EU-Politik

Arbeitsmigration in der Krise

Ein Überblick über die Auswirkungen der Wirtschaftskrise auf die Migrationsströme innerhalb der Europäischen Union –

Von Tomasz Konicz, 14. Oktober 2010 –

Arbeitskräfte bilden schon seit dem 19. Jahrhundert den wichtigsten „Exportschlager“ Polens. Die letzte große Wanderungsbewegung zwischen Oder und Bug fand nach dem Beitritt des Landes zur Europäischen Union im Jahr 2004 statt. Dabei dürfte bald eine erneute Migrationswelle einsetzen, wenn Deutschland und Österreich ihre Arbeitsmärkte im Mai 2011 für die Bürger der mittelosteuropäischen EU-Länder öffnen werden. Ersten Schätzungen zufolge dürften dann an die 500.000 Polen ihre Koffer packen und sich auf Arbeitssuche nach Westen begeben.

Polen in UKDie polnische Diaspora auf den Britischen Inseln – dem bislang beliebtesten Zielland polnischer Migranten – konnte schon im Sommer einen merklichen Zuwachs verzeichnen. Ende Juni befanden sich circa 537.000 Lohnabhängige mit polnischer Staatsbürgerschaft in Großbritannien, die zumeist ein Auskommen im breiten Niedriglohnsektor der krisengeschüttelten britischen Volkswirtschaft suchten. Damit nähert sich die Anzahl dieser Wanderarbeiter des 21. Jahrhunderts wieder dem Höchststand von Ende 2008 an, als etwa 550.000 polnische Bürger offiziell im Vereinigten Königreich weilten. Zum Zeitpunkt des Beitritt Polens zur Europäischen Union im Jahr 2004 lebten nur 100.000 Polen in Großbritannien. Die neuen Zahlen hätten die „Experten überrascht“, meldete die britische Mail on Sunday, da sie eigentlich eine Fortsetzung der „Rückreisewelle“ dieser Emigranten erwartet haben. Diese Rückreisewelle nach Polen fiel ohnehin eher schwach aus, da nach Ausbruch der Weltwirtschaftskrise die meisten Polen in Großbritannien ausharren. Anfang dieses Jahres sank die Anzahl der offiziell registrierten Bürger Polens in Großbritannien auf 484.000, seitdem steigt die Migrationsbewegung wieder deutlich an.

Die Arbeitsmigration zwischen Oder und Bug erreichte nach dem EU-Beitritt binnen kürzester Zeit einen enormen Umfang, sodass durchaus Parallelen zum späten 19. und frühen 20. Jahrhundert gezogen werden können, als Millionen Polen auf Arbeitssuche in die Industriezentren des Deutschen Reichs oder in die Vereinigten Staaten abwanderten. Zahlen des polnischen statistischen Amts zufolge befanden sich Ende 2009 insgesamt 1,87 Millionen Polen im Ausland, während es Ende 2008 sogar 2,31 Millionen waren. Neben Großbritannien bilden Irland, die Niederlande, Deutschland (hier in der Landwirtschaft als Saisonkräfte) und einige skandinavische Staaten die wichtigsten Zielländer dieses nördlichen Migrationsstroms in der Europäischen Union.

Zu dem explosionsartigen Anschwellen dieser enormen Migrationsbewegung trug die sehr hohe Erwerbslosenquote in Polen maßgeblich bei, die kurz vor EU-Beitritt des Landes bei circa 20  Prozent lag. Polen erfuhr im Rahmen der neoliberalen „Schocktherapie“ nach dem Zusammenbruch des real existierenden Staatssozialismus eine weitgehende Deindustrialisierung, wodurch sich eine sehr hohe strukturelle Arbeitslosigkeit herausbildete. Obwohl das Land tatsächlich einen ökonomischen Einbruch während der Weltwirtschaftskrise bislang verhindern konnte und in diesem Jahr sogar ein Wirtschaftswachstum von mehr als 3  Prozent erreichen dürfte, liegt die offizielle Arbeitslosenquote immer noch bei 11,3  Prozent. In den ökonomisch rückständigen Regionen im Nordosten und Südosten des Landes übersteigt die Erwerbslosenquote teilweise die sogar 20  Prozent Marke. Die Geldüberweisungen der Arbeitsemigranten an ihre Familien tragen folglich maßgeblich zur Entschärfung der sozialen Spannungen in Polen bei. Im Jahr 2008 etwa transferierten die polnischen Wanderarbeiter laut offiziellen Angaben der Polnischen Zentralbank insgesamt 5,1 Milliarden Euro in ihr Heimatland.

Hinzu kommt, dass mit Ausbruch der Weltwirtschaftskrise auch die ohnehin quälend langsame Angleichung polnischer Löhne an das Westniveau zeitweilig zum erliegen kam. So sank im zweiten Quartal 2009 der Durchschnittslohn in Polen um real 4,2  Prozent des Vorjahreszeitraums auf 3081 Zloty (ca. 750 Euro) brutto. Die jüngsten Erhebungen weisen einen leicht angestiegenen Durchschnittslohn von 3433 Zloty brutto aus, was einem Nettoverdienst von etwa 2250 Zloty (ca. 550 Euro) entspricht. Zum Vergleich: In Großbritannien verdient ein polnischer Arbeitsmigrant im Monat circa 7.500 Zloty – netto. Angesichts einer zweistelligen Arbeitslosenquote und eines immer noch sehr niedrigen Lohnniveaus bleibt vielen Polen schlicht nichts anderes übrig, als auf Arbeitssuche gen Westen zu ziehen.

