Innenpolitik

Die Terrorziele der RAF – auch Stefan Aust stand auf der Todesliste

Entgleisungen und Filmrisse zum Kinostart des Baader-Meinhof-Komplexes.

Von REGINE NAECKEL, 23. September 2008:

Ein alter Bekannter betritt mit lautem Tschingderassa wieder die öffentliche Bühne: Stefan Aust. War es nach seinem wenig ruhmvollen Abgang beim Spiegel still um den einstigen Chef des Blattes und Medienkonzerns geworden, ist er nun von den Weiden seiner norddeutschen Pferdekoppel in den Rummel zurückgekehrt. Doch dieses Mal lässt er sich als Librettist des Oskar-nominierten Singspiels für Rohrbombe und Parabellum feiern: Sein über zwanzig Jahre alter „Baader-Meinhof-Komplex“ wurde verfilmt.

Nachdem man im Jahr 2007 die RAF medial bis auf die Knochen seziert glaubte, geht das Spektakel von Neuem los. Als sei der Werberummel um den am Donnertag in den deutschen Kinos anlaufenden Film noch nicht groß genug, tumben seit kurzem Celebrities vor die Kameras und Mikrofone, um sich als potentielle RAF-Zielscheibe zu gerieren. Offensichtlich fehlt ihnen der Respekt vor den tatsächlichen Opfern.

Den Vogel abgeschossen haben dabei die Kinder des ehemaligen bayerischen Ministerpräsidenten und CSU-Vorsitzenden Franz Josef Strauß. „RAF wollte Familie Strauß mit Modell-Flugzeugen töten“, vermeldete gestern BILD.

Mit Verweis auf den Filmstart fragt BILD Monika Hohlmeier, die Strauß-Tochter, ob es für die Familie eine reale Bedrohung durch die RAF gab? „Wie real sie war, haben wir 1977 gemerkt. Da hat Verena Becker im Hochhaus gegenüber eine konspirative Wohnung angemietet. Dort sind die Terroristen eingezogen und haben unsere Wohnung mit Ferngläsern beobachtet, uns ausgespäht.“ Bruder Franz Georg erinnert sich: „Unsere Wohnung konnte von zwei Hochhäusern eingesehen werden. Sie war nicht sicher und wir mussten daraufhin umziehen.“ Und Monika, damals ein Teenager, weiß noch ganz genau: „Es wurden sogar Pläne gefunden, die eine Sprengstoff-Attacke auf unsere Wohnung mit Modellflugzeugen vorsahen.“

Das wär dann wohl das bajuwarische 9/11 geworden. Nur passt ein solcher „Anschlag“ kaum in das Schema der RAF oder der „Bewegung 2. Juni“, aus der Verena Becker ursprünglich kam. Komisch ist auch, warum man nicht die „Terroristen im Hochhaus“ mit der eigens dafür geschaffenen GSG9 schnell mal festgenommen hat, während sie in aller Seelenruhe durch das Fernglas auf Strauß’ Frühstückstisch plinsten. Schon am 3. Mai 1977 wurde zumindest Verena Becker per Verhaftung – allerdings in Singen – aus dem Verkehr gezogen. In den Prozessen gegen sie und andere RAF-Mitglieder war von Modellflugzeugen als Bomber nie die Rede. Aber Springers elaborierteres Blatt, die „WELT“, löst das Rätsel des BILD-Berichts: Es waren Geheimpläne! Und die Familie Strauß hat tapfer und brav die ganzen Jahre geschwiegen. Das ist wahre Staatstreue. Vielleicht war man auch nur mit anderem befasst: Der Sorge um das Ansehen der Familie, dem Bruder Max Strauß mit betrügerischen Geldgeschäften öffentlich geschadet hatte.  

Die Hamburger Beton-Gräben

Steigert es heute das persönliche Ansehen, damals ein potentielles RAF-Ziel gewesen zu sein? Es scheint ein Opfer-Coming-Out durch das Land zu gehen, dreißig Jahre nach dem Deutschen Herbst. Einen Tag zuvor hatte nämlich schon Stefan Aust seine persönliche Geschichte platziert. In Hochglanz bei Vanity Fair. Und auch recht spannend, wenngleich nicht ganz so phantasievoll. Doch getötet sollte auch er werden: „Vermutlich nahmen Baader und Co. an, ich wüsste so viel über die Gruppe, dass ich für sie gefährlich werden konnte“, plauderte Aust im Hamburger Restaurant Cox unweit der Alster, um dann bedauernd einzuräumen: „Das war aber leider nicht der Fall.“

Die Vanity Fair Interviewer Sven Michaelsen und Andreas Rosenfelder schienen entzückt, denn statt eines: „Was? Sie ein Terrorziel!“ schluckten sie den Braten und fragten brav: „Wie trug sich der versuchte Anschlag zu?“

