Umwelt

Pandemie Phase 5 - Ein maßlos überschätztes Virus?

Von REGINE NAECKEL, 30. April 2009 –

Eine Todeswelle, die keine ist. Eine Pandemie, bei der die Infizierten oft gar nicht merken, dass sie Opfer der „weltumspannenden“ Virusgefahr sind. So ließe sich die Aufregung der letzen Tage charakterisieren. Politik und Medien haben ihr Thema gefunden. Doch was ist wirklich dran, an der sogenannten Schweinegrippe?

Am 23. April erklärten die US-amerikanischen „Centers for Disease Control and Prevention“ (CDC) nach dem Auftreten einiger Grippefälle in den Bundesstaaten Kalifornien und Texas, (1) die bei den Erkrankten isolierten Viren enthielten eine Kombination aus Schweineinfluenzaviren und einem menschlichen Influenzavirus. Es sei eine neue Variante des Subtyp H1N1 aus der Gruppe der Influenza-A-Viren. Bis zum 24. April war bei acht erkrankten Personen in Kalifornien und Texas das Virus nachgewiesen worden.

Zeitgleich traten Atemwegserkrankungen durch einen Influenza-Virus in Mexiko auf. Die dortigen Behörden meldeten über Tausend Infizierte und – da schwankten die Zahlen – achtzig bis über hundert Tote. Doch schon am 28. April kam eine relative Entwarnung von der WHO, die eine genaue virologische Untersuchung veranlasste. Es wurde bei nur 26 Erkrankten A-H1N1 festgestellt und nur mehr sieben Menschen seien daran gestorben.

Das Auftreten des A-H1N1-Erregers traf in Mexiko mit einer saisonale Grippewelle zusammen, deshalb die irreführenden Zahlen zu Beginn des Bekanntwerdens.

Sieben Tote, das hört sich immer noch nach einem gefährlichen Virus an. Doch muss man dabei berücksichtigen, dass in aller Regel bei einer Grippe nicht das Virus selbst „tödlich“ ist, sondern gesundheitliche Risikofaktoren in aller Regel bereits vorhanden waren, bei denen das durch das Virus zusätzlich geschwächte Immunsystem kollabiert. Das geschieht vor allem dann, wenn nicht unverzüglich eine gezielte und vernünftige medizinische Intervention stattfindet.

Trotz aller Gefährlichkeit, die dem Virus nachgesagt wird, musste von den acht Erkrankten in den USA nur einer stationär behandelt werden. Auch von einer sich fulminant ausbreitenden Welle kann man nicht sprechen, wenn man bedenkt, dass unter den 100 Millionen Bewohnern Mexikos – 20 Millionen allein in der Metropolregion Mexiko-City – 26 H1N1-Fälle nachgewiesen wurden. Seit dem 18. März – dem Zeitraum der „normalen saisonalen Influenza“ – wurden in Mexiko ganze 854 Pneumonien registriert – das sind unter 0,1 Promille. Der Anteil der H1N1-Erkrankten liegt demgegenüber prozentual fast im Bereich des Unmessbaren.

Und doch verhängte Gouverneur Schwarzenegger angesichts der sechs kalifornischen Krankheitsfälle am 28. April den Notstand über den Bundesstaat. Mexiko reagierte mit der Schließung von Schulen, Universitäten, öffentlichen Veranstaltungen und man ließ sogar den sonntäglichen Gottesdienst ausfallen.

In der Zwischenzeit wurde weltweit bei weiteren Erkrankten das Virus nachgewiesen: 13 Fälle in Kanada, 13 in Gesamteuropa, zwei in Israel und drei in Neuseeland – zusammen mit den USA und Mexiko sei damit die Zahl der Fälle auf 148 angestiegen (Stand 29.April, siehe WHO (2) ). Die meisten Betroffenen haben einen leichten Grippeverlauf, von den drei Infizierten in Deutschland war am Donnerstagabend (29.04) nur einer im Krankenhaus, damit sollte vor allem eine Weiterverbreitung des Virus verhindert werden.

