Weltpolitik

Wie in Syrien Wasser zur Waffe wird

Seit Wochen schon haben die Bewohner von Damaskus kein fließendes Wasser. Medien rätseln darüber, ob Regierung oder „Rebellen“ hinter der Trockenheit stecken. Dabei gehören Anschläge auf die Versorgungsinfrastruktur schon seit Jahren zur erklärten Strategie der Aufständischen.

Es gab einmal eine Zeit, da galt Ein al-Fijeh als Näherholungsort für gestresste Großstädter. In den Wäldern der Gegend trafen sich Familien aus dem nahe gelegenen Damaskus zum Picknick. In den Restaurants des 3000-Einwohner-Städtchens baten Kinder um einen Becher Eis. Und im Hintergrund plätscherte idyllisch der Barada-Fluss, der in dem Ort entspringt und die Millionen Bewohner von Damaskus mit Wasser versorgt.

Mit der einstigen Idylle ist es in Ein al-Fijeh längst vorbei. Als im Jahr 2012 der Krieg auch die rund 20 Kilometer nordwestlich von Damaskus gelegene Kleinstadt erreichte, verschwanden erst die Wochenend-Besucher und schließlich auch der Großteil der sonstigen Bevölkerung. Das einstige Idyll wurde zur Geisterstadt. Heute sind die Restaurants verlassen. Und selbst das Wasser fließt nicht mehr. Mit Folgen weit über Ein Al-Fijeh hinaus.

Seit über vier Wochen erlebt die Bevölkerung von Damaskus eine Versorgungskrise, deren Ausmaß selbst im kriegsgebeutelten Syrien selten ist. Seit eine der Kriegsparteien den Wasserfluss aus Ein Al-Fijeh nach Damaskus unterbrochen hat, sitzen Millionen auf dem Trockenen. Kolonnen von Wasser-Trucks fahren seitdem durch die Straßen der Stadt. Vor Geschäften bilden sich lange Schlangen um die letzten überteuerten Wasserflaschen. Von einer „humanitären Notlage“ und einem „Kriegsverbrechen“ sprechen die Vereinten Nationen, die in einem etwas hilflos wirkenden Statement die Bewohner  zur Sparsamkeit aufrufen.  Truppen der syrischen Armee und Kämpfer der Opposition liefern sich seit Woche Gefechte um die Quelle, von der die Wasserversorgung von über fünf Millionen Menschen abhängt.

Westliche Medien machen syrische Armee verantwortlich

Auf den ersten Blick unklar scheint hingegen, wer für die Wasserkrise verantwortlich ist. Denn wie so oft in Syrien ist auch dieses Kriegsverbrechen verbunden mit einem medialen Kampf um die Deutungshoheit. „Terroristen haben das Trinkwasser mit Diesel kontaminiert“, meldete die Damaszener Wasser- und Abwasserbehörde am 23. Dezember letzten Jahres. Über die staatliche Nachrichtenagentur SANA laufen seitdem täglich Meldungen über die Versuche der syrischen Armee, die Quelle einzunehmen, und das Vorhaben der Behörden, Reparaturteams in den Ort zu schicken, um die Wasserversorgung wieder in Stand zu setzen. Die Aufständischen in Ein Al-Fijeh beantworten die Schuldfrage hingegen gegensätzlich: In ihrer Version waren es erst Angriffe von  Regierungstruppen, die mit der Bombardierung eines Wasserbeckens dafür gesorgt haben sollen, dass Millionen Menschen in Damaskus kein Wasser mehr bekommen.

Viele westliche Medien schließen sich dieser Darstellung an. Die Bild-Zeitung meldete drei Wochen nach Beginn der Wasserkrise, sie habe Informationen von „Aktivisten“, die „der Version des Regimes klar widersprechen und stattdessen die der Opposition stützen.“ Andere Akteure übten sich in erklärter Ungewissheit. Ob die Wasserunterbrechung auf „Kämpfe, Bombardierungen oder Sabotage der bewaffneten Gruppen“ zurückzuführen sei, könne er nicht sagen, sagte UN-Nothilfekoordinator Jan Egeland.

