Eine organisierte Kampagne par excellence

Nie wieder ARD!

Für all jene, die tatsächlich noch immer von der irrigen Annahme ausgehen, nicht auf dem Laufenden zu sein, ohne einmal täglich ARD-Nachrichten gesehen zu haben, mag das Erlebnis unserer Autorin als warnendes Beispiel dienen. Die Überschrift hingegen möchte sie nicht als Empfehlung, sondern als Aufforderung verstanden wissen: Werfen Sie endlich die Fernsehkiste auf den Schrott!

1704755812

Die Fähre von Schlüttsiel zu den Halligen. Ort des “Geschehens” am 4. Januar 2024 – Robert Habeck ging nicht von Bord.
Foto: Olaf Kosinsky Lizenz: CC BY-SA 3.0 , Mehr Infos

Ein ruhiger Donnerstagnachmittag im winterlich trüben Norddeutschland. Plötzlich blitzt in einem meiner abonnierten Social-Media-Kanäle eine kurze Meldung auf: „Wirtschaftsminister Habeck kommt heute nach Schlüttsiel, um mit den Bürgern zu sprechen.“ (Sinngemäß.)

Das war ja mal eine Neuigkeit! Während der vielerorts zwischen Flensburg und Passau stattfindenden „Übungsfahrten“ Hunderter, Tausender Traktoren will der Vizekanzler den Landwirten endlich direkt Rede und Antwort stehen. Vielleicht, so mein Gedanke, fühlt er sich in Schleswig-Holstein auf sichererem Terrain. Immerhin war er dort in den Jahren 2012 bis 2018 Landwirtschaftsminister. Und auch heute sind die Grünen Juniorpartner in der Landesregierung.

Trotzdem blieb ich gespannt und wartete auf neue Meldungen aus Schlüttsiel. Der relativ unbedeutende Flecken in Nordfriesland wird den wenigsten bekannt sein. Er hat auch nichts vorzuweisen außer einem kleinen Hafen, einer Anlegestation der Fähren, die zu den Halligen Langeneß, Gröde und Hooge verkehren. Während der Sommersaison kann man von hier aus auch zur Insel Amrum übersetzen. An einem 4. Januar wie dem letzten Donnerstag zieht es dort niemanden freiwillig hin. Der stürmische Norden Deutschlands ist in den Wintermonaten tatsächlich etwas für die Harten.

Der Tag ging mittlerweile zu Ende, als ein erstes Video in demselben Kanal meine Aufmerksamkeit erregte. Kurz vor Sonnenuntergang näherten sich Trecker mit blinkenden gelben Alarmlichtern dem Fähranleger. Ah! Nun war mir klar, was die Einladung zum „Bürgerdialog“ bedeutete. Es war ein versteckter Aufruf an die Bauern und andere interessierte Bürger der Gegend, Herrn Habeck einen großen Empfang zu bereiten. Und richtig! Die Landwirte stellten ihre riesigen Traktoren ordentlich in Reih und Glied auf, einige Tankwagen und andere Lkw fanden sich peu à peu ein. Der Parkplatz am Hafen füllte sich. (Vgl. Twitter/X-Video weiter unten – Teil 1.)

Wenig später eine weitere Botschaft aus Schlüttsiel. (Video Teil 2) Eine schier endlose Schlange weiterer Traktoren näherte sich von der anderen Seite auf einem befestigten Weg durchs Watt dem Anleger. Das alles vor abendlicher Nordseekulisse. Sehr imposant. Nun wurde ich immer gespannter und neugieriger. Schließlich war ich dank der Videos fast live dabei.

In Teil drei der Botschaften stellten sich dann am unteren Ende des Anlegers ein paar Bauern, Bürger – auf jeden Fall Fußgänger – mit großen Transparenten auf. „Für euer Versagen sollen wir bezahlen???“ und „Der Mittelstand wird ruiniert, in Berlin feiert man ganz ungeniert!“, konnte ich auf den Spruchbändern lesen. Und dann kam sie endlich, die erwartete Fähre!

Es muss also ungefähr 17:30 Uhr gewesen sein. Im nächsten ausgesandten Video – Teil vier – hat die Fähre mit der wertvollen Fracht gerade angelegt. Polizei, Bauern, Demonstranten in friedfertigem Dialog. Ein Transporter fährt von Bord. Währenddessen haben die Demonstranten gegenüber der Polizei offensichtlich ihre Forderungen formuliert: Sie möchten, dass sich der Bundesminister einem Dialog mit den Wartenden stellt. Der aber bleibt eisern auf dem Kutter, lässt sich nicht einmal blicken.

