Umwelt

Pillen, Ärzte und gutes Essen – Wie die Industrie die Dritte Welt ausnutzt

von JÖRG SCHAABER, 30. November 2007:

Aufstrebende Schwellenländer sind ein lukrativer Markt für die internationale Pharmaindustrie. Ein Bericht des Internationalen Verbraucherverbandes (Consumers International) (1) zeigt, wie die Industrie Ärzte und Ärztinnen im globalen Süden im großen Maßstab beeinflusst, manipuliert und mit Geschenken besticht.

Die neue Studie „Drugs, Doctors and Dinners“ von Consumers International (CI) bietet einen guten Überblick über die unterschiedlichen Beeinflussungstechniken der Arzneimittelhersteller. Die Publikation faßt das bereits vorhandene Wissen zum Thema zusammen und dokumentiert die Probleme eindrucksvoll mit zahlreichen aktuellen Beispielen und Fallstudien aus unterschiedlichen Ländern.

Dritte Welt als Wachstumsmarkt

Der Pharmaweltmarkt ist 2006 „nur noch“ um 7% gewachsen. (2) Für die Pharmaindustrie wird es immer schwieriger, noch mehr Geld aus den Krankenversicherungen und Patienten in den Industrieländern herauszuquetschen. Für wichtige Umsatzrenner läuft der Patentschutz ab, ohne dass die Forschungspipeline der Hersteller für ausreichend Nachschub sorgt. Deshalb hat die Industrie Schwellen- und Entwicklungsländer als Absatzmarkt entdeckt. Während Schwellenländer (3) im Jahr 2001 nur 13% zum globalen Umsatzwachstum beitrugen, waren es 2006 schon 27%. Bei Europa sieht es genau umgekehrt aus: 2001 fand dort noch 29% des globalen Wachstums statt, 2006 nur noch 15%. Lediglich Nordamerika als weltgrößter Markt wächst noch stabil (Anteil am Umsatzwachstum 2001: 45%; 2006: 50%). Indien zählt zu den am schnellsten wachsenden Pharma-Märkten der Welt. 2006 wuchs dort der Pharma-Umsatz um 17,5% auf 7,3 Milliarden US-Dollar. (2)

Ärzte und Ärztinnen als Zielgruppe

In der Dritten Welt sind Ärzte und Ärztinnen die erfolgversprechendste Zielgruppe für Werbebemühungen. Sie genießen meist ein hohes Ansehen und können mit ihrem Rezeptblock erheblichen Umsatz generieren. Das läßt sich die Pharmaindustrie einiges kosten. Praktiken, die in Industrieländern langsam zurückgedrängt werden, feiern in den armen Teilen der Welt fröhliche Urständ. Fernseher, Computer, Klimaanlagen und sogar Autos werden dort als Prämien verteilt.

„Die kommerziellen Bedürfnisse zahlloser sich im heftigen Wettbewerb befindlicher Pharmaunternehmen haben zu der Nutzung der drei „Cs“ geführt: Convince – überzeuge, wenn möglich, Confuse – verwirre, wenn nötig, Corrupt – korrumpiere, wenn nichts anderes hilft.“

Chandra M Gulhati, MIMS India (4)

Teure Konferenzreisen sind eine andere Methode, die Ärztinnen und Ärzte wohlgesonnen zu stimmen. Dazu Professor Murad M. Khan, Direktor der Psychiatrieabteilung der Aga Kahn University in Pakistan: „Im Oktober präsentierte Lundbeck, Ebixa® (Memantine) ein Medikament gegen die Alzheimer-Krankheit, indem sie 70 pakistanische Ärzte in ein Fünf-Sterne-Hotel in Bangkok, Thailand verfrachtete. Wie wird sich die Firma das Geld wiederholen? Durch höhere Medikamentenverkäufe! Wer wird dabei helfen? Die Ärzte, die nach Bangkok fuhren! Und wer wird die Zeche zahlen? Natürlich die Patienten und ihre Familien!“ (1)

Versteckte Werbung

Am wirksamsten ist die Beeinflussung, die gar nicht wahrgenommen wird. Ein Beispiel dafür ist ein Artikel über das Abnehmen aus der Zeitschrift der ghanaischen Pharmazeutischen Gesellschaft (PSGH). Dort wird behauptet: „Änderungen im Lebensstil reichen gewöhnlich nicht aus, die Gewichtsabnahme dauerhaft zu halten. Deshalb ist es gewöhnlich notwendig, eine begleitende Therapie mit Medikamenten durchzuführen.“ (1) Es werden zwar auch andere Behandlungsmethoden erwähnt, aber im Artikel gibt es nur einen direkten Hinweis auf ein Medikament: Eine Abbildung einer Xenical® Packung mit dem Hinweis, nach jeder fettigen Mahlzeit eine Tablette einzunehmen. In diesem Zusammenhang ist es interessant, dass die gegenwärtige Krankheits-Bewußtmachungskampagne der PSGH zur Hepatitis-B Impfung von Glaxo-Smith-Kline – dem Hersteller der Impfung – gesponsert wird. Ein weiterer Sponsor dieser Kampagne ist Roche, der Hersteller des erwähnten Medikaments zur Gewichtsreduzierung Xenical.