Ähnliche Gründe, die zur Ausbildung dieser nordeuropäischen Migrationsbewegung geführt haben, ließen auch den parallel von Ost nach West verlaufenden südeuropäischen Migrationsstrom entstehen. In Südeuropa machten sich in den letzten Jahren Millionen von Rumänen und Bulgaren auf den Weg nach Italien und Spanien, um dem Elend und den Hungerlöhnen ihrer Herkunftsländer zu entkommen. In Bulgarien sank der Durchschnittslohn im zweiten Quartal 2010 im Jahresvergleich um 0,9  Prozent auf 906 Lew (circa 450 Euro), während in Rumänien aufgrund von massiven Sparmaßnahmen der Regierung die durchschnittliche Vergütung sogar von umgerechnet 500 Euro auf 350 Euro einbrach.

Unter Berücksichtigung der Bevölkerungsgröße erreichte wohl die Auswanderungswelle aus Rumänien die größten Ausmaße unter den östlichen Neumitgliedern der Europäischen Union. Das Land trat der EU am 1. Januar 2007 bei. Rumänische Regierungsstellen schätzen, dass inzwischen nahezu zwei Millionen Rumänen das Land verlassen haben. Die meisten dieser südeuropäischen Arbeitsmigranten haben sich in Italien niedergelassen, wo sich unterschiedlichen Schätzungen zufolge zwischen 800.000 und eine Million Rumänen durchzuschlagen versuchen. Neben Griechenland bildete auch Spanien ein wichtiges Zielland dieser Migrationswelle, wo an die 500.000 Rumänen ein Auskommen suchen. Somit befinden sich nahezu zehn Prozent der Bürger Rumäniens im Westen auf Arbeitssuche, während es in Polen „nur“ circa fünf Prozent sind. Die Krise lässt auch den Finanzfluss absinken, der von den Wanderarbeitern durch Überweisungen in ihr Herkunftsland aufrecht erhalten wurde. Die Geldüberweisungen der rumänischen Arbeitsemigranten sanken in den ersten vier Monaten dieses Jahres um ein gutes Viertel auf 1,1 Milliarden Euro.

Rumäniens Nachbarland Bulgarien, das ebenfalls 2007 der EU beitrat, sollen seit dem Zusammenbruch des real existierenden Staatssozialismus insgesamt bis zu 1,2 Millionen Emigranten verlassen haben. Die jüngste Auswanderungswelle aus dem Balkanland hatte hauptsächlich die bis zum Krisenausbruch aufgrund einer Immobilienspekulation boomende iberische Halbinsel zum Ziel. Laut Eurostat wanderten 160.000 bulgarische Tagelöhner nach Spanien aus, die größtenteils auf dem überhitzten spanischen Bausektor ein Auskommen fanden. Daneben bilden Griechenland und Italien beliebte Zielländer bulgarischer Arbeitsmigranten. Die heftige Rezession in Spanien, die nach dem Platzen der Immobilienblase zu einem raschen Anschwellen der Arbeitslosigkeit führte, traf selbstverständlich auch die Arbeitsmigranten hart. So sind laut jüngsten Berechnungen die Überweisungen dieser Wanderarbeiter an ihre Familien im vergangenen Jahr um 15  Prozent gegenüber 2008 auf 600 Millionen Euro eingebrochen. Dennoch übersteigen diese Geldüberweisungen immer noch die Mittel aus den Strukturfonds der Europäischen Union. Diese nach Bulgarien überwiesenen Finanzmittel üben eine ähnliche Funktion aus, wie die Geldüberweisungen nach Polen und Rumänien: Die Gelder würden hauptsächlich zur „Begleichung der alltäglichen Rechnungen, für Medikamente und Behandlungen sowie Lebensmittel“ aufgewendet, bemerkte die polnische Tageszeitung Gazeta Wyborcza. Diese Zuweisungen ersetzen also den inexistenten Sozialstaat.

Moldawien, das Armenhaus Europas, bildet das europaweit extremste Beispiel einer postsozialistischen Zusammenbruchsökonomie, die auf Finanzzuflüsse von Arbeitsemigranten angewiesen ist. An die 30 Prozent der Wirtschaftsleistung dieser gerade einmal 3,3 Millionen Menschen umfassenden Volkswirtschaft war vor Krisenausbruch auf die Geldüberweisungen von moldawischen Arbeitern zurückzuführen, die in der Landwirtschaft oder auf den Bausektoren Spaniens, Griechenlands oder Russlands tätig waren. Zwischen 350.000 und 600.000 Bürger dieses Landes sollen ganzjährig oder saisonal im Ausland tätig gewesen sein. Nach Krisenausbruch sank der Finanzfluss nach Moldawien um 22 Prozent, während die Arbeitslosenquote von 3,9 auf nahezu zehn Prozent hochschnellte. Die moldawische „Migrationsökonomie“ erreicht somit ähnliche Dimensionen wie in den verarmten postsowjetischen Staaten Zentralasiens, wo zwischen 14 und 45 Prozent der Wirtschaftsleistung auf die Überweisungen der Wanderarbeiterschaft zurückgeführt werden kann, die hauptsächlich in Kasachstan und Russland tätig ist.


Der Artikel erschien zuerst am 12. Oktober 2010 bei Tomasz Konicz – konicz.info.

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