Die Angst breitet sich aus

Medien und Politik sind seit Bekanntwerden der ersten Fälle in einen rauschhaften Aktionismus verfallen. Die Frage ist, ob tatsächlich eine – womöglich tödliche – Gefahr in dem mutierten Virus schlummert. Auf einer Warnstufenskala von 1 bis 6 hat die WHO gestern die Risikostufe von 4 auf 5 angehoben. Gleichzeitig beendete der kalifornische Gouverneur nach nur einem Tag den Notstand, und das, obwohl die WHO seit gestern auch einen ersten Todesfall unter den 91 labortechnisch nachgewiesenen Fällen in den USA gemeldet hat. Dabei handelt es sich um ein Kind aus Mexiko, das zur Behandlung in ein US-amerikanisches Krankenhaus kam.

Während die Warnstufe 4 der WHO-Skala das regional begrenzte Auftreten von Infektionen mit vereinzelten Mensch-zu-Mensch-Ansteckungen zur Voraussetzung hat (epidemische Ausbreitung), geht man in Phase 5 von einem erheblichen Pandemie-Risiko durch die weitere Verbreitung und eine größere Ansteckungswahrscheinlichkeit aus. Diese wird darauf zurückgeführt, dass sich das Virus zunehmend besser an den Menschen angepasst. Als nächste und letzte Stufe käme die Phase 6, die für den eigentlichen Beginn der Pandemie steht. Das würde dann zunehmende und anhaltende Übertragungen von Mensch zu Mensch in der gesamten Bevölkerung bedeuten.

Das Virus H1N1 ist als eines der typischen beim Schwein vorkommenden Subtypen der Influenza-A-Viren schon lange bekannt und tritt in Schweinebeständen regelmäßig auf. Den Namen „Schweinegrippe“ (Porzine Influenza) erhielt der Erreger, nachdem er 1930 erstmal in einem Schwein isoliert wurde. H1N1 gilt als leicht übertragbar, hat eine hohe Erkrankungsrate aber eine sehr geringe Todesrate. Deshalb ist die porzine Grippe bei Schweinen in Deutschland weder meldepflichtig noch besteht eine Impfpflicht. Wie Prof. Waldmann von der Universitätstierklinik für kleine Klauentiere in Hannover gegenüber Hintergrund erklärt, werden die Tiere mit fiebersenkenden Präparaten behandelt. Für den Fall, dass die Virusinfektion bakteriell überlagert wird, wendet man in der Landwirtschaft zusätzlich ein Antibiotikum an. Für die Bestände stellen diese Virusinfektionen keine nennenswerte Gefahr dar, die Tiere können nach der Erkrankung sowohl zur Zucht als auch zum Verzehr genutzt werden.

Neu an dem jetzt aufgetretenen H1N1-Virus ist nicht, dass es humanpathogen ist, sondern dass sich eine Variante herausgebildet hat, die von Mensch zu Mensch übertragbar ist. Dabei macht das Virus bei der Übertragung jeweils neue genetische Veränderungen durch.
Das US-amerikanische NCBI (National Center for Biotechnology Information) veröffentlicht die Genomanalysen einer Reihe von aufgetretenen Fällen. (4) Daran sieht man, dass der Begriff „Schweinegrippe“ irreführend ist. Die isolierten Virusstämme sind keine Erreger der porzinen Influenza, sondern sie besitzen nur zum Teil Genomsegmente, die ihren Ursprung im Schwein haben könnten. Wissenschaftlich korrekt sind es neu entstandene humane Subtypen (Reassortanten).

Ursprung des Virus nach wie vor ungeklärt

Die Fallstudien der zuerst in den USA aufgetretenen Infektionen klingen weitaus weniger dramatisch, als es das öffentliche Szenario glauben macht: So sind in aller Regel auch da nur einzelne Personen erkrankt, wo Familien zusammen leben. Teilweise gab es in nächster Nähe zu starken, fiebrigen Grippeerkrankungen auch Familienangehörige, die lediglich leichte Atemwegserkrankungen aufwiesen oder gar nicht erkrankten. (5) Interessant in dieser Veröffentlichung des CDC ist weiterhin, dass es nur in im Falle der zwei Erkrankten in San Diego County und einer Schule in Guadalupe County, an der zwei Jugendliche erkrankten, eine epidemiologische Verbindung gibt. Keine epidemiologische Verbindung besteht dagegen zwischen den Fällen in Texas und Kalifornien und drei neuerer Fälle in Kalifornien mit den o.g. in San Diego und Guadalupe County. Ebenso war keiner der Ersterkrankten aus den USA nach Mexiko gereist (7 Tage vor Ausbruch der Krankheit) oder hatte Kontakte dorthin.

