Weltpolitik

„Die Wut auf die Amerikaner und auf die Regierung ist groß“

Über die US-Besatzung, die Loya Jirga und den proamerikanischen Kurs der afghanischen Regierung –

Interview mit AHMAD WAHEED MOZHDAH, 22. November 2013  –

In Kabul ist zurzeit die Luft dünn. Die meisten Straßen sind abgesperrt, während jeder Soldat und Polizist sich in höchster Alarmbereitschaft befindet. Kein Wunder, denn gegenwärtig findet in der afghanischen Ahmad Waheed MozdahHauptstadt die Loya Jirga, die große Versammlung, statt. Dabei entscheiden die einflussreichsten Personen des Landes über die Zukunft Afghanistans. Das meint man zumindest, wenn man die Schlagzeilen liest. Doch wer auf der Suche nach Kritik ist, braucht nicht lange suchen. Der afghanische Politologe und Publizist Ahmad Waheed Mozhdah gehört zu den schärfsten Kritikern der Loya Jirga, der Karzai-Regierung sowie der US-Besatzung. Mozhdah war einst unter der Taliban-Regierung tätig. Während dieser Zeit schrieb er auch ein Buch über die Gruppierung, welches in Zentralasien zu den wichtigsten Werken in Sachen Taliban gehört. Bis heute pflegt Mozhdah wichtige Kontakte zu den Taliban und war an den Friedensverhandlungen, unter anderem auch in Katar, beteiligt. EMRAN FEROZ sprach mit ihm für Hintergrund.

Herr Mozhdah, Sie zählen zu den bekanntesten politischen Kommentatoren Afghanistans, warum verfolgen sie die Jirga nicht vor Ort? Wurden Sie nicht eingeladen?

An der Versammlung nehmen über 2 500 Menschen teil. Die absolute Mehrheit von ihnen wurde handverlesen. Karzais Regierung hat nur jene ausgesucht, die ihren und den US-amerikanischen Interessen ohnehin schon zustimmen.

Und dazu gehören Sie nicht?

Nein. Meine Positionen sind bekannt. Ich und viele andere Personen in diesem Land sind gegen diese Politik der fortgesetzten Besatzung. Mittlerweile hat sich aus dieser Einstellung heraus eine richtig Bewegung gebildet. Die Anhänger unserer Bewegung sind der Meinung, dass die Unterzeichnung des Sicherheitsabkommens, welches die US-Präsenz im Land um viele Jahre verlängern würde, nicht dem Frieden dient, sondern diesen nur noch unwahrscheinlicher machen wird. Diesen Standpunkt haben wir auch immer wieder deutlich gemacht. Der Regierung und den Amerikanern passt das natürlich nicht. Aus diesem Grund versucht man, uns und vor allem mich mundtot zu machen.

Mundtot? Können Sie erläutern, wie dabei vorgegangen wird?

Vor einigen Tagen hatte ich ein Telefongespräch mit einem Taliban-Vertreter. Dieses Gespräch wurde vom afghanischen Geheimdienst, der mich anscheinend seit Monaten oder auch Jahren überwacht, aufgenommen und an die Presse weitergeleitet. Schnell wurden hier und da Aussagen aus dem Zusammenhang gerissen. Einige Medien stellten mich nicht nur als Taliban-Sympathisanten dar, sondern berichteten auch, dass ich, der „Verräter“, schon das Land verlassen habe. Wie Sie allerdings sehen können, bin ich immer noch in Kabul, so wie immer. Der Geheimdienst, der mich auch des Öfteren in der Vergangenheit bedroht hat, hat dadurch nicht nur die afghanische Verfassung gebrochen, sondern einen weiteren für sie verheerenden Fehler begangen. Nun weiß nämlich jeder, dass die Möglichkeit besteht, abgehört zu werden. Damit meine ich nicht nur einfache Kritiker, wie ich es einer bin, sondern eben auch bewaffnete Feinde. Diese werden sich von nun an anders koordinieren.

Worum ging es in dem erwähnten Gespräch?

Sie müssen wissen, bei mir rufen jeden Tag unzählige verschiedene Leute aus aller Welt an. Pausenlos klingelt das Telefon. Natürlich befinden sich unter diesen Anrufern auch Taliban-Vertreter, mit denen ich in Kontakt stehe. Es war ja die Regierung selbst, die immer wieder darauf bestand, mich als Mittelsmann in Taliban-Angelegenheiten einzusetzen. Unter anderem wurde ich schon mehrmals in ihre Botschaft nach Katar geschickt, um mit ihnen einen Frieden auszuhandeln. Aber um es kurz zu machen: Im Gespräch ging es natürlich um die Loya Jirga – und warum sie eine Farce ist.

Warum ist sie denn eine Farce?