Fortbildung oder Manipulation?

In Thailand macht Roche nicht nur massiv Werbung für ein Mittel zur Behandlung der Hepatitis C, die Firma beeinflußt auch die medizinischen Fortbildungen. In der Fortbildungszeitschrift findet sich nicht nur eine Anzeige der Firma, sondern das Logo des Medikaments taucht auch mehrfach im Artikel zum Thema auf. Über eine Fortbildungsveranstaltung in Thailand wird berichtet: „Die Redner benutzten für ihren Vortrag die Folien von Roche. Es war seltsam zu sehen, dass thailändische Referenten zu einem thailändischen Publikum sprachen, aber englischsprachige Folien benutzten, die genauso aussahen wie die Grafiken in einer Broschüre von Roche, sogar die Hintergrundfarbe hatte das identische Rot.“ (1) Am bedenklichsten aber war, dass die Informationen auf den Folien inhaltlich fragwürdig und irreführend waren.

Fragwürdiger Umsatz

Daß die irrführende Werbung wirkt, zeigen die Umsatzzahlen. Die indische Kommission „Macroeconomics and Health“ klassifizierte 2005 zehn der 25 umsatzstärksten Medikamente in Indien als „irrational, entbehrlich oder gefährlich“. (1) Unter diesen Produkten fanden sich auch zwei Mittel der deutschen Firma Merck KGaA: Evion® (Vitamin E) und Polybion® (Mixtur der Vitamine B1, B2, B6, B12, C, Nicotinamid und Pantothenat).

Ein Kodex als zahnloser Tiger

Die Selbstverpflichtungen, die die Industrie gegen irreführende Werbe- und Marketingmethoden anbietet, lösen die Probleme überhaupt nicht. Bereits 1981 hat der Weltpharmaverband IFPMA einen freiwilligen Kodex zur Selbstkontrolle eingeführt. Nach eigenen Aussagen gab es 2007 bislang keine einzige Beschwerde – Kein Wunder, der Kodex ist ein zahnloser Tiger, der viele Probleme mit der Arzneimittelvermarktung überhaupt nicht erfaßt, die Verhandlungen werden geheim geführt und es gibt keine wirksamen Strafen. Aber auch nationale Selbstverpflichtungen der Industrie sind dürftig und wirkungslos. Die Rechercheure von CI versuchten herauszufinden, wie in Malaysia mit den Beschwerden wegen Verstoßes gegen den dortigen Kodex umgegangen wurde. Die Antworten waren äußerst dürftig. Mitgeteilt wurde lediglich, daß drei von den eingegangenen vier Beschwerden gegen Firmen akzeptiert wurden, aber es war weder in Erfahrung zu bringen, um welche Medikamente es ging, noch welche Firmen beteiligt waren oder welche Strafen verhängt wurden.

„Wenn jemand vorschlagen würde, daß Verbrecher sich ihre Richter selbst aussuchen könnten und daß sie Kollegen und gute Freunde als Anwälte und Geschworene einsetzen könnten, die die Verhandlung führen und das Urteil fällen, würde man diese Idee für unaussprechlich dumm halten. Trotzdem bietet der Welt-Pharmaindustrieverband genau eine solche Lösung für die Probleme unangemessener Werbung an.“

Andrew Chetley, Health Action International (1)

Forderungen

Der Bericht von Consumers International schließt mit klaren Forderungen ab:

  • So werden alle Regierungen aufgerufen, ihr Handeln an den WHO-Leitlinien für rationale Arzneimittelpolitik und zur ethischen Medikamentenwerbung zu orientieren.
  • Die öffentliche Unterstützung unabhängiger Information wird ebenso eingefordert wie das Verbot von Geschenken an Ärzte und Ärztinnen.
  • Strenge Strafen für irreführende Werbung sollen abschreckend wirken und die Vermarktungspraktiken der Pharmaindustrie transparenter gemacht werden.
  • Den Einfluß der Firmen auf die ärztliche Fortbildung gelte es zurückzudrängen.

Dem ist nicht viel hinzuzufügen.

www.bukopharma.de

Download Originalbericht: Originalbericht_Drugs_Doctors_and_Dinners_2007.pdf (Copyrigt: Consumers International)


Quellen:

(1) Consumers International. Drugs, Doctors and Dinners. How drug companies influence health in the developing world. London 2007 http://www.consumersinternational.org/

(2) www.ims-japan.co.jp/pr_20070320.php

(3) Länder unter 20.000 US$ Bruttosozialprodukt pro Kopf

(4) CM Gulhati. Marketing of medicines in India. British Medical Journal 3 April 2004 p. 778-779

 

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