Weltpolitik

„Wir sind alle Assange!“

Große Solidaritätskundgebung in London für den prominentesten Asylanten der Welt  – Wikileaks-Gründer fordert ein Ende der „Hexenjagd“

Von SUSANN WITT-STAHL, London, 20. August 2012 –

Keine zwei Meter über dem Boden vom Feindesland: Gestern Nachmittag zeigte sich Julian Assange auf dem Balkon der ecuadorianischen Botschaft im Londoner West End. In einer etwa zehnminütigen Rede dankte er seinen Unterstützern, von denen sich mehrere Hundert vor dem Gebäude versammelt hatten: „In der Dunkelheit konnte ich hören, wie die Polizei über die Feuerfluchtwege im Gebäude ausschwärmte. Aber ich wusste, es würde Zeugen geben – Sie“, wandte der Wikileaks-Gründer sich eindringlich an die Versammelten. Die Polizei habe schließlich nicht internationales Recht über Bord geworfen, so Assange weiter. „Das lag aber nur daran, dass die Welt zugeschaut hat – weil Sie zugeschaut haben.“

Assange LondonIn der Menschenmenge, die sich ab gestern schon morgens vor der Botschaft bildete, fanden sich viele Lateinamerikaner. Die größte Gruppe bildeten ecuadorianische Linke, Anhänger ihrer Regierung, und kolumbianische Oppositionelle, die immer wieder lautstark Appelle zur internationalen Solidarität, wie „Vereint sind unsere Völker unbesiegbar!“, anstimmten. Auf Transparenten und Schildern war „Ecuador ist keine Kolonie“ und „Wir sind alle Assange!“ zu lesen. Unter großem Beifall wurde eine Erklärung des linken Staatenbündnisses Bolivarianische Allianz für die Völker unseres Amerika (ALBA) verlesen: „Wir warnen die britische Regierung vor den ernsthaften Konsequenzen im Fall einer direkten Aggression gegen die territoriale Integrität der Regierung Ecuadors in London.“   

„Es ist keine Überraschung, dass so viele Menschen gekommen sind“, erklärte der Sprecher der Londoner Solidaritätskampagne WISE Up Action für Julian Assange gegenüber Hintergrund. „Eine halbe Stunde, nachdem die Nachricht aus Quito eintraf, dass Julian Asyl bekommen hat, waren wir hier zunächst nur drei Leute, die Wache hielten. Wir sahen, wie die Polizei mit acht Mannschaftswagen anrückte. Und wir begannen sofort, Leute via Telefon zu mobilisieren.“ Das „martialische Verhalten“ der Polizei sei „ekelhaft“, meint der WISE-Up-Sprecher. „Das hier ist nun die Antwort auf ihre Invasion.“ Es gebe auch Aktivisten, die sich auf ein längeres „Camping“ eingerichtet hätten. Auch die US-amerikanische Regierung bekam von dem Kampagnen-Sprecher ihr Fett weg: Die Obama-Administration benehme sich wie ein „Riesenbaby“, das nur zwei Wege kenne, wenn es seinen Willen nicht bekäme: „Zerstörung und Gewalt“. Die Vereinigten Staaten würden mehr und mehr aus den Fugen geraten. Wenn sie nicht zu ihren revolutionären Wurzeln zurückkehrten, zitierte der WISE-Up-Sprecher Julian Assange, dann werden sie „in den Abgrund stürzen“.

Auch Menschen aus dem Ausland kamen nach London, um ihre Solidarität mit Assange auszudrücken: „Unabhängiger Journalismus muss weiter Assange Londonmöglich sein. Wikileaks finde ich so wichtig, weil sie Whistleblowern ein Plattform geben“, sagte eine junge Frau aus Duisburg, die extra für die Kundgebung angereist war.

Dem derzeit bekanntesten Whistleblower, dem US-Soldaten Bradley Manning, der seit Mai 2010 in Fort Leavenworth in Militärhaft sitzt, widmete Assange in seiner Rede schließlich noch einige Worte: „Wenn er getan hat, wofür er beschuldigt wird, dann ist er ein Held, ein Vorbild für uns alle und einer der wichtigsten politischen Gefangenen der Welt“, sagte Assange und forderte ein Ende der „Hexenjagd“ auf Wikileaks und der Repression gegen Manning. „Er muss freigelassen werden!“


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