Umwelt

Fukushima: Ausmaß der Katastrophe mit Tschernobyl vergleichbar

Von REDAKTION, 12. April 2011 –

Japan hat die Gefahr des Atomstörfalls im Kraftwerk Fukushima auf die höchste Stufe angehoben. Das gab die Atomaufsichtsbehörde in Tokio am heutigen Dienstag bekannt. Der Unfall hat damit jetzt die Einstufung 7, was bisher nur die schwere Tschernobyl-Katastrophe hatte. Japan hatte am Vortag angekündigt, weitere Gebiete evakuieren zu lassen. Unterdessen wurde Japan am Morgen erneut von starken Nachbeben erschüttert.

Die Anhebung der Schwere des Atomunfalls in Fukushima auf die höchste Gefahrenstufe 7 bedeutet, dass es Auswirkungen auf Gesundheit und Umwelt in einem weiten Umfeld gibt. Die in Fukushima freigesetzten radioaktiven Materialien würden bislang zehn Prozent der von Tschernobyl betragen, hieß es. Die japanische Regierung will die Messungen von Radioaktivität ausweiten. Die freiwerdende Radioaktivität habe sich jedoch zuletzt verringert. Laut der Nachrichtenagentur Kyodo stamme die Strahlung überwiegend aus dem Reaktor 2, wo es am 15. März zu einer Explosion gekommen war.

Experten von Greenpeace hatten am Montag in bewohnten Gebieten in einer Entfernung von 60 Kilometern von Fukushima 1 deutlich erhöhte Strahlenwerte gemessen. Auf einem Spielplatz in Fukushima City fand ein Team demnach Werte von bis zu vier Mikrosievert pro Stunde (0,004 Millisievert). In der Stadt Koriyama seien es 2,8 Mikrosievert pro Stunde gewesen. Laut Greenpeace ist das so viel, dass die maximal tolerierbare Dosis für die Bevölkerung von 1000 Mikrosievert pro Jahr in wenigen Wochen aufgenommen würde.

Im Unterschied zu Fukushima waren bei der  Tschernobyl-Katastrophe große Mengen radioaktiver Partikel durch eine Explosion schlagartig freigesetzt und kilometerweit in die Atmosphäre geschleudert worden – der Wind verbreitete sie dann über tausende Kilometer.

Experten seien sich einig, dass das in Fukushima nicht passieren werde, so Mathias Edler von Greenpeace gegenüber der Nachrichtenagentur dpa. „Das hängt damit zusammen, dass es in Tschernobyl ein graphitmoderierter Reaktor war. Graphit ist eine Art Kohle, es ist zu tagelangen Bränden gekommen“, erklärt Edler.

„Im schlimmsten Szenario würde eine Schadstoffwolke von Fukushima in eine Höhe von maximal 500 Meter steigen“, so der oberste Wissenschaftsberater der britischen Regierung, Prof. John Beddington. „Daher ginge die Radioaktivität recht nahe am Reaktor herunter.“ Die Folgen wären dennoch katastrophal. Das größte langfristige Problem in Japan ist derzeit die radioaktive Verseuchung des Pazifik.

Wegen des Abfließens radioaktiven Wassers in den Pazifik hat China Japan zu umfassenden Schutzmaßnahmen aufgefordert. In einem Telefonat mit seinem japanischen Amtskollegen Naoto Kan äußerte Chinas Ministerpräsident Wen Jiabao seine Besorgnis, wie Staatsmedien am Dienstag berichteten. Japan müsse China und andere Nachbarn zeitnah und angemessen über neue Entwicklungen informieren. „Wir fordern die japanische Regierung auf, die Besorgnisse über die Auswirkungen auf die maritime Umwelt und benachbarte Länder ernst zu nehmen.“ Chinas Gesundheitsministerium forderte die Behörden in 14 Küstenregionen auf, das Meerwasser beständig auf Radioaktivität zu untersuchen. Viele Chinesen boykottieren bereits aus Angst vor Verstrahlung den Verzehr von Fisch, der vor der Küste von Dalian in Nordostchina unweit der koreanischen Halbinsel und Japan gefangen wird.

