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„Je schlimmer der Krieg, desto höher die Einschaltquoten“

Stephanie Doetzer war Redakteurin und Reporterin beim SWR in Stuttgart und wurde dann von Al Jazeera abgeworben. Nach einigen Monaten als Austauschjournalistin beim arabischen Muttersender von Al Jazeera arbeitete sie von 2008 bis 2010 als Journalistin beim englischsprachigen Sender mit Basisstation in Doha, der Hauptstadt von Katar. Nach ihrer Kündigung blieb sie als freie Journalistin im Land und arbeitete bis Ende letzten Jahres für das Doha Centre for Media Freedom, einer Organisation, die sich für mehr Pressefreiheit in der arabischen Welt einsetzt.

Stephanie Doetzer
Stephanie Doetzer spricht in Hintergrund über ihre Zeit bei Al Jazeera.                © Nicola Mesken

Wie kommt man als deutsche Journalistin zu Al Jazeera?

Ganz unspektakulär: Ich war dort als Gastjournalistin und bekam danach ein Jobangebot. Das „Deutsch sein“ war nie ein Thema – schließlich arbeiten bei Al Jazeera Journalisten aus so gut wie allen erdenklichen Ländern. Von Schweden über Somalia bis Südafrika ist alles dabei. Die erste Zeit bei Al Jazeera war für mich wunderbar: Viele interessante Menschen, spannende Gespräche in der Kantine und Zugang zu Themen, die von Deutschland aus weit weg erscheinen. Insofern habe ich nicht lange überlegt, als der Vertrag dann vor mir lag.

Hat sich seitdem bei Al Jazeera viel verändert?

Ja, auf jeden Fall. Al Jazeera hatte in den ersten Jahren nach der Gründung eine erstaunlich große redaktionelle Freiheit – und hat damit tatsächlich so etwas wie eine Medienrevolution in der arabischen Welt eingeleitet. Aber je erfolgreicher der Sender wurde, desto mehr wurde und wird er auch als außenpolitisches Instrument der katarischen Regierung eingesetzt.

Sie kennen sowohl den arabisch- als auch den englischsprachigen Sender von innen. Wie groß sind die Unterschiede in der Arbeitsweise und der redaktionellen Ausrichtung?

Riesig! Die Zielgruppe ist anders, die Wortwahl ist anders, die Art des Geschichtenerzählens ist anders. Letztlich handelt es sich um zwei voneinander getrennte Fernsehsender, die einfach nur zur gleichen Sendergruppe gehören. Wer also Al Jazeera English schaut und denkt, dass er damit Zugang zu den arabischen Medien bekommt – das ist nicht so: Al Jazeera English ist eher ein westliches als ein arabisches Medium, nur eben mit Hauptsitz in Doha.

Woran machen Sie das fest?

Bei der Arbeit
„Zensur spürt man nicht, solange man genauso denkt wie diejenigen, die die Vorgaben machen. Die Schwierigkeiten kommen erst dann, wenn die eigene Wahrnehmung von der der Mehrheit abweicht.“ © Nicola Mesken

Vor allem an der Belegschaft. Im Newsroom des englischsprachigen Senders fühlt man sich wie in einer britischen Enklave. Die Macher hinter den Nachrichten sind meistens Westler – es heißen zwar viele Ahmad oder Mohamed, aber auch sie sind oft in London oder Toronto aufgewachsen und dementsprechend anders geprägt als Kollegen, die ihr ganzes Leben in der arabischen Welt verbracht haben.

Wie schlägt sich das auf die Themensetzung oder die politische Ausrichtung der beiden Sender nieder?

Der arabischsprachige Sender ist tendenziell islamisch-konservativ geprägt und damit der ägyptischen Muslimbruderschaft, der tunesischen Ennahda oder der Hamas gegenüber meist sehr freundlich. Der englischsprachige Sender wiederum greift eher die Meinungen von kosmopolitischen Westlern und säkularen Arabern auf – das Ergebnis könnte man als eine Art internationalisiertes „links-liberal“ bezeichnen.