Einer der Beamten, vermutlich der Einsatzleiter, fungiert als Emissär. In Teil fünf der zeitnah übersandten Botschaften sieht man ihn, wie er den gespannt Wartenden Habecks „Angebot“ übermittelt. „Wir haben zwei Varianten“, verkündet er. „Die erste ist: Wir holen die Bereitschaftspolizei und räumen hier. Die zweite ist, zwei Leute dürfen jetzt mit mir kommen und reden.“

Um die Anzahl der erlaubten Delegation zu verdeutlichen, streckt der Polizist ostentativ seine Hand mit zwei ausgestreckten Fingern empor. Einer der Demonstrierenden nähert sich ihm – alles immer sehr friedlich von beiden Seiten – und fragt etwas für den Zuschauer Unverständliches. Ein Raunen geht durch die Menge. „Hört mal zu, ich will euch das erklären“, erwidert der Polizist an die Gruppe gerichtet. „Wir müssen für die Sicherheit garantieren, und wenn die Emotionen durchgehen, dann kriegen wir das hier nicht geregelt. Deshalb zwei oder meinetwegen auch drei Leute.“ Alles sehr kooperativ. Sehr entspannt. Zwei junge Leute aus der Gruppe treten erneut an den Beamten heran, besprechen etwas Unverständliches. Ende des Videos.

Mittlerweile verlief der frühe Abend „zu Hause am Empfangsgerät“ wie ein Krimi. Wie geht das Ganze weiter? Wann gibt es die Fortsetzung? Es dauerte nicht lange, da blitzte der Hinweis auf: Neue Mitteilung.

„Wir hab‘n die Schnauze voll, wir hab‘n die Schnauze voll, wir hab‘n, wir hab‘n, wir hab‘n die Schnauze voll“, intoniert ein Chor. Wer hat das nicht? Auch der geneigte Zuschauer wollte nun endlich den Vizekanzler sehen. Oder zumindest erfahren, wie alles weitergeht. Wir sind in Teil sechs der Videos. Der Beamte meldet sich erneut – dieses Mal über Lautsprecher – zu Wort: „Wir haben das Angebot, dass drei oder zehn, die Zahl verhandeln wir gerade noch, an Bord gehen dürfen und mit ihm reden.“ Zwischenruf aus dem Publikum: „Alle!“ Weiter die Lautsprecherdurchsage: „Die Alternative ist, entweder es kommt eine Hundertschaft und räumt diesen Platz oder die Fähre legt einfach wieder ab.“

Ein nüchtern norddeutsches Angebot, dachte ich mir. Für diese Klarheit liebe ich die Menschen entlang der Küste. Doch da schallte es schon aus der Menge: „Ablegen! – Ablegen!“ Die Gruppe berät sich lautstark. Ein vollbärtiger Bauer ergreift das Wort von einer etwas erhöhten Position aus. So muss eine Bürgerbeteiligung und Abstimmung aussehen, denke ich und fühle mich an Geschichten der „alten Nordfriesen“ zu Zeiten ihrer Häuptlinge erinnert. Alles bleibt friedlich, man palavert wie auf einem Thingplatz. Ende.

Meine Spannung steigt und die Videos enden stets, als seien sie für Werbeunterbrechungen formatiert. Zeit für einen späten Tee und ein paar eigene Reflexionen:

Klar! Ablegen, Habeck nicht an Land lassen, wäre als Sieg zu verbuchen. Geräumt zu werden, käme einer Niederlage gleich. Was für ein geschickter Schachzug der Polizei, war mein Gedanke. Die wollen auf dem flachen, kargen Land kaum ihren eigenen Leuten zu Leibe rücken, ist doch nicht selten jeder mit jedem irgendwie verschwippt und verschwägert. Doch mein Sinnieren wird unterbrochen, der Geschichte vorletzter Teil – das achte Video – kommt an.

Die Fähre legt ab, von Sprechchören begleitet. Während bereits das Schiffshorn ertönt, was stets das Ablegen signalisiert, gibt es Gedrängel am unteren Ende des Stegs. Einige Anwesende wollen auf den Steg – auf das Schiff können sie kaum gewollt haben, denn das ist schon lange nicht mehr vertäut. Ein kurzes Geschiebe zwischen Polizisten und Demonstranten, das gewaltfrei verläuft, löst sich schnell wieder auf. Die Beteiligten sind heiter und lachen. Folgt das glückliche Ende in Teil neun.