Nun schwelgte Aust wohl in Erinnerungen: „Wir waren in meiner Wohnung in Hamburg-Altona, als nachts um drei plötzlich ein Bekannter klingelte: Andreas Baader und Horst Mahler hatten ihn dazu gebracht, meinen Wohnort zu verraten. Die standen schon unten und warteten. Der Bekannte sagte nur: „Ihr müsst schnell raus, sonst passiert etwas Schreckliches!“ Wir sind durch einen Betongraben hinterm Haus abgehauen.“

Betongraben hinterm Haus? Ein alter Schützengraben? Gingen damals Gräben mitten durch Altona? Wer weiß, es klingt ein bisschen nach Dritter-Mann-Atmosphäre oder „Der Tunnel“. Auf jeden Fall spannender als die Strauß-Geschichte, bei der die Flucht nicht hastig, sondern als geordneter Umzug verlief. Dafür hat Aust keinen geheimen Angriffsplan mit Modellfliegern zu bieten.

Zeit ist wie ein Schleier, sie trübt die Wahrnehmung und verwässert das Geschehene. Da wird Erlebtes mitunter zum Dönkes. Oder kehrt Aust mit neuen Stilmitteln wieder zum Ursprung seiner journalistischen Laufbahn – den St. Pauli-Nachrichten – zurück?

150 Minuten Deutsche Geschichte als Hollywood-Plot

„Bereits im Vorfeld der Premiere sorgte die ungewöhnlich restriktive Pressepolitik des Verleihers Constantin Film für Aufsehen. Journalisten, die Mitte August 2008 an einer „Work-in-Progress“-Sondervorführung in der Münchener Constantin-Zentrale teilnehmen durften, mussten eine mit einer Konventionalstrafe von 100.000 Euro bewehrte Vereinbarung unterschreiben, bis zur offiziellen Premiere am 16. September nicht über Inhalte des Films zu berichten. Auch fanden vor der Filmpremiere keine regulären Presseaufführungen statt. Nur ausgewählte Medienpartner wie Der Spiegel erhielten das Recht zur frühzeitigen Berichterstattung. Der Deutsche Journalisten-Verband (DJV) protestierte gegen das branchenunübliche Vorgehen der Constantin“, schrieb Volker Gunske im Berliner Tip unter dem Titel „Das RAF-Business: Abgerechnet wird zum Schluss“.

Der Film muss nun Geld einspielen. Co-Drehbuchautor und Produzent Bernd Eichinger hat für das Mammut-Projekt allein aus verschiedenen Filmförderungsprogrammen 6,5 Millionen Euro requirieren können, 20 Millionen haben die zweieinhalb Stunden „Geschichtsaufarbeitung“ insgesamt verschlungen. Entsprechend hoch waren die Erwartungen und wie immer sind die Meinungen der Rezensenten gespalten.

So ist für die Journalistin Bettina Röhl, Tochter von Ulrike Meinhof und dem Konkret-Verleger Klaus Rainer Röhl, der Film ein GAU. „Mehr Heldenverehrung geht nicht!“ Vielleicht sollte Welt-Online besser einen persönlich weniger belasteten Rezensenten zu Wort kommen lassen. Oder war gerade dieser hautnahe Impuls gefragt? „Die mit dem Thema ‚Mythos RAF’ hoffnungslos überforderte Dilettantenkombo Eichinger, Edel, Aust verfehlt mit ihrem Spielfilm das Thema.“ (Orthographiefehler wurden mit Rücksicht auf Autorin und Springer-Lektorat entfernt). In ihrem persönlichen Hass auf ihren ehemaligen „Retter“* und Chef** beweist sie noch Humor, wenn sie Aust attestiert, er wisse nicht, „dass er einen schweren Baader-Meinhof-Komplex hat, unter dem er nur deswegen nicht leidet, weil er sich an der Sozialisierung dieses Komplexes dumm und dusselig verdient…“

Klar kommt Bettina Röhl aus ihrer konservativ-antikommunistischen Position zu dem Schluss, der Film gäbe dem in Deutschland schlummernden revolutionären Potential (wo hat sie das ausgemacht?) neuen Zucker: „Karl Marx erlebt aktuell eine Renaissance, Revolutionsphantasien wachsen nach. Die in diesen Zeiten von der Linkspartei gestellte Systemfrage auf der Basis uralter weltweit bereits Hunderte von Malen gescheiterter Ideologien beeinflusst die Wahrnehmung des Durchschnittszuschauers.“ Aha. Der Film, so befürchtet Röhl, könne die Bundesrepublik gerade im Jahr 2008 beschädigen. Was gibt es in dieser Republik noch zu beschädigen?