Diese Unterschiede sieht man dann auch in der Berichterstattung über Protestbewegungen in der arabischen Welt: Der arabische Sender vertritt mittlerweile sehr dezidiert eine „sunnitische“ Linie und hat die Proteste in Bahrain somit entweder ignoriert oder die dortige, mehrheitlich schiitische, Opposition als Handlanger des Iran abgestempelt – der englischsprachige Sender dagegen hat mit Shouting in the dark den vielleicht kritischsten Dokumentarfilm zu den Ereignissen in Manama gedreht. Und dann ganz aktuell beim Thema Syrien: Bei Al Jazeera English werden Verbrechen bewaffneter Gruppen innerhalb der syrischen Opposition zumindest ab und zu thematisiert – beim arabischen Sender so gut wie gar nicht. Insgesamt muss man aber sagen, dass beide sich in letzter Zeit angenähert haben.

Wie kam das?

Al Jazeera ist ein Seismograf für das Verhältnis zwischen arabischen und westlichen Medien insgesamt. Herrscht ein Medienkrieg zwischen der arabischen und westlichen Mainstream-Berichterstattung, dann gibt es auch zwischen den beiden Al Jazeeras einen Kampf um Deutungshoheiten. Und diesen Grabenkrieg gäbe es bis heute, wäre nicht etwas Unvorhergesehenes passiert: nämlich die Revolutionen in Tunesien und Ägypten. Das hat beide zusammengeschweißt, weil Al Jazeera plötzlich auch im Westen als Referenz für die Berichterstattung galt. Und man hatte im Sender das Gefühl: „Wahnsinn, das haben wir geschafft! Ohne Al Jazeera wäre Mubarak nie so schnell gestürzt worden!“ Wie groß der Einfluss tatsächlich war, darüber kann man sich streiten. Aber das Interessante ist: Fast alle großen westlichen Medien sind in dem Moment auf den sehr optimistischen Erzählstrang vom „Arabischen Frühling“ aufgesprungen – und haben damit gewissermaßen die redaktionelle Linie von Al Jazeera übernommen.

Gab es für die Art der Berichterstattung politisch-ideologische Vorgaben, oder konnte man während Ihrer Zeit dort frei, das heißt, den journalistischen Grundsätzen verpflichtet, arbeiten?

Ja, grundsätzlich schon. Als normaler Journalist würde man nie eine eindeutige Vorgabe von oben bekommen. Zensur läuft viel subtiler – egal ob bei arabischen oder bei westlichen Medien. Es ist eher so etwas wie: Man weiß, wie der eigene Chef denkt, und spürt, mit welchen Meinungen man sich unbeliebt machen wird und welche dagegen die eigene Karriere fördern. Wenn etwas politisch in eine bestimmte Richtung geschoben werden soll, dann heißt es nie: „Das ist nicht unsere redaktionelle Linie“, sondern eher: „Wir mussten da ein bisschen kürzen“.
Und Zensur spürt man nicht, solange man genauso denkt wie diejenigen, die die Vorgaben machen. Die Schwierigkeiten kommen erst dann, wenn die eigene Wahrnehmung von der der Mehrheit abweicht.

Also so ähnlich wie bei westlichen Sendern auch …

Stephanie Doetzer
„Sobald Journalisten aus unterschiedlichen Kulturkreisen zusammen in einem Newsroom sitzen, treffen auch völlig unterschiedliche Wahrnehmungen der weltweiten Konfliktlinien aufeinander.“                                                          © Nicola Mesken

Ja, Al Jazeera darf man sich nicht so vorstellen wie traditionelles arabisches Staatsfernsehen. Beim syrischen oder bahrainischen Staatsfernsehen geht die journalistische Freiheit gegen null. Und trotzdem gibt es Journalisten, die damit kein Problem haben, weil die offizielle Linie ihre eigene Meinung widerspiegelt. Dass sie sich „journalistischen Grundsätzen“ verpflichtet fühlen, das behaupten trotzdem fast alle. Aber was das bedeutet, darüber besteht unter Journalisten keine Einigkeit. Wer nicht die gleiche Geschichte sieht, der sieht eben auch andere Grundsätze. Und das merkt man bei Al Jazeera schneller als bei anderen Sendern.

Inwiefern?