Der eigentliche Ursprung des Virus lässt sich nach allen bisher vorliegenden epidemiologischen Untersuchungen nicht ausmachen. Kontakt zu Schweinen hatte keiner der bisher bekanntgewordenen Erkrankten.

Es wird spekuliert, warum die Erkrankung gerade bei Personen, die nicht zum üblichen Risikokreis gehören, sondern bei Jugendlichen und jungen erwachsenen Menschen stark oder sogar tödlich verlaufen konnte. Eine der Theorien ist plausibel: Zu Beginn des Auftretens hatte das Virus eine weitaus größere Aggressivität in Hinblick auf die Morbidität und Letalität. Das ist bei einem neuen Virusstamm durchaus nichts Ungewöhnliches. Im Laufe der weiteren Übertragungen von Mensch zu Mensch verändert sich die DNA des Virus und es werden Sequenzen „eingebaut“, die der menschliche Organismus kennt und besser durch eigene Immunabwehr beherrschen kann. Danach schwächt sich der Erreger im weiteren Verlauf der Übertragung in Hinblick auf die Morbidität ab, dafür nimmt aber seine Fähigkeit der Mensch-zu-Mensch-Übertragung zu.

Sicher scheint, dass die übliche Grippeimpfung, die auch gegen eine Form von H1N1 immunisieren soll, im Falle des neuen Erregers nicht hilft. So war einer der Erkrankten in San Diego, ein 54jähriger Mann, gegen Grippe geimpft. (vgl. 5)

Tamiflu – das Wundermittel gegen Pandemie

Noch am vergangenen Montag (27. April), als die WHO die Pandemiestufe 3 ausgerufen hatte, gab sich Klaus Vater, Pressesprecher des Bundesgesundheitsministeriums, beschwichtigend und uninformiert. Auf die Frage, ob überhaupt genügend Vorräte des Grippemittels Tamiflu vorrätig seien, erklärte er auf der Bundespressekonferenz: „Die Vorräte müssen weiterhin angelegt und gepflegt werden. Ob die Länder das in der Größenordnung von 20 Prozent, bezogen auf ihre Bevölkerung, getan haben, entzieht sich meiner Kenntnis. Ich glaube aber, dass die Länder diese Vorgabe im Wesentlichen erfüllt haben. Jedenfalls ist das das, was Experten des RKI sagen. Ansonsten hätten die wahrscheinlich längst Alarm geschlagen.“

Hatten sie aber nicht! Weder hatten sie Alarm geschlagen, noch hatten sie die Vorratshaltung der Länder kontrolliert. Außer Nordrhein-Westfalen, dass mit 30 Prozent sein Soll sogar übererfüllt hat, und einigen südlichen Bundesländern (Bayern und Baden-Württemberg) mit 20 Prozent eingelagerten Präparaten, ist vor allem der Norden nach den Vorgaben des Robert-Koch-Instituts mit nur 11 Prozent völlig unterversorgt.

Der Glaube an das antivirale Zaubermittel Tamiflu hält unvermindert an. Es war im Jahre 2006 eingelagert worden, nachdem einige Schwäne auf der Ostseeinsel Riems – unweit des an dem Erreger forschenden Friedrich-Loeffler-Instituts – an der sogenannten „Vogelgrippe“ (A-H5N1, eine aviäre Influenza) verendet sein sollen. Der schweizer Pharmahersteller Roche brachte damals sein gemeinsam mit Gilead Sciences entwickeltes Tamiflu ins Spiel und erzielte weltweit mit der Angst vor der Vogelgrippe Milliardenumsätze. Einer der Profiteure war der damalige US-Verteidigungsminister Rumsfeld, dem die Vogelgrippe und seine Aktien-Beteiligung an Gilead Sciences eine Million Dollar in die Taschen spülte. (6)

Doch der Wirkstoff Oseltamivir, ein Neuraminidase-Hemmer, hat nicht nur eine Reihe unerwünschter Nebenwirkungen, wie Übelkeit, Erbrechen, Magenschmerzen und sogar mögliche neuropsychiatrische Erkrankungen. Viel entscheidender ist, dass die H5N1-Virusstämme, gegen die Tamiflu eigentlich damals zum Einsatz kommen sollte, mehr und mehr Resistenzen gegen das Mittel aufweisen. Das wies eine in der Fachzeitschrift „Nature“ bereits 2005 veröffentlichte Studie nach. (7)

