Donald Trumps schlimmster Alptraum

Als New Yorks Zentrum arabisch war

Spätestens seit Donald Trump gehört die Stimmungsmache gegen Flüchtlinge aus Nahost zum Alltagsgeschäft US-amerikanischer Politik. Dabei war arabisches Leben in den Vereinigten Staaten einmal selbstverständlich – mitten in New York lag vor hundert Jahren „Little Syria“.

Syrian restaurant

Sie ist das erste große Thema von Donald Trumps US-Präsidentschaft: die Stimmungsmache gegen Migranten. Nahezu täglich dringen aus dem Weißen Haus neue Ankündigungen, Dekrete oder Gesetzesvorschläge, wie man vor allem muslimische Migranten fernhalten will.  Dabei müsste es der neue US-Präsident eigentlich besser wissen. Denn unweit des Trump Towers gehörte arabisches Leben einmal so selbstverständlich zur Stadt wie die Freiheitsstatue und China Town. Einhundert Jahre bevor Donald Trump mit der Angst vor Migranten aus Nahost Politik machte, waren diese Mitten in New York längst Realität.  Der Ort jener vergangenen arabischen Parallelkultur könnte aus heutiger Sicht kaum geschichtsträchtiger sein: Dort wo später das World Trade Center gebaut wurde, gehörten zwischen 1880 und 1940 Frauen mit Kopftuch genauso zum Straßenbild wie die arabischen Schriftzüge an den kleinen Krämerläden.

Wer vor hundert Jahren durch Lower Manhattan spazierte, traf auf eine Welt, die bei Donald Trump und Co heute wohl Panikattacken auslösen würde. Im Zentrum New Yorks verkauften Straßenhändler religiösen Klimbim und syrischen Lakritzsaft. Dort wo heute Bankgebäude in die Höhe schießen, fanden New Yorker auf Basaren von selbstgemachten Teppichen und Schwertern bis hin zu orientalischen Lampen so ziemlich alles bis auf eine verbindliche Preisauskunft. In Cafés rauchten junge arabische Migranten Wasserpfeife, Frauen mit Kopftuch riefen ihren Kindern hinterher, die Alten dösten beim Backgammonspiel, und Medien gaben Downtown Manhattan den Beinamen „Little Syria“.

Rund 3000 arabische Migranten wohnten in jener Zeit zeitgleich in dem Viertel, das sich vom Battery Park an der südlichen Spitze der New Yorker Halbinsel bis hin zu jenem Ort erstreckte, an dem später das World Trade Center gebaut werden sollte. Bis zu 60.000 Menschen, die aus dem zerfallenden Osmanischen Reich über den Atlantik geflohen waren, könnten zumindest zeitweise in dem Viertel gelebt haben.

Einer, der den Alltag „Little Syrias“ für die Nachwelt festgehalten hat, ist Cromwell Childe. Der Reporter der New York Times machte sich 1899 auf zu einem Spaziergang durch die arabischen Gassen New Yorks und kam sichtlich angetan wieder zurück. „Man sagt ihnen nach, die schmutzigsten Leute New Yorks zu sein und ihre Wohnungen seien Höhlen aus Schmutz und Gestank“, schreibt er in seiner Reportage und beeilt sich, das Bild zu revidieren. „Keine andere Kirche ist auch nur halb so prachtvoll und protzig“, schwärmt er  über ein libanesisches Gotteshaus. Über den Besuch in einem der arabischen Restaurants notiert er: Das Essen „hatte einen Eigenduft, an den weder die Franzosen noch die Deutschen herankommen.“

Vor allem die Menschen des kleinen Stadtteils schienen es dem Autor angetan zu haben: „Wohlerzogenen Gentleman der höchsten Gattung“ sei er in der Washington Street – dem Zentrum „Little Syrias“ – begegnet. Außerdem: „Männern mit außergewöhnlicher persönlicher Anziehungskraft“ sowie „romantisch aussehenden Figuren, als wären sie direkt von den Seiten eines syrischen Romans gesprungen, um eine Rolle in New York zu spielen.“ Auch von den Frauen der arabischen Gentleman zeigt sich Childe begeistert: „Die Tänzerinnen, diese Fatimas sind zweifellos falsche Göttinnen“, schreibt er und schwärmt von den „syrischen Schönheiten“, die hübscher seien als alle Frauen, die man sonst wo in der Stadt finde. Bedauernswert sei lediglich, dass sich diese „verblüffend schönen Mädchen“ so rar machten, dass man sie nur durch „Spalte und Rollläden“ erspähen könne.