Doch während Medien und Politiker weiterhin über die Täterschaft rätseln, erscheint die Frage, wem ein solches Verbrechen zuzutrauen ist, mit Blick in die Vergangenheit Ein Al-Fijehs weniger schwer zu beantworten: Nirgends kennen Syrer die Kriegsführung mittels Wasserverknappung so gut, wie in dem Ort im Nordwesten von Damaskus, den die Bewohner der Hauptstadt  schon seit Jahren nicht mehr mit idyllischen Sonntagsausflüge verbinden. Stattdessen gilt Ein al-Fijeh als Ort, an dem Rebellen regelmäßig Millionen von Zivilisten in Geiselhaft nehmen.

Schon seit der Eroberung der Ortschaft im Jahr 2012 verzichten viele Damaszener aus Angst vor Verunreinigungen darauf, ihr Leitungswasser als Trinkwasser zu benutzen. Als im November 2014 syrische Truppen auf den Ort vorrückten, drehten Kämpfer der „Freien Syrischen Armee“ schon einmal der Metropole tagelang den Hahn ab. Mit einem dreitägigen Wasserstopp erzwangen sie neben dem Rückzug der Regierungstruppen auch die Freilassung von Gefangenen.

Im Juli 2015 wiederholte sich das Szenario: Als bewaffnete Regierungsgegner im nahe gelegenen al-Zabadani in Bedrängnis gerieten, stellten Kämpfer der FSA und der al-Nusra-Front in Ein Al-Fijeh erneut das Wasser ab. Die Taktik, Millionen Zivilisten in Geiselhaft zu nehmen, zahlte sich erneut aus: Die syrische Armee stimmte einer Waffenruhe in al-Zabadani zu und ließ erneut Gefangene frei.

Tagesschau schiebt Rebellenangriff Regierung in die Schuhe

Wer hat ein Interesse an der Wasserkatastrophe? Welche Kriegspartei hat sich in der Vergangenheit durch ähnliche Verbrechen hervorgetan? Auch die Tagesschau beschäftigt sich mit diesen Fragen. Auch ihre Antwort lautete: die syrische Regierung. Unter dem Titel „Damaskus sitzt auf dem Trockenen“ begibt sich auch die Nachrichtensendung auf Spurensuche. Am 5. Januar schreibt Carsten Kühntopp vom ARD-Studio in Kairo: „Opposition und Regierung werfen sich gegenseitig vor, für die Zerstörung des Wasserwerks verantwortlich zu sein – die Wahrheit ist nicht bekannt. Doch in der Vergangenheit hatte die Regierung auch andernorts immer wieder die eigene staatliche Infrastruktur gezielt angegriffen.“

Kühntopp berichtet, die Regierung habe im „Laufe des vergangenen Jahres drei Mal Pumpstationen in Aleppo“ angegriffen. Dazu verweist er auf einen Artikel seines Kollegen Björn Laschke vom 26. September letzten Jahres, der sich wiederum auf eine Aussage der Syrien-Gesandten von UNICEF, Hanaa Singer, beruft.

Die Beweisführung der Tagesschau hat allerdings einen Haken: Im drei Tage zuvor veröffentlichtem UNICEF-Statement über die Ausfälle von zwei Pumpstationen in Aleppo wird die Schuldfrage weit weniger eindeutig beantwortet. Singer berichtet tatsächlich von einem Luftangriff, der „die Pumpstation in Bab al-Nayrab beschädigt hat, die 250.000 Menschen in den östlichen Teilen Aleppos mit Wasser versorgt.“ Der größere Teil der Wasserknappheit sei allerdings durch Rebellen verursacht worden. Singer schreibt: „Als Vergeltung wurde die ebenfalls im Osten gelegene Pumpstation von Suleiman al-Halabi abgeschaltet und 1.5 Millionen Menschen in den westlichen Teilen der Stadt von der Wasserversorgung abgeschnitten.“

