Umwelt

RWE, Vattenfall und das Absolute

Von RÜDIGER HAUDE, 28. März 2011 –

Es gibt Zeiten, da sind die deutschen Atomkraftwerke nicht nur „die sichersten der Welt“, sondern sie sind dann „absolut sicher“. Diesen Ausdruck verwendete zum Beispiel am 25. März der RWE-Chef Jürgen Großmann in einem Rundschreiben (1) an die vierzig Prominenten, die im August letzten Jahres den atomfreundlichen „Energiepolitischen Appell“ an Bundeskanzlerin Merkel unterzeichnet hatten. (2) Wir erinnern uns, dass die Regierungskoalition kurz nach jenem Appell eine massive Laufzeitverlängerung für alle deutschen Atomkraftwerke beschlossen hatte. Heute, während eines offenbar multiplen Super-GAUs in japanischen Atomreaktoren, bemüht Großmann also die Kategorie des Absoluten. Die sieben durch eine Übereinkunft der Bundesregierung mit den betroffenen Länderregierungen vom Netz genommenen deutschen Alt-Meiler seien, so Großmann, „absolut sichere Kernkraftwerke“.

Zuletzt begegnete uns diese Wortwahl im Juli 2007. Angesichts einer bemerkenswerten Pannenserie in den Atomkraftwerken Krümmel und Brunsbüttel, welche dem schwedischen Konzern Vattenfall gehören, bemerkte der Vattenfall-Chef Lars-Göran Josefsson gegenüber der Zeitschrift Spiegel (3), die havarierten Kraftwerke seien „absolut sicher“. In Brunsbüttel hatte ein Kurzschluss eine ganze Kette von Störungen ausgelöst, die dazu führten, dass das AKW bis heute nicht wieder ans Netz gehen konnte. In Krümmel war es gleichzeitig, ebenfalls durch einen Kurzschluss, zu einem Feuer in einem Transformatorenhaus gekommen, Brandgas war in die Schaltwarte eingedrungen, und eine Kette weiterer Probleme hatte sich angeschlossen. Das AKW Krümmel verursachte später bei mehreren Versuchen, es wieder hochzufahren, neue massive Probleme und liegt seit Sommer 2009 ebenfalls permanent still. In beiden Fällen hatten die Verantwortlichen die Aufsichtsbehörden nicht oder völlig unzureichend informiert.

Das also sind die „absolut sicheren“ Kraftwerke des Herrn Josefsson. Herr Großmann denkt wahrscheinlich eher an Meiler wie das RWE-eigene Biblis A, wo es unter anderem 1987 beinahe zu einem GAU gekommen wäre (wovon die Öffentlichkeit ein Jahr später zufällig aus einem US-amerikanischen Fachblatt erfuhr). (4)

Es ist nachvollziehbar, dass das Profitinteresse Managern wie den Herren Großmann und Josefsson die Sicherheitslage ihrer Atomkraftwerke in einem anderen Licht erscheinen lässt als einem unbefangenen Beobachter. (Deswegen müsste diese Personengruppe übrigens von allen Entscheidungsfindungsprozessen mit Sicherheitsrelevanz ausgeschlossen werden.) Aber bedenklich ist der Reflex, der sich in der Parallelität beider Äußerungen zeigt. Gerade in dem Moment, wo die relative Unsicherheit der Atommeiler für alle sichtbar zutage tritt, wird diese Unsicherheit nicht nur kleingeredet (wie sonst), sondern mit quasi religiösen Kategorien gebannt. Es geht nun nicht mehr um die Abwägung eines Restrisikos, um Wahrscheinlichkeiten und dergleichen. Es geht ums Absolute.