Sie werden auf dieser Jirga keinen finden, der auf irgendeine Art und Weise das Volk vertritt. Früher waren solche Versammlungen anders. Da gab es rechtmäßige Vertreter, die tatsächlich auf irgendeine Art und Weise für ihr Dorf, ihren Stamm oder ihre Gemeinschaft sprachen. Mittlerweile ist dem nicht so. Die Stimmen der meisten sind käuflich geworden, während jene, die die Interessen der USA und Karzais vertreten, auf sehr fragwürdige Weise reich geworden sind und nur deshalb dort sitzen.

Worin genau liegen denn Ihrer Meinung nach die Interessen der USA?

Die Amerikaner wollen von hier aus weiterhin ihre Operationen durchführen. Damit meine ich nicht nur Operationen in Afghanistan, sondern auch in Pakistan, vor allem im afghanischen-pakistanischen Grenzgebiet. Ein Beispiel hierfür ist der Drohnen-Krieg, der weitergehen und ausgeweitet werden soll. Soldaten werden abgezogen, dafür werden diese mechanischen Tötungen massiv ausgeweitet. Viel Personal braucht man ja nicht dafür, da sich das Ganze per Knopfdruck von einem Büro aus erledigen lässt.

Wie kommen Sie zu dieser Annahme? Denken Sie wirklich, dass das nach einem Truppenabzug der Fall sein wird?

Schauen Sie, in Kabul hat die CIA eine Zentrale, deren Ausmaß sich manche gar nicht vorstellen können. Man sagt sogar, dass es die größte CIA-Zentrale in ganz Asien sei. Diese Zentrale wird im Sicherheitsabkommen, also in diesem Vertrag, kein einziges Mal erwähnt. Es ist nur allzu offensichtlich, dass sie noch sehr lange bestehen bleiben wird.

Wie steht die Bevölkerung dazu?

In den letzten Tagen kam es landesweit zu zahlreichen Demonstrationen gegen die Loya Jirga, an denen auch ich teilgenommen habe. Tausende von Menschen haben demonstriert. Die Bevölkerung ist wütend. Sie will keine fremden Soldaten mehr im Land haben. Vor allem die Wut auf die Amerikaner und auf die Regierung ist groß.

Woran liegt das?

In den letzten Jahren kam es immer wieder zu Massakern und Verbrechen gegen die afghanische Zivilbevölkerung. Mal wird eine Hochzeitsgesellschaft bombardiert, mal überfallen US-Soldaten Dörfer und richten dort grausame Verbrechen an. Auf diese Art und Weise gingen einst auch die Sowjets vor oder noch früher die Briten. Auch damals kamen Emotionen hoch, heute ist es nicht anders. Die US-Soldaten, die nach 2014 im Land bleiben sollen, dürfen laut dem Sicherheitsabkommen weiterhin Häuser in allen möglichen Dörfern durchsuchen. Wie diese „Durchsuchungen“ in der Vergangenheit abgelaufen sind, ist ja allgemein bekannt. Abgesehen davon genießen alle Soldaten – auch wenn sie Verbrechen begehen – eine Immunität. Kein afghanischen Gericht darf sie anklagen. Dieser Punkt macht die Bevölkerung besonders wHamid Karzai vor der Loya Jirgaütend.

Wie steht die Regierung zu dem Abkommen?

Die strategische Partnerschaft liegt sehr im Interesse der Karzai-Regierung. Der Grund hierfür sind natürlich die Hilfsgelder, die diesbezüglich für das Militär und die Polizei anfallen. Die Regierung ist der Meinung, dass ohne diese Gelder Afghanistan verloren wäre und noch instabiler werden würde. Ich und viele andere sehen das allerdings ganz anders. All diese Gelder bringen dem Land nämlich nichts, solange kein Frieden herrscht. Viele Gelder landen ohnehin in den Taschen korrupter Politiker und Warlords.

Was denken Sie, wird diese Loya Jirga bringen? Ist es sicher, dass der Vertrag unterschrieben wird?

Egal wie das Ganze ausgehen wird, es wird gut für Karzai ausgehen. Dieser hat nun angekündigt, den Vertrag nicht sofort zu unterzeichnen. Dies ist ein kluger Schachzug, denn der Präsident weiß, dass das Abkommen nicht dem Wohle Afghanistans dient. Er zieht es wahrscheinlich vor, seinen Nachfolger nach den Wahlen im kommenden Jahr unterschreiben zu lassen. Damit wäre sein Name reingewaschen und man könnte ihn für das darauffolgende Chaos nicht verantwortlich machen.

Die Medien meinten, Sie seien geflüchtet. Denken Sie, dass Sie irgendwann aufgrund Ihrer Kritik letztendlich genau dazu gezwungen werden?

Nein, das denke ich nicht. Würde man mich wirklich verhaften wollen, wäre das schon längst geschehen. Man will mir und Gleichdenkenden nur Angst einjagen, damit wir ruhig bleiben und die Loya Jirga nicht stören. Sobald die Versammlung vorbei ist, wird wieder der Alltag eintreten und die Sache vergessen sein.

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