Umwelt

Beamte ermitteln, wie das Virus H5N1 in Europa Impfstoffe kontaminieren konnte

Von HELEN BRANSWELL, 17. März 2009 –

Beamte versuchen zu ergründen, wie es dazu kam, dass der Impfstoffhersteller Baxter International Inc. "experimentelles Virusmaterial" auf der Basis eines menschlichen Grippevirusstamms, aber kontaminiert mit dem aviären Influenzavirus vom Subtypen H5N1, herstellte und dann an eine österreichische Firma vertrieb.

Diese Firma, Avir Green Hills Biotechnology, vertrieb das vermeintliche H3N2-Viruserzeugnis an Vertragspartner in der Tschechischen Republik, Slovenien und Deutschland. Die Behörden in den vier europäischen Ländern untersuchen diesen Vorfall; ihre Anstrengungen werden von der Weltgesundheitsorganisation und der europäischen Seuchenschutzbehörde genau überwacht.

Zwar scheint es, dass keine der 36 oder 37 Personen, die dem kontaminierten Erzeugnis ausgesetzt waren, infiziert wurde, doch wurde der Vorfall als "ein schwerwiegender Fehler" seitens der Firma Baxter bezeichnet – sie steht kurz davor, eine europäische Lizenz für einen Impfstoff gegen H5N1 zu erhalten. Der Impfstoff wird an einer anderen Produktionsstätte in der Tschechischen Republik hergestellt.

"Bei diesem spezifischen Vorfall … war das Kind noch nicht in den Brunnen gefallen," sagte Dr. Angus Nicoll von der europäischen Seuchenschutzbehörde in Stockholm.

"Das heißt aber nicht, dass wir, die WHO, die Europäische Kommission und die anderen ihn nicht genauso ernst nehmen, wie jeden anderen Laborunfall mit gefährlichen Krankheitserregern – womit wir es hier zu tun haben."

Eine unbeabsichtigte Freigabe von einer Mischung aus lebenden H5N1- und H3N2-Viren – falls das wirklich passiert wäre – könnte schlimme Folgen nach sich gezogen haben. Nicolls sagte, Beamte seien noch immer nicht hundertprozentig sicher, ob die Mischung lebende H5N1-Viren enthielt. Aber wenn man bedenkt, dass Frettchen, die der Mischung ausgesetzt waren, gestorben sind, war es wahrscheinlich so.

Menschen infizieren sich mit dem H5N1-Virus nicht so leicht, im Gegensatz zum H3N2-Virus. Sie gehören zu einem von zwei Subtypen des Influenza-A-Virus, mit denen sich Menschen in jeder Grippesaison anstecken.

Falls jemand, der dieser Mischung ausgesetzt war, gleichzeitig mit H5N1 und H3N2 infiziert worden wäre, dann hätte diese Person als Inkubator für ein Hybridvirus fungiert, dazu fähig, es leicht auf andere Menschen zu übertragen. Dieser Austauschprozess, Virus-Reassortment oder Reassortierung* genannt, ist einer von zwei Wegen, auf denen Pandemieviren erschaffen werden.

Die letzten Sommer veröffentlichten Forschungsergebnisse von Wissenschaftlern der US-amerikanischen Gesundheitsbehörde (Centers for Disease Control) zeigen, dass sich H5N1- und H3N2-Viren unter Laborbedingungen leicht vereinigen. Obgleich weniger aggressiv als H5N1, schien eine Anzahl der Tochterviren zumindest einen Teil der Tödlichkeit ihrer gefährlichen Elternviren zu bewahren.

Baxter International, beheimatet in Deerfield im US-Bundesstaat Illinois, sagte, die Verunreinigung sei das Resultat eines Fehlers in seiner Forschungseinrichtung im österreichischen Orth-Donau gewesen.

Die Einrichtung sei von Avir Green Hills unter Vertrag genommen worden, um das von Baxter bezeichnete "experimentelle Virusmaterial" auf der Basis von menschlichen H3N2-Influenzaviren herzustellen.

Christopher Bona, Direktor der globalen biowissenschaftlichen Kommunikation bei Baxter, erklärte, das flüssige Virusprodukt sei kein Impfstoff und nur für Testzwecke entwickelt worden. Fragen darüber, zu welchem Zweck Avir Green Hills diese Versuche durchgeführt hat, stellte er zurück, sagte aber, die Charge sei dazu bestimmt gewesen, an Tieren getestet zu werden, aber niemals für den Gebrauch an Menschen.

Avir Green Hills erklärte in einer E-Mail, die Firma habe das Material Ende Dezember in Besitz genommen. Später schickte sie das Produkt an die Vertragspartner. In der E-Mail wurde mitgeteilt, das Material sei unter hohen Biosicherheitsvorkehrungen gelagert und gehandhabt worden.