Eine Untersuchung von T. Jefferson u. a. belegt (8), dass Neuraminidase-Hemmer grundsätzlich eine Infektion mit Influenza nicht verhindern können, allenfalls können sie den Verlauf lindern. Eine mögliche Verringerung der Übertragung wird allenfalls durch die Verminderung der Virusausscheidung über die Nase erklärt. Das allerdings kann man auch mit anderen Methoden erreichen. Die Wissenschaftler kommen zu dem Schluss, dass Neuraminidasehemmer wie Tamiflu in einer Pandemie nicht wirkungsvoll sind, um eine Ausbreitung zu kontrollieren.

Kritisch sieht auch Dr. Becker-Bröser, Arzt und Pharmakologe beim „Arznei-Telegramm“ in einem Gespräch mit Hintergrund den Glauben an Tamiflu als Allheilmittel der sogenannten „Schweine-Grippe“. Politisch sei die Bevorratung mit Tamiflu zwar nachvollziehbar, man wolle der Bevölkerung das Gefühl vermitteln, man hätte die Sache in der Hand. Wissenschaftlich ist eine Verminderung der Ausbreitung durch Tamiflu nicht zu belegen. Auch Becker-Bröser ist sich sicher, dass Tamiflu allenfalls den Verlauf einer Grippe um ein- bis anderthalb Tage verkürzen könne. Verhindern kann das Mittel die Grippe nicht.

Zwangsmaßnahmen

Während der mexikanische Peso gegenüber dem US-Dollar fällt, steigt die Aktie des Pharmariesen La Roche. Weltweit gehen Bestellungen für Tamiflu ein, allein die USA wollen 12 Millionen Einheiten sofort für ihre Bürger bereithalten. Über eine Milliarde Dollar will die Regierung in die „Bekämpfung“ der Schweinegrippe stecken.

Schon wird der Ruf nach einem Impfpräparat laut und die Pharmaindustrie wittert neue Milliardengeschäfte mit der angeblichen Schweinegrippen-Pandemie, an der weltweit bislang knapp 150 Menschen erkrankt sind. Doch noch steht kein Impfstoff zur Verfügung. Trotzdem sinniert Klaus Theo Schröder, Staatssekretär im Bundesgesundheitsministerium, in der ARD-Sendung „Hart aber Fair“ am 29. April über mögliche Zwangsimpfungen der gesamten Bevölkerung: Zweimal alle durchgeimpft, dann hat man die Sache im Griff. Da könne man sich schon gesetzliche Maßnahmen vorstellen, wenn das nicht auf freiwilliger Basis möglich sei. Und der Direktor des Instituts für Immunologie an der Universität Bern, Beda Stadler, singt in der gleichen Sendung ein unablässiges Loblied auf Tamiflu. (9)

Und das, obwohl bei allen offenen Fragen eines ziemlich sicher ist: Das Virus schwächt sich in seiner Morbiditätswirkung ab – die Erkrankung wird mehr und mehr ähnlich einer „ganz normalen“ Grippe verlaufen. Die ganzheitliche Medizin sieht in einer Infektion eine Chance für den Körper, die natürlichen Abwehrkräfte zu aktivieren. Die Schulmedizin ist ratlos und ruft nach Impfungen.


Quellen

(1) http://www.cdc.gov/media/transcripts/2009/t090423.htm
(2) http://www.who.int/csr/don/2009_04_29/en/index.html
(3) http://www.cdc.gov/flu/pandemic/phases.htm
(4) http://www.ncbi.nlm.nih.gov/genomes/FLU/SwineFlu.html
(5) http://www.cdc.gov/mmwr/preview/mmwrhtml/mm58d0424a1.htm
(6) http://www.spiegel.de/wirtschaft/0,1518,382714,00.html
(7) http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/16228009?dopt=Abstract
(8) Jefferson T, Demicheli V, Rivetti D, et al.: Antivirals for influenza in healthy adults: systematic review. The Lancet 367, 2006, S. 303–313
(9) http://www.wdr.de/tv/hartaberfair/sendungen/2009/20090429.php5?akt=1

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