Sobald Journalisten aus unterschiedlichen Kulturkreisen zusammen in einem Newsroom sitzen, treffen auch völlig unterschiedliche Wahrnehmungen der weltweiten Konfliktlinien aufeinander.
Es gibt nur wenige, die sich da von der eigenen Herkunft lösen können und es schaffen, ein Thema einfach als Mensch anzuschauen, ohne vorgefertigte Ideen im Kopf und ohne Repräsentant irgendeiner Gruppe zu sein. Und da liegt meines Erachtens ein großes Problem der Konflikt- und Kriegsberichterstattung: Pressefreiheit nützt schließlich nicht viel, wenn Journalisten schlechte Arbeit machen.

Die Schwierigkeiten liegen also nicht nur darin, dass der Sender nach wie vor komplett vom Emir von Katar finanziert wird?

Das ist nur ein Faktor unter vielen. Journalismus ist in Konfliktsituationen ja nicht nur deshalb „unfrei“, weil Geldgeber oder Chefredakteure im Wege stehen. Meiner Erfahrung nach ist Journalismus auch oft deshalb unfrei, weil Journalisten selbst keinen freien Blick auf ein Thema haben. Sie fühlen sich als Teil einer Gemeinschaft und wollen diese in möglichst gutem Licht dastehen lassen. Die „Bösen“ sucht man meistens lieber bei den „Anderen“ als in der eigenen Gruppe. Das gibt es bei allen Medienunternehmen, aber bei Al Jazeera hat es noch mal eine andere Dimension: erstens wegen der stärkeren persönlichen Betroffenheit vieler Mitarbeiter, für die Straßenkämpfe in Aleppo oder Luftangriffe auf Gaza nichts Theoretisches sind, sondern etwas, das mit dem eigenen Leben zu tun hat. Zweitens, weil Al Jazeera einfach mehr politischen Einfluss hat als vielleicht jeder andere Sender – und das bringt mit sich, dass sich alle erdenklichen politischen Lobbys, Geheimdienste und Regierungen für den Sender interessieren. Das sind keine abstrakten, von außen wirkenden Kräfte, sondern sie alle werden wiederum von Leuten innerhalb des Senders repräsentiert.

Was bedeutet das für die Kriegsberichterstattung? Al Jazeera ist ein Sender, den man mehr noch als andere mit Kriegsberichterstattung assoziiert. Wer entscheidet da über die redaktionelle Linie?

Al Jazeera hat verschiedene interne Lobbys, die die redaktionelle Linie untereinander aushandeln – meist ohne Worte, denn würde man darüber offen sprechen, müsste man ja zugeben, dass man eine politische Agenda hat. Und wenn der Krieg katarische Interessen berührt, dann ist klar, dass die Richtung der Berichterstattung mit der Außenpolitik des Landes übereinstimmen muss. Das schließt allerdings nicht aus, dass der arabisch- und der englischsprachige Sender das unterschiedlich umsetzen: Die Gaza-Berichterstattung im Winter 2008/2009 war zum Beispiel eindeutig unterschiedlich – aber eben den jeweiligen Zielgruppen angepasst. Das war intern extrem konfliktreich, doch  gleichzeitig läuft Al Jazeera in Kriegszeiten zur Hochform auf. So zynisch das klingt: Je schlimmer der Krieg, desto höher die Einschaltquoten. Und desto konzentrierter wird gearbeitet. Mein früherer Chef pflegte immer zu sagen: „Explosions make good TV.“

Im Irak-Krieg oder während des Gaza-Kriegs konnte man sagen, dass Al Jazeera eine alternative Nachrichtenagenda hatte – jedenfalls im Vergleich zu den großen westlichen Sendern. Jetzt scheint sich das angeglichen zu haben. Wie kam es zu diesem Wandel, und wann hat er angefangen?

Ich habe das als schleichende Veränderung empfunden, über die letzten fünf, sechs Jahre hinweg. Vielleicht sogar noch früher. Sicher ist: Die Gründung des englischsprachigen Senders war ein wichtiger Moment, in dem sich viel verändert hat. Der Sender war als eine Art Al Jazeera „light“ konzipiert – etwas, das die katarische Regierung den Amerikanern vorzeigen und sagen konnte: „Schaut, wir sind ganz harmlos! Wir sind nicht nur die mit den al-Qaeda-Videos!“ Im Vergleich zu früher wird deutlich weniger Kritik an den USA geübt – und auch deutlich weniger am Nachbarland Saudi-Arabien. Ganz offensichtlich wurde die Entwicklung dann mit der Berichterstattung in Libyen und Syrien: Während Al Jazeera früher vermutlich niemals eine NATO-Intervention in einem arabischen Land abgesegnet hätte, hat der Sender in Libyen den Einsatz vorangetrieben und die militärische Beteiligung Katars legitimiert. Und bei der Syrien-Berichterstattung tut man so, als kämpfe ein ganzes Volk gegen einen Diktator – und alles würde schlagartig besser, wenn nur das Regime fällt.

