf zivil-gesellschaftlicher Gruppen und der Erziehung zum kritischen Denken will man sich allein nicht verlassen. Als vierte Maßnahme sollen Regierungsbeamte Internetseiten- und Foren infiltrieren, um „Zweifel an den Verschwörungstheorien zu sähen“ und „alternative Informationen“ einzubringen.

Die Demos-Studie verweist dabei auf ein psychologisches Experiment von Solomon Asch, das gezeigt hat, dass die Bereitschaft aller Mitglieder einer Gruppe, dem Gruppenkonsens zu widersprechen, erheblich steigt, sobald nur einer in der Gruppe seine Zweifel äußert.

Eine solche Vorgehensweise wurde auch von Cass Sunstein vorgeschlagen. Sunstein ist ein enger Vertrauter von US-Präsident Obama und Chef des Office of Information and Regulatory Affairs. Als Co-Autor wirkte an einem 2008 veröffentlichten Strategiepapier mit, dass sich auch dem Kampf gegen Verschwörungstheorien gewidmet hat. Darin wird vorgeschlagen, soziale Online-Netzwerke, Chat-Rooms, aber auch „reale“ Gruppen zu infiltrieren, um das Vertrauen der Bürger in die Regierung zu festigen. (2)

Dass die Regierung nun Agenten losschickt, um in Internet-Foren Skeptiker von der Richtigkeit der offiziellen Version zum 11.September zu überzeugen, dürfte allerdings nur Wasser auf deren Mühlen sein.

Zwar gestehen die Verfasser der Studie ein, dass es Verschwörungen von Regierungen bzw. staatlichen Bediensteten gegeben hat – sie nennen u.a. Operation Northwoods (3) –, aber der Gedanke, dass es sich auch im Fall von 9/11 um eine solche handeln könnte, wird gar nicht erst zugelassen. Dass sie von vornherein eine solche ausschließen, zeigt, dass sie selbst den kritischen, selbstbewussten Umgang mit Informationen meiden, die sie von der jüngeren Generation einfordern.

Dabei lässt sich doch ihre Beschreibung, wie Verschwörungstheorien funktionieren, ebenso auf die offizielle Version anwenden. Laut Barlett und Miller kreieren Verschwörungstheoretiker zuerst „den anderen“, „den Feind“, der dämonisiert wird. Danach „delegitimieren sie Stimmen des Widerspruchs und der Mäßigung als Teil der Verschwörung“. Und schließlich ermutigen sie eine Gruppe, Gewalt anzuwenden.

Dies trifft haargenau auf eine 9/11-Verschwörungstheorie zu: auf die offizielle. Denn auch die offizielle Version ist eine Verschwörungstheorie, schließlich kann kein Zweifel darin bestehen, dass die Anschläge von mehreren Personen durchgeführt wurden, die sich zu diesem Zweck verschworen haben. Die Theorie, wonach Bin Laden und seine Anhänger die Anschläge verübt haben, wurde bereits Stunden nach dem Ereignis in die Welt gesetzt. In einer Rede vor der UN-Generalversammlung am 10. November 2001 richtete George Bush scharfe Worte gegen Abweichler. Er warnte vor deren „bösartigen Lügen“, die dem Terror förderlich seien. Bereits im September 2001 sagte er vor dem US-Kongress: „Entweder seid ihr mit uns, oder ihr seid mit den Terroristen.“

Wir haben also eine Verschwörungstheorie, die bis zum heutigen Tag vor keinem Gericht je bewiesen wurde, und deren Kritiker der Unterstützung des Terrors bezichtigt werden – genau so, wie es die Studie im Fall der nicht-offiziellen Verschwörungstheorien behauptet.

Und schließlich wurde, im Gegensatz zu den alternativen Verschwörungstheorien, mit der offiziellen 9/11-Verschwörungstheorie eine Gruppe – die Bevölkerung der USA und anderer Länder – ermutigt, Gewalt anzuwenden, die bis heute nicht nur in Afghanistan andauert.

Auch im Fall des Irak-Kriegs können wir dieses Schema antreffen. Dort haben sich Mitglieder der Regierung Bush und Blair verschworen, um die Welt mittels Lügen in einen Krieg zu führen. Erinnert sei nur an Colin Powells Lügenbaron-Auftritt am 5.Februar 2003 vor der UNO, oder Anthony Blairs Ausspruch, wonach der Irak laut (selbst erfundener) Geheimdienstinformationen jederzeit innerhalb von 45 Minuten Großbritannien mit Massenvernichtungswaffen (MVW) angreifen könne.

Und wenn es heißt, dass jeder Gegenbeweis den Verschwörungstheoretikern nur als Beweis ihrer eigenen Theorie dient, so ließ sich das im Fall des Iraks auch nachweisen.

Wenn etwa UNO-Waffeninspekteure wie Hans Blix oder Scott Ritter sagten, dass es keine MVW im Irak gebe, dann wurde das nur als Beweis betrachtet, dass Saddam diese eben besonders gut versteckt hat – was einen Einmarsch erst recht notwendig mache. Eine waschechte Verschwörungstheorie also, denn schließlich beruhte sie auf der Behauptung, dass hunderte oder tausende Iraker an einem geheimen MVW-Programm arbeiten würden. Dass man keinen Nachweis für dieses Programm präsentieren konnte, war so nur der Beweis für dessen geheimen Charakter, und nicht für dessen Nicht-Existenz.

Auch seinerzeit wurden Kritiker mundtot gemacht, manche meinen sogar – wie im Fall des britischen UN-Waffeneinspekteurs David Kelly – mausetot. Aber das ist wieder eine andere Verschwörungstheorie. (4) Und natürlich ermutigte auch die MVW-Verschwörungstheorie eine Gruppe, Gewalt anzuwenden, welcher im Irak Hunderttausende zum Opfer fielen.

Dass die Verfasser der Studie die von ihnen selbst entwickelten Kriterien nur auf diejenigen anwenden, die sich im Widerspruch zu Regierungsversionen befinden, zeigt nur, dass es ihnen eben nicht um einen objektiven, kritischen Umgang mit allen zugänglichen Informationen geht, sondern um die Diffamierung derjenigen, die dem offiziellen Kanon widersprechen. Ein Mittel der Diffamierung ist dabei, den Widerspruch selbst bereits als Extremismus, Gewalttätigkeit und schließlich Terror zu brandmarken.

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Damit bereitet man den Boden, auf dem eines Tages 9/11-Skeptiker und andere wegen Terror-Unterstützung kriminalisiert werden können. Das ist eine bedrohliche Situation für jeden „Dissidenten“ und darüber hinaus eine Gefahr für die Meinungsfreiheit insgesamt. Es zeigt aber auch, wie wenig Vertrauen man von offizieller Seite in die eigenen Argumente hat, den wachsenden Zweifeln Einhalt zu gebieten, sonst würde man nicht zu den Maßnahmen der Diffamierung, Infiltration und gegebenenfalls Kriminalisierung greifen.


(1) Die Studie ist hier nachzulesen bzw. runterzuladen: http://www.demos.co.uk/publications/thepowerofunreason
(2) Die Studie ist hier nachzulesen: http://papers.ssrn.com/sol3/papers.cfm?abstract_id=1084585
(3) Siehe dazu: http://de.wikipedia.org/wiki/Operation_Northwoods
(4) Siehe dazu: http://en.wikipedia.org/wiki/Death_of_David_Kelly

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