 „Elende maronitische Bettler befallen dieses Land“

Nicht bei allen Einheimischen stießen die Neuankömmlinge auf so viel Zustimmung wie bei Childe.  Ein New York Times-Artikel vom 25. Mai 1890 trägt die Überschrift: „Elende maronitische Bettler befallen dieses Land“. Gemeint sind orthodoxe Einwanderer aus dem Libanon, die vermutlich die größte arabische Emigrantengruppe jener Zeit stellen. Schon damals – das machen viele Zeitungsberichte jener Zeit deutlich – war die Berichterstattung auch ein Kampf um die Deutungshoheit.

In einem Text gilt „Little Syria“ als Ort jugendlicher Straßenschläger, in einem anderen werden die Syrer  als die „gesetzestreusten Bevölkerungsteile“ der Stadt gepriesen. Ein Autor beschwert sich über die Weigerung der arabischen Neuankömmlinge, Englisch zu sprechen. Ein anderer kritisiert hingegen den Mangel an kommunalen Sprachunterricht. Berichte über Integrationsprobleme wechseln sich ab mit Romantisierungen, die wahrscheinlich mehr über die Orientfantasien des jeweiligen Urhebers als über die New Yorker Lebensrealität aussagen. In einem Artikel von 1903 lobt ein Autor die „Höflichkeit der Bewohner“, die ihn an den britisches Staatsmann und Schriftsteller Chesterfield erinnere. Ein paar Zeilen weiter treibt er den Kitsch völlig auf die Spitze, als er die Szenerie eines arabischen Cafés beschreibt: „Um die Tische sitzen dunkeläugige, olivhäutige Männer, die mit Gesicht und Figur Modell für ein künstlerischer Meisterwerk stehen könnten.“

Es sind Schwärmereien, die sogar Cromwell Childe zu weit gehen. „Nichts an diesem zerzausten, ungewaschenen Teil New Yorks ist hinreißend romantisch“, schreibt der Autor der New York Times und holt aus holt aus zur Kritik an der Migrantenberichterstattung seiner Zeit: „Es passiert vielen, dass ein fremdes Thema, dass nicht gründlich untersucht wird, falsche Ideen hervorbringt“. Seinen Kollegen wirft er vor, zu „übertreiben“ und „aufrührerisch alarmierenden Fakten hinterherzurennen.“

Die Widersprüchlichkeit vieler Medienberichte ist aber nicht nur der Perspektive der Reporter geschuldet: Wie heute galt auch schon damals: DIE Syrer gibt es nicht. Das liegt nicht nur daran, dass die Bewohner „Little Syrias“ in Wahrheit auch aus Jordanien, Palästina und dem Libanon stammten. Im arabischen Viertel um die Washington Street herrscht nicht nur kulturelle, sondern auch soziale Vielfalt: Während viele alteingesessene Migranten oft zu erfolgreichen Geschäftsmännern aufsteigen, verdingen sich Neuankömmlinge als Bettler oder in den ausbeuterischen Sweatshops der Stadt. Das Viertel war „eine Enklave in der Neuen Welt, in der Araber Waren vertickten, in Fabriken ausgebeutet wurden, in Wohnblöcken lebten“, schreibt Gregory Orfalea in The Arab Americans: A History, dessen  Großmutter einst in dem Stadtteil lebte.

Einer der wenigen Bewohner, die ihre Eindrücke selbst festgehalten haben, ist Amin al-Rihani. In seinem The Book of Khalid beschreibt er das einfache Leben in „Little Syria“ aus der Sicht der beiden Jungs Khalid und Skabik, die um die Jahrhundertwende aus Baalbek im heutigen Libanon nach Manhattan gekommen waren: „Im vorderen Teil unseres Kellers befand sich unser Geschäft, an der Rückseite unsere Wohnung. Am Boden lagen unsere Matratzen, in den Regalen unsere Waren. … Zehn Tage nachdem wir eingezogen waren, drang Wasser ein und überschwemmte unser Geschäft und unsere Wohnung. Es stieg so hoch, dass es die Hälfte unseres Bestandes und fast all unsere Möbel zerstörte. Und trotzdem lebten wir weiterhin im Keller, wahrscheinlich weil es jeder unserer geschäftsmännischen Landsmänner genauso tat.“