Hat das mit dem Wechsel an der Spitze des Senders zu tun? Im September letzten Jahres trat Wadah Khanfar zurück, sein Nachfolger ist ein Mitglied der katarischen Königsfamilie.

Auch Wadah Khanfar hätte niemals etwas getan, was den Wünschen des Emirs zuwidergelaufen wäre. Al Jazeera hatte mehrere katarische Chefs und mehrere palästinensische – man kann nicht sagen, dass die Staatsnähe unter den Kataris notwendigerweise stärker spürbar gewesen wäre. Sicher ist: Je erfolgreicher Al Jazeera wurde, desto wichtiger wurde Katar auf der politischen Bühne der Region. Und je wichtiger Katar wurde, desto kleiner wurde wiederum der Spielraum von Al Jazeera. So gut wie alle Veränderungen bei Al Jazeera spiegeln Veränderungen in der katarischen Außenpolitik.

Welche Interessen verfolgt Katar dabei?

In den Anfangsjahren von Al Jazeera ging es einfach darum, einen Platz auf der politischen Bühne der Region zu bekommen. Schließlich kannte damals kaum einer Katar. Heute ist der katarische Kontext ein ganz anderer: Das Land hat in den letzten Jahren in fast allen Konflikten der Region mitgemischt. Sei es im Sudan, in den palästinensischen Gebieten oder im Libanon. Und seit dem Beginn der Umstürze sieht es ganz so aus, als ob Katar den Anspruch hat, eine neue arabische Führungsnation zu werden – nicht im traditionellen Sinne, aber auf eine neue Art und Weise, bei der es weniger auf Größe und militärische Stärke ankommt, sondern vielmehr auf Deutungsmacht und geschickte Diplomatie. Eines ist allerdings gleich geblieben: Es geht immer noch darum, von der Welt nicht vergessen zu werden und den eigenen Platz auf der Landkarte zu behaupten. Mehr noch als ums Prestige geht es dabei um Sicherheit – schließlich ist die geografische Lage zwischen Saudi-Arabien und dem Iran eine der heikelsten, die ein Land derzeit haben kann.

Erklärt das den unterschiedlichen Blick auf die Protestbewegungen in der arabischen Welt?

Ja, eindeutig. In den Golfstaaten möchte man den Status quo wahren. Dort sind Umbrüche das Letzte, was Katar brauchen kann. In Tunesien, Ägypten oder Syrien dagegen ist es für Katar leicht, sich als Cheerleader eines Regimewechsels zu geben – die Länder sind weit genug weg, und man hat beste Beziehungen zu den neu gewählten oder in Zukunft zu erwartenden Regierungen. In Bahrain ist das eine andere Geschichte: Dort wurde das gewaltsame Niederschlagen der Proteste als „Notwendigkeit“ angesehen – in Syrien dagegen unterstützt Katar die Opposition mit Geld, mit Waffen und mit den Bildern auf Al Jazeera.

Stimmt es, dass Katar dabei vor allem islamistische Kräfte unterstützt?

Tendenziell ja. Ich denke, das ist eine Mischung aus Pragmatismus und eigener Überzeugung.
Der katarischen Regierung war klar, dass islamistische Parteien die besten Chancen haben, die zukünftigen Machthaber zu werden – und somit macht es strategisch Sinn, mit ihnen enge Verbindungen zu pflegen. Gleichzeitig entspricht es der religionspolitischen Linie Katars: Das Land ist selbst wahhabitisch geprägt, beherbergt und hofiert aber seit Langem Muslimbrüder wie Sheikh al-Qaradawi, der derzeit der einflussreichste sunnitische Religionsgelehrte in der arabischen Welt sein dürfte und auf Al Jazeera eine eigene Sendung hat. Diese Mischung aus Wahhabismus und politischem Islamismus der Muslimbruderschaft erklärt dann auch, wieso Katar eine so große Bandbreite von islamistisch inspirierten Parteien unterstützt: von der tunesischen Ennahda bis hin zu eher salafistischen Kräften.