Ein Freudenfeuerwerk wird gezündet. In einem schwarzen Nachthimmel erstrahlen Tausende Sterne, die in Schnuppen auf das Meer herabregnen. Vor dieser eindrucksvollen Kulisse schippert eine Fähre weit ab vom Ufer auf der Nordsee Richtung Halligen. Kleine und größere Menschengruppen stehen beieinander – es wird weiter palavert. Und es ist spät geworden.

Ich gestehe: Mit dem friedlichen Protest der Bauern sympathisiere ich. Besonders mit jenen Landwirten, die sich den harten Bedingungen des Nordens, der Küste, den Widrigkeiten der gewaltigen Nordsee Jahr für Jahr, Tag für Tag erneut stellen müssen. Das ist kein Zuckerschlecken und doch lieben sie ihre Arbeit. Mein Tag endete beseelt von dem Gefühl eines „elegant“ und friedlich errungenen „Sieges“.

Friedlicher Protest wird zu Nazi-Terror

Der nächste Tag bescherte ein jähes Erwachen aus solcherlei Träumen. Der Blick in die meinungsmachenden Medien wartete mit einer völlig verstörenden Geschichte auf. Da wurde von einem wütenden Mob berichtet, der Bundesminister sei attackiert, die Polizei gewaltsam angegangen worden. Die übliche Umrahmung eines Geschehens, das so nirgends stattgefunden und das man geschickt zurechtgefälscht hatte.

Dazu entblödeten sich Morgenmagazin MOMA, Tagesschau und Tagesthemen am folgenden Tag nicht, aus dem privaten Videomaterial (siehe oben) einen „neuen Tathergang“ zu konstruieren. Der fängt schon mal mit dem Geböller des im Original abschließenden Feuerwerks an. Noch hatten die Fernsehzuschauer die Silvesterbilder im Kopf, in denen vermittelt worden war, wie Böller zu lebensgefährlichen Waffen mutieren können. Wenige Tage später der Wiederholungseffekt und der Eindruck, es seien marodierende Banden am Werk gewesen. O-Ton Tagesthemen: „Raketen. Ein wütender Mob, der offenbar bereit ist, die Fähre zu stürmen, auf der Robert Habeck ist.“

Im Weiteren wird die Dramaturgie einer außer Rand und Band geratenen Horde politisch äußerst gefährlicher Zeitgenossen, einer „verrohten Gesellschaft“ entwickelt. Politikerstimmen untermalen das Ganze, so der schleswig-holsteinische Ministerpräsident Günther. Er spricht von einem inakzeptablen Verhalten und Chaoten. Bundeslandwirtschaftsminister Özdemir darf ebenso ins Mikrofon tönen: „Den Leuten dort geht es nicht um Landwirtschaft, die haben feuchte Träume von Umstürzen.“

Doch die Tagesthemen wären nicht das Flaggschiff der deutschen Nachrichtenszene, hätten sie nicht die jeweils passenden „Experten“ zur Hand. Zur Frage des Rechtsextremismus nordfriesischer Bauern zaubern sie Andrea Röpke aus dem Hut. Die vielfach für öffentlich-rechtliche Sender sowie Regierungsstellen tätige Journalistin will herausgefunden haben, dass sich sowohl Reichsbürger als auch nationalistische prorussische Kreise innerhalb der nordfriesischen Bauernschaft entwickelt hätten. Aus diesen antidemokratischen Strukturen heraus seien die Proteste gegen Robert Habeck gesteuert worden.

Wie bitte? Nazis aus Moskau gesteuert?

Kein einziger Berichterstatter vor Ort

Dazu ist insgesamt anzumerken, dass in Schlüttsiel kein einziger Journalist anwesend war. Schon gar keiner der ARD. Sie haben also nichts vor Ort gehört oder gesehen, sondern durch Schnittabfolge und Vertonung verfälschtes Videomaterial sowie vermutlich die Denunziationen einiger ihrer bezahlten Beobachter in den Sozialen Medien zum Ausgangspunkt einer groß angelegten Verleumdungskampagne gemacht.