Auch wenn die Strahlung in Fukushima nur allmählich nach und nach freigesetzt wird, könnte die  freigesetzte Menge radioaktiver Strahlung die von Tschernobyl noch übertreffen, verlautete der  Betreiber Tepco. Bisher hatte für drei Meiler im AKW Fukushima 1 die Stufe 5 gegolten. Diese bedeutet nach Angaben des Bundesamtes für Strahlenschutz (BfS): Begrenzte Freisetzung von radioaktiven Stoffen und Einsatz einzelner Katastrophenschutzmaßnahmen. Stufe 7 bedeutet demnach: „Schwerste Freisetzung: Auswirkungen auf Gesundheit und Umwelt in einem weiten Umfeld.“

Nach der Tschernobyl-Katastrophe war eine Skala geschaffen worden, um die Öffentlichkeit einheitlich über die Schwere eines Atomunfalls zu informieren. Auf dieser siebenstufigen INES-Skala (International Nuclear and Radiological Event Scale) hatte bisher nur der Tschernobyl-Unfall die höchste Einstufung bekommen.

Der Präsident der Gesellschaft für Strahlenschutz, Sebastian Pflugbeil, stufte das Unglück im japanischen Atomkraftwerk bereits vor zwei Wochen als Super-GAU ein.

Unterdessen gab die Deutsche Gesellschaft für Reaktorsicherheit (GRS) ihre neuesten Bewertungen der Situation der sechs Reaktorblöcke in der Atomruine bekannt. Demnach  haben nur die Reaktoren in den Blöcken 5 und 6 den Status „kalt und unterkritisch“ erreicht. Sie gelten damit als gesichert. Unverändert kritisch sei die Lage in Block 3, der Brennstäbe mit hochgiftigem Plutonium-Uran-Mischoxid enthält. Noch immer sei unklar, ob der Sicherheitsbehälter intakt ist. Auch die Lage im Abklingbecken von Block 4, welches sehr wenig Kühlwasser enthält, gilt nach wie vor als kritisch. Das überfüllte Abklingbecken wurde durch eine Explosion beschädigt. Die über 1.300 dort eingelagerten Brennstäbe erfahren praktisch keine Kühlung mehr. Atomingenieur Arnold Gundersen sprach von einer „Kernschmelze unter freiem Himmel“ (1).

Dass abgebrannte Brennstäbe aus Kostengründen nicht in ein Zwischenlager gebracht, sondern so lange wie möglich in den Abklingbecken zwischengeparkt werden, ist laut Recherchen des ARD-Magazins Monitor auch in Deutschland gängige Praxis.

Laut einer vertraulichen Liste der Gesellschaft für Reaktorsicherheit sind die Abklingbecken der deutschen Kernkraftwerke zu 83 Prozent voll. Darunter befinden sich viele alte Brennelemente, die längst transportfähig wären. „Statt die Brennelemente wenigstens relativ sicher in Castoren zu lagern, ist es viel billiger, sie einfach länger im Wasser stehen zu lassen. Denn wenn sie hier weiter abkühlen, kann man später auch mehr von ihnen in einen teuren Trockenbehälter verpacken. So wird das Abklingbecken zum Zwischenlager, um Kosten zu sparen.“ (2)

Das Ausmaß der Katastrophe in Fukushima ist somit auch dem Bestreben des Betreibers geschuldet, die Kosten möglichst niedrig und die Profite möglichst hoch zu halten. Fukushima liefert somit den traurigen Beweis dafür, dass gesellschaftlich elementare Bereiche wie die Energieversorgung, vor allem wenn diese wie die Atomenergie technisch derart brisant sind, nicht privaten Profitinteressen überlassen werden sollten.

Derweil versuchen Arbeiter in Fukushima weiter, die Atomruine unter Kontrolle zu bringen. Die Arbeiten wurden aber mehrmals von Erdbeben unterbrochen. So hatte ein weiteres starkes Erdbeben am Montag neue Probleme ausgelöst. Der Erdstoß mit der Stärke 7,0 unterbrach kurzzeitig die Stromversorgung. Aufgrund dessen fiel die Kühlung der kritischen Reaktoren 1 bis 3  für 50 Minuten aus. Das Abpumpen verseuchten Wassers verzögerte sich. Auch das Einleiten von Stickstoff zur Verhinderung von Wasserstoffexplosionen musste gestoppt werden.