Gleichzeitig präsentiert sich Katar als enger Verbündeter der USA …

Ja, das klingt auf den ersten Blick widersprüchlich, auf den zweiten passt es bestens zusammen. Das Land braucht eine Schutzmacht. Und dafür kamen aus katarischer Sicht nur die Amerikaner infrage, die ohnehin eine große Militärbasis in Katar haben. Das Interessante ist also: Die katarische Außenpolitik – und damit auch Al Jazeera – wurde in den letzten beiden Jahren gleichermaßen islamistischer und amerikanischer. Und man könnte provokant sagen: Das ist eben schon längst kein Gegensatz mehr, wie man am Beispiel von Libyen und Syrien in aller Deutlichkeit sieht.

Warum hat der Konflikt in Syrien so einen großen Stellenwert?

Stephanie Doetzer
„Al Jazeera war ein schöner Traum von einer anderen Medienwelt.“
© Nicola Mesken

Einige sagen, weil Katar dort schon vor den Protesten massiv investiert hat. Andere meinen, weil es dem Land hilft, sich ein bestimmtes Image in der arabischen Welt zu geben. Der Großteil aller Araber ist sehr solidarisch mit der syrischen Opposition – und Katar profiliert sich als das Land „auf der Seite der Unterdrückten“. Der ausschlaggebende Grund ist aber meines Erachtens der Konflikt mit dem Iran. Was in Syrien passiert, ist nicht zu verstehen, wenn man nicht parallel zu dem Kampf zwischen Regimegegnern und Loyalisten auch den dort ausgetragenen Stellvertreterkrieg zwischen Saudi-Arabien und dem Iran anschaut. Katar spielt dabei eine aktive Rolle auf saudischer Seite und ist somit eine Kriegspartei. Ich gehe davon aus, dass die Golfstaaten in naher Zukunft mit einem Angriff auf den Iran rechnen und sich dementsprechend vorbereiten. Ein Fall des syrischen Regimes wird den Iran massiv schwächen und die Achse zwischen Teheran und der libanesischen Hisbollah unterbrechen – und das ist etwas, das Saudi-Arabien, Katar, aber auch den USA und Israel sehr entgegenkommt. Dass es den Golfstaaten in Syrien um Freiheit und Menschenrechte geht, das schließe ich aus. Wenn das ihr Interesse wäre, dann gäbe es im eigenen Land jeweils genug zu tun.

Der Chef des „Syria Desk” soll der Bruder eines hochrangigen Mitglieds der Muslimbruderschaft sein. Wie groß ist der Einfluss von solchen persönlichen Verbindungen?

Ja, das stimmt. Die Frage ist, was man daraus folgern kann. Die Tatsache der Familienbande würde ich ihm nicht zum Vorwurf zu machen. Man ist schließlich nicht verantwortlich für die politischen Meinungen der eigenen Verwandtschaft. Und es gibt genug Journalisten, die in ihrem engen Umfeld streitbare Personen haben und dennoch gute Arbeit machen. Die Frage ist für mich: Macht er eine verantwortungsbewusste und wahrheitsgetreue Syrien-Berichterstattung? Ich glaube: Nein.

Die grundsätzliche Konstellation ist übrigens eine typische Al-Jazeera-Situation: Wer den Sender nicht von innen kennt, kann sich wahrscheinlich kaum vorstellen, was für ein Geflecht von Freundschaften und Verwandtschaftsbeziehungen es zwischen den Mitarbeitern und den politischen Eliten in der arabischen Welt gibt – und vor allem jenen Eliten, die jetzt an die Macht streben.

Darüber sind sicher nicht alle begeistert. Einige Medien, wie etwa Russia Today, berichten von einer regelrechten Kündigungswelle bei Al Jazeera. Nicht nur Hassan Shaaban, der Chef des Beiruter Büros, hat aus Protest gegen die parteiische Syrien-Berichterstattung gekündigt, auch eine ganze Reihe anderer Mitarbeiter.