Angriffe auf die Infrastruktur gehören zum Handwerk der Aufständischen

Folgt man der Logik der Tagesschau ist die Beweislast tatsächlich erdrückend. Nur ist es nicht die syrische Armee, sondern die „Rebellen“, die Angriffe auf die zivile Versorgungsinfrastruktur als Mittel der Kriegsführung für sich entdeckt haben.

Wie Ein Al-Fijeh bei Damaskus steht auch Suleiman al-Halabi in Aleppo längst symbolisch für die Bereitschaft der „Rebellen“, zur Erreichung militärischer Ziele Millionen Zivilisten in Geiselhaft zu nehmen. Schon seit 2014 stellten sie immer wieder das Wasser ab und sorgten für eine Versorgungskrise für zwei Millionen Menschen. Techniker staatlicher Behörden bekamen keinen Zugang zu der Anlage oder wurden in einigen Fällen sogar ermordet. Die Wasserkrise von Aleppo hielt bis Ende November vergangenen Jahres an. Beendet wurde sie erst, als Truppen der syrischen Armee den Stadtteil Suleiman al-Halabi einnehmen und Techniker die Pumpstation reparieren konnten.

Über vierzig Mal sollen bewaffnete Oppositionsgruppen allein im Sommer 2015 die Wasserversorgung von Aleppo unterbrochen haben, berichtet UNICEF. In einem Fall im Juni 2015 sprengten Kämpfer des al-Qaida-Ablegers al-Nusra-Front eine Pipeline in die Luft, die Wasser vom Euphrat nach Aleppo brachte. Hunderte Bewohner Aleppos mussten medizinisch behandelt werden, weil Abwasser in die Trinkwasserleitungen drang.

Auch anderswo in Syrien haben Oppositionelle immer wieder Anschläge auf die Wasser-, Strom- und Gasversorgung verübt. Im südsyrischen Daraa unterbrachen sie mehrmals die Wasserversorgung für hunderttausende Zivilisten. Ende vergangenen Jahres sabotierten Aufständische eine Gasanlage im Damaszener Vorort Jayroud.   Zuletzt schnitten Kämpfer des „Islamischen Staates“ Millionen Syrer von der Heizversorgung ab. Auf Twitter zeigten sie, wie sie Anfang des Monats ein Gaskraftwerk nahe Homs in die Luft sprengten.

Auch in Ein al-Fijeh liefern die „Rebellen“ selbst das stärkste Indiz für die ihre Täterschaft. In einem ebenfalls Anfang Januar auf Twitter veröffentlichten Statement legen die Aufständischen in Ein Al-Fijeh (unter ihnen die „White Helmets“) ihre Bedingungen dafür vor, Technikern der Damaszener Wasserbehörde Zugang nach Ain Al-Fijeh und die Instandsetzung der Wasserversorgung für fünf Millionen Menschen zu „erlauben“. Die Truppen der syrischen Armee sollen abgezogen, inhaftierte Kämpfer freigelassen werden.

Auch weil Teile der ausländischen Söldner unter den „Rebellen“ sich bereit erklärten, nach Idlib abzuziehen, und die syrische Regierung eine Amnesty für die syrischen Kämpfer in Aussicht stellte, schien es einige Tage so, als könnten die Damaszener nach vier Wochen Trockenheit auf die Wiederherstellung der Wasserversorgung hoffen. Doch vergangene Woche erschossen Aufständische  nach einem Treffen bei Ein Al-Fijeh den Unterhändler der syrischen Regierung. Sein Ruf als idyllischer Ort für Wochenendausflüge wird die Kleinstadt wohl so bald nicht wiedererlangen.

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