Dass die Aust’sche Geschichtsklitterung in Sachen RAF zu Vielem herhalten kann, sicher aber nicht zum Erstarken revolutionärer Utopien, beweist allein das Datum ihres Zustandekommens. Der Film basiert auf den veralteten Recherchen von vor über zwanzig Jahren. Die Rolle der Geheimdienste wird nicht thematisiert, die Rolle des Staates, der Justiz und der Ermittlungsbehörden wird bei Aust nicht ins Zentrum gerückt. Nur da, wo der Autor die Frage staatlicher Mitschuld am Tod der Stammheim-Gefangenen stellt, flackert ein wenig Systemkritik durch. Das ist auch fast alles.

Ein Fels in der Brandung

Gerhart Baum hat die RAF-Jahre an entscheidender politischer Stelle miterlebt. Für die FDP war der Jurist ab 1972 sechs Jahre Parlamentarischer Staatssekretär im Bundesinnenministerium und wurde dann 1978 selbst Bundesminister des Innern.

Aus seiner Sicht weist der Film ein ganz anderes Manko auf: „Es wird viel geschossen in diesem Film. Mitunter entsteht der irrige Eindruck, die Republik habe sich tatsächlich im Kriegszustand mit etwa 30 Terroristen befunden. Kein Wort darüber, wie die Politik den Terror missbraucht. (…)Wichtige Zeitumstände bleiben leider ausgeblendet – so der zeitweilig von Teilen der öffentlichen Meinung und der Politik aufgeheizte Taumel in Panik und Hysterie.“ Baum, der Grandseigneur politischer und demokratischer Kultur, hat sich in einem Kommentar der „Zeit“ am vergangenen Donnerstag zu Wort gemeldet. „Es wäre gut gewesen, wenn der Film auch den im Ausnahmezustand der Angst ins Wanken geratenen Rechtsstaat thematisiert hätte. Denn das ist das Thema von heute, das mit der innenpolitischen Aufrüstung in der RAF-Zeit begann: Unsere Grundrechte werden im Kampf gegen den Terror beschädigt – damals wie heute. (…) Das wichtigste Ereignis der damaligen Zeit ist nicht der Terror. Es sind die Reformen, die unsere Demokratie vertieft haben und bis heute fortwirken.“ Und damit meint Gerhart Baum nicht die Strafrechtsreform in der Folge der damaligen RAF-Anschläge, er meint die Fülle sozialer und gesellschaftlicher Errungenschaften, die auch ein Ergebnis damaliger linker und demokratischer Bewegungen waren.

„Wenn wir eines aus dem Umgang mit dem RAF-Terrorismus lernen können, dann ist es dies: Angst darf unser Denken nicht vergiften. Wir müssen uns auch heute dagegen wehren, dass uns Bedrohungen wie der Dschihad-Terrorismus mental beherrschen und zu Sicherheitsmaßnahmen verleiten, die die Freiheit ohne Not beschädigen. Wenn der Film zu dieser kritischen Diskussion beitragen würde, dann wäre das ein Ergebnis – weit über einen Kinoabend hinaus“, resümiert Baum.

Wie wohltuend, dass abseits des Grellen, Lauten auch hin und wieder Stimmen wie diese ertönen.

* Stefan Aust holte als Mitarbeiter von Konkret die achtjährigen Röhl/Meinhof-Kinder nach einem Sorgerechtsstreit aus Sizilien nach Hamburg zum Vater

** 1985 arbeitete B. Röhl als studentische Assistentin für Stefan Aust an den Recherchen zum „Baader-Meinhof-Komplex“ mit

 

Quellen:

http://www.imdb.com/title/tt0765432/

http://www.bild.de/BILD/news/politik/2008/09/23/
familie-strauss/raf-wollte-sie-mit-modell-flugzeugen-toeten.html

http://www.welt.de/politik/article2480440/RAF
-wollte-Strauss-mit-einem-Modellflugzeug-toeten.html

http://www.vanityfair.de/articles/kultur/film/
baader-meinhof-komplex/2008/09/22/0/11321/

http://debatte.welt.de/weblogs/238/sex+macht+und+politik
+mainstream+report+von+bettina+roehl/90166/
eichingers+hommage+an+baader+meinhof+und+die+raf

http://www.spiegel.de/kultur/kino/0,1518,578786,00.html

http://de.wikipedia.org/wiki/Stefan_Aust

http://www.morgenpost.de/printarchiv/leute/article888299/
Die_Gedeck_fand_Waffentraining_fuer_RAF_Film_schrecklich.html

http://www.zeit.de/2008/38/Aust-Interview-38?page=all

http://www.zeit.de/2008/39/Baader-Meinhof-Film

http://de.wikipedia.org/wiki/Bettina_R%C3%B6hl

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