Ja, es gibt einige Mitarbeiter, die entsetzt sind. Die meisten aber bleiben. Und manche sind entsetzt, lassen sich aber dafür von der syrischen Regierung für deren Propagandazwecke einspannen – da sehe ich dann auch keine Verbesserung der journalistischen Maßstäbe. Es ist auch bezeichnend, dass vor allem Russia Today und Press TV über die Kündigungen bei Al Jazeera berichten – also genau diejenigen, deren Syrien-Berichterstattung den genau umgekehrten Erzählstrang verfolgt. Es ist zweifellos richtig, dass die Al-Jazeera-Berichterstattung parteiisch und manchmal willentlich manipulativ ist – die von Russia Today und Press TV allerdings auch, nur in umgekehrter Hinsicht.

Wie ist die Reaktion der Zuschauer in den arabischen Ländern auf die Neuausrichtung des Senders?

Syrien spaltet die arabische Welt wie kaum ein anderer Konflikt zuvor. Und je nachdem, wie jemand diesen Konflikt wahrnimmt – ob als Revolution gegen ein skrupelloses Regime, als Bürgerkrieg oder als Kampf einer Armee gegen vom Ausland finanzierte gewalttätige Extremisten –, findet er die Al-Jazeera-Berichterstattung entweder völlig okay oder haarsträubend falsch.
Allerdings sind auch in der syrischen Opposition die Meinungen zu Al Jazeera gespalten. Manche sagen: „Al Jazeera übertreibt, aber Hauptsache sie sind auf unserer Seite“. Andere halten das für inakzeptabel und sind außerdem wütend darüber, dass die säkulare Opposition in der Berichterstattung kaum vorkommt. Insgesamt gilt: Viele säkulare Araber haben aufgehört, Al Jazeera Arabic zu schauen, und sind auf BBC Arabic und andere Sender umgestiegen. Und arabische Schiiten sind mehrheitlich von Al Jazeera entsetzt. Viele haben das Gefühl, dass der Sender die ohnehin schon sehr tief gewordene Spaltung zwischen Sunniten und Schiiten vorantreibt.

Verliert Al Jazeera seine Glaubwürdigkeit und damit seine einflussreiche Position?

Es gibt zwei widersprüchliche Prozesse: Der arabische Sender verliert in vielen arabischen Ländern an Glaubwürdigkeit, aber gleichzeitig gewinnt der englischsprachige Sender an Einfluss in der westlichen Welt. Und insgesamt gesehen hat Al Jazeera nach wie vor einen enormen Einfluss. Einfach dadurch, dass die Berichterstattung das Bild prägt, das sich Millionen Menschen von der Situation in einem Land machen. Egal ob die Berichterstattung gut oder schlecht ist, sie prägt in jedem Fall die Wahrnehmung – und die wiederum wird handlungsrelevant. Wen man als „Täter“ oder „Opfer“ definiert, hat schließlich eine Wirkung auf den Ausgang des politischen Geschehens. Fernsehberichterstattung ist eben nicht nur „Berichten, was sowieso passiert“. Das, was passiert, ist zumindest teilweise auch das Ergebnis der Berichterstattung.

Sie haben 2010 bei Al Jazeera gekündigt. Warum?

Bei Al Jazeera hätte ich mir irgendwann eine Lobby suchen müssen: Entweder ich werde die „gute Westlerin”, die die „arabische Sache” vertritt und dann von der alten Garde gefördert wird – oder die Westlerin, die zusammen mit den anderen westlichen Journalisten über die Unprofessionalität der Araber jammert. Ich will weder das eine noch das andere sein. Der Abschied ist mir trotzdem lange Zeit schwergefallen: Al Jazeera war ein schöner Traum von einer anderen Medienwelt. Als ich dort ankam, dachte ich: Ja, vielleicht ist eine andere Art von Fernsehen doch möglich. Vielleicht gibt es noch leidenschaftlichen Journalismus, der gleichzeitig absolut professionell ist. Der englischsprachige Sender von Al Jazeera hätte so etwas sein können – aber er ist es nicht geworden.


Das Interviewl erschien zuerst in Hintergrund – Das Nachrichtenmagazin, Heft 4/2012.
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