Das ist keine sprachliche Spitzfindigkeit. Wir stehen vor der Frage, ob wir Anlagen mit dem Gefahrenpotenzial von Atomkraftwerken in der Entscheidungskompetenz von Männern lassen können, die diese Anlagen mit offensichtlich irrationalen Maßstäben betrachten. Denn dass dieses Reden von „absoluter Sicherheit“ mit realen technischen Großanlagen nichts zu tun hat, weiß jede Ingenieurs-Studentin im ersten Semester. Es ist ein reines Glaubensbekenntnis. Ein Glaubensbekenntnis hat aber stets den Hang, sich gegen empirische Fakten immun zu machen. Ja, in einer Art Trotzreaktion wird das Gegenteil des Augenfälligen behauptet. Über die technisch nicht hintergehbare relative Unsicherheit der konkreten technischen Form „AKW“ hinaus hatten sich die deutschen Vattenfall-AKWs 2007 ja als relativ besonders unsicher erwiesen. Und in Fukushima ist nun die Kernschmelze, die nach früheren Beteuerungen der Atomkraft-Befürworter weltweit höchstens alle 10.000 Jahre eintreten konnte, seit 1979 zum dritten Mal eingetreten. Das heißt, soweit dies trotz der „Informationspolitik“ der weltweiten Betreiber-Gemeinde zu unserer Kenntnis gelangt ist. Statt nun die zugrundeliegenden Wahrscheinlichkeitsrechnungen zu hinterfragen, greift man zu der fast schon rührenden Reaktion, sich von allem Relationalen und Statistischen ganz zu verabschieden. Nun ist alles „absolut sicher.“

„Absolut“ heißt: losgelöst. Die AKWs sind also nach Ansicht von Managern wie Josefsson und Großmann losgelöst von Kontrollen, der Einhaltung von Vorschriften, vom Ausbildungs- oder Motivationsstand des technischen Personals usw. usf. „sicher“. Das erklärt die immer und immer wiederkehrende Verdunkelungspolitik der Kraftwerksbetreiber im Falle von Unfällen – sei es in der Sowjetunion, in den USA, in Schweden, Deutschland, Frankreich, oder wie jetzt in Japan. Übrigens, das große Beben vor der japanischen Küste ereignete sich am 11. März um 14:46 Ortszeit. Um 14:50 ließ die japanische Regierung verlautbaren, dass kein Atomkraftwerk im Lande beschädigt sei. Das konnte sie vier Minuten nach dem Beben, „losgelöst“ von der Faktenlage, weil nicht sein kann, was nicht sein darf. Es versteht sich fast von selbst, dass dieselbe japanische Regierung jetzt ihren Freunden von TEPCO, der Betreiberin der Fukushima-Reaktoren, mit beträchtlichen Steuergeldern aus der Patsche hilft. Allein die bisherigen Evakuierungen infolge der Atomkatastrophe haben nach Informationen der Nachrichtenagentur Reuters Kompensationsansprüche in Höhe von mehreren Billionen Yen (also mehrere dutzend Milliarden US-Dollar) hervorgerufen, die den TEPCO-Konzern kollabieren lassen würden. (5)

Katholischen Sündern erteilt der Papst „Absolution“. Leider geht das im Falle der Atomkraft-Religion nicht. Als vor 100 Jahren das größte Schiff der Welt, die „unsinkbare“ Titanic, bei ihrer Jungfernfahrt sank, kamen ungefähr 1.500 Menschen ums Leben. Verglichen mit dem Gefahrenpotenzial von Atomkraftwerken, war das eine Petitesse (relativ, nicht absolut). Wir werden nicht darum herumkommen, den trotzigen Aposteln der „absoluten Sicherheit“ ihr Spielzeug wegzunehmen.


Anmerkungen und Quellen
(1) http://de.euronews.net/agenturmeldungen/820331-rwe-chef-warnt-vor-nationalem-alleingang-bei-kernkraft/
(2) http://www.hintergrund.de/201008301105/wirtschaft/wirtschaft-inland/der-energiepolitische-appell-und-eine-kanzlerin-die-maennchen-macht.html
(3) dpa-Meldung, 21.07.2007
(4) http://www.taz.de/digitaz/1988/12/05/a0020.archiv/textdruck
(5) http://www.zerohedge.com/article/tepco-bail-out-begins-japanese-government-foot-portion-compensation-costs

Drucken

Drucken

Teilen

Voriger Artikel Umwelt Fukushima: Todeskandidaten und der Mut der Verzweiflung
Nächster Artikel Umwelt Fukushima: Ausmaß der Katastrophe mit Tschernobyl vergleichbar