Einer der abtrünnigen Berufskollegen, Julian Reichelt, hat es tatsächlich gewagt, das Naheliegendste zu tun: bei der Polizei in Flensburg nachzufragen. Auf seinem Youtube-Kanal „Achtung, Reichelt!“ berichtet er:

„Die Polizei in Flensburg sagte uns ausdrücklich – und ich zitiere: ‚Wir als Polizei sehen hier davon ab, von Gewalt zu sprechen.‘ Zitat Ende. Es gab keine einzige Anzeige wegen einer Gewalttat und keine einzige Festnahme. Nichts von dem, was den Bauern von Bundesregierung und Medien vorgeworfen wird, hat sich so zugetragen. Es ist eine konzertierte Lüge der Regierung, um legitimen Protest zum Schweigen zu bringen. Wenn sich Mächtige zu einer Lüge verabreden, um Rechte der Bevölkerung zu beschneiden, dann nennt man das übrigens Verschwörung.“

Doch da hatte die ARD bereits ihren großen Coup gelandet. Denn nichts hätte der Regierung und all ihren medialen Wasserträgern beziehungsweise US-gelenkten Tonangebern in der momentanen Situation besser ins Konzept gepasst. Vor den massenhaften Protesten, ausgelöst und angeführt von den Landwirten, wird der Ampel-Regierung genauso angst und bange wie einer CDU-Scheinopposition. Mit ihrem völlig überzogenen „Bundeshaushalt“, für dessen Finanzierung Scholz, Habeck und Konsorten fast jedem, der noch zur Wertschöpfung in Deutschland beiträgt, in die Tasche greifen, haben sie möglicherweise einen schlafenden Bären geweckt. Da gilt es, den Widerstand im Keim zu ersticken. Und das funktioniert am besten durch Dämonisierung und Kriminalisierung des vermeintlichen Gegners.

Weitere Reaktionen von Politik und Medien lassen im Fall „Habeck, Fähre und Bauernproteste“ ein orchestriertes Vorgehen vermuten. Es wurde – ohne dass auch nur ein einziger Journalist sich vor Ort ein Bild von dem tatsächlichen Geschehen gemacht hatte – medial aus allen Rohren geschossen. Zur „Traktor-RAF“ machte SWR-Redakteur Jakob Fandrey die Demonstranten, Nikolaus Blome, RTL-Redakteur und Spiegel-Kolumnist, titulierte sie als „Kartoffel-Mob“, Rainald Becker, langjähriger ARD-Frontmann, twitterte eiligst: „Traktor fahren macht offenbar dumm“ und spielte damit auf die oft despektierlich gemeinte Redensart „Die dümmsten Bauern ernten die größten Kartoffeln“ an.

Was der ach so kluge „Journalist“ dabei nicht beachtete: In dem Sprichwort schwingt der Neid des Absenders mit. Neid auf den Erfolg eines anderen, der wenig dafür aufwenden musste und dem das gute Ergebnis einfach in den Schoß gefallen ist.

Der Beginn der Woche des Widerstandes am gestrigen frühen Morgen hat deutlich gemacht, dass der mediale Rummel die Landwirte und all ihre Mitstreiter nicht davon abgehalten hat, zu Tausenden den Verkehr lahmzulegen. Sie lassen sich nicht entmutigen und nicht „framen“. Sicher wird ihnen ein Erfolg nicht „einfach in den Schoß“ fallen. Die Regierenden werden ihre bekannten Geschütze auffahren: Medienpropaganda, Framing, Diskriminierung, Demonstrationsverbote. Sie wollen jeglichen Widerstand im Keim ersticken und keine „Massen“ auf den Straßen sehen. Unentschlossene sollen beizeiten eingeschüchtert werden. Und wenn die Luft an der Spitze immer dünner wird, der Handlungsspielraum der Herrschenden immer enger, kommen die bewährten Agents Provocateurs ins Spiel. Doch auch darauf sind die meisten „rollenden“ Traktor-, Lkw- und sonstigen Demonstranten zumindest theoretisch vorbereitet. Mögen sie also das Glück des Bauern mit den größten Kartoffeln haben!

*-*-*-*-*-*-*-*-*-*

Nachtrag 10.01.2024

Gestern sprach der Bundesvorsitzende der Deutschen Polizeigewerkschaft, Rainer Wendt, in einem Interview mit der Welt am Ende des Videos auch über Schlüttsiel. Die Bauernproteste liefen friedlich ab.

 

 

 

Abo oder Einzelheft hier bestellen

Seit Juli 2023 erscheint das Nachrichtenmagazin Hintergrund nach dreijähriger Pause wieder als Print-Ausgabe. Und zwar alle zwei Monate.

Hintergrund abonnieren

 

 

Der Hintergrund-Newsletter

Wir informieren künftig einmal in der Woche über neue Beiträge.

Wir senden keinen Spam! Erfahren Sie mehr in unserer Datenschutzerklärung.

Newsletter

Wir senden keinen Spam! Erfahren Sie mehr in unserer Datenschutzerklärung.

Drucken

Drucken

Teilen

Voriger Artikel Editorial Heft 1/2 2024 Medien & Manipulation
Nächster Artikel Kriegsberichterstattung Die Ukraine – Opfer unserer Medien