Dass trotz aller Geschäftigkeit „Little Syria“ für viele seiner Bewohner ein Leben in Armut bedeutete, bestätigt auch Cromwell Childe in seiner Reportage. Mehrmals muss er während des Stadtrundgangs sein Urteil über seine arabischen Nachbarn revidieren: „Wenn die Türken, Armenier, Syrer nach Amerika schiffen, lassen sie weder ihre wunderlichen Eigenarten, ihre Gewänder und Denkweise zu Hause, noch werden sie gleich nach dem Anlegen zu normalen amerikanischen Bürgern.“ Nur wenige Häuserblocks von den „syrischen Schönheiten“ entfernt, versammelten sich „alte Weiber…, jämmerliche alte Männer und Großfamilien aus schmutzigen Kindern, neben fetten Müttern und Arbeitern“. Von seiner anfänglichen Begeisterung ist bald nicht mehr viel übrig: „In ganz New York findet sich nichts abgrundtief schmutzigeres als diese alten Wohnblocks“.

Zumindest in einem Urteil scheinen sich die meisten Zeitzeugen allerdings einig: Kleinsyrien gilt als Gegenentwurf zum immer schneller werdenden Takt der Millionen-Stadt; als Ruhepol, deren Bewohner nicht „dem Geist von Eile und Hektik“ folgen. Bei Weinblättern mit Kalbsfleisch und syrischem Rotwein treffen sich in den Restaurants am Abend auch Gäste aus anderen Stadtteilen. In den Literatencafés versammelt sich Schriftsteller wie Amin Rihani, dessen The Book of Khalid zum ersten großen amerikanisch-arabischen Roman avancieren wird. Mit Autoren wie Rihani oder Kahlil Gibran ist „Little Syria“ auch eine Hochburg des intellektuelle arabischen Amerikas; ein Parallelwelt, in der auf dreitausend Einwohner drei arabischsprachige Tageszeitungen kommen.

New Yorks wirtschaftlicher Aufstieg wird zu Little Syrias Untergang

Doch bald schon wird die kleine arabische Parallelwelt von der US-amerikanischen Schnelllebigkeit davongerissen. Infolge erstarkender Rassenideologien und anti-sozialistischer Propaganda verschärfen die Vereinigten Staaten ab Beginn des 20. Jahrhunderts mehrmals ihre Einwanderungsgesetze. Die Zahl neu ankommender Migranten geht in den 1920er Jahren um 85 Prozent zurück. Gleichzeitig erlebt New York einen Bauboom: Der Großteil „Little Syrias“ muss 1946 der Einfahrt zu einem Tunnel unter dem East-River weichen. Die meisten Bewohner treibt es weiter nach Brooklyn oder andere Teile der Stadt. Zwanzig Jahre später fallen dem Bau des World Trade Center auch die letzten Reste von „Little Syria“ zum Opfer und mit ihm die Erinnerung an die arabische Geschichte New Yorks.

Es dauert fast vierzig Jahre bis sich die New Yorker der arabischen Vergangenheit ihrer Stadt erinnern. Auslöser ist ausgerechnet ein Ereignis, das wie kein anderes von Trump und Co. genutzt wird,  um Stimmung gegen Flüchtlinge zu machen: Ein Jahr nach den Anschlägen vom 11. September 2001 finden Bauarbeiter bei Aufräumarbeiten den Eckstein einer alten libanesischen Kirche unter den Trümmern. Nachkommen der Bewohner „Little Syrias“ kämpfen seitdem für die Bewahrung der arabischen Geschichte ihrer Stadt. Mit Erfolg: Eines der letzten drei bestehenden Häuser jener Zeit konnten sie vor einem geplanten Hotelneubau retten. Die letzte syrische Kirche, die in der Zwischenzeit als Irish Pub genutzt wurde, steht seit 2009 unter Denkmalschutz. Eine zweite Mission der Initiative ist heute wichtiger denn je: Die Erinnerung „Little Syrias“ als Symbol für die Vielfalt New Yorks lebendig zu halten.

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