Der Stickstoff soll verhindern, dass in den zerstörten Reaktorgebäuden wie kurz nach der Havarie Wasserstoff explodiert. Die Sicherheitslage habe sich insgesamt jedoch nicht verändert, erklärte die japanische Atomaufsichtsbehörde (NISA) nach dem Erdbeben.

Rund 60.000 Tonnen stark radioaktiv belastetes Wasser müssen aus der Anlage gepumpt werden, bevor an dem Atomkraftwerk weiter gearbeitet werden kann.  Es wurde in den Kellern der Reaktoren 1 bis 3 gefunden, die unter anderem wichtige Elektronik beherbergen.

Mit dem Abpumpen sollte am heutigen Dienstag begonnen werden, doch  Japan wurde erneut von zwei starken Nachbeben einer Stärke von über 6 erschüttert, die abermals Häuser in Tokio ins Wanken brachten. Die Arbeiter im Atomkraftwerk Fukushima 1 wurden aufgefordert, sich in Sicherheit zu bringen. Die Pumpen zur Kühlung der Reaktorblöcke wurden aber nach Angaben des Betreibers Tepco dieses Mal nicht unterbrochen.

NISA-Sprecher Hidehiko Nishiyama sagte, es sei extrem schwierig, einen Zeitplan aufzustellen. Es sei „noch keine Situation, die man optimistisch sehen kann“.

Trotz der durch die Erdbeben verursachten Rückschläge sieht der japanische Regierungschef Naoto Kan Fortschritte im Kampf gegen die weitere Verseuchung. Die Lage im havarierten Atomkraftwerk  „stabilisiert sich Schritt für Schritt“, sagte Kan.

Nachdem Japan die höchste Gefahrenstufe verhängt hat, will die philippinische Regierung  rund 2000 Landsleute, die im Umkreis von 100 Kilometern um die Atomruine leben, nach Hause fliegen, teilte das Außenministerium mit. Dafür würden Flugzeuge gechartert und die Regierung übernehme alle Kosten. Niemand werde zur Abreise gezwungen, doch sollten die Philippiner voll über die Gefahren aufgeklärt werden.Nur wenige hundert der insgesamt 300 000 in Japan lebenden Philippiner haben nach Angaben der Regierung in Manila das Land nach dem Erdbeben und Tsunami verlassen.

Auch Japan will verstärkt Evakuierungen durchführen. Bereits vor dem neuerlichen Beben hatte Regierungssprecher Yukio Edano angekündigt, dass mehrere Gemeinden außerhalb der Sperrzone um Fukushima 1 evakuiert werden sollen. Vor diesem Schritt hatte die Regierung sich lange Zeit gescheut – obwohl die Internationale Atomenergiebehörde IAEA und auch Greenpeace das schon vor Wochen gefordert hatten. Bisher wurde nur eine Zone im 20-Kilometer-Radius um das Atomkraftwerk evakuiert.

„Wir haben den Einfluss radioaktiven Materials auf die menschliche Gesundheit bei dieser Entscheidung miteinbezogen unter der Annahme, dass Menschen in diesen Gebieten für sechs Monate bis zu einem Jahr leben“, erklärte Regierungssprecher Edano. .

Zu den von erhöhten Strahlenwerten betroffenen Regionen zählen auch rund 40 Kilometer von Block 1 entfernte Orte wie Katsurao, Namie und Iitat.Die betroffenen Bewohner innerhalb eines Monats in andere Regionen gebracht werden, meldete Kyodo. Nach Angaben des Deutschen Wetterdienstes vom Montag weht der Wind radioaktive Stoffe aus der Atom-Ruine bis Mittwoch wieder aufs offene Meer hinaus.


Anmerkungen

(1) http://www.wdr.de/tv/monitor/sendungen/2011/0407/fukushima.php5

(2) ebd.

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