Weltpolitik

Erdoğan kann nicht gewinnen

Der Taksim-Platz ist geräumt, im Gezi-Park hält der Protest an. Trotz massiver Repression geht die Bewegung gegen Erdoğan weiter. –

Von THOMAS EIPELDAUER, Istanbul, 12. Juni 2013 –

Nachdem gestern (Dienstag) gegen 7 Uhr morgens der massive Polizeiangriff auf die Protestierenden

12. Juni 2013 Taksim Platz
Der Taksim-Platz, an dem vorgestern noch Infostände, tanzende Menschen und politische Transparente das Bild prägten, sieht nach dem Polizeieinsatz wie eine Ruine aus. – Foto: Hintergrund

vom Taksim-Platz begann, war sofort klar, dass die Menschen, die hier über eine Woche lang gegen den türkischen Premierminister Tayyip Erdoğan und seine Regierung protestiert hatten, nicht kampflos aufgeben würden. Die Straßenschlachten setzten sich den ganzen Tag fort, am Abend kamen abermals zehntausende, wahrscheinlich sogar über hunderttausend Menschen auf den Taksim-Platz. In vielen anderen Stadtteilen Istanbuls gab es Proteste, etwa in Gazi oder in Okmeydani.

Als sich gegen 19 Uhr Massen von Demonstranten auf dem Taksim, im Gezi-Park und in den umliegenden Straßen sammelten, standen sie einem Großaufgebot von sogenannten Riotcops, Polizisten in Kampfausrüstung mit starken, gepanzerten Ganzkörperschilden, gegenüber. Mindestens fünf Wasserwerfer, Räumpanzer und jede Menge Tränengas, Schockgranaten und Gummigeschosse hatten die „Bastarde Erdoğans“, wie die Polizisten hier genannt werden, mitgebracht.

Es dauerte nicht lange, dann war der Platz in Tränengas gehüllt. Er wird es die ganze Nacht bleiben. Selbst mit Gasmaske und Schutzbrille war es unmöglich, lange direkt im Gas zu stehen, die Aktivisten, die vorne kämpften, blieben dennoch. Immer und immer wieder werden Demonstranten beschossen, doch sie weigern sich zu gehen. Mit hitzefesten Handschuhen ausgerüstete Aktivisten werfen die Granaten zurück, wenn sie einschlagen, unter dem Applaus der Menge, die dankbar ist, nicht schon wieder eingenebelt zu werden. Obwohl der Widerstand gut organisiert ist, gibt es sehr viele Verletzte. Aktivisten sprechen von mindestens zwei Toten.

Gegen Mitternacht ist das Gas wirkungslos geworden, man hat keine Angst mehr davor. Dann rücken die Wasserwerfer auch an der Seite des Parks an, in der sich die meisten Demonstranten noch Schlachten mit der Polizei liefern. Sie gehen ohne jede Rücksicht vor, zielen direkt auf die ungeschützten Menschen. Auch in den Gezi-Park feuert die Polizei Tränengas und Schockgranaten, ohne überhaupt sehen zu können, was im Inneren vor sich geht. Einmal sehe ich eine Schockgranate direkt neben einem Verletzten, der gerade von Sanitätern behandelt wird, einschlagen. Wer im Park sitzt, um sich kurz von den Kämpfen auszuruhen, läuft Gefahr, jeden Moment von einer Gasgranate getroffen zu werden. Besonders heimtückisch ist eine Art von Projektil, das in der Luft explodiert, sich in kleinere, sehr heiße Projektile zerlegt, die sich in die Haut einbrennen. Will man sie abwischen, vergrößert man die Wunde nur.

Die Kämpfe dauern trotz der Brutalität und Übermacht der Polizeitruppen bis in die Morgenstunden des Mittwoch an. Nachdem sich die Lage beruhigt hat, sieht der Taksim-Platz, an dem vorgestern noch Infostände, tanzende Menschen und politische Transparente das Bild prägten, wie eine Ruine aus. Die Reste der Barrikaden, der Feuer, eingerissene Stände, alles trist, kaputt und leer. Dennoch: Im Gezi-Park harren die Menschen noch aus. Sie lassen sich nicht einschüchtern, heute – am Mittwochabend – werden sie wiederkommen. Erdoğan kann nicht mehr gewinnen. Denn sein Ziel war es, die Angst der Menschen vor der Regierung wiederherzustellen – und das scheint zumindest momentan unmöglich.

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