Die Alarmglocken wurden Anfang Februar geläutet, als Wissenschaftler am tschechischen Vertragslabor die Frettchen mit dem Material impften und die Tiere rasch starben. Bona ließ aus Deerfield verlauten, dass Baxter am 6.Februar von den Problemen erfuhr.

Frettchen sind für menschliche Grippenvirenstämme anfällig, sie sterben an diesen Infektionen aber nicht. Vorläufige Untersuchungen ergaben, dass das Material mit dem für Frettchen tödlichen H5N1-Influenzavirus kontaminiert war.

Nicoll erklärte, die Tatsache, dass die Frettchen starben, stütze die Arbeitsthese, dass in dem von Baxter hergestellten Material lebende H5N1-Viren vorhanden waren.

Bona versicherte, Baxter habe herausgefunden, wie die Kontamination erfolgt sei und habe Maßnahmen ergriffen, um sicherzustellen, dass dies nicht wieder vorkomme. Er sagte, die österreichischen Behörden hätten, nachdem das Problem ans Licht gekommen war, das Forschungslabor von Baxter in Orth-Donau überprüft und seien mit den ergriffenen Maßnahmen zufrieden.

Baxter ist der einzige Hersteller von Grippeimpfstoffen, der „wilde“, d.h. natürliche Influenzavirusstämme verwendet, die als gefährlicher eingestuft werden als die veränderten und abgeschwächten Viren, die von anderen Herstellern benutzt werden.

Die Firma verwende Sicherheitsvorkehrungen der Stufe BSL3 in allen ihren Forschungseinrichtungen für Impfstoffe, sagte Bona. (Wissenschaftler an der US-amerikanischen Gesundheitsbehörde verwenden biologische Sicherheitsmaßnahmen der Stufe BSL3 und höher, wenn sie mit H5N1-Viren arbeiten, gab ein Sprecher der Behörde an.)

Diejenigen, die mit Biosicherheitsregeln vertraut sind, sind bestürzt über Beweise, dass menschliche H3N2-Influenzaviren und aviäre H5N1-Influenzaviren im Forschungslabor von Baxter irgendwie miteinander in Kontakt gekommen sind. Dies dürfe nicht vorkommen, insistierte eine Anzahl von Experten.

Die Firma gibt nicht viel Auskunft darüber, wie dies geschah.

"Es war eine Kombination aus dem Verfahren an sich und technischen und menschlichen Fehlern bei dem Verfahren," sagte Bona. Als er dazu aufgefordert wurde, dies näher auszuführen, sagte er, das hieße, patentrechtlich geschützte Informationen über Baxters Produktionsverfahren herauszugeben.

Bona teilte mit, als Baxter seinen Fehler erkannt hatte, habe es den verschiedenen Firmen dabei geholfen, das kontaminierte Material zu vernichten und ihre Labore zu reinigen. Außerdem seien Mitarbeiter, die dem kontaminierten Produkt ausgesetzt waren, von Fachärzten für Infektionskrankheiten untersucht und überwacht worden. Ihnen sei das antivirale Medikament Oseltamivir (Tamiflu) angeboten worden.

Baxters Fehler erinnert an einen Vorfall im Jahr 2005, als ein Hersteller von Testkits, die von Laboren eingesetzt werden, um ihr Nachweisvermögen zu testen, Fläschchen mit H2N2-Viren in mehreren Tausend dieser Testkits mitlieferte. H2N2 ist das Virus, das die Grippeepidemie im Jahr 1957 verursachte; es zirkuliert seit 1968 nicht mehr und gilt als Hauptkandidat, um die nächste Pandemie auszulösen.

Dieser vom nationalen mikrobiologischen Labor in Kanada aufgedeckte Fehler trieb Behörden weltweit dazu an, die an Labore in 18 Ländern versandten Fläschchen mit den Viren aufzuspüren und zu vernichten.

* Vermischung oder Neuverteilung genetischer Information zwischen zwei ähnlichen Viren. Meist handelt es sich um Varianten oder Subtypen einer Virusspezies oder um nahe verwandte Spezies innerhalb einer Virusgattung. Ein Reassortment ist unter natürlichen Bedingungen nur möglich, wenn: 1 -die beiden Virustypen sich in derselben infizierten Zelle vermehren und ; 2 – ihr Genom aus mehreren Segmenten besteht. (aus wikipedia)


Die Autorin:

Helen Branswell ist Medizinredakteurin für The Canadian Press/La Presse Canadienne. Sie hat über die Vogelgrippe und den SARS-Virus ausführlich berichtet.

Der Originalartikel erschien im kanadischen „Toronto Star“ am 26. Februar 2009

The Star – Officials investigate how bird flu contaminated vaccines in Europe


Übersetzt von Susanne Schuster und Fausto Giudice